Scott Who?

Nachdem das vergangene Jahrhzehnt den altbekannten Superhelden von DC und Marvel zu neuem Leinwandglanz verholfen hat, scheint nun Platz für eine weitere Stufe in der Evolution der Comicverfilmungen, die kein Ende zu finden scheint. Neben Matthew Vaughns Adaption von „Kick-Ass“, der wie Alan Moores „Watchmen“ von einer Phase der verstärkten Genre-Reflexion zeugt, lässt dieses Jahr auch Scott Pilgrim vs. the World die Fanherzen höher schlagen. Blickt man zehn Jahre zurück auf „X-Men“ und „Spider-Man“, scheint sich nun im Kino ein knallbunter Quantensprung vollzogen zu haben, der die genannten Filme reichlich altbacken, ja fast schon klassisch wirken lässt.

„Scott Piglrim“ basiert auf einer Comicserie von Bryan Lee O’Malley, deren erster Band 2004 veröffentlicht wurde. Der Film, bei dem Edgar Wright („Hot Fuzz“) Regie geführt hat, handelt vom titelgebenden Teen Scott (Michael Cera), der sich in ein Mädel verliebt. Dumm nur, dass deren verflossene Liebhaber(innen) sich daran machen, ihren Konkurrenten ins Jenseits zu schicken. Wie in einem modernen Märchen muss der Neue die sieben Alten besiegen, bevor das Glück zu zweit sich entfalten kann. Das sagt zumindest die Synopsis. Der Trailer sagt folgendes: Edgar Wrights frenetischer Stil ist erkennbar, aber wird er ohne Simon Pegg bestehen können? Michael Cera ist insofern die große Unbekannte, als fraglich ist, ob er in dem Film die nötige Wandlungsfähigkeit beweisen kann, die ihm in den Kritiken zu „Youth in Revolt“ zumindest attestiert wurde. Der Trailer meint zu diesem Thema erstmal: Nö.

„Scott Pilgrim vs. the World“ wird hierzulande am 4. November 2010 als „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ anlaufen. Den Trailer gibt’s in hervorragender Qualität bei Apple.

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Up in the Air (USA 2009)

Es gibt schlimmeres, als von George Clooney gefeuert zu werden. Das könnte man bei Ansicht von Up in the Air etwas zynisch formulieren. Mit der vielversprechenden Diskrepanz, die aus der Konfrontation des glamourösen Lächelns eines (abgehobenen) Film- stars mit der Verzweiflung des Ottonormalarbeitnehmers entsteht, spielt Jason Reitman in seinem aktuellen Film. Das ist nichts neues für den Regisseur und Autor. Das hat er schon in „Thank You for Smoking“ auf ähnliche Weise praktiziert. In dem ließ er Aaron Eckharts gigantisches Grübchen als Vertreter der Tabak- industrie auftreten. Nun spielt Clooney einen Mann, der Mitarbeiter über ihre Entlassung informiert. Deren Chefs sind nämlich zu feige dazu. Sein Ryan Bingham ist deswegen kein schlechter Mensch. Nein, er hat nur Angst davor, verletzt zu werden. Eine melo-kitschige Charakterisierung vom feinsten ist das eigentlich. Ryan flüchtet sich deshalb in die Luft. Er ist ein Vielflieger, der mit vollem Stolz seine Bonusmeilen vor sich her trägt und die effiziente Organisation seines Lebens in bezahlten Vorträgen preist. Es kommt, wie es im amerikanischen Zeigefinger-Kino der Wirtschaftskrise kommen muss: Ryan wird nicht nur mit der Außensicht auf seine Lebensweise konfrontiert. Diese selbst gerät in Gefahr als Videokonferenzen den persönlichen Besuch beim zukünftig Arbeitslosen ersetzen sollen. Nun lauten die großen Fragen: Wird er sein Leben ändern? Welchen Einfluss hat die sympathische Alex auf seinen potenziellen Sinneswandel? Und wie viel haben eigentlich American Airlines, Hertz und Hilton für das Product Placement bezahlt?

Wie dem auch sei: „Up in the Air“ ist ein Problemfilm, der zu verbergen sucht, einer zu sein und am Ende tatsächlich vergisst, dass er einer ist (…was für ein Reim!). Ein seltsamer Fall filmischer Amnesie hat Reitmans Romanadaption befallen. Die gibt sich authentisch mit echten Arbeitslosen, welche über ihr Schicksal berichten und entscheidet sich trotzdem für Capraesque Weisheiten, die schon in den dreißiger Jahren naiv gewirkt haben. So schwankt „Up in the Air“ stets zwischen Sozialmärchen und „Film zur Wirtschaftskrise“, ohne je das eigentlich notwendige satirische Gebiss einzulegen. Wer kann George Clooney schon bemitleiden? Not me, sorry. Gerade auf das Leiden des alternden Bingham verlegt sich nämlich „Up in the Air“ und dafür ist einerseits Clooney der falsche Schauspieler. Er ist eben kein Jimmy Stewart, allenfalls ein Cary Grant und wann war der mal in „authentischen“ Filmen zu sehen? Andererseits fehlt dem Drehbuch einiges an Härte. Es fehlt am Wunsch, dem Zuschauer mal etwas zuzumuten, ihn zum Mittäter zu machen, ihn sich unwohl fühlen zu lassen. Sofern er auftaucht, der Hauch von Härte, erscheint er eher wie die Nachwehe einer Geburt, die nie stattgefunden hat. So als ob etwas raus will, aber nicht kommt, weil die Eltern kalte Füße bekommen haben. Deswegen ist Reitmans neuester ein Film kreativer kalter Füße, der durchaus mit guten bis sehr guten Leistungen an der Schauspielerfront aufwarten kann. Die quirlige Anna Kendrick und die betörend coole Vera Farmiga sind hier beispielsweise zu nennen.

„Up in the Air“ ist sicherlich nicht unansehnlich. Ganz im Gegenteil: Er langweilt nicht, ist komisch, kaum als belanglos zu bezeichnen. Ein perfekter Film für die Oscars ist Jason Reitman damit gelungen; im Grunde ein etwas besseres Sequel zum „Slumdog Millionär“ aus dem letzten Jahr. Doch das heißt leider nicht viel. Oscar-Filmen fehlen nämlich gern die Zähne und Reitman bestätigt diese Regel. Für zwei Stunden fühlt man sich am Puls der Krisenzeit. Die verwaisten Büros kommen einem schließlich arg bekannt vor. Das sind zwei Stunden, in denen uns das Lächeln durch Amerika geleitet, von verzweifeltem Gesicht zu verzweifeltem Gesicht. Doch Ryan ist ja nur der Bote. Schuld sind die immer die anderen, die großen Bosse. Am besten gar nichts mit denen zu tun haben! Ein Häuschen braucht man und  die Familie, um glücklich zu werden. Das wusste schon Frank Capra und war damit zu Zeiten der Großen Depression nicht glaubwürdiger. Doch der Capra war sich zumindest darüber im Klaren gewesen, dass er Märchen dreht.