Up in the Air (USA 2009)

Es gibt schlimmeres, als von George Clooney gefeuert zu werden. Das könnte man bei Ansicht von Up in the Air etwas zynisch formulieren. Mit der vielversprechenden Diskrepanz, die aus der Konfrontation des glamourösen Lächelns eines (abgehobenen) Film- stars mit der Verzweiflung des Ottonormalarbeitnehmers entsteht, spielt Jason Reitman in seinem aktuellen Film. Das ist nichts neues für den Regisseur und Autor. Das hat er schon in „Thank You for Smoking“ auf ähnliche Weise praktiziert. In dem ließ er Aaron Eckharts gigantisches Grübchen als Vertreter der Tabak- industrie auftreten. Nun spielt Clooney einen Mann, der Mitarbeiter über ihre Entlassung informiert. Deren Chefs sind nämlich zu feige dazu. Sein Ryan Bingham ist deswegen kein schlechter Mensch. Nein, er hat nur Angst davor, verletzt zu werden. Eine melo-kitschige Charakterisierung vom feinsten ist das eigentlich. Ryan flüchtet sich deshalb in die Luft. Er ist ein Vielflieger, der mit vollem Stolz seine Bonusmeilen vor sich her trägt und die effiziente Organisation seines Lebens in bezahlten Vorträgen preist. Es kommt, wie es im amerikanischen Zeigefinger-Kino der Wirtschaftskrise kommen muss: Ryan wird nicht nur mit der Außensicht auf seine Lebensweise konfrontiert. Diese selbst gerät in Gefahr als Videokonferenzen den persönlichen Besuch beim zukünftig Arbeitslosen ersetzen sollen. Nun lauten die großen Fragen: Wird er sein Leben ändern? Welchen Einfluss hat die sympathische Alex auf seinen potenziellen Sinneswandel? Und wie viel haben eigentlich American Airlines, Hertz und Hilton für das Product Placement bezahlt?

Wie dem auch sei: „Up in the Air“ ist ein Problemfilm, der zu verbergen sucht, einer zu sein und am Ende tatsächlich vergisst, dass er einer ist (…was für ein Reim!). Ein seltsamer Fall filmischer Amnesie hat Reitmans Romanadaption befallen. Die gibt sich authentisch mit echten Arbeitslosen, welche über ihr Schicksal berichten und entscheidet sich trotzdem für Capraesque Weisheiten, die schon in den dreißiger Jahren naiv gewirkt haben. So schwankt „Up in the Air“ stets zwischen Sozialmärchen und „Film zur Wirtschaftskrise“, ohne je das eigentlich notwendige satirische Gebiss einzulegen. Wer kann George Clooney schon bemitleiden? Not me, sorry. Gerade auf das Leiden des alternden Bingham verlegt sich nämlich „Up in the Air“ und dafür ist einerseits Clooney der falsche Schauspieler. Er ist eben kein Jimmy Stewart, allenfalls ein Cary Grant und wann war der mal in „authentischen“ Filmen zu sehen? Andererseits fehlt dem Drehbuch einiges an Härte. Es fehlt am Wunsch, dem Zuschauer mal etwas zuzumuten, ihn zum Mittäter zu machen, ihn sich unwohl fühlen zu lassen. Sofern er auftaucht, der Hauch von Härte, erscheint er eher wie die Nachwehe einer Geburt, die nie stattgefunden hat. So als ob etwas raus will, aber nicht kommt, weil die Eltern kalte Füße bekommen haben. Deswegen ist Reitmans neuester ein Film kreativer kalter Füße, der durchaus mit guten bis sehr guten Leistungen an der Schauspielerfront aufwarten kann. Die quirlige Anna Kendrick und die betörend coole Vera Farmiga sind hier beispielsweise zu nennen.

„Up in the Air“ ist sicherlich nicht unansehnlich. Ganz im Gegenteil: Er langweilt nicht, ist komisch, kaum als belanglos zu bezeichnen. Ein perfekter Film für die Oscars ist Jason Reitman damit gelungen; im Grunde ein etwas besseres Sequel zum „Slumdog Millionär“ aus dem letzten Jahr. Doch das heißt leider nicht viel. Oscar-Filmen fehlen nämlich gern die Zähne und Reitman bestätigt diese Regel. Für zwei Stunden fühlt man sich am Puls der Krisenzeit. Die verwaisten Büros kommen einem schließlich arg bekannt vor. Das sind zwei Stunden, in denen uns das Lächeln durch Amerika geleitet, von verzweifeltem Gesicht zu verzweifeltem Gesicht. Doch Ryan ist ja nur der Bote. Schuld sind die immer die anderen, die großen Bosse. Am besten gar nichts mit denen zu tun haben! Ein Häuschen braucht man und  die Familie, um glücklich zu werden. Das wusste schon Frank Capra und war damit zu Zeiten der Großen Depression nicht glaubwürdiger. Doch der Capra war sich zumindest darüber im Klaren gewesen, dass er Märchen dreht.

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Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

5 Antworten auf „Up in the Air (USA 2009)“

  1. Der ersten Hälfte stimm ich zu, wenn es dann aber mit dem Lob an Kendrick und – wider Erwarten nach der ersten Hälfte – dem Lob am Film losgeht, krieg ich wieder Rheuma vom Kopfschütteln.

  2. Ich kann ja keinen Verriss schreiben nur um des Verrisses willen. Über Leistungen der Schauspieler kann man immer streiten (und da sind wir selten einer Meinung ;)). Unterhaltsam war der Film aber IMO und nicht dumm, nur eben allzu weich im Abgang. Da hätte man mehr daraus machen können. Aber da ist Reitman der falsche Mann dafür. Der ist leider ein wandelnder Weichspüler.
    Mein Beileid, dass du Rheuma von meinen Kritiken bekommst. Aber da ist der C.H. mit seiner 9/10 doch nicht ganz unschuldig dran, oder?^^

  3. Aber da ist der C.H. mit seiner 9/10 doch nicht ganz unschuldig dran, oder?^^

    Ja, aber bei mir ist der gute Flo so etwas schon gewöhnt, und sein Kopf aus Resignation schon längst auf die Tastatur gesunken.^^

    im Grunde ein etwas besseres Sequel zum “Slumdog Millionär” aus dem letzten Jahr.

    Also wirklich…

  4. Ich fand den Film super. Einen Oscar würde ich Clooney grundsätzlich nicht geben, dem Film auch nicht. Aber auf seine Weise fand ich ihn sehr passend zur heutigen Zeit. Zu den 30ern kann ich mich nicht äußern ;-)
    Es ist ja auch keine Überkrise, die alle betrifft. Das Zeit der Film auch gut. Beide Seiten haben grundsätzlich Verständnis für einander, aber mehr auch nicht. Der Job als Rahmen der Abgrenzung.
    Natürlich stellt IMO Bingham einen schlechten Menschen da. Daran zweifele ich nicht. Gerade das fand ich cool. Clooney schafft es einem vorzugaukeln, dass Bingham eigentlich ein netter Kerl sein könnte, aber meiner Meinung nach ist diese Täuschung eine Absicht und keine Schwäche des Films. Das, was Bingham, am Ende vollführt, ist eben nicht gut genug. Das allerdings wohl eher in vielfacher Hinsicht, die jeden Film sprengen würde, der sich daran würde würde. Insofern fand ich das, was der Film zeigt, gut.

  5. Ich nehm dem Film nicht ab, dass Bingham ein schlechter Mensch ist. Ich sehe ihn eher als „broken“ (wie House es in einer Episode ausdrückt); ein Mann, der gerettet werden muss bzw. sich selbst retten muss. Der Film stellt schließlich die Frage, ob er sich am Ende selbst aus dem Dreck zieht oder nicht.
    Beim Job als Mittel der Abgrenzung stimm‘ ich dir allerdings zu. Der Film porträtiert schließlich eine Branche, die vom Niedergang anderer profitiert und so etwas gibt es in jeder Krise. Da ist er sicher recht treffend.

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