Werbeklassiker: Terrence Malick

Terrence Malicks Filme in zwei bis drei Minuten langen Trailern dem Publikum anzupreisen, ist schon eine undankbare Aufgabe. In den Siebzigern wusste man anscheinend nicht recht, damit umzugehen. Die Trailer für „Badlands“ und „Days of Heaven“ sind deshalb mit nervigen Off-Kommentaren gesegnet, welche die jeweiligen Stories erklären (als würde es hier um die Handlung gehen…).

Haben die Trailer für Malicks neuere Werke die Off-Stimme hinter sich gelassen, schwanken sie nun zwischen Publikumsanbiederung (schnelle Schnitte, Action, bum bum bum), die im Kinosaal zwangsläufig enttäuschen wird und der Annäherung an die Realität eines Malick-Films. Der gelungenste der älteren Trailer ist zweifellos jener für „The Thin Red Line“, der die Mischung aus Kriegsfilm und Reflexion über das Menschsein ansatzweise zu transportieren weiß. Der Trailer für Malicks neuen Film „The Tree of Life“ versucht erfreulicherweise gar nicht erst, zu verstecken, was den Zuschauer bei einem Film des Regisseurs erwartet.

Einer ausführlichen Auseinandersetzung mit Terrence Malicks Filmen hat sich luzifus vor einer Weile in einem Kontrapunkt gewidmet.

Badlands (USA 1973)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=lcFx06cBmbk[/youtube]

Days of Heaven (In der Glut des Südens, USA 1978)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=LlZDsMCW0U4[/youtube]

The Thin Red Line (Der Schmale Grat, USA 1998)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=LCmlOhsIwBk[/youtube]

The New World (USA/GB 2006)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=0zLPM8FLMtk[/youtube]

Kontrapunkt: Die Filme von Terrence Malick

Gerade einmal vier Filme drehte der Harvard-Absolvent in Philosophie Terrence Malick in einem Zeitraum von 32 Jahren. Nach „Badlands – Zerschossene Träume“ (1973), „In der Glut des Südens“ (1978), „Der Schmale Grat“ (1998) und „The New World“ (2005) ist für 2010 sein neues Projekt angekündigt: „The Tree of Life“. Details über die Handlung um eine Adoleszenzgeschichte werden dabei wie ein Staatsgeheimnis gehütet, in den Hauptrollen werden Brad Pitt und Sean Penn zu sehen sein. Ein Grund mehr, sich einmal mit dem Schaffen dieses pressescheuen und geheimnisvollen, aber nicht desto trotz außergewöhnlichen Filmemachers auseinander zu setzen.

Seine beiden letzten Filme („Der Schmale Grat“ und „The New World“) lassen sich dabei ebenso als Einheit betrachten wie seine ersten beiden („Badlands“ und „In der Glut des Südens“). Die Frage bleibt jedoch bestehen, ob man von einem Früh- und Spätwerk Malicks sprechen kann. Denn zunächst: Allen Filmen von ihm sind mehrere ästhetische Gestaltungsmittel wie Motive gemein. Ein Voice-Over ist in allen vier Filmen zu finden, stets geht es um das Verhältnis vom Menschen zur Natur (illustriert durch zahlreiche Naturaufnahmen) und zu sich selbst, ein Feuer markiert stets einen Wendepunkt in der Story der Filme.

Doch während in „Badlands“ und „In der Glüt des Südens“ ausschließlich jeweils ein junges Mädchen ihre Sicht auf vergangene Ereignisse schildert und somit die jeweiligen Handlungen subjektiv kommentiert, reflektieren in „Der Schmale Grat“ und „The New World“ verschiedene erwachsene Charaktere in inneren Monologen ihr Verhältnis zum Leben, zum Tod und zur Liebe. Man könnte verallgemeinernd festhalten, dass die Naivität und Passivität im Voice-Over der ersten beiden Filme der Reife und Aktion im Voice-Over der letzten beiden gewichen ist. Oder: dass eine Entwicklung stattgefunden hat vom „Ästhetischen Stadium“ hin zum „Religiösen Stadium“ Kierkegaards.

Während „Badlands“ und „In der Glüt des Südens“ eine stringente Erzählung aufweisen, Auslassungen in Handlungsverläufen eher die Ausnahme sind, sind die Narrationen in „Der Schmale Grat“ und – insbesondere – in „The New World“ unzuverlässiger. Zu der elliptischen Erzählweise gesellen sich bebilderte subjektive Erinnerungsbruchstücke und Lücken in der Kausalitätsbeziehung. Auch in den inhaltlichen Motiven unterscheiden sich die ersten beiden Filmen Malicks von den letzten beiden signifikant. Zwar wird in allen vier Filmen das Motiv der unmöglichen Liebesbeziehung aufgegriffen, aber anders aufgelöst. Lassen sich dabei die ersten beiden Filme als Adoleszenzgeschichten begreifen, handeln die letzten beiden von Okkupation.

Badlands (USA 1973)

In „Badlands“ steht die Beziehung von Holly (Sissy Spacek) und Kit (Martin Sheen) schon deswegen unter keinem guten Stern, weil Letzterer Hollys Vater erschießt und bei seiner Flucht weitermordet. Nach anfänglicher An-ziehung und Liebe flachen Hollys Gefühle zu Kit ab und er ergibt sich schließlich freiwillig der Staatsmacht. Holly hat ihn kurz zuvor auf seiner Flucht durch die Badlands von Montana, einer öden Steppenlandschaft, verlassen. Kit ergibt sich in sein vermeintlich vorbestimmtes Schicksal und wird – wie wir im Voice-Over von Holly erfahren – hingerichtet. Die Inszenierung ist lapidar, wirkt zuweilen beklemmend durch die nüchterne Herangehensweise an angespannter Verhältnisse, die in Gewalt eskalieren. Zu nennen ist hier insbesondere Kits Mord an seinem Freund Cato, der sterbend auf dem Bett sitzend von Holly über ein Haustier befragt wird.

In der Glut des Südens (USA 1978)

Die problematische und letztendlich tödlich verlaufende Liebesgeschichte verläuft hier anders. Anfang des 20. Jahrhunderts reisen Abby (Brooke Adams) und Bill (Richard Gere) in den USA umher auf der Suche nach Arbeit. Das Pärchen, das sich offiziell als Geschwisterpaar ausgibt, hat Linda (Linda Manz), Bills kleine Schwester, im Schlepptau. Als sie einen Job bei einem Farmer (Sam Shepard) finden, verliebt sich dieser in Abby. Bill kann jedoch seine Gefühle nicht verbergen, obwohl diese Verbindung ein Leben im Wohlstand für alle bedeuten würde. Wie in „Badlands“ wird die Vaterfigur der Erzählerin letztendlich erschossen. Während in „Badlands“ jedoch das Niederbrennen des Wohnhauses von Holly die Wende in der Geschichte und die gemeinsame Flucht von Holly und Kit bedeutete, ist es hier das Verbrennen des Weizenfeldes bei einer Heuschreckenplage, wo der Farmer gegenüber Bill seinen wütenden Gefühlen freien Lauf lässt und sich der Konflikt zuspitzt.

Der Schmale Grat (USA 1998)

Bei diesem Film ist die durch Entfernung unmögliche Liebesbeziehung nur eine in einem größeren Kontext. Neben den Erinnerungen von Pvt. Bell (Ben Chaplin) an seine Frau und die glückliche gemeinsame Zeit vor seinem Kriegseinsatz werden das individuelle Verhältnis zum Tod und zum Leben ebenso wie die Frage nach dem Ursprung des Bösen thematisiert, welche zum Teil pantheistisch fundiert sind. Das Verhältnis des Menschen zu sich selbst (zu Feind und Vorgesetzten, der eigenen Kultur und des eigenen Lebensstils zu anderen) – in „The New World“ noch stärker herausgearbeitet – bildet den zentralen Bestandteil dieses gleichnishaften Films um die Eroberung der Insel Guadalcanal im Pazifikkrieg. Die Schönheit der Natur steht dabei der Grausamkeit des Krieges, die Liebe zum Leben dem Tod im Kampf gegenüber. Im Gewirr des Krieges hört der Film dabei in zahlreiche Charaktere „hinein“, innere Monologe werden auditiv wahrnehmbar.

The New World (USA/GB 2005)

Noch deutlicher als in „Der Schmale Grat“ geht es hier um Kolonialisierung. Anno 1607 landen britische Siedler in Amerika und sollen unter Führung von Captain Smith (Colin Farrell) eine Siedlung errichten. Dabei verliebt er sich in die Häuptlingstochter (eine Entdeckung: Q’orianka Kilcher) des dortigen Indianerstammes. Doch diese Liebesbeziehung zwischen zwei Kulturen sorgt dafür, dass sich Indianer und Kolonisten immer mehr verfeinden, sich gar bekriegen. Die Diagnose, dass es der durch Ständeschranken, Macht-verhältnisse und Besitzgier charak-terisierten Gesellschaft einer Alternative bedarf – ein Thema, welches in den ersten drei Filmen schon angerissen wurde – wird hier unter kolonialistischen Gesichtspunkten zuende gedacht. Während Pvt. Witt (Jim Caviezel) in „Der Schmale Grat“ die Idealvorstellung des Lebens, das er führen will, in dem Stamm eines indigenen Volkes findet (von dem er sich jedoch entfremdet), wird diese vorsündige Kultur in „The New World“ entweder vertrieben, zunehmend ausgerottet oder unter Aufgabe der natürlichen Identität in die eigene hineingezwungen. Aus diesem Grunde muss auch die (doppelte) Liebesgeschichte in „The New World“ tragisch enden.

Man kann diese Ausführungen – von Rezensionen kann dieses Mal kaum die Rede sein – als Prämisse verstehen. Als Mutmaßung um den Film, den uns der öffentlichkeitsscheue Filmemacher und Drehbuchautor im Jahre 2010 präsentieren wird. Ich, als Fan seiner ruhigen und tiefgründigen Erzählweise, freue mich jedoch schon auf „The Tree of Life“.