The Guard (IRL 2011)

The Guard von John Michael McDonagh ist so ein Film, den ein Festival braucht, wie die Luft zum atmen. Gerade bei der Berlinale, die in ihrer 61. Ausgabe voll war von typischen Festivalfilmen (lange Einstellungen, melancholische Stimmung, wortkarge Protagonisten), ist „The Guard“ eine höchst erfreuliche Abwechslung von dem, was gemeinhin abwertend (und falsch) als Kunstkino bezeichnet wird. Es ist ein Film, in dem der stämmige Brendan Gleeson mehrmals in seiner skurrilen Unterwäsche zu sehen ist. Das Publikum hat sich bei der Vorführung derart über diese Szenen gefreut, dass man dahinter auch ein geballtes, erleichtertes Aufatmen vermuten könnte nach all dem todernsten Zeug, das sonst in Wettbewerb, Panorama und Forum gezeigt wird.

The Guard ist eine Buddy-Komödie im Geiste des fabelhaften Brügge sehen und sterben, den McDonaghs Bruder Martin inszeniert hatte. Statt der mittelalterlichen Kulisse Brügges dient nun die irische Pampa als Kontrast zu den plappernden Gangstern, die alten Guy Ritchie-Filmen entsprungen zu sein scheinen. Statt des suizidalen Colin Farrell übernimmt der suizidale Brendan Gleeson das Ruder als titelgebender Guard, einem fluchenden Misanthropen mit dem Herz aus Gold. Zu seinem ungleichen Partner wird in diesem Fall mit Don Cheadle der FBI-Agent aus der großen Stadt (und dem großen Land), der recht bald erkennen muss, dass auch der desinteressiert scheinende Dorfpolizist, der allen nur mit beißender Ablehnung begegnet, seine Kompetenzen hat. Wenn diese auch selten sozialer Natur sind. Cheadles Agent erweist sich sehr schnell als ebenbürtig und wird glücklicherweise nicht nur auf WTF-reaction shots reduziert, auch wenn er davon einige zu bewältigen hat.

Doch The Guard ist die Brendan Gleeson-Show, denn mit ihm steht und fällt der Film, was man v.a. dann merkt, wenn er nicht im Bild ist. Beschränkt sich die Krimi-Groteske auf die Dialoge zwischen den Gangstern (u.a. Mark Strong als Mark Strong), wird allzu deutlich, dass die Filme von Quentin Tarantino ihre Spuren in McDonaghs Skript hinterlassen haben. Entzündet sich das Geplänkel  aus den kulturellen Differenzen (Engländer – Iren, Amerikaner – Iren, Iren – Iren), funktionieren die abseitigen Gespräche, denn sie scheinen entkrampft, natürlich.  „The Guard“ hätte durchaus zu einem weiteren Guy Ritchie-Klon verkommen können und Guy Ritchie-Klone waren schon vor 10 Jahren langweilig. Brendan Gleeson jedoch hält die Story um einen internationalen Drogenring, der in Irland seine Zelte aufschlägt, am Boden. Er ist sich nicht zu schade für die billigen Lacher (besagte Unterwäsche), brilliert aber insbesondere in Szenen mit Frauen, wie etwa denen mit seiner todkranken Filmmutter. Da zeigt sich dann, dass der Dickhäuter eine unsentimentale, sensible Seite hat, dass er sich seiner Fehler und seiner Natur bewusst ist. Obwohl „The Guard“ auf die große Schuld und Sühne-Exploration von „Brügge sehen und sterben“ verzichtet, ist die von skurrilen Eigenheiten umringte Hauptfigur in ihrem Kern keinesfalls ein charakterliches Vakuum, wie es in vielen anderen Genrevertretern der Fall ist. Spätestens die Veröffentlichung auf DVD wird den Erstling von John Michael McDonagh zum zitierfähigen Geheimtipp machen, doch die besten Szenen des Films finden auf einer Parkbank und in einem Pub statt. Kein gesprächiger Gangster ist da anwesend, nur ein Sohn und eine Mutter, die sich keine Illusionen über ihr Kind macht. Das reicht.

2008: Das Jahr, indem wir Top Ten-Listen erstellten

…wie in jedem anderen Jahr auch.

Wie auch schon bei der Top Ten 2007 werden hier nur Filme berücksichtigt, die a) ihren deutschen Starttermin oder b) ihre (deutsche) DVD-Premiere im Jahre 2008 gefeiert haben. Die Einschränkungen sind recht wirr und dienen allein als seriös wirkende Ausrede dafür, dass ich die vielleicht wichtigsten amerikanischen Filme des Jahres – potenzielle Oscar-Anwärter z.B. – noch gar nicht gesehen habe, da deren deutscher Starttermin meist im Januar oder Februar 2009 liegt.

Noch dazu sei hinzuzufügen, dass ich aus verständlichen Gründen nicht alle 2008 produzierten Filme sehen konnte, da sonst mein Kopf platzen würde. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Mit anderen Worten: Diese Liste ist ein persönliches Resümee des Filmjahres 2008. Intersubjektive Nachvollziehbarkeit wird nicht garantiert:

10. Tödliche Entscheidung (USA/GB 2007)

Kaum zu glauben, dass Sidney Lumet „Die Zwölf Geschworenen“ vor 51 Jahren gedreht hat. Before The Devil Knows You’re Dead ist modern in seiner Form und unbarmherzig in seiner Schilderung menschlicher und familiärer Abgründe. Lumet hat wie schon vor einem halben Jahrhundert das beste aus seinem Ensemble herausgeholt, hier bestehend aus Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Marisa Tomei und Albert Finney.

09. WALL-E (USA 2008)

Letztes Jahr war es Ratatouille, dieses Jahr nimmt WALL-E den für Pixar reservierten Platz in meiner Top Ten ein. Die erste Hälfte des Films hätte ihn sogar auf Platz 1 katapultieren können. Da ist „WALL-E“ der beste Animationsfilm, den Charlie Chaplin nie gedreht hat. Mit der recht konventionellen zweiten Hälfte landet der liebenswerte Roboter immerhin auf Rang 9. Mal sehen, wie Up abschneiden wird. Immerhin trägt der nächste Pixar den Namen des besten Albums von Peter Gabriel. [Soviel zu unnützen Trivia-Infos]

08. Sweeney Todd – Der teufliche Barbier aus der Fleet Street (USA/GB 2008)

Ein düsteres Gothic-Musical ist Sweeney Todd, dass dank der Vorlage von Stephen Sondheim die für Tim Burton typische Oberflächlichkeit vermissen lässt. Wer hätte gedacht, dass Kannibalismus zu dermaßen eingängigen Liedern inspirieren kann? Auch für Nicht-Musical-Fans ist der Film mit Burtons Stammpersonal Johnny Depp und Helena Bonham Carter ein Muss.

07. Der Mongole (RUS/KZ/MGL/D 2007)

Dschingis Khan hat einen großen Film schon lange verdient. Sergei Bodrovs Der Mongole will das sein und wird dem Mythos der Steppe gerecht, ohne auf billiges Pathos oder auch nur eine klassische Erzählweise zu verfallen. Tadanobu Asano („Ichi the Killer“) gibt Temudjin auf seinem steinigen Weg zum Titel des Khan ein erhabenes Gesicht, während Sun Honglei („Die Sieben Schwerter“) als sein Freund und späterer Widersacher Jamukha wiedereinmal zeigt, warum er einer der besten Schauspieler Chinas ist. Um von den wuchtigen Landschaftsaufnahmen gar nicht erst zu reden…

06. The Dark Knight (USA 2008)

Vielleicht ist es DER Film des Jahres, wenn auch nicht der beste, den Christopher Nolan mit The Dark Knight gedreht hat. Ein Denkmal für Heath Ledger, sicher eine der besten Comicverfilmungen aller Zeiten und v.a. ein spannender, aber nicht dummer Actionthriller, der beträchtliche Lust auf eine Fortsetzung macht. Die Comic-Konkurrenz war dieses Jahr nicht zu unterschätzen (u.a. „Hellboy II“ und „Iron Man“), doch der Dunkle Ritter segelt souverän in die Top Ten.

05. There Will Be Blood (USA 2007)

Auch wenn „There Will Be Blood“ gegen Ende Gefahr läuft, von seiner Hauptfigur erschlagen zu werden und Paul Thomas Anderson sich das Einfühlungsvermögen, welches er seinen geplagten Figuren in „Magnolia“ noch in Hülle und Fülle hat zukommen lassen, in seinem aktuellen Film leider versagt, verdient die Geschichte um Daniel Plainview einen Platz in der Top Ten. Filme, die sich mit dem Klassischen Hollywoodkino messen können, gibt es eben viel zu selten. Die eigentliche Überraschung in There Will Be Blood heißt aber nicht Daniel Day-Lewis, sondern Paul Dano.

04. Brügge sehen… und sterben? (GB/USA 2008)

Politisch inkorrekt, brutal, komisch, traurig und gesegnet mit einer Ansammlung menschlicher Matschepampe. All das trifft auf Brügge sehen.. und sterben? zu. Es deutet möglicherweise auch darauf hin, dass das Debüt von Martin McDonagh nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Wer Genrefilmen nicht abgeneigt ist, wird freilich schnell erkennen, dass McDonagh den (britischen) Gangsterfilm zu neuen Höhen geführt hat. Noch dazu ist ihm aufgegangen, dass Colin Farrell kleine besoffene Loser viel besser spielen kann als große makedonische Könige.

03. Michael Clayton (USA 2007)

Dass Anwaltsthrillern nach all den langweiligen John Grisham-Verfilmungen noch etwas neues abzugewinnen ist, das hatte zumindest ich kaum noch zu hoffen gewagt. Michael Clayton war daher ein leicht zu unterschätzender Oscaranwärter, dem das Label Epos dank des Mangels an weiten Landschaften, Pferden und Ölbaronen offensichtlich nicht zugeschrieben werden kann. Tony Gilroys Film verdient den dritten Platz, weil er mit einfachen Mitteln die dunklen Seiten großstädtischer Arbeitsexistenzen, die unschönen Seiten unserer Dienstleistungsgesellschaft aufdeckt.

02. No Country for Old Men (USA 2007)

Was „Michael Clayton“ an vordergründigen Eposqualitäten fehlt, findet sich in der Cormac McCarthy-Verfilmung der Coen Brüder. „Mitleidlos“ ist wohl das Wort, das am ehesten auf No Country for Old Men zutrifft. Verkörperung des kaltblütigen Zufalls ist Anton Chigurh (Javier Bardem), ein Killer, der in seiner soziopathischen Vorgehensweise einer Naturgewalt ähnelt. Tommy Lee Jones und Josh Brolin geben dem Film das dringend nötige menschliche Antlitz, was alles eigentlich noch unangenehmer macht.

01. Waltz With Bashir (IL/D/F/USA 2008)

Animierte Dokumentation, dokumentarischer Animationsfilm… Wie auch immer man Ari Folmans Film bezeichnen will, Waltz With Bashir landet hier auf Platz 1. Das verbildlichte Trauma des Regisseurs ist von allen hier genannten Filmen der innovativste. Innovation allein berechtigt aber noch nicht zur Spitzenposition. „Waltz With Bashir“ schafft genau das, was das sogenannte „Betroffenheitskino“ gerne sein möchte. Er greift Verdrängungsmechanismen auf, zehrt das Grauen aus einer subjektiven Sicht an die Oberfläche und zwingt zur Auseinandersetzung. Vergangenheitsbewältigung auf der großen Leinwand.


Im Verfolgerfeld:

„All the Boys love Mandy Lane“

„Hellboy II: Die Goldene Armee“

„Mamma Mia!“

„The King of Ping Pong“

„Tropic Thunder“

Der Beste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe und auch nach der dritten Sichtung nicht kapiere:
The Sun Also Rises

Die größte Enttäuschung des Jahres:

„Ein Quantum Trost“.

Und Britney Spears, die immer noch „Musik“ macht.

Heißer Anwärter auf die Kategorie „Filme, die die Welt nicht braucht“:

„Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“

Der beste Trailer des Jahres mit überbordendem Zeitlupeneinsatz:

Watchmen – unterlegt mit „The End Is The Beginning Is The End“ von den Smashing Pumpkins.

Der beste Song, der sowohl im Trailer als auch im Film auftaucht:

Bedroom Walls – „In Anticipation of Your Suicide“ („All The Boys Love Mandy Lane“ O.S.T.)

Unglaubwürdigste Gesichtsbehaarung des Jahres:

Leonardo DiCaprio in „Der Mann, der niemals lebte“.

Preisverdächtigste Gesichtsbehaarung des Jahres:

Robert Downey Jr. in „Iron Man“ und „Tropic Thunder“.
Peinlichster Auftritt einer Gruppe Yetis in der Geschichte der Menschheit:
„Die Mumie – Das Grabmal des Drachenkaisers“
Bestes Festivalerlebnis des Jahres:
„Sparrow“ von Johnnie To in der Caligari-Filmbühne zu Wiesbaden zu genießen.
Ein Autogramm von David Bordwell in Bologna zu ergattern.

Die gehypten Filme, die wahrscheinlich einen Platz in der Top Ten verdienen, ihn aber nicht bekommen, weil ich sie noch nicht gesehen habe:

„Schmetterling und Taucherglocke“

„So finster die Nacht“

Brügge sehen… und sterben? (GB/B 2008)

Brügge sehen und sterbenIn Bruges“ lautet der Originaltitel von Martin McDonaghs Spielfilmdebüt Brügge sehen… und sterben? (Stichwort „Plagiat“ bei deutschen Titeln). Für den frischgebackenen Auftragskiller Ray (Colin Farrell) ist das gleichbedeutend mit „In Hell„. In der flämischen Stadt mit seinem Kollegen Ken (Brandon Gleeson) untergetaucht, kann der an seinen Schuldgefühlen zu zerbrechen drohende Ray nichts mit dem Weltkulturerbe anfangen.

Während sein Partner das volle Touriprogramm durchläuft und dem Genuss der Schönheit des mittelalterlichen Stadtkerns frönt, quengelt Ray wie ein verhätscheltes Kind, sobald wieder eine Kirchenbesichtigung ansteht. Erst als er die Dealerin Chloë trifft, werden seine Lebensgeister geweckt. Sein Interesse für Brügge allerdings nicht. Dumm nur, dass sein Auftraggeber (Ralph Fiennes, der hier sein eigenes Rollenrepertoire herrlich persifliert) noch eine Rechnung mit ihm offen hat.

Die schöne Stadt in Flandern und Belgier im allgemeinen müssen in dieser Gangsterkomödie, deren Kern ein tragischer ist, einiges aushalten. Angesichts all der Witze über Minderheiten, Amerikaner und Kleinwüchsige – oder Gnome, wie Ray sie einfühlsam nennt – ist natürlich die Frage angebracht, ob McDonagh, der auch das Drehbuch geschrieben hat, schon einmal die zwei ausdrucksstarken Worte political und correctness gehört hat. Wie auch immer die Antwort lautet, eine gewisse Aufgeschlossenheit für die schwärzeren, respektlosen Gefilde britischen Humors sollte beim Zuschauer vorhanden sein, um den Film genießen zu können.

Denn ein Genuss ist dieser Genrefilm der etwas anderen Art durchaus. Beginnend bei der ungewöhnlich schwermütigen musikalischen Untermalung des städtischen Kontextes, vermeidet McDonagh den gängigen Schritt vieler (britischer) Gangsterfilme, sich gänzlich auf eine Vielzahl schrulliger Figuren, einen stilisierten Formalismus und eine wendungsreiche, aber im Grunde nichtssagende, Geschichte zu verlassen. Mit anderen Worten: Brügge sehen… und sterben unterscheidet sich erheblich von den Filmen Guy Ritchies und deren Epigonen.

Das darf man natürlich nicht falsch verstehen. Dieser Film ist wirklich urkomisch und beinhaltet einige im Alltag brauchbare Zitate. In ihrer Dichte sind diese in etwa vergleichbar mit Kiss Kiss Bang Bang, nur samt einer größeren Portion Fuck. Die fast schon absurden Dialoge könnte man als tarantioesque bezeichnen, sie rekurrieren indes v.a. auf die europäische (Pop)Kultur.

Abgesehen von ungenierten Witzen über das amerikanische Adipositas-Problem und die jüngere belgische Kriminalgeschichte, verwendet McDonagh sein zutiefst europäisches Setting um eine metaphorische Ebene seiner Geschichte zu etablieren, deren Tiefe den meisten Genrekollegen abgeht. Spätestens wenn Ray und Ken im Museum Werke von Hieronymus Bosch betrachten, wird man das Gefühl nicht los, McDonagh ginge es um mehr als nur um ein kauziges Buddymovie.

Als titelgebender Kontext wird die Altstadt Brügges vereinnahmt für die Handlung und deren Subtext, wie einst Venedig in Wenn die Gondeln Trauer tragen. So gerät das ausgewählte Milieu nicht nur zur Steilvorlage für skurrile Witze. Die ab der ersten Minute suggerierte melancholisch düstere Stimmung des Films lebt von den Postkartenansichten der Gemäuer aus dem „dunklen“ Mittelalter. So findet die im Grunde bestürzende Geschichte Rays, der den Tod eines Kindes verschuldet hat und nur noch Sühne leisten will, im katholischen Belgien ein bereicherndes Heim.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlässt man die Vorstellung von Brügge sehen… und sterben. Zwar geraten die bissigen Oneliner manches mal zum Selbstzweck, doch McDonagh garniert seinen Film mit einer in den vielschichtigen Figuren anglegten Ernsthaftigkeit, die ihn über die üblichen Genrespielereien obsiegen lässt.

Seine Cleverness spielt der Film bisweilen zum eigenen Schaden voll aus, unterminiert sie doch die Glaubwürdigkeit der finalen Wendungen. Das bestens aufgelegte Ensemble und die originelle Umsetzung trösten über diese Schwächen jedoch mühelos hinweg und machen Brügge sehen und… sterben? zu einer echten Überraschung des bisherigen Kinojahres.