Kontrapunkt: Die Tyrannei der Terror-Blagen

Nebraska ist einer der größten Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte in den USA. Das brachte dem Bundesstaat im Mittleren Westen den Beinamen „Cornhusker State“ ein. Ob Stephen King beim Schreiben seiner Kurzgeschichte Children of the Corn aus dem Jahre 1977 bei dem seltsamen Eigenleben eines Maisfelds bereits an genmanipuliertes Getreide dachte, ist unwahrscheinlich. Eher kann man seine Kurzgeschichte als Seitenhieb auf religiösen Fundamentalismus in ruralen Gebieten verstehen – und auf aufsässige Bälger innerhalb einer absurden Jugendkultur, die allen Erwachsenen mit Sicheln und Sensen den Kampf ansagt. Hier eine kleine und willkürliche Rückschau.

Kinder des Zorns (USA 1984)

In dem Auftakt der inzwischen sieben Teile umfassenden Slasher-Reihe fragwürdiger Qualität verschlägt es Arzt Burt (Peter Horton) und Frau Vicky (Linda „Terminator-Braut“ Hamilton) ins ausgestorbene Kaff Gatlin, nachdem sie auf der Landstraße einen Jungen angefahren haben. Sämtliche Erwachsene wurden von der Terrorclique vom Maisfeld unter der Führung des Kind-Predigers Isaac (John Franklin) umgebracht, im Namen eines Gottes mit der umständlichen Bezeichnung „Er, der hinter den Reihen schreitet“. Die ländliche Apokalypse äußert sich zu psychedelischen Kindergesang auf der Tonspur atmosphärisch dicht in einer Geisterstadt, deren Häuser durch Chaos und Mais verwüstet wurden. Immerhin mit einem temporeichen Finale, subtilen Tötungsszenen (Kamera zeigt meist nur die Konsequenz, nicht die Tat selbst) und zahlreichen beklemmenden Point Of View-Shots gesegnet, kommt über weite Teilen Spannung auf. Das macht das alberne Okkult-Happening im Maisfeld ebenso vergessen wie die unfreiwillig dummen Ersatzpaps-Kind-Dialoge am Ende („Ist er tot?“ – „Ich glaub‘: ja.“ – „Warum laufen wir dann immer noch weg?“ – „Frag nicht. Weiter!“). John Franklin kehrt übrigens im unsäglichen sechsten Teil wieder, wie der deutsche Untertitel „Isaacs Rückkehr“ schon androht.

Kinder des Zorns III – Das Chicago-Massaker (USA 1995)

Eine betont ambitionierte Inszenierung mit einer zoomenden Handkamera, ein paar Szenen mit gefaketer, hoher Schärfentiefe und Gelbblenden bei Flashbacks täuschen nicht darüber hinweg, dass a) James D.R. Hickox ein noch beschissenerer Regisseur ist als sein ebenfalls im B-Horror tätiger Bruder Anthony (Warlock – The Armageddon und Hellraiser III sind… naja, jedenfalls keine Genrehighlights) und b) dieser einfältige Nachklapp nur Trashfans erfreuen wird. Dieses Mal ist Eli (nervig wie ein quengelndes Kind: Daniel Cerny) der aufsässige Priester-Knilch, der nicht im beschaulichen Gatlin, sondern im Sündenpfuhl Chicago die gottlosen Highschoolkids um sich schart und den Erwachsenen oder anderen Ungläubigen nach dem Leben trachtet. Mordlüsterne Vogelscheuchen, ein herausgerissenes Rückgrat oder das alberne Finale mit einem schlecht getricksten Gummimonster, das im Maisfeld Puppen verschlingt, sind die unfreiwillig komischen Highlights, die im letzten Drittel dieses überkonstruierten Blödsinns die Langeweile ablösen. Sekundenkurz ist übrigens die junge Charlize Theron in einer Statistenrolle zu sehen, die von einem Maismonstertentakel penetriert wird. Einzig die Vorfreude auf diese Mini-Szene rechtfertigt das Quälen durch 80 Minuten bedeutungsschwangere Horror-Klischeesülze, die mit einem idiotischen Cliffhanger zusätzlich verärgert.

Kinder des Zorns IV – Mörderischer Kult (USA 1996)

War Linda Hamilton im ersten Teil eine zumindest interessante Personalie, so gilt das hier für die unglaubwürdige, da viel zu nette Naomi Watts. Ein Jahr nach ihrem Auftritt in Tank Girl und fünf Jahre vor David Lynchs Mulholland Drive spielt sie eine Medizinstudentin, die in ihre ländliche Heimatstadt zurückkehrt und hinter das Geheimnis eines wieder auferstandenen Kinderpriesters kommt. Nachdem alle Kinder des Örtchens gleichzeitig ein merkwürdiges Fieber bekommen und sich die garstigen Dreikäsehochs biblische Namen geben, schreitet sie mit Waffengewalt zur Tat. Neben kurzen Schock-Inserts als Unart des Genrefilms in den 90er Jahren bleiben einzig ein paar hübsche Totalen der aufgehenden oder untergehenden Sonne überm Maisfeld im Gedächtnis haften. Abseits einiger durchaus gelungener Gore-Szenen regiert über weite Strecken das Geschwafel um wiederkehrende Geister und die Einfallslosigkeit, die sich insbesondere in einem vergurkten Finale äußert.

Hancock (USA 2008)

HanockGanz auf die Starpower von Will Smith und das ausgeprägte Marketing vertrauend, haben die Macher von Hancock es tatsächlich geschafft, ohne Comicfanbase einen Box Office-Hit zu drehen. Zwar ist Hancock die Geschichte eines Superhelden, wenn auch der etwas anderen Art, doch basiert der Film auf einem Originaldrehbuch, keiner Vorlage von Marvel oder DC.

Dieses Drehbuch hebt Hancock zwar nicht über den Superheldendurchschnitt hinaus, sorgt aber für eine größtenteils abwechslungsreiche Unterhaltung. John Hancock ist nämlich ein rüder Säufer. Zugegeben, er ist mit übernatürlichen Kräften ausgestattet, aber an seiner misanthropischen Haltung ändert das wenig. Wer ihm begegnet, wird mindestens mit einer Beleidigung, im ungünstigen Fall mit einem millionenteuren Sachschaden davon kommen.

Da verblüfft es wenig, dass Hancock in L.A. wenig beliebt ist, schließlich sind seine Heldentaten eher von der groben Sorte. PR-Idealist Ray (Jason Bateman), dessen Leben der Trinker gerettet hat, will genau daran etwas ändern. Ein Imagewandel muss her, also überredet er Hancock zu einer Entschuldigung vor aller Öffentlichkeit und den freiwilligen Gang in den Knast. Soll die Stadt der Engel doch selbst sehen, wie sie ohne ihren unpopulären Helden zurechtkommt.

Die Grundidee des unkonventionellen (Anti-)Helden ist nicht neu. Tony Stark alias Iron Man ist vor kurzem eine weitere Inkarnation dieses Typs gewesen. Die Figur des Hancock ist sozusagen der John McClane der Lüfte. Eine Revolution ist das ganze Geschehen also nicht, auch wenn Smiths Beleidigungen für einen Blockbuster ein recht beträchtliches Maß annehmen.

Ungewöhnlicher sind das noch die Figuren seiner Kollegen. Batemans Ray ist das eigentliche Superheldengewissen des Films. Er träumt davon, die Welt zum besseren zu ändern, indem er Großunternehmen ein Charity-Projekt aufschwatzt. Der Vorstadtdad, der zur Abwechslung mal nicht um die Anerkennung seines Sohnes kämpfen muss, macht aus Hancock erst einen Superhelden von Format, ein schnittiges Kostüm eingeschlossen.

Rays Frau Mary, gespielt von Charlize Theron, entspricht zunächst dem Typus der besorgten Ehefrau, entwickelt allerdings sehr bald ein verblüffendes Eigenleben. Alles andere wäre auch eine eklatante Verschwendung des Könnens der Oscarpreisträgerin gewesen. Zugegeben, mit dem Bedeutungsgewinn Marys beginnt der Plot zunehmend auseinanderzubröseln. Anders ausgedrückt: Die Löcher desselben nehmen gigantische Ausmaße an.

Dafür deuten die weiteren Wendungen des Films auf die für einen Superheldenfilm ungewöhnliche Bedeutungsverlagerung des Regisseurs Peter Berg hin. Da der einhändige Bösewicht des Films zu keiner Zeit an Lächerlichkeit verliert und ebenso wenig an Bedrohlichkeit gewinnt, verliert der Film nie seine Fokussierung auf die Einsamkeit der Figur Hancocks.

Hilfreich ist da die Masse der Close-ups, welche, ausgenommen die Actionszenen, fast die ganze Mise en scène ausmachen. Mit inszenatorischem Können hat es nicht mehr viel zu tun, wenn Regisseure ausschließlich auf Detail- und Großaufnahmen zurückgreifen und Figurengruppen kaum mehr in Halbtotalen zu dirigieren in der Lage sind. Der vermeintliche Realismus dieser auf Räumlichkeit verzichtenden, flachen Handkamerabilder gerät in Hancock in krassen Widerspruch zu einigen überstilisierten Bildern, die auch in einen Davidoff-Werbespot hätten integriert werden können.

Ob er durch seine an Gesichtern orientierte Inszenierung nun die Starpersonas puschen oder dem Genre etwas ungewohnten Realismus injizieren will, sei dahingestellt. Fakt ist, dass Peter Bergs Hancock ungeachtet des pathetischen Finales, unausgegorenen Spezialeffekten und einiger überstrapazierter running gags 90 Minuten sinnfreies Vergnügen liefert. Der Siegeszug des Will Smith an der Box Office wird wohl noch einige Zeit anhalten.


Zum Weiterlesen:
Der Trailer des Films.
Was Equilibrium zu Hancock zu sagen hat.
Das Filmmagazin Schnitt gibt auch noch seinen Senf dazu.
Der zum wiederholten Male auftauchende Fremdwörterfetischismus bei the gaffer führt zwangläufig zur berechtigten Frage: Was zum Teufel ist die Mise en scène?