Hancock (USA 2008)

HanockGanz auf die Starpower von Will Smith und das ausgeprägte Marketing vertrauend, haben die Macher von Hancock es tatsächlich geschafft, ohne Comicfanbase einen Box Office-Hit zu drehen. Zwar ist Hancock die Geschichte eines Superhelden, wenn auch der etwas anderen Art, doch basiert der Film auf einem Originaldrehbuch, keiner Vorlage von Marvel oder DC.

Dieses Drehbuch hebt Hancock zwar nicht über den Superheldendurchschnitt hinaus, sorgt aber für eine größtenteils abwechslungsreiche Unterhaltung. John Hancock ist nämlich ein rüder Säufer. Zugegeben, er ist mit übernatürlichen Kräften ausgestattet, aber an seiner misanthropischen Haltung ändert das wenig. Wer ihm begegnet, wird mindestens mit einer Beleidigung, im ungünstigen Fall mit einem millionenteuren Sachschaden davon kommen.

Da verblüfft es wenig, dass Hancock in L.A. wenig beliebt ist, schließlich sind seine Heldentaten eher von der groben Sorte. PR-Idealist Ray (Jason Bateman), dessen Leben der Trinker gerettet hat, will genau daran etwas ändern. Ein Imagewandel muss her, also überredet er Hancock zu einer Entschuldigung vor aller Öffentlichkeit und den freiwilligen Gang in den Knast. Soll die Stadt der Engel doch selbst sehen, wie sie ohne ihren unpopulären Helden zurechtkommt.

Die Grundidee des unkonventionellen (Anti-)Helden ist nicht neu. Tony Stark alias Iron Man ist vor kurzem eine weitere Inkarnation dieses Typs gewesen. Die Figur des Hancock ist sozusagen der John McClane der Lüfte. Eine Revolution ist das ganze Geschehen also nicht, auch wenn Smiths Beleidigungen für einen Blockbuster ein recht beträchtliches Maß annehmen.

Ungewöhnlicher sind das noch die Figuren seiner Kollegen. Batemans Ray ist das eigentliche Superheldengewissen des Films. Er träumt davon, die Welt zum besseren zu ändern, indem er Großunternehmen ein Charity-Projekt aufschwatzt. Der Vorstadtdad, der zur Abwechslung mal nicht um die Anerkennung seines Sohnes kämpfen muss, macht aus Hancock erst einen Superhelden von Format, ein schnittiges Kostüm eingeschlossen.

Rays Frau Mary, gespielt von Charlize Theron, entspricht zunächst dem Typus der besorgten Ehefrau, entwickelt allerdings sehr bald ein verblüffendes Eigenleben. Alles andere wäre auch eine eklatante Verschwendung des Könnens der Oscarpreisträgerin gewesen. Zugegeben, mit dem Bedeutungsgewinn Marys beginnt der Plot zunehmend auseinanderzubröseln. Anders ausgedrückt: Die Löcher desselben nehmen gigantische Ausmaße an.

Dafür deuten die weiteren Wendungen des Films auf die für einen Superheldenfilm ungewöhnliche Bedeutungsverlagerung des Regisseurs Peter Berg hin. Da der einhändige Bösewicht des Films zu keiner Zeit an Lächerlichkeit verliert und ebenso wenig an Bedrohlichkeit gewinnt, verliert der Film nie seine Fokussierung auf die Einsamkeit der Figur Hancocks.

Hilfreich ist da die Masse der Close-ups, welche, ausgenommen die Actionszenen, fast die ganze Mise en scène ausmachen. Mit inszenatorischem Können hat es nicht mehr viel zu tun, wenn Regisseure ausschließlich auf Detail- und Großaufnahmen zurückgreifen und Figurengruppen kaum mehr in Halbtotalen zu dirigieren in der Lage sind. Der vermeintliche Realismus dieser auf Räumlichkeit verzichtenden, flachen Handkamerabilder gerät in Hancock in krassen Widerspruch zu einigen überstilisierten Bildern, die auch in einen Davidoff-Werbespot hätten integriert werden können.

Ob er durch seine an Gesichtern orientierte Inszenierung nun die Starpersonas puschen oder dem Genre etwas ungewohnten Realismus injizieren will, sei dahingestellt. Fakt ist, dass Peter Bergs Hancock ungeachtet des pathetischen Finales, unausgegorenen Spezialeffekten und einiger überstrapazierter running gags 90 Minuten sinnfreies Vergnügen liefert. Der Siegeszug des Will Smith an der Box Office wird wohl noch einige Zeit anhalten.


Zum Weiterlesen:

Der Trailer des Films.

Was Equilibrium zu Hancock zu sagen hat.

Das Filmmagazin Schnitt gibt auch noch seinen Senf dazu.

Der zum wiederholten Male auftauchende Fremdwörterfetischismus bei the gaffer führt zwangläufig zur berechtigten Frage: Was zum Teufel ist die Mise en scène?

3 Antworten auf „Hancock (USA 2008)“

  1. Nun melde ich mich auch mal zu dieser von mir fast vergessenen Kritik zu Wort.
    Unser ähnlicher (wenn auch nicht gleicher) Filmgeschmack setzt sich auch bei „Hancock“ fort: Auch ich fand den Film ab dem dramatisierenden Mythologie- und Liebesgedöns irgendwie doof und selbiges überflüssig in Bezug auf den humoristischen Grundtenor des Films. Allerdings ein paar Nachfragen:
    1.) Was gabs es denn für running gags, die mir wsl. entgangen sind?
    2.) Ich würde Tony Stark nicht als unkonventionellen (Anti-) Helden begreifen. Er verbirgt seine Identität und lebt sein „Superheldentum“ freiwllig aus. John McClane – wenn du dies schon an anderer Stelle erwähnst – ist unfreiwllig der Held meiner Meinung nach.
    3.) Welche überstilisierten Bilder denn bitte? und
    4.) Das Wort „misnathropisch“ geht im obigen Kontext etwas zu weit. Man könnte es eher eher als eine egalitäre „Leck mich am Arsch und lass mich doch in Ruhe“-Einstellung bezeichnen.

    Soweit von mir. Ich geh jetzt schlafen.

  2. 1.) Der „nenn mich ja nicht Arschloch“ Gag wurde bis zum Erbrechen ausgereizt.
    2.) Stark ist für mich durchaus ein Antiheld, da er klassische heorische Ingredienzen vermissen lässt. Noch dazu neigt er (wie Hancock) zum Alkoholismus, zur Promiskuität und so weiter und so fort. Als Persönlichkeit besitzt er (ohne Anzug) im Grunde kaum einen Vorbildcharakter. Jedenfalls keinen, der mit Superman, Spiderman o.ä. vergleichbar ist.
    3.) Hancock wie er vor seinem Wohnwagen auf dieser Felsklippe steht (?), das sieht aus wie in einem Werbespot und passt nicht wirklich zur restlichen Optik.
    4.) Misanthropisch am Anfang, schließlich beleidigt er seine ganze Umgebung, lebt quasi als loner abseits der Gesellschaft. Das ist ja irgendwo ein selbst gewähltes Exil, das er erst aufgibt, als er Verantwortung für die Gesellschaft übernimmt.

  3. Nun wieder mein Senf auf dein Brot ;-):
    zu 1.) Ok. Verständlich.
    zu 2.) Wir verwenden anscheinend den Begriff „Antiheld“ anders. Was du ansprichst, würde ich eher als „klassischer Superheld“ bezeichnen. Eine Struktur im Comic, mit welcher durch „Iron Man“ und Co. ironisch gebrochen wird. Als „Antiheld“ würde ich eine Figur bezeichnen, die kein Held sein will und ohne Verschulden immer in Situationen gerät, wo er sich eben dann beweisen muss (John McClane eben). Dazu kommt: Ein „Antiheld“ hat für mich keine übermenschlichen Kräfte, seien sie nun „natürlich“ vorhanden (Superman, Spider-Man, Hulk) oder durch eine Rüstung mit selbigen „Fähigkeiten“ (eben Iron Man).
    zu 3.) Mir nicht aufgefallen, kann aber schon sein. Will Smith ist aber schon n Süßer, oder? ;-P
    zu 4.) Dann ist er kein Misanthrop, sondern ein Aussteiger, der mit gängigen Lebensweise und den gägigen Umgangsformen bricht. Naja soweit.
    zu 4.)

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