Die Eroberung der Stadt – Motorway (HK 2012)

Motorway FilmIn seinen berauschenden Momenten wirkt Motorway wie ein The Mission auf Rädern. Man kann den ästhetischen Stammbaum des Milkyway-House Styles über die neue Regiearbeit von Cheang Pou-Soi nahtlos zu seiner ersten Perfektionierung zurückverfolgen, zur Kurosawa-Hommage, welche die letzten 180 Sekunden von „Sanjuro“ auf 81 Minuten ausdehnte. Ähnlich präzise arbeitet Motorway, nur eben mit Autos statt Pistolen, einem Parkhaus statt einer Mall und einem Protagonisten, der mehr den hitzköpfigen Helden aus Cheangs früheren Filmen gleicht als den späten Milkyway-Killern. Shawn Yue kehrt nach „Shamo“ zurück in dessen Männerwelt und gibt den arroganten Rookie, der diesmal nicht den sachgerechten Einsatz seiner Fäuste, sondern den seines Automobils erlernt. Die Bürde der Zeit, die soviele Milkyway-Professionals in den Untergang zu treiben droht, bleibt Yues Cop erspart und vielleicht ist es diese Leichtigkeit, welche Fans des Hongkonger Produktionshauses sowie zufällig darüber stolpernde „Drive“-Bewunderer enttäuschen wird. „Motorway“, wie „The Mission“ die Beobachtung eines Lernprozesses, entsagt dem Fatalismus, den Johnnie To in „Exiled“ und „Vengeance“ zur Maxime all jener erklärt hatte, welche besagte Last noch wahrzunehmen im Stande sind. Eine Skorpionjacke sucht man hier außerdem vergebens.

Die Fahrer (so der Originaltitel ??) liefern sich in Motorway ein Gefecht der engen Kurven, desorientierenden Rauchwolken und plötzlichen Bremsmanöver. Der wie so oft vom Festland stammende Eindringling (Guo Xiaodong) kehrt zurück nach Hongkong, um seinen Kollegen aus dem Gefängnis zu befreien. Eine Einstellung – eine hochgelegene Terrasse, feine Kleidung, der weite Himmel – genügt, um klarzustellen, dass er es nicht des Geldes wegen tut.  Zunächst unwissentlich werden die Cops in sein Spiel gezogen. Dank einer strategischen Perfektion, die Accident würdig wäre, nimmt der Getaway Driver Hongkong in seine Gewalt, bestimmt mit seinem Auto wie der Bleistift eines Kartographen über die Wege durch die Häuserschluchten, die Routen der Verfolgung, die prinzipielle Erfahrbarkeit der Stadt. Seine Lockversuche ziehen die Cops in Schwärmen an. Der Rookie verbeißt sich in den Köder und das Kräftemessen nimmt seinen Lauf. Es ist der Versuch, den an sich schon schwer fassbaren Raum Hongkong wieder unter Kontrolle zu bringen. Um die Herausforderung zu meistern, gilt es nicht, das schnellere Auto zu fahren oder die geheime Abkürzung zu finden. Der Gegner muss innerhalb seines eigenen Regelkanons geschlagen werden, wodurch sich „Motorway“ wiederum klar im Milkyway-Universum positioniert. Der Getaway-Driver gehört zu den Ehrenvollen im jiang hu. Er ist nicht Simon Yams Gangsterboss in „Vengeance“, der seine Armee auf drei Killer hetzt. Mit den Bodyguards aus „The Mission“, die während einer Schießerei die Fähigkeiten ihres Gegners bestaunen und diesem anschließend einen Tee servieren, teilen diese Konkurrenten dagegen eine entfernte Verwandtschaft.

Obwohl in Motorway die Beziehung der beiden Spieler dramaturgisch untermauert wird und sich deswegen eine Dreiecksgeschichte irgendwo zwischen „Karate Kid“ und „Top Gun“ entspinnt, schüttelt das Duell den Charakter eines fachmännischen Wettbewerbs nie ab. Die schlichtweg außergewöhnlich choreographierten Set Pieces auf dem vom Neonlicht beschienenen Asphalt der Metropole generieren aus diesem extrem analytischen Blick eine solche physische Spannung, dass selbst der Stillstand der Motoren die Bilder vor Energie kochen lässt. Als höchstes Ziel wird die sinnliche Verschmelzung mit der Maschine proklamiert (der drive). Wenn die Hand langsam über den Lack streicht, die entfernten Vibrationen eines Gefährts die Haut sehnsüchtig erzittern lassen oder die roten Bremslichter des Jägers durch den Rauch der Abgase verschwinden, dann kommt Motorway ebenda an. Cheang Pou-Soi hat einen Film gedreht, der seine audiovisuellen Pferdestärken nicht aus dem Genre-üblichen Geschwindigkeitsrausch bezieht. Zwischen höchster Anspannung und präziser Entladung tragen die Fahrer einen Kampf um die Straßen aus, der sie gleichermaßen in der wuxia-Tradition des Heroic Bloodshed und dessen unsentimentaler Bereinigung Ende der 90er Jahre verortet. Das optimistische Abenteuer eines jungen Großstädters, der primär sich selbst überwinden muss, fühlt sich nichtsdestotrotz zutiefst wohl in der Hongkonger Gegenwart.

Frame(s): Gefangen

Raum im Film – das ist eigentlich ein Widerspruch. Der Widerspruch von Projektionsfläche  und Tiefenillusion. Wie in einem Gemälde auch kann im Film der Schein von Räumlichkeit durch verschiedene Mittel erzeugt werden. Wie werden die Figuren angeordnet? Wie sieht es mit Perspektive und Tiefenschärfe aus? Diese und andere formale Mittel sind natürlich nicht wahllos gewählt, sondern stehen idealerweise in Beziehung zur Handlung, der Psychologie der Figuren oder dem mysteriösen Etwas, das sich „Meta-Ebene“ schimpft. Eines der bekanntesten Beispiele: Die Steadycam-Erkundungen des Overlook-Hotels und der Geisteszustand von Jack Torrance in „The Shining“.

Wenn auch Accident von Soi Cheang mit Kubricks Familienhorror nicht viel gemein hat, so ist in beiden Filmen die Hauptfigur eine, deren Verstand zum Schaden ihrer Umgebung in den Wahn abgleitet. In „Accident“ spielt Louis Koo einen Auftragskiller, der seine Morde wie komplex inszenierte Unfälle aussehen lässt. Von Beginn an wird er als Paranoiker charakterisiert. Als er jedoch vermutet, selbst ins Fadenkreuz eines Kollegen geraten zu sein, kennt sein Verfolgungswahn keine Grenzen mehr.

Frames*: „Accident“ (HK 2009); Regie: Soi Cheang**


Ein visuelles Motiv, das sich durch den ganzen Film zieht: Die Flächigkeit des Bildes…

… erzeugt durch die Konzentration auf eine Bildebene. Unscharfe Strukturen rahmen gitterartig unseren Helden ein.

Das Objekt seiner Beobachtung eingefangen im Fenster eines Hochhauses. Die Form gleicht der einer Linse.

Wieder das Objekt, die Bedrohung. Diesmal dank der Spiegelung in dreifacher Ausführung. Auch der unscharfe Bereich im Vordergrund und die Rahmung innerhalb des Bildes sind da.

Linse und Spiegelbild treffen zusammen. Unser Held hängt eingefangen wie in einem Bild von René Magritte an der Wand.

Der Held vom Türrahmen fixiert. Das Bildnis seines Wahns ist die Wand hinter ihm, doch über seinen Zustand wissen wir längst Bescheid.

Was bleibt? Vielleicht ist es der Blick aus dem Gefängnis; vielleicht auch sein Verfolgungs- und Überwachungswahn in tausend kleinen Linsen tragisch überspitzt.


* Die Frames sind chronologisch angeordnet entsprechend ihres Auftauchens im Film.
** Soi Cheang heißt manchmal auch Cheang Pou-Soi. „Accident“ ist seine erste Regiearbeit für Milkyway Image. Davor hat er mit „Dog Bite Dog“ (2006) die Zuschauer begeistert und mit „Shamo“ (2007) dieselben an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen.