Frame(s): Gefangen

Raum im Film – das ist eigentlich ein Widerspruch. Der Widerspruch von Projektionsfläche  und Tiefenillusion. Wie in einem Gemälde auch kann im Film der Schein von Räumlichkeit durch verschiedene Mittel erzeugt werden. Wie werden die Figuren angeordnet? Wie sieht es mit Perspektive und Tiefenschärfe aus? Diese und andere formale Mittel sind natürlich nicht wahllos gewählt, sondern stehen idealerweise in Beziehung zur Handlung, der Psychologie der Figuren oder dem mysteriösen Etwas, das sich „Meta-Ebene“ schimpft. Eines der bekanntesten Beispiele: Die Steadycam-Erkundungen des Overlook-Hotels und der Geisteszustand von Jack Torrance in „The Shining“.

Wenn auch Accident von Soi Cheang mit Kubricks Familienhorror nicht viel gemein hat, so ist in beiden Filmen die Hauptfigur eine, deren Verstand zum Schaden ihrer Umgebung in den Wahn abgleitet. In „Accident“ spielt Louis Koo einen Auftragskiller, der seine Morde wie komplex inszenierte Unfälle aussehen lässt. Von Beginn an wird er als Paranoiker charakterisiert. Als er jedoch vermutet, selbst ins Fadenkreuz eines Kollegen geraten zu sein, kennt sein Verfolgungswahn keine Grenzen mehr.

Frames*: „Accident“ (HK 2009); Regie: Soi Cheang**


Ein visuelles Motiv, das sich durch den ganzen Film zieht: Die Flächigkeit des Bildes…

… erzeugt durch die Konzentration auf eine Bildebene. Unscharfe Strukturen rahmen gitterartig unseren Helden ein.

Das Objekt seiner Beobachtung eingefangen im Fenster eines Hochhauses. Die Form gleicht der einer Linse.

Wieder das Objekt, die Bedrohung. Diesmal dank der Spiegelung in dreifacher Ausführung. Auch der unscharfe Bereich im Vordergrund und die Rahmung innerhalb des Bildes sind da.

Linse und Spiegelbild treffen zusammen. Unser Held hängt eingefangen wie in einem Bild von René Magritte an der Wand.

Der Held vom Türrahmen fixiert. Das Bildnis seines Wahns ist die Wand hinter ihm, doch über seinen Zustand wissen wir längst Bescheid.

Was bleibt? Vielleicht ist es der Blick aus dem Gefängnis; vielleicht auch sein Verfolgungs- und Überwachungswahn in tausend kleinen Linsen tragisch überspitzt.


* Die Frames sind chronologisch angeordnet entsprechend ihres Auftauchens im Film.
** Soi Cheang heißt manchmal auch Cheang Pou-Soi. „Accident“ ist seine erste Regiearbeit für Milkyway Image. Davor hat er mit „Dog Bite Dog“ (2006) die Zuschauer begeistert und mit „Shamo“ (2007) dieselben an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen.

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Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

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