Frame(s): Cameron Frye’s Day Off

Ferris macht blau ist wahrscheinlich John Hughes bester Film. Im Vergleich zum gefährlichsten Konkurrenten um diesen Titel  – „The Breakfast Club“ – verhandelt „Ferris“ ähnliche Themen im subtileren Mantel der Highschool-Komödie. Reiht der Coming of Age-Experte im „Club“ unterschiedliche Schülertypen auf, nur um zu zeigen, dass sie tief drinnen alle nur unsichere Teenies sind, gestaltet er „Ferris“ weitaus cleverer.

Schon der Titel verweist auf die augenscheinlich belanglose Leichtigkeit des Geschehens. Ferris (Matthew Broderick), die Hauptfigur, ist ein Traum1. Respektlos, intelligent, lustig, von den Mitschülern verehrt – nicht gerade der typische Protagonist eines Films über das Erwachsenwerden. Deswegen macht nicht er die Entwicklung durch, sondern sein Freund Cameron (Alan Ruck). Jeder wäre in seiner Jugend gern ein Ferris gewesen, doch die meisten ähnelten eher letzterem. Schritt für Schritt verlagert Hughes im Verlauf des Films den Fokus auf Cameron und insbesondere dessen Konflikt mit seinem dominanten Vater. Die Sequenz im Art Institute of Chicago kann man nun als Wendepunkt bezeichnen, der den Höhepunkt in der Garage von Camerons Vater gegen Ende des Films vorbereitet.





















  1. Es ist sicher kein Zufall, dass Ferris mit Sloane ausgerechnet vor einem Chagall sitzt (den „America Windows“), während Camerons intensive Betrachtung einem Bild des Pointillisten George Seurat gilt. Die komplette Liste der zu sehenden Kunstwerke findet man hier. Die Sequenz gibt’s in voller Länge bei YouTube zu sehen. []

Frame(s): Gefangen

Raum im Film – das ist eigentlich ein Widerspruch. Der Widerspruch von Projektionsfläche  und Tiefenillusion. Wie in einem Gemälde auch kann im Film der Schein von Räumlichkeit durch verschiedene Mittel erzeugt werden. Wie werden die Figuren angeordnet? Wie sieht es mit Perspektive und Tiefenschärfe aus? Diese und andere formale Mittel sind natürlich nicht wahllos gewählt, sondern stehen idealerweise in Beziehung zur Handlung, der Psychologie der Figuren oder dem mysteriösen Etwas, das sich „Meta-Ebene“ schimpft. Eines der bekanntesten Beispiele: Die Steadycam-Erkundungen des Overlook-Hotels und der Geisteszustand von Jack Torrance in „The Shining“.

Wenn auch Accident von Soi Cheang mit Kubricks Familienhorror nicht viel gemein hat, so ist in beiden Filmen die Hauptfigur eine, deren Verstand zum Schaden ihrer Umgebung in den Wahn abgleitet. In „Accident“ spielt Louis Koo einen Auftragskiller, der seine Morde wie komplex inszenierte Unfälle aussehen lässt. Von Beginn an wird er als Paranoiker charakterisiert. Als er jedoch vermutet, selbst ins Fadenkreuz eines Kollegen geraten zu sein, kennt sein Verfolgungswahn keine Grenzen mehr.

Frames*: „Accident“ (HK 2009); Regie: Soi Cheang**


Ein visuelles Motiv, das sich durch den ganzen Film zieht: Die Flächigkeit des Bildes…

… erzeugt durch die Konzentration auf eine Bildebene. Unscharfe Strukturen rahmen gitterartig unseren Helden ein.

Das Objekt seiner Beobachtung eingefangen im Fenster eines Hochhauses. Die Form gleicht der einer Linse.

Wieder das Objekt, die Bedrohung. Diesmal dank der Spiegelung in dreifacher Ausführung. Auch der unscharfe Bereich im Vordergrund und die Rahmung innerhalb des Bildes sind da.

Linse und Spiegelbild treffen zusammen. Unser Held hängt eingefangen wie in einem Bild von René Magritte an der Wand.

Der Held vom Türrahmen fixiert. Das Bildnis seines Wahns ist die Wand hinter ihm, doch über seinen Zustand wissen wir längst Bescheid.

Was bleibt? Vielleicht ist es der Blick aus dem Gefängnis; vielleicht auch sein Verfolgungs- und Überwachungswahn in tausend kleinen Linsen tragisch überspitzt.


* Die Frames sind chronologisch angeordnet entsprechend ihres Auftauchens im Film.
** Soi Cheang heißt manchmal auch Cheang Pou-Soi. „Accident“ ist seine erste Regiearbeit für Milkyway Image. Davor hat er mit „Dog Bite Dog“ (2006) die Zuschauer begeistert und mit „Shamo“ (2007) dieselben an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln lassen.

Frame: Triffst du nur das Zauberwort

Immersiv ist der Blick über die Schulter, denn die Figuren im Vordergrund bilden nur Silhouetten, welche jeder Zuschauer mit seinem subjektiven Blick füllen kann. Romantisch ist auch das Sujet der Einstellung. Die mittelalterliche Burg wird innerhalb der geheimnisvoll düsteren Natur mystifiziert und thront voll melancholischer Erhabenheit in der Ferne. Sie ist Ort der Sehnsucht, eine Parallelwelt in sich, nur für wenige sichtbar; in diesem Moment Projektion einer möglichen Heimat und Spiegelung des Wunsches nach dem Zuhause, das unserem Held nach nur einem Jahr auf der Welt entrissen wurde.

Es ist der Blick auf die von Magie erfüllte Natur, welchen Harry und Hermine hier teilen. Wie zwei Besucher einer Ausstellung, die kontemplativ ein Gemälde bestaunen. Oder wie zwei Zuschauer im Kinosaal.

Frame: Harry Potter und der Gefangene von Askaban (USA/GB 2004); Regie: Alfonso Cuarón


Querverweise: mann-und-frau-den-mond-betrachtend_Small

Caspar David Friedrich: „Mann und Frau in Betrachtung des Mondes“ (Öl auf Leinwand, 1830-35)

Joseph Freiherr von Eichendorff: „Wünschelrute“ (1835)

Frame: Wunder

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Als Indiana Jones seine Abenteuer dank lebendig gewordener Geschichte erlebte, da wollte jeder, der auch nur im Stande war, das Wort auszusprechen, Archäologe werden. Einen Schritt weiter geht Steven Spielberg in „Jurassic Park“, der ultimativen Blockbuster-Zelebrierung des Nerds. Ein Paläontologe, ein Chaostheoretiker, eine Paläobotanikerin – drei Doktortitel künden vom Heldentum. Die beiden Kinder: ein besserwisserischer Dino-Fan und eine angehende Hackerin.

Außenseiter als Abenteurer. Dabei verleiht Wissen hier nicht primär Macht, sondern Verantwortung. Bei aller Kritik, die in den folgenden Minuten auf den Träumer John Hammond einprasseln wird, weiß Spielberg vor dem Grauen die Erhabenheit des Wunders zu verbildlichen. Statt mühsam ausgegrabenen Knochen und vagen Vorstellungen, atmendes, lebendiges Fleisch und Blut. Im Angesicht der mampfenden Urzeit ist der Mensch wirklich nicht mehr als ein Wimpernschlag der Geschichte.

Frame: Jurassic Park (USA 1993); Regie: Steven Spielberg