Wollmilchcast #54 – Halloween von David Gordon Green

Halloween 2018

Michael Myers stutzt mal wieder die Lebenserwartung von Vorstadtbewohnern und das in einer direkten Fortsetzung des Klassikers von John Carpenter. Trotzdem heißt der neue Halloween-Film nicht Halloween 2 und im Wollmilchcast gehen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich der Frage nach, was das für Auswirkungen auf den Horrorfilm von David Gordon Green hat. Außerdem entreißt Matthias heroisch Luc Bessons Johanna von Orleans dem Morast des Vergessens, während ich die handygestützte Action aus SPL 2: A Time for Consequences mit den Martial Arts-Recken Wu Jing und Tony Jaa vorstelle. Viel Spaß!
Shownotes:

  • 00:01:28 – Halloween von David Gordon Green (!SPOILER!)
  • 00:42:55 – Johanna von Orleans von Luc Besson (1999)
  • 00:55:15 – SPL 2: A Time for Consequences von Soi Cheang (2015)
  • 01:03:40 – Verabschiedung


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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)
Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: Universal

Die Wüste der Wirklichkeit – Drug War (HK/VRC 2012)

Drug War Poster

In Johnnie Tos „Breaking News“ liefern sich Hongkonger Polizisten und Räuber aus Festlandchina ein Katz- und Mausspiel in einem Apartment-Block. Da drängen sich die Cops durch kahle enge Flure und Treppenhäuser, eingefangen in betonfarbenen Bildern, die wie der Rest des Films mit einem kalten metallischen Glanz versehen wurden. Wenn man Drug War auf Biegen und Brechen in ein Verwandtschaftsverhältnis mit Tos bisherigen Filmen setzen möchte, dann ist die medial sezierte Hetzjagd samt Geiselnahme aus dem Jahr 2004 die erste Anlaufstelle. „Drug War“ spielt sich in einem ähnlich eng bemessenem zeitlichen Rahmen ab und addiert zur  entschlackten, unsentimentalen Cops & Robbers (bzw. Drug Traffickers)-Geschichte die tiefschwarze Nacht, in der sich die meisten von Tos Gangsterfilmen und Policiers so wohlfühlen. Konterkarierte „Breaking News“ das gängige Klischee des gesichtslosen oder negativ konnotierten Mainland-Ganoven, der in Hongkong das schnelle Geld sucht, in dem es diesen zur Hauptfigur erhob, werden die Figuren in „Drug War“ unter völlig anderen Vorzeichen angeordnet. Diesmal kommt der Hongkonger (Louis Koo), ein auf dem Festland agierender Drogenfabrikant, in Konflikt mit der chinesischen Polizei. In einer Hafenstadt im Norden Chinas rast er durch die Fensterscheiben eines Restaurants. Sein Drogenlabor ist in die Luft geflogen, die Ehefrau mit ihm, und nun wartet die Todesstrafe. Der einzige Ausweg: zwei größere Fische an die Polizei verfüttern, unterstützt und überwacht von einem Undercover-Ermittler (Sun Honglei).

Knüpfen die beiden Koproduktionen „Don’t Go Breaking My Heart“ und „Romancing in Thin Air“ an Hongkonger Bürokomödien und Melodramen an, ist „Drug War“ nicht bloß die Anwendung eines Erfolgsrezepts innerhalb der Strukturen einer anderen Filmindustrie. Die Vorgaben der chinesischen Zensurbehörde SARFT lassen sich im Gunde nicht mit dem Gangsterfilm Hongkonger Prägung vereinen, egal ob es sich um nostalgische Kugelballette oder entglorifizierende Sektionen des organisierten Verbrechens handelt. Dass die Subversion der Richtlinien im Kino der Volksrepublik möglich und erfolgreich sein kann, bewies etwa Jiang Wen mit seiner satirischen Abrechnung mit der regionalen Bürokratie in „Let The Bullets Fly“. Den Drogenkrieg auf dem Festland nehmen Johnnie To und Wai Ka-Fai nun keineswegs zum Anlass, die Geduld der Zensurbehörde bis zum Letzten herauszufordern. Stattdessen fügt sich „Drug War“ ganz elegant dem narrativen Diktat von den fähigen Cops, den zu verurteilenden Verbrechern und entwickelt sich gerade dank der Achtung der Spielregeln zu einer vernichtenden Abkanzelung derselben.

Die wortkargen professionals, die in anderen Milkyway-Produktionen auf beiden Seiten des Gesetzes zu finden sind, agieren in „Drug War“ primär in den Reihen der Polizei. Angeführt durch Sun Hongleis Captan Zhang Lei, sind die Drogenfahnder in ihrer Arbeit perfekt aufeinander abgestimmt. Zhang, ein eigenschaftsloser Schauspieler, wechselt im Undercover-Dienst fließend zwischen verschiedenen Gangsterrollen. Zurückgeworfen auf die Polizistenpersönlichkeit wirkt er ebenso leer wie seine Kollegen, mit denen er in  undefinierbaren, schattigen Nicht-Orten haust. Überhaupt spielt sich „Drug War“ in einem räumlichen Nirgendwo von Autobahnen, Baustellen und Hotelzimmern ab, dessen trostloser Gipfel ein von einer Armada identisch aussehender Kutter übersäter Hafen ist, in dessen grauem Meer einzig, aber ebenso monoton, die vielen roten Flaggen der Volksrepublik hervorstechen. Lukten hinter den verrammelten Türen in jenem Apartment-Block in „Breaking News“ Menschen hervor, bleibt in „Drug War“ nur die industrielle Wüste, ein Ort, den sich Gangster und Polizisten gar nicht erst aneignen müssen. Er ist längst ein Schlachtfeld, die Zivilisten vertrieben.

Vielleicht lässt sich die postapokalyptische, entsinnlichte Szenerie in „Drug War“ an keinem Motiv so gut festmachen wie dem Essen, Zentrum so vieler Verhandlungen, Krisen und Mexican Standoffs in Johnnie Tos Werken. Selbst die Gangster in „Breaking News“ finden Zeit, um mit ihren Geiseln zu kochen und zu schmausen. In „Drug War“ präsentiert ein  Drogenhändler mit dem verdienten Spitznamen Haha einmal stolz einen gigantischen aufgebahrten Fisch, zu mehr als nur Prahlerei dient er allerdings nicht. Dabei zeigen die Gesetzlosen im Gegensatz zu ihren Jägern immerhin noch Ansätze eines Eigenlebens. Haha ist so ein janusgesichtiger Exzentriker, der sich auch in „Election“ gut machen würde, ebenso die taubstummen Helfershelfer von Louis Koos Timmy, der mit seinem unzähmbaren Überlebensinstinkt, seiner Individualität um jeden Preis, als Gegenstück zum Polizistenkollektiv aufgebaut wird. Die spärlichen Sympathien fliegen hier den lasterhaften Ganoven zu, erst recht als die mit Milkyway-Stammschauspielern besetzten Hongkonger Verbindungsmänner auf der Bühne erscheinen. Dann bringt in „Drug War“ ein zweiter, ein im Schatten lauernder Film die moralisch vorgegebene Eindeutigkeit in Unruhe. Dass der Thriller darunter nicht leidet, ist der glasklar komponierten Erzählung eines Meisters zuzuschreiben, der sich schon lange nicht mehr in aufmerksamkeitsheischenden Plansequenzen beweisen muss. In diesem über weite Strecken von einem automatisierten Polizeiapparat angetriebenen Werk wird jeder Zweifel über die Loyalitäten in der letzten Einstellung ausgeräumt, deren zutiefst menschliches Keuchen und Wimmern im Abspann nachhallt.

Trailer für Drug War von Johnnie To

Mit seinen letzten RomComs hat sich Johnnie To bereits aufs chinesische Festland gewagt. Nun folgt mit Drug War der Krimi-Einstand in der Volksrepublik. Der neue Film, von Wai Ka-Fai und Yau Nai-Hoi (bzw. dem Milkyway Creative Team) geschrieben, dürfte schon deswegen als test case für Aufmerksamkeit sorgen, gilt es doch, die wachen Augen der SARFT zu passieren und dabei gritty und irgendwie relevant zu bleiben. Von den internationalen Fan(boys) ganz zu schweigen. So lange die Bösen ihre Bestrafung erhalten, müsste das auch hinhauen. Eine Alternative wäre ein separater HK-Cut. In der Regel werden Hongkong-Filme, wie zuletzt der Milkyway-Streifen Punished, notfalls mit einem den Zensoren genehmen Ende versehen, um im Mainland zu laufen. Drug War allerdings ist eine festlandchinesische Produktion.

Neben Blind Detective ist Drug War die zweite Regiearbeit, an der Johnnie To dieses Jahr werkelt. Ersterer, eine Hongkong-Produktion, vereint Andy Lau und Sammi Cheng wieder. Drug War wiederum kommt mit den Milkyway-Experten Louis Koo, Sun Hong-Lei, Michelle Ye, Lam Ka-Tung, Cheung Siu-Fai (?) und natürlich Lam Suet aus.

Nun gibt’s jedenfalls einen ordentlichen (noch nicht englisch untertitelten Trailer) für Drug War, der ein bisschen Election-Atmosphäre aufkommen lässt.

Es müssen ja nicht immer Schießereien sein

Auch wenn Johnnie To durch seine Gangsterfilme und Policiers berühmt geworden ist, dreht der Mann mit der Zigarre regelmäßig Filme von der sanfteren Sorte. Die scheinen häufig das Licht der Welt zu erblicken, um Geld zu scheffeln für die ambitionierteren Projekte. Diesen RomCom-Zweig seiner Filmografie deshalb einfach zu ignorieren, führt jedoch nur dazu, dass man echte Perlen wie „Needing You…“ übersieht. Tos neue RomCom, die er mit Wai Ka-Fai gedreht hat, heißt Don’t Go Breaking My Heart. Daniel Wu, Louis Koo und Gao Yuan-Yuan gehören zum Personal. Den Trailer mit englischen Untertiteln kann man unten anschauen. Wann Tos nächster Krimi „Death of a Hostage/Life Without Principle“ mit Lau Ching-Wan („Mad Detective“) fertig ist, steht anscheinend noch in den Sternen.

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Throw Down (HK 2004)

Ab und zu muss ein Regisseur mal Abstand nehmen von brutalen Gangsterepen und Actionfesten. Ab und zu, den Eindruck macht zumindest die Filmografie von Johnnie To, ist ein persönliches Projekt von Nöten. Wie ein Jazzmusiker schüttelt der Fachmann für den stylischen Blutverlust dann eine gut gelaunte Improvisation aus dem Ärmel. Im Gegensatz zu den Neujahrskomödien, mit denen To einen Teil des letzten Jahrzehnts verbracht hat, prägt Filme wie „Sparrow“ eine Exzentrik, die an kommerziellen Erwägungen vorbei schielt. Ein Gaunermusical ohne Gesang, welches Hongkong mit dem Blick eines französischen Films der Sechziger inszeniert, darf durchaus als Wagnis betrachtet werden.

Mit Tos Akira Kurosawa-Hommage Throw Down verhält es sich ganz ähnlich. Zunächst einmal: Es gibt Gangster, aber keine Waffen in „Throw Down“. Doch das ist natürlich nicht alles. In der Welt des Films betätigt sich nämlich jeder Mann als Judoka. Würden im Normalfall des Hongkong-Kinos die Gegner einander meucheln, dominiert hier der japanische Sport das Geschehen. Eine ausgekugelte Schulter ersetzt sozusagen die Schusswunde. Judo ist nicht der naheliegendste Kampfsport in der von Martial Arts-Filmen geprägten Sonderverwaltungszone. Genauso wie „Sparrow“ später den Taschendiebstahl zu einer Fantasie-Subkultur werden lässt, reichert „Throw Down“ seinen fantastischen Gehalt an durch die Wahl dieser abwegigen „Umgangsform“. Das passiert eben, wenn man als Hongkonger Regisseur eine filmische Verbeugung vor einem japanischen Meister vollbringt. Angelehnt ist „Throw Down“ schließlich an Kurosawas Regiedebüt „Sugata Sanshiro“, in dem es – genau! – um einen Judoka geht.

Szeto (Louis Koo), dauerbetrunkener Barbesitzer, war einst ein talentierter Vertreter dieser Kampfkunst, doch nun lebt er ziellos in den Tag hinein und verwettet ebenso planlos sein Geld. Doch dann kommt Tony (Aaron Kwok) in die Bar. Er spielt zwar Saxofon, aber eigentlich will er gegen Szeto kämpfen. Der hat allerdings längst den Glauben an sich selbst und seinen Sport verloren. Komplettiert wird das seltsame Trio durch Mona (Cherie Ying), die nach Hongkong gereist ist, um nichts geringeres zu werden als ein Star.  Tony und die angehende Sängerin sind so etwas wie die personifizierten Träume, die in Szetos Leben eindringen und ihn unwissentlich daran erinnern, dass Sehnsüchte und Wünsche es sind, die einen Menschen am Leben erhalten können.

Szeto wird natürlich früher oder später aus seinem Koma geweckt und wieder ein Ziel in seinem Leben finden. In ihm erwacht der Judoka und damit die Vitalität. Die Stationen des Sportfilms abzuklappern, ist jedoch nicht im Sinne Tos. Das Drumherum macht die Musik und dazu gehören die in tiefe Gelb- und Rottöne getauchten, wunderbaren Figuren, deren skurrile Eigenarten er virtuos, aber liebenswert zu einem  sympathischen Kuriositätenkabinett arrangiert. Beispielhaft dafür ist eine großartig montierte Szene, in der allerhand verschiedene Parteien etwas von dem ungewöhnlichen Dreiergespann wollen. Zwischen mehreren Tischen in der Bar und ebenso vielen Dialogsträngen hin und her springt To elegant, ohne dabei Faden oder Timing zu verlieren. Verkörpert wird die  ungewohnt optimistische Lebendigkeit des filmischen Unterfangens namens „Throw Down“ insbesondere durch Eddie Cheungs Gangsterboss Savage. Der ist ein zwanghafter Spieler und das ist ernst gemeint. Da kann ein Air Hockey-Spiel gegen einen kleinen Jungen schon mal zur Herzenssache werden. Doch Savage ist wie alle Figuren in diesem Judofilm im Grunde echt nett.

Was die formalen Merkmale betrifft,  gibt sich „Throw Down“ durchaus als typischer To. Eine gewisse Überstilisierung mit einer Vorliebe für starke Noir-Kontraste teilt der Film u.a. mit dem Policier „PTU“ und auch späteren Arbeiten, die sich im Gangstermilieu aufhalten. Weder die düstere Lichtsetzung, noch die kräftigen Farben oder der Zeitlupen-Einsatz stehen der vergleichsweise gut gelaunten Story im Weg. Zurückzuführen ist dies auf das grundlegende Anliegen des Films. Schießereien werden mit Judo-Kämpfen ersetzt und in den Auseinandersetzungen geht es nicht um den  blutigen Heldentod. Gleichwohl bewegt sich To thematisch gesehen auf seinem Lieblingsterrain: Menschen und die Jobs, denen sie nachgehen. Ihre Missionen, ob Gangster, Taschendieb oder Judoka, bestimmen ihr Schicksal. Die Frage, welche To in seinen besten Filmen bewegt, ist jene nach dem Spannungsverhältnis zwischen der Prädestination durch ein System (das Syndikat, die Gemeinschaft der Judoka…) und den Widerstand gegen dasselbe. So wie die Gangster in „Election“ seit ihrer Jugend in der Triade sind und dies bis zum Tode bleiben werden, wurde Szeto als Judoka geboren. Er muss nun auf den ihm gegebenen rechten Pfad zurückfinden.

Wie in seinen Gangsterfilmen ist To auch hier von Ritualen fasziniert. Diese Haltung verwandelt die Ausübung des Sports in einen quasi-religiösen Akt, der in der Inszenierung entsprechend mythisch aufgeladen dargestellt wird. Im Zeitlupen- und Farbenrausch gipfelt etwa der Kampf dutzender Sportler auf offener Straße. Dessen ungeachtet ist der ästhetische Genuss des Spektakels in „Throw Down“ keinesfalls das Nonplusultra. Die Höhepunkte sind vielmehr in den verträumten, den kleineren Momenten zu finden, welche auf eine große Zärtlichkeit gegenüber seinen Figuren hinweisen. Eine eher selten in solcher Intensität zu beobachtende Seite des Regisseurs offenbart sich hier. „Throw Down“ ist gerade deshalb ein feel-good movie, ein leichtes, aber kein leichtgewichtiges Vergnügen, welches  deshalb einer Spielerei wie „Sparrow“ überlegen ist. Anders als in den Genrevariationen und Übungen legt To die zuweilen unterkühlte Haltung ab und ergibt sich voll und ganz seiner sanften, romantischen Ader. Es bleibt zu hoffen, dass er dieser Versuchung noch öfter nachgibt.