Die Wüste der Wirklichkeit – Drug War (HK/VRC 2012)

Drug War Poster

In Johnnie Tos „Breaking News“ liefern sich Hongkonger Polizisten und Räuber aus Festlandchina ein Katz- und Mausspiel in einem Apartment-Block. Da drängen sich die Cops durch kahle enge Flure und Treppenhäuser, eingefangen in betonfarbenen Bildern, die wie der Rest des Films mit einem kalten metallischen Glanz versehen wurden. Wenn man Drug War auf Biegen und Brechen in ein Verwandtschaftsverhältnis mit Tos bisherigen Filmen setzen möchte, dann ist die medial sezierte Hetzjagd samt Geiselnahme aus dem Jahr 2004 die erste Anlaufstelle. „Drug War“ spielt sich in einem ähnlich eng bemessenem zeitlichen Rahmen ab und addiert zur  entschlackten, unsentimentalen Cops & Robbers (bzw. Drug Traffickers)-Geschichte die tiefschwarze Nacht, in der sich die meisten von Tos Gangsterfilmen und Policiers so wohlfühlen. Konterkarierte „Breaking News“ das gängige Klischee des gesichtslosen oder negativ konnotierten Mainland-Ganoven, der in Hongkong das schnelle Geld sucht, in dem es diesen zur Hauptfigur erhob, werden die Figuren in „Drug War“ unter völlig anderen Vorzeichen angeordnet. Diesmal kommt der Hongkonger (Louis Koo), ein auf dem Festland agierender Drogenfabrikant, in Konflikt mit der chinesischen Polizei. In einer Hafenstadt im Norden Chinas rast er durch die Fensterscheiben eines Restaurants. Sein Drogenlabor ist in die Luft geflogen, die Ehefrau mit ihm, und nun wartet die Todesstrafe. Der einzige Ausweg: zwei größere Fische an die Polizei verfüttern, unterstützt und überwacht von einem Undercover-Ermittler (Sun Honglei).

Knüpfen die beiden Koproduktionen „Don’t Go Breaking My Heart“ und „Romancing in Thin Air“ an Hongkonger Bürokomödien und Melodramen an, ist „Drug War“ nicht bloß die Anwendung eines Erfolgsrezepts innerhalb der Strukturen einer anderen Filmindustrie. Die Vorgaben der chinesischen Zensurbehörde SARFT lassen sich im Gunde nicht mit dem Gangsterfilm Hongkonger Prägung vereinen, egal ob es sich um nostalgische Kugelballette oder entglorifizierende Sektionen des organisierten Verbrechens handelt. Dass die Subversion der Richtlinien im Kino der Volksrepublik möglich und erfolgreich sein kann, bewies etwa Jiang Wen mit seiner satirischen Abrechnung mit der regionalen Bürokratie in „Let The Bullets Fly“. Den Drogenkrieg auf dem Festland nehmen Johnnie To und Wai Ka-Fai nun keineswegs zum Anlass, die Geduld der Zensurbehörde bis zum Letzten herauszufordern. Stattdessen fügt sich „Drug War“ ganz elegant dem narrativen Diktat von den fähigen Cops, den zu verurteilenden Verbrechern und entwickelt sich gerade dank der Achtung der Spielregeln zu einer vernichtenden Abkanzelung derselben.

Die wortkargen professionals, die in anderen Milkyway-Produktionen auf beiden Seiten des Gesetzes zu finden sind, agieren in „Drug War“ primär in den Reihen der Polizei. Angeführt durch Sun Hongleis Captan Zhang Lei, sind die Drogenfahnder in ihrer Arbeit perfekt aufeinander abgestimmt. Zhang, ein eigenschaftsloser Schauspieler, wechselt im Undercover-Dienst fließend zwischen verschiedenen Gangsterrollen. Zurückgeworfen auf die Polizistenpersönlichkeit wirkt er ebenso leer wie seine Kollegen, mit denen er in  undefinierbaren, schattigen Nicht-Orten haust. Überhaupt spielt sich „Drug War“ in einem räumlichen Nirgendwo von Autobahnen, Baustellen und Hotelzimmern ab, dessen trostloser Gipfel ein von einer Armada identisch aussehender Kutter übersäter Hafen ist, in dessen grauem Meer einzig, aber ebenso monoton, die vielen roten Flaggen der Volksrepublik hervorstechen. Lukten hinter den verrammelten Türen in jenem Apartment-Block in „Breaking News“ Menschen hervor, bleibt in „Drug War“ nur die industrielle Wüste, ein Ort, den sich Gangster und Polizisten gar nicht erst aneignen müssen. Er ist längst ein Schlachtfeld, die Zivilisten vertrieben.

Vielleicht lässt sich die postapokalyptische, entsinnlichte Szenerie in „Drug War“ an keinem Motiv so gut festmachen wie dem Essen, Zentrum so vieler Verhandlungen, Krisen und Mexican Standoffs in Johnnie Tos Werken. Selbst die Gangster in „Breaking News“ finden Zeit, um mit ihren Geiseln zu kochen und zu schmausen. In „Drug War“ präsentiert ein  Drogenhändler mit dem verdienten Spitznamen Haha einmal stolz einen gigantischen aufgebahrten Fisch, zu mehr als nur Prahlerei dient er allerdings nicht. Dabei zeigen die Gesetzlosen im Gegensatz zu ihren Jägern immerhin noch Ansätze eines Eigenlebens. Haha ist so ein janusgesichtiger Exzentriker, der sich auch in „Election“ gut machen würde, ebenso die taubstummen Helfershelfer von Louis Koos Timmy, der mit seinem unzähmbaren Überlebensinstinkt, seiner Individualität um jeden Preis, als Gegenstück zum Polizistenkollektiv aufgebaut wird. Die spärlichen Sympathien fliegen hier den lasterhaften Ganoven zu, erst recht als die mit Milkyway-Stammschauspielern besetzten Hongkonger Verbindungsmänner auf der Bühne erscheinen. Dann bringt in „Drug War“ ein zweiter, ein im Schatten lauernder Film die moralisch vorgegebene Eindeutigkeit in Unruhe. Dass der Thriller darunter nicht leidet, ist der glasklar komponierten Erzählung eines Meisters zuzuschreiben, der sich schon lange nicht mehr in aufmerksamkeitsheischenden Plansequenzen beweisen muss. In diesem über weite Strecken von einem automatisierten Polizeiapparat angetriebenen Werk wird jeder Zweifel über die Loyalitäten in der letzten Einstellung ausgeräumt, deren zutiefst menschliches Keuchen und Wimmern im Abspann nachhallt.

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