Oh Shit – Total Recall (USA 2012)

Jeff Murdock erklärt in einer Folge von Coupling drei Phasen, durch die sich offensichtliche Lügen verraten. Eine ist das Plappern. Nervös ergibt sich der Schwindler in Wortschwalle, die jeden möglichen Einspruch entkräften sollen, aber nur den Täuschungsversuch unterstreichen. In Total Recall gibt es Unmengen von Geplapper. Während sich große Teile des Publikums fragen, warum ein Remake des Schwarzenegger Films nötig sei, haben sich die Drehbuchautoren dieser Frage wohl nie gestellt. Im Grunde kann niemand der Beteiligten etwas mit der Grundidee anfangen. Zu Beginn fragt Douglas Quaid (Colin Farrell*) einen Arbeitskollegen, ob er sich falsche Erinnerungen bei der Firma Rekall einpflanzen lassen soll. Da weder das Drehbuch noch die Schauspieler eine Ahnung haben, warum er das machen sollte, plappern beide leeren Phrasen vor sich hin. Ihre Überzeugungsversuche, welche Autoren und Darsteller wohl auch zu einem großen Teil an sich selbst richten, sind so kläglich wie ausufernd. Keiner der Beteiligten hat genügend Überzeugungskraft, um Eis in der Wüste zu verkaufen, geschweige denn so komplexe Problematiken, wie dass ein unterbezahlter Arbeiter mit der Realität unzufrieden ist.

Aber auch das Spiel damit, ob sich Douglas Quaid nach seinem Rekallbesuch in einem Traum oder doch in der Realität befindet, wird ohne Verständnis oder Interesse abgearbeitet. Oder anders gesagt, Total Recall ist unter der Ägide von Len Wiseman zu einer einzigen langen Verfolgungsjagd verkommen, die ab und zu mal kurz unterbrochen wird, um dem Zuschauer pflichtbewusst etwas von einer Geschichte zu bieten. Es gibt immer mal wieder Anspielungen auf den Vorgänger, wie eine Frau mit drei Brüsten, eine, die 2 Wochen Urlaub macht, ein abgetrennter Arm oder zart eingestreute „Oh shits“. Diese bleiben aber leere Gesten, die nicht überspielen können, dass die Neuverfilmung gerade da vom Original abweicht, wo es zählt … nämlich bei Esprit und Glaubwürdigkeit.

In Total Recall geht es nur noch um Geschehen, Körperlichkeit und Hektik … lieblos mit einem total verschenkten Plot zusammengeschustert. Der Kopf des Zuschauers wird gerademal zum Staunen gebraucht. Douglas Quaid fällt ständig aus ungesunden Höhen auf Böden und auf Autos. Menschen und Roboter werden waghalsig und artistisch getötet. Und die nicht enden wollenden Verfolgungsjagden sind so konstant nervenzerreißend, dass sie nur noch unendlich öde sind. Die vereinzelten Änderungen im Tonfall – weg von der Hektik – bringen keine Erlösung mit sich, sondern nur Dummheit und Unfähigkeit. Bezeichnend für den ganzen Film ist vielleicht die Szene, in der Douglas Quaid von einer Videoaufnahme seiner selbst erfährt, dass er eben nicht Douglas Quaid sei, sondern ein Agent in der Mitte einer riesigen Verschwörung. Dieser Total Recall hat kein Vertrauen in die irre Situation und es wird nicht einmal versucht, den Verstand der Zuschauer mit Futter für Spekulationen auszuhebeln. Der Fokus wird auf Soldaten gelegt, welche das Labor stürmen wollen, in dem Quaids eigentliches Ich mal wieder plappert. Hektik und halbgarer Suspense werden vorgeschoben, anstatt das auch nur einer einen Finger krumm macht und die Geschichte etwas mehr ausgearbeitet wird.

Aber eben auch bei der Action schafft es Len Wiseman nicht, irgendwelche Alleinstellungsmerkmale zu bieten, die Total Recall wenigstens zur Meterware machen würden. Zu ermüdend ist die substanzlose Rastlosigkeit. Vor allem verschenkt er sich dabei aber seine Schauwerte. Jessica Biel zum Beispiel, die Quaids Geliebte Melina spielt, hat schauspielerisch nicht viel zu bieten. Ihre „Fähigkeit“ ist das Gutaussehen und genau dessen wird sie beraubt. In nervös geschnittenen Bildern verkommt sie zu einem Schemen, der hölzern vor sich hin agiert. Sicherlich haben die Musikvideos seit den 90ern gezeigt, dass gerade durch den unbefriedigend kurzen Blick auf das Objekt der Begierde Aufmerksamkeit und Verlangen erzeugt werden können, aber wenn das zu Sehende so schwammig und redundant bleibt, dann hilft der getriebenste Schnitt nichts. Und der Umgang mit Jessica Biel ist eben keine Ausnahme. Die recht gelungenen Ansichten der zukünftigen Welt, das Geschehende, der Spaß, alles kommt zu kurz.

*der die Rolle so verbissen ernsthaft ausfüllen möchte, dass er eine mitleidserregende Version von Schlaubi Schlumpf wird, der gerne Schauspieler wäre.


Übersicht der Kritiken zu Total Recall bei Film-Zeit.de.

Fright Night Trailer 2 (mit David Tennant!)

Der erste Trailer hat mich nicht vom Hocker gerrissen, aber in dem zweiten, nun ja, in dem ist David „The Doctor“ Tennant zu sehen. Noch dazu ist der neue Trailer in Sachen Atmosphäre etwas homogener. Schade ist nur, dass Fright Night von Craig Gillespie (Lars und die Frauen) in Deutschland erst im Dezember (!) in die Kinos kommt. Falls das Video in besserer Qualität verfügbar ist, bekommt der Post natürlich ein Update.

(via)

Kontrapunkt: Dr. Caligari vs. Dr. Parnassus

Zwischen beiden Filmen liegen knapp 90 Jahre Filmgeschichte. Von daher stellt sich schon von vornherein die Frage, ob es überhaupt fair ist, den Klassiker des Expressionismus und… nun ja… ein Werk von Terry Gilliam miteinander zu vergleichen. Doch nicht nur im Filmtitel („Das Kabinett des Dr. …“) bestehen Parallelen. Die titelgebenden Figuren sind hier wie dort Schausteller, welche ein dunkles Geheimnis umwebt und beide Filme lassen uns in vollkommen neue Welten eintauchen. Doch genau in letzterem Punkt unterscheiden sie sich erheblich voneinander.

Während weniger Regisseur Robert Wiene als seine Filmarchitekten Walter Reimann, Walter Röhrig und Hermann Warm die Seeelenlandschaften der Hauptfigur(en) mit fragwürdigem geistigen Gesundheitszustand nach außen trugen und somit eine fantastische Welt in die Realität hinein implementierten, sind in Gilliams Werk persönliche Geisteswelt und Realität strikt geschieden. Mit dem Eintreten in einen Spiegel öffnet sich diese Welt der Imaginationen, Wünsche und Triebe, wird „außen“ von „innen“ getrennt. Zunächst einen seltsamen, aus flachen Pappmaché-Bäumen bestehenden Wald durchkreuzend – daran hätten Reimann und Co. durchaus Gefallen gefunden – gelangen die Menschen des zahlenden Publikums in die Sphären ihres Unterbewusstseins, des bunten Märchens ihrer Fantasie. Diese fasziniert und lässt all jene Unzulänglichkeiten in Dialogen und Drehbuch vergessen, die sich während der „Real-Szenen“ dabei umso deutlicher abzeichnen.

Natürlich präsentiert uns der stets zur überdrehten Hektik neigende Gilliam diese Welt als visuelles Knallbonbon, setzt Logik und Größenverhältnisse außer Kraft. Tarsem Singh hatte jedoch mit „The Cell“ einige Jahre zuvor ähnliche, ebenso fremde wie fantastische Welten geschaffen, in denen ebenso wie hier neben der strahlenden Erfüllung von Wunschvorstellungen auch der Wahn, neben dem Bunten auch das Böse zu finden war. Das Motiv dort war die Geisteskrankheit oder Psychose, das Motiv hier ist der Teufel (launig dargestellt von Tom Waits). Der Handlungsraum ist bei Gilliam die scheinbar unendliche Welt, während Wiene eine einzige Stadt genügt. Gilliam entzaubert dabei seine eigenen Bilder, verortet sie als Extraordinäres im tristen Alltag der Schausteller, die nur noch wenige Menschen mit ihren Künsten und Zaubertricks zu fesseln vermögen. Wer dahinter eine Analogie zum Kino und die einbrechenden Umsatzzahlen vermutet, liegt richtig. Das Publikum und Gilliam, der sich spätestens seit „Brothers Grimm“, seinem schlechtesten Film, als Zelluloid-Zauberer versteht, haben – kommerziell gesehen – ein angespanntes Verhältnis. Und während „Dr. Caligari“ seinerzeit zum internationalen Kassenerfolg avancierte, spielte „Dr. Parnassus“ weltweit bisher gerade seine Produktionskosten wieder ein.

Durch seine internationale Bekanntheit wirkte „Dr. Caligari“ ebenso wie weitere Produktionen des Deutschen Expressionismus ihrerzeit stilprägend, beeinflussten insbesondere die Beleuchtungsmethoden des Film Noir sowie des modernen Horrorfilms. „Dr. Parnassus“ jedoch bleibt ebenso wie sein ambitionierter Regisseur ein Gesicht in der Menge. Die Narration beginnt, sich in den Szenenfolgen der Logik zu entledigen – Collin Farrell als Heath Ledger-Ersatz hetzt durch seine zerbrechende Imaginationswelt. Gilliam schwingt auf zum furiosen Bildersturm, bietet visuelle Effekte aus dem Computer en masse und offenbart die Seelenlosigkeit hinter den Bildern, während es Wiene und seinen Filmarchitekten mangels digitaler Technologie aber mit perfekter handwerklicher Technik gelang, die Vision im Kopf des Zuschauers tatsächlich entstehen zu lassen. Während „Dr. Caligari“ noch der Ort der Imagination, die Welt hinter dem Spiegel war, stellt sich „Dr. Parnassus“ davor auf, um sich mit einer Verbeugung für jene gute Show zu bedanken, die er selbst leider nicht mehr leisten konnte.

Brügge sehen… und sterben? (GB/B 2008)

Brügge sehen und sterbenIn Bruges“ lautet der Originaltitel von Martin McDonaghs Spielfilmdebüt Brügge sehen… und sterben? (Stichwort „Plagiat“ bei deutschen Titeln). Für den frischgebackenen Auftragskiller Ray (Colin Farrell) ist das gleichbedeutend mit „In Hell„. In der flämischen Stadt mit seinem Kollegen Ken (Brandon Gleeson) untergetaucht, kann der an seinen Schuldgefühlen zu zerbrechen drohende Ray nichts mit dem Weltkulturerbe anfangen.

Während sein Partner das volle Touriprogramm durchläuft und dem Genuss der Schönheit des mittelalterlichen Stadtkerns frönt, quengelt Ray wie ein verhätscheltes Kind, sobald wieder eine Kirchenbesichtigung ansteht. Erst als er die Dealerin Chloë trifft, werden seine Lebensgeister geweckt. Sein Interesse für Brügge allerdings nicht. Dumm nur, dass sein Auftraggeber (Ralph Fiennes, der hier sein eigenes Rollenrepertoire herrlich persifliert) noch eine Rechnung mit ihm offen hat.

Die schöne Stadt in Flandern und Belgier im allgemeinen müssen in dieser Gangsterkomödie, deren Kern ein tragischer ist, einiges aushalten. Angesichts all der Witze über Minderheiten, Amerikaner und Kleinwüchsige – oder Gnome, wie Ray sie einfühlsam nennt – ist natürlich die Frage angebracht, ob McDonagh, der auch das Drehbuch geschrieben hat, schon einmal die zwei ausdrucksstarken Worte political und correctness gehört hat. Wie auch immer die Antwort lautet, eine gewisse Aufgeschlossenheit für die schwärzeren, respektlosen Gefilde britischen Humors sollte beim Zuschauer vorhanden sein, um den Film genießen zu können.

Denn ein Genuss ist dieser Genrefilm der etwas anderen Art durchaus. Beginnend bei der ungewöhnlich schwermütigen musikalischen Untermalung des städtischen Kontextes, vermeidet McDonagh den gängigen Schritt vieler (britischer) Gangsterfilme, sich gänzlich auf eine Vielzahl schrulliger Figuren, einen stilisierten Formalismus und eine wendungsreiche, aber im Grunde nichtssagende, Geschichte zu verlassen. Mit anderen Worten: Brügge sehen… und sterben unterscheidet sich erheblich von den Filmen Guy Ritchies und deren Epigonen.

Das darf man natürlich nicht falsch verstehen. Dieser Film ist wirklich urkomisch und beinhaltet einige im Alltag brauchbare Zitate. In ihrer Dichte sind diese in etwa vergleichbar mit Kiss Kiss Bang Bang, nur samt einer größeren Portion Fuck. Die fast schon absurden Dialoge könnte man als tarantioesque bezeichnen, sie rekurrieren indes v.a. auf die europäische (Pop)Kultur.

Abgesehen von ungenierten Witzen über das amerikanische Adipositas-Problem und die jüngere belgische Kriminalgeschichte, verwendet McDonagh sein zutiefst europäisches Setting um eine metaphorische Ebene seiner Geschichte zu etablieren, deren Tiefe den meisten Genrekollegen abgeht. Spätestens wenn Ray und Ken im Museum Werke von Hieronymus Bosch betrachten, wird man das Gefühl nicht los, McDonagh ginge es um mehr als nur um ein kauziges Buddymovie.

Als titelgebender Kontext wird die Altstadt Brügges vereinnahmt für die Handlung und deren Subtext, wie einst Venedig in Wenn die Gondeln Trauer tragen. So gerät das ausgewählte Milieu nicht nur zur Steilvorlage für skurrile Witze. Die ab der ersten Minute suggerierte melancholisch düstere Stimmung des Films lebt von den Postkartenansichten der Gemäuer aus dem „dunklen“ Mittelalter. So findet die im Grunde bestürzende Geschichte Rays, der den Tod eines Kindes verschuldet hat und nur noch Sühne leisten will, im katholischen Belgien ein bereicherndes Heim.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlässt man die Vorstellung von Brügge sehen… und sterben. Zwar geraten die bissigen Oneliner manches mal zum Selbstzweck, doch McDonagh garniert seinen Film mit einer in den vielschichtigen Figuren anglegten Ernsthaftigkeit, die ihn über die üblichen Genrespielereien obsiegen lässt.

Seine Cleverness spielt der Film bisweilen zum eigenen Schaden voll aus, unterminiert sie doch die Glaubwürdigkeit der finalen Wendungen. Das bestens aufgelegte Ensemble und die originelle Umsetzung trösten über diese Schwächen jedoch mühelos hinweg und machen Brügge sehen und… sterben? zu einer echten Überraschung des bisherigen Kinojahres.