Kontrapunkt: Flop Five 2013

Das Filmjahr ist vorbei – Zeit, einmal Bilanz zu ziehen. Nicht die Meisterwerke sollen aus meinen gesehenen 89 Filmen mit Kinostart 2013 herausdestilliert werden, sondern die schlechtesten Filme des Jahres. Also seid bei folgender Auflistung gewarnt.

Rush - Alles für den Sieg Ron Howard Daniel BrühlPlatz 5: Rush – Alles für den Sieg (USA/D/GB 2013)
Die Formel 1 hat zahlreiche spannende Geschichten zu erzählen, besonders, wenn es auf der Strecke nicht um die Dauerweltmeister Michael Schumacher und Sebastian Vettel geht. Die Rivalität zwischen James Hunt und Niki Lauda in den 70er Jahren wäre so eine, doch Pathoskeulenschwinger Ron Howard inszenierte sie als stumpfes Buddy Movie-Melodram trotz eines überraschend starken Daniel Brühl mit unsympathischen Charakteren, das kalt lässt. Mit hoher Farbsättigung und minimaler Übersichtlichkeit nahm Kameramann Anthony Dod Mantle (Oscar für „Slumdog Millionär“) den Rennszenen die letzte Spannung und dem „Drama“ durch Reißbrettpsychologisierungen seine Intensität. Ein Kratzen an der geschniegelten Lackoberfläche – mehr ist die überschätzte Gurke „Rush“ nicht.

Wir sind die Millers Jennifer AnistonPlatz 4: Wir sind die Millers (USA 2013)
Rawson Marshall Thurber lieferte 2004 mit „Dodgeball“ ein großartiges Kino-Regiedebüt, das gekonnt den Fitnesswahn auf die Schippe nahm. Der Humor ging – wie es der deutsche Titel versprach – voll auf die Nüsse und versprühte das lockerleichte Anarcho-Feeling der frühen Farrelly-Brüder. Davon ist nach fünf Jahren Regiepause in dieser spießigen 08/15-Klamotte mit absehbaren Wendungen nichts mehr zu spüren, in dem eine wild zusammengewürfelte Patchwork-Familie auf Zeit Drogen über die Grenze schmuggeln soll. Die Figuren sind Klischees, Jennifer Aniston zieht trotz ihrer Rolle als Stripperin aus Rating-Gründen nie blank und die Gags strotzen vor der infantilen Peinlichkeit eines verklemmten Teenagers, der am Strand beim Blick auf vollbusige Frauen unter Beifallklatschen seinen ersten Ständer bekommt. Eine Komödie aus der Retorte ohne Mut, Hintersinn oder Niveau.

Tore tanzt ZDF kleines FernsehspielPlatz 3: Tore tanzt (D 2013)
Jesus hatte es schon nicht leicht während seines Martyriums – der Zuschauer bei „Tore tanzt“ auch nicht. Die titelgebende Hauptfigur (Julius Feldmaier) ist ein friedliebender Jesus-Freak, der seine Nemesis in dem die Stieftochter missbrauchenden Familienvater Benno (Sascha Alexander Gersak) findet. Dieser Despot lässt ihn unter zunehmender Unterstützung seiner Frau vergammeltes Fleisch essen, schickt ihn auf den Schwulenstrich und sorgt schließlich für seinen Tod. Doch selbst als der Punk die Möglichkeit hat, zu gehen, steht er der Stieftochter bei. Moralische Botschaft? Fehlanzeige. Nachvollziehbare Handlungsmotivation? Nicht vorhanden. Persönliches Ärgern beim Anschauen? Maximum. Eine stumpfe, unnötig drastische und sinnfreie Nachhilfe in Sachen Gottvertrauen, die ungefähr so viel Spaß und Unterhaltung bereitet wie die eigene Kreuzigung.

Ohne Gnade - Birgit Stein Helge SchneiderPlatz 2: Ohne Gnade! (D 2013)
Boing, quietsch, bumm: „Mickey-Mousing“ ist eine Filmmusiktechnik, bei der gezeigte Geschehen auf den Punkt mit Geräuschen unterlegt werden. Auch „Ohne Gnade“, ein selten dümmliche Ausgeburt teutonischen Klamauks, bedient sich dieses Stilmittels – und sämtlicher Plattitüden, die man sich in Dialogen, Figurenzeichnung und Handlungsentwicklung vorstellen kann. Da soll sich Biene (Sylta Fee Wegmann) nicht „in den Schlüpfer puschen“, wenn ihre jüngere Schwester Püppi (Sina Tkotsch) versucht, Ronzo, den Stecher ihrer Mutter Hilde (Catrin Striebeck), eine Affäre mit einer Minderjährigen anzuhängen. Der Beginn eines lukrativen Geschäftsmodells. Mein lieber Scholli, wie eindimensional in diesem pseudo-emanzipierten Szenario die Männer als notgeile Pädophile gezeichnet werden, die – anstatt mal ordentlich das Ding reinzustecken – mit dümmlichem Hampeln lieber alberne Balztänze aufführen. Fremdschämalarm im lautesten und beklopptesten deutschen Film des Jahres – trotz Helge Schneider in einer Nebenrolle.

G.I. Joe - Die Abrechnung Bruce Willis Dwayne Johnson Channing TatumPlatz 1: G.I. Joe – Die Abrechnung (USA 2013)
Modernes Actionkino, besonders wenn es besonders viel gekostet hat, bedeutet auch massig CGI-Effekte und Epilepsie hinter der Kamera. Bei Pseudo-3D mit digitaler Hochrechnung verursacht das abartig schnell Augenkrebs und Verärgerung. Ungleich des ebenfalls nervigen „The Rock“-Vehikels „Fast & Furios 6“ gesellen sich in „G.I. Joe – Die Abrechnung“ auch noch ein sinnfreier Nebenplot mit Ninjas hinzu und eine Figur, die seit dem ersten Teil tot ist. Mit den Actionfiguren der Spielzeugreihe infantile Feuergefechte aufzuführen wäre dramaturgisch komplexer als dieses Sammelsurium betont extrovertierter Kampfanzüge mit Schauspielergesichtern. Wahrlich ein „lärmender Kindergarten ohne Erziehungsberechtigte“ von dem nur Channing Tatum gecheckt hat, dass es eigentlich große promilitaristische Scheiße ist, in der er gerade mitspielt, und mal schnell weg musste.

Im Verfolgerfeld:
Die seeeehr spezielle 60er Jahre-Krimihommage 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse, die blutige Grimm-Verhunzung Hänsel & Gretel: Hexenjäger, die faule Zaubershow Now You See Me – Die Unfassbaren, Ridley Scotts gelangweilt inszenierter Thrillertorso The Counselor, die nichtssagende Komödie Hasta la Vista, Sister sowie der feuchte Heimchentraum Austenland.

Nicht gesehen, aber mit Potenzial:
Das pathetische Betroffenheitskino The Impossible, das grenzdebile Parodie-Duo Ghost Movie und Scary Movie 5, den Scientology-Werbespot After Earth sowie den Meyer-Fantasieschinken Seelen.

John Rabe (D/F/VRC 2009)

Nanjing ist „in“, könnte man etwas flapsig über aktuelle thematische Trends in der internationalen Filmszene urteilen. Gemeint sind hier jedoch nicht Reisedokus über die ehemalige chinesische Hauptstadt, sondern Auseinandersetzungen mit einem der kontroversesten Ereignisse der jüngeren Weltgeschichte: Das Massaker von Nanjing im Winter 1937/38 durch die japanischen Streitkräfte. Die konträren Einschätzungen der Vorgänge verdeutlichen schon die Bezeichnungen des Massakers auf japanischer und chinesischer Seite. Erstere sehen den „Nanking Vorfall“ als treffend an, während in der chinesischen und auch westlichen Welt meist von der „Vergewaltigung Nankings“ die Rede ist. Die Geschichte der Rezeption des Massakers ist lang, verworren und von politischer Instrumentalisierung auf beiden Seiten geprägt. Wer mehr darüber erfahren will, sollte besser hier nachlesen.

In den letzten zwei Jahren häufen sich jedenfalls filmische Auseinandersetzungen mit den schrecklichen Ereignissen, bei denen je nach dem, wen man konsultiert, zwischen 40.000 und 340.000 Menschen ermordet worden sind. Die Dokumentation Nanking von Bill Guttentag und Dan Sturman eröffnete vor zwei Jahren den Reigen, der von Roger Spottiswoodes The Children of Huang Shi (2008) weitergeführt wurde und dieses Jahr wohl mit dem rein chinesischen Beitrag The City of Life and Death (Originaltitel: „Nanjing! Nanjing!“) von Lu Chuan seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Florian Gallenbergers John Rabe reitet ein wenig mit auf dieser Welle und versucht alles, um auch dem letzten Zuschauer klar zu machen, dass der Titelheld der „Oskar Schindler Chinas“ ist. Keinesfalls sollen hier die Verdienste Rabes, der als Leiter der internationalen Sicherheitszone rund 200.000 Leben rettete, geschmälert werden. Doch was Gallenberger mit seinem an Hollywoodstandards orientierten Drama auf die Kinosäle der Republik losgelassen hat, ist ein höchst pathetisches ‚Filmemachen nach Zahlen‘ der allerschlimmsten Sorte.

Ausgehend von dessen Tagebucheinträgen, erzählt der Film von John Rabe (Ulrich Tukur), der als Chef der Siemens China Co. kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland steht, bis der chinesisch-japanische Krieg die Hauptstadt Nanjing erreicht. Als ein Mitglied der NSDAP, das freilich auch an seinen Führer glaubt, ist Rabe der Inbegriff deutschen Ordnungssinnes, der pedantisch darauf achtet, dass seine chinesischen Arbeiter den Hitlergruß aus dem Effeff beherrschen. Der perfekte Held für einen deutschen Blockbuster also. Nun, vielleicht eher nicht, aber Florian Gallenberger, der auch das Drehbuch geschrieben hat, löst das Identifikationsproblem, indem er Rabe einen unsympathischen „Klischee-Nazi“ gegenüberstellt. „Feuer frei!“ also für die Heldengeschichte, die – und das ist Gallenberger positiv anzurechnen – mit einiger Verzögerung beginnt. Zwar rettet Rabe zunächst einige Chinesen vor den  Bombardierungen der Japaner, in dem er sie unter einer gigantischen Hakenkreuzfahne verstecken lässt, doch im Großen und Ganzen begegnet er dem japanischen Zerstörungswillen mit einiger Naivität. Parallel dazu zeigt der Film nämlich die pläneschmiedenden Japaner vor den Toren der Stadt, die gar nicht daran denken, Gefangene zu machen.

Von den noch verbliebenen Ausländern auf Grund seiner deutschen Herkunft zum Chef der internationalen Sicherheitszone im inneren der Stadt gewählt, sieht Rabe sich bald mit hunderttausenden Flüchtlingen konfrontiert und dem brutalen Vorgehen der Japaner unter Führung des rücksichtslosen Prinzen Asaka (Teruyuki Kagawa aus „Tokyo Sonata“). Ihm zur Seite stehen Dr. Robert Wilson (überragend sarkastisch: Steve Buscemi), der seinen anfänglichen Unwillen, mit einem Nazi zusammen zu arbeiten, bald überwindet, der Diplomat Rosen (Daniel Brühl, der sich hier mal wieder selbst spielt) und die Leiterin eines Mädcheninternats, Valérie Dupres (Anne Cosigny aus „Schmetterling und Taucherglocke“).

Gallenberger schenkt seiner eigentlich recht fähigen Besetzung leider eine Unmenge miserabler Dialoge, so dass ein Großteil des Films aus pathetischer Selbstreflexion über das eigene Schicksal besteht. Beginnen also die weinenden Geigen ihren Gesang, lauert schon der nächste dramatische Wortaustausch. Fragwürdige Höhepunkte von Gallenbergers vorhersehbaren Drehbuchkniffen sind jedoch mehrere Abschieds- und Wiedersehenssequenzen, die Michael Bay und speziell dessen ‚Meisterwerk‘ „Pearl Harbor“ alle Ehre machen.

Das alles wäre mit einem charismatischen Hauptdarsteller wie Tukur ja noch zu ertragen, wenn der Film wenigstens ein minimales Interesse an dem eigentlichen Massaker oder auch nur den betroffenen Chinesen hegen würde. Es ist wohl kein gutes Zeichen, wenn man John Rabe nicht einmal anmerkt, dass er in China gedreht wurde. Soll heißen, dass Gallenberger nie den behaglichen europäischen Kolonialbauten entkommt, in dem unsere westlichen Helfer residieren untergekommen sind. Die Betroffenen sind nicht mehr als die anonyme Masse, die zum Schlachter geführt wird. Damit greift Gallenberger Darstellungsweisen auf, die spätestens seit Aufkommen der „Gelben Gefahr“ durch westliche, besonders amerikanische, Filme gepflegt werden. Jüngstes mediales Beispiel dessen ist die einigermaßen überhebliche Berichterstattung über die Olympischen Spiele in Beijing, speziell die Eröffnungszeremonie.

Chinesen sind in „John Rabe“ v.a. dazu da, um 1. von den zivilisierten Westlern belehrt, 2. von den Japanern hingerichtet oder 3. von den zivilisierten Westlern vor 2., aber nicht 1., gerettet zu werden. Der äußerst ehrenwerte Versuch, eine bedeutsame chinesische Figur einzuführen, soll hier allerdings nicht unterschlagen werden. In Gestalt der Internatsschülerin Langshu (Zhang Jingchu) versucht Gallenberger, die Brücke zwischen Sicherheitszone und Massaker herzustellen. Doch nie gelingt es ihm, mehr als nur Oberflächlichkeiten auf die Leinwand zu bannen, da Langshu über weite Strecken des Films verschwindet und am Ende ganz dem Klischee entsprechend zum love interest von Brühls Figur degradiert wird. Die reine Verschwendung eigentlich, da Zhang erst kürzlich in „Beast Stalker“ gezeigt hat, was in ihr steckt.

John Rabe ist ein Film über John Rabe, deswegen wird er ja nicht unter dem Namen „Nanking“ verkauft. Da Gallenberger sich aber zu keiner Zeit von den Beschränkungen seines Drehbuchs befreit, wird sein Film den Taten seines Titelhelden im Angesicht des Grauens bedauerlicherweise nicht gerecht. Am Ende bleibt nicht mehr als die dramatische, aber leere Geste.