John Rabe (D/F/VRC 2009)

Nanjing ist „in“, könnte man etwas flapsig über aktuelle thematische Trends in der internationalen Filmszene urteilen. Gemeint sind hier jedoch nicht Reisedokus über die ehemalige chinesische Hauptstadt, sondern Auseinandersetzungen mit einem der kontroversesten Ereignisse der jüngeren Weltgeschichte: Das Massaker von Nanjing im Winter 1937/38 durch die japanischen Streitkräfte. Die konträren Einschätzungen der Vorgänge verdeutlichen schon die Bezeichnungen des Massakers auf japanischer und chinesischer Seite. Erstere sehen den „Nanking Vorfall“ als treffend an, während in der chinesischen und auch westlichen Welt meist von der „Vergewaltigung Nankings“ die Rede ist. Die Geschichte der Rezeption des Massakers ist lang, verworren und von politischer Instrumentalisierung auf beiden Seiten geprägt. Wer mehr darüber erfahren will, sollte besser hier nachlesen.

In den letzten zwei Jahren häufen sich jedenfalls filmische Auseinandersetzungen mit den schrecklichen Ereignissen, bei denen je nach dem, wen man konsultiert, zwischen 40.000 und 340.000 Menschen ermordet worden sind. Die Dokumentation Nanking von Bill Guttentag und Dan Sturman eröffnete vor zwei Jahren den Reigen, der von Roger Spottiswoodes The Children of Huang Shi (2008) weitergeführt wurde und dieses Jahr wohl mit dem rein chinesischen Beitrag The City of Life and Death (Originaltitel: „Nanjing! Nanjing!“) von Lu Chuan seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Florian Gallenbergers John Rabe reitet ein wenig mit auf dieser Welle und versucht alles, um auch dem letzten Zuschauer klar zu machen, dass der Titelheld der „Oskar Schindler Chinas“ ist. Keinesfalls sollen hier die Verdienste Rabes, der als Leiter der internationalen Sicherheitszone rund 200.000 Leben rettete, geschmälert werden. Doch was Gallenberger mit seinem an Hollywoodstandards orientierten Drama auf die Kinosäle der Republik losgelassen hat, ist ein höchst pathetisches ‚Filmemachen nach Zahlen‘ der allerschlimmsten Sorte.

Ausgehend von dessen Tagebucheinträgen, erzählt der Film von John Rabe (Ulrich Tukur), der als Chef der Siemens China Co. kurz vor seiner Rückkehr nach Deutschland steht, bis der chinesisch-japanische Krieg die Hauptstadt Nanjing erreicht. Als ein Mitglied der NSDAP, das freilich auch an seinen Führer glaubt, ist Rabe der Inbegriff deutschen Ordnungssinnes, der pedantisch darauf achtet, dass seine chinesischen Arbeiter den Hitlergruß aus dem Effeff beherrschen. Der perfekte Held für einen deutschen Blockbuster also. Nun, vielleicht eher nicht, aber Florian Gallenberger, der auch das Drehbuch geschrieben hat, löst das Identifikationsproblem, indem er Rabe einen unsympathischen „Klischee-Nazi“ gegenüberstellt. „Feuer frei!“ also für die Heldengeschichte, die – und das ist Gallenberger positiv anzurechnen – mit einiger Verzögerung beginnt. Zwar rettet Rabe zunächst einige Chinesen vor den  Bombardierungen der Japaner, in dem er sie unter einer gigantischen Hakenkreuzfahne verstecken lässt, doch im Großen und Ganzen begegnet er dem japanischen Zerstörungswillen mit einiger Naivität. Parallel dazu zeigt der Film nämlich die pläneschmiedenden Japaner vor den Toren der Stadt, die gar nicht daran denken, Gefangene zu machen.

Von den noch verbliebenen Ausländern auf Grund seiner deutschen Herkunft zum Chef der internationalen Sicherheitszone im inneren der Stadt gewählt, sieht Rabe sich bald mit hunderttausenden Flüchtlingen konfrontiert und dem brutalen Vorgehen der Japaner unter Führung des rücksichtslosen Prinzen Asaka (Teruyuki Kagawa aus „Tokyo Sonata“). Ihm zur Seite stehen Dr. Robert Wilson (überragend sarkastisch: Steve Buscemi), der seinen anfänglichen Unwillen, mit einem Nazi zusammen zu arbeiten, bald überwindet, der Diplomat Rosen (Daniel Brühl, der sich hier mal wieder selbst spielt) und die Leiterin eines Mädcheninternats, Valérie Dupres (Anne Cosigny aus „Schmetterling und Taucherglocke“).

Gallenberger schenkt seiner eigentlich recht fähigen Besetzung leider eine Unmenge miserabler Dialoge, so dass ein Großteil des Films aus pathetischer Selbstreflexion über das eigene Schicksal besteht. Beginnen also die weinenden Geigen ihren Gesang, lauert schon der nächste dramatische Wortaustausch. Fragwürdige Höhepunkte von Gallenbergers vorhersehbaren Drehbuchkniffen sind jedoch mehrere Abschieds- und Wiedersehenssequenzen, die Michael Bay und speziell dessen ‚Meisterwerk‘ „Pearl Harbor“ alle Ehre machen.

Das alles wäre mit einem charismatischen Hauptdarsteller wie Tukur ja noch zu ertragen, wenn der Film wenigstens ein minimales Interesse an dem eigentlichen Massaker oder auch nur den betroffenen Chinesen hegen würde. Es ist wohl kein gutes Zeichen, wenn man John Rabe nicht einmal anmerkt, dass er in China gedreht wurde. Soll heißen, dass Gallenberger nie den behaglichen europäischen Kolonialbauten entkommt, in dem unsere westlichen Helfer residieren untergekommen sind. Die Betroffenen sind nicht mehr als die anonyme Masse, die zum Schlachter geführt wird. Damit greift Gallenberger Darstellungsweisen auf, die spätestens seit Aufkommen der „Gelben Gefahr“ durch westliche, besonders amerikanische, Filme gepflegt werden. Jüngstes mediales Beispiel dessen ist die einigermaßen überhebliche Berichterstattung über die Olympischen Spiele in Beijing, speziell die Eröffnungszeremonie.

Chinesen sind in „John Rabe“ v.a. dazu da, um 1. von den zivilisierten Westlern belehrt, 2. von den Japanern hingerichtet oder 3. von den zivilisierten Westlern vor 2., aber nicht 1., gerettet zu werden. Der äußerst ehrenwerte Versuch, eine bedeutsame chinesische Figur einzuführen, soll hier allerdings nicht unterschlagen werden. In Gestalt der Internatsschülerin Langshu (Zhang Jingchu) versucht Gallenberger, die Brücke zwischen Sicherheitszone und Massaker herzustellen. Doch nie gelingt es ihm, mehr als nur Oberflächlichkeiten auf die Leinwand zu bannen, da Langshu über weite Strecken des Films verschwindet und am Ende ganz dem Klischee entsprechend zum love interest von Brühls Figur degradiert wird. Die reine Verschwendung eigentlich, da Zhang erst kürzlich in „Beast Stalker“ gezeigt hat, was in ihr steckt.

John Rabe ist ein Film über John Rabe, deswegen wird er ja nicht unter dem Namen „Nanking“ verkauft. Da Gallenberger sich aber zu keiner Zeit von den Beschränkungen seines Drehbuchs befreit, wird sein Film den Taten seines Titelhelden im Angesicht des Grauens bedauerlicherweise nicht gerecht. Am Ende bleibt nicht mehr als die dramatische, aber leere Geste.

3 Antworten auf „John Rabe (D/F/VRC 2009)“

  1. Ich hab den Film vor zwei Tagen gesehen (Muss endlich mal was dazu schreiben) und obschon ich den Streifen auch nur als „mittelmäßig“ erachte, kann ich deinen Hauptkritikpunkt nicht teilen (Ich hätte einiges Andere zu kritisieren).

    Soll heißen, dass Gallenberger nie den behaglichen europäischen Kolonialbauten entkommt, in dem unsere westlichen Helfer residieren untergekommen sind. Die Betroffenen sind nicht mehr als die anonyme Masse, die zum Schlachter geführt wird. Damit greift Gallenberger Darstellungsweisen auf, die spätestens seit Aufkommen der “Gelben Gefahr” durch westliche, besonders amerikanische, Filme gepflegt werden.

    Ich mag dieser Kritik nicht wirklich zustimmen. Auch in „Schindlers Liste“ bleibt der Großteil der geretteten Individuen anonym. Von „John Rabe“ eine Beschäftigung mit der chinesischen Kultur zu erwarten, führt sicher am Kern der Sache vorbei. Und von „gelbe Gefahr“ (sofern auf China gemünzt) war in diesem Film nicht wirklich was zu sehen.

  2. Also über SL möchte ich keine Aussage treffen, da ich den Film das letzte mal vor fünf Jahren gesehen habe.

    Mein Problem ist nicht, dass sich John Rabe nicht mit der chinesischen Kultur beschäftigt (das kann man von ihm ja kaum verlangen), sondern dass er sich auf den Blickwinkel der Europäer beschränkt, allerdings auf eine Weise, die das Massaker zum Vorwand für die Heldenerzählung verkommen lässt. Es geht in diesem Sinne nicht darum, was John Rabe für die Chinesen (bis heute) bedeutet und was China für ihn bedeutet hat.
    Die Frage, die sich mir bei Ansicht des Films gestellt hat, ist ob man ein solches Geschehen darstellen kann und sollte, in dem man die betroffenen Opfer anonymisiert. Dieses Problem betrifft aber viele Filme, die ein ähnliches Thema anpacken.

    Was mich in diesem Fall aber aus der Fassung gebracht hat (wie Luzifus bezeugen kann^^), sind die Klischees, auf die Gallenberger in seiner Darstellung verfällt. Natürlich werden die Chinesen hier nicht als ‚Gefahr‘ für die westliche Welt charakterisiert. Doch zum Bild der von mir angesprochenen ‚Gelben Gefahr‘ gehört eben auch die westliche Vorstellung einer anonymen Masse unzivilisierter Asiaten, die etwa als Reaktion auf die chinesische Einwanderung in die USA im ausgehenden 19. Jahrhundert aufkam und später auf die Japaner übertragen wurde.

    John Rabe zeigt natürlich die Überheblichkeit der Westler, die einen Großteil der ersten dreißig Minuten damit verbringen, sich über die unfähigen Chinesen aufzuregen. Das ist auch durchaus realistisch, doch hält er diesem Bild im weiteren Verlauf des Films nichts entgegen. Im Gegenteil: Der Versuch, eine chinesische Figur (Langshu) einzuführen, scheitert grandios, weil Gallenberger es dabei belässt, sie zum love interest abzustempeln, was im Angesicht der geschilderten Geschehnisse doch einigermaßen überflüssig ist.

  3. Ok, ich bezeuge dann mal ;-).

    Nun möchte ich mich aber auch noch mit einigen eigenen Anmerkungen zu Wort melden.

    Naivität – so wie du es schriebst – würde ich den Film nicht vorwerfen. Klar mag es ziemlich schwarz-weiß sein, John Rabe einen Klischee-Nazi gegenüber zu stellen und dann wiederum die Figur des zweifelnden Oberst auf Seiten der Japaner einzubringen, der Bedenken gegen den Völkermord hat. Aber naiv ist das für mich nicht, sondern eben nur dankbare Antagonisten-Klischees und mangelnde Hinterfragung/Kritik, was aber wsl. auch nicht die Intention war.

    Zu
    „Gallenberger schenkt seiner eigentlich recht fähigen Besetzung leider eine Unmenge miserabler Dialoge, so dass ein Großteil des Films aus pathetischer Selbstreflexion über das eigene Schicksal besteht.“
    folgendes:
    Richtig miserabel sind die Dialoge nicht, nur vor Phrasen und Kitsch nur so strotzend, dass sie unfreiwillig komisch wirken. Und „pathetisch“ ist das falsche Wort, sondern eher „gehaltlos“ und „phrasendreschend“. Mal abgesehen davon, dass natürlich – wie du richtig herausstellst – die Prioritäten verschoben sind weg vom Schicksal der uniformen Masse hin zu den Westeuropäern, für die – und ich glaube, das spielt zwecks Identifikation des Zuschauers auch eine Rolle – der Film ja auch inszeniert wurde.

    Das Argument, dass keine wirkliche chinesische Figur ausgearbeitet wird, trifft jedoch zu. Und dass sie eine love interest wird, ist leider eher angedeutet als ausgearbeitet. Wahrscheinlich hat sich der deutlich überforderte Drehbuchautor Gallenberger ob der Ambitioniertheit seines Projekts während des Schreibens gedacht „nee, das sollte ich mal lieber doch sein lassen“.

    Klar ist der Film primär einer über John Rabe. Aber ich finde es gerade eine Stärke des Films, dass er eben bis hin zum „Rettung in letzter Minute“-Griffith-Ende ihn nicht glorifiziert oder als Helden darstellt. Spielberg ist dies mit Oskar Schindler nicht gelungen, obwohl dies zweifellos der bessere von beiden Filmen ist.

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