Vergessen, wiedergefunden, restauriert: Il Cinema Ritrovato 2009

Die Nebenwirkungen des Kinos sind unerträgliche Kopfschmerzen, permanente Schweißausbrüche, marternder Muskelkater, ermattende Müdigkeit, stets schwankende Stimmungen und in die Höhe schießende Cholesterinwerte. Zumindest wenn man ein Filmfestival in Italien besucht. Von einer Bahn zur nächsten geht es da, dann ab ins Flugzeug, wieder der Bus und als Abrundung nochmal die Bahn. All das nicht etwa um die äußerst schöne, mit Arkadengängen und einem zuverlässigen Sommerwetter gesegnete Stadt zu erkunden, sondern den ganzen Tag in dunklen Höhlen eine Wand anzustarren. Filmfestivals können offensichtlich zur grausamen Tortur ausarten, für deren Besuch man eigentlich bezahlt werden müsste.

Ein klitzekleines bisschen dramatisiert mag das erscheinen, doch nach zwölf bis dreizehn Stunden Anreise, die nachts um drei ihren Anfang nahm, kann eigentlich nur eine Ansammlung von Ausrufezeichen das Gefühl der Ankunft am Ziel adäquat beschreiben. Das seltsame an der Sache ist nur, dass es sich nach all dem wieder einmal gelohnt hat.

Wie auch seine 22 Vorgänger hat sich diese Ausgabe von „Il Cinema Ritrovato“ in Bologna der Bewahrung des internationalen Filmerbes verschrieben. Vor allem das Fachpublikum (Filmwissenschaftler, Restauratoren, Archivare) hat sich vom 27. Juni bis zum 4. Juli in der italienischen Stadt eingefunden, um frisch restaurierte Kopien von Klassikern ebenso wie vergessenen Werken zu betrachten und jeden Abend auf der Piazza Maggiore mit den Bewohnern der Stadt Meisterwerke zu genießen. In drei Kinos (zwei Sälen der Cineteca und dem Cinema Arlecchino) wurden tagsüber Filme aus den verschiedensten Reihen gezeigt.

Letztes Jahr war es Josef von Sternberg, dieses Jahr Frank Capra, der zum Director in Focus erkoren wurde. Mr. Capra Goes to Town hieß die Reihe und bot die seltene Möglichkeit, die frühen Stumm- und Tonfilme des Meisters zu sehen, darunter seine Arbeiten mit Barbara Stanwyck. Gerade diese war eine außergewöhnliche Entdeckung, rettete sie mit ihrer bloßen Präsenz doch so manch unglaubwürdiges Happy End über die Spielzeit. Capras bekannteste Filme aus dieser Zeit – „The Bitter Tea of General Yen“ und „Platinum Blonde“ – wurden ihrem Ruf gerecht, doch überstrahlt wurden beide von „Forbidden“, welcher die für den Regisseur typische unterschwellige Melancholie und seine melodramatischen Elemente nahezu perfekt mit dem üblichen Capra-Witz verbindet. Alles in allem reichte die Qualität der Filme zwar nicht an die der Sternberg-Reihe heran, schließlich wurden die Amerika-Trilogie (über Mr. Smith, Mr. Deeds und John Doe) und andere übliche Verdächtige aus gutem Grund ausgespart. Die Sternberg-Reihe hatte sich jedoch letztendlich als qualitativ konsistenter erwiesen, denn dessen Stummfilme konnten Seite an Seite mit den berühmten Dietrich-Filmen brillieren.

Im Rahmen der jährlichen Reihe Ritrovati & Restaurati sowie der Präsentationen der von Martin Scorsese gegründeten World Cinema Foundation fanden sich dagegen unzählige Highlights wie z.B. eine neue, vollständige Fassung von Die Ferien des Monsieur Hulot, die großartige Tragiksatire Kritische Jahre über den italienischen Faschismus, der vierstündige Cut von Edward Yangs „A Brighter Summer Day“ mit dem jungen Chang Chen in der Hauptrolle und „Al-mummia“, der einzige Film des Ägypters Shadi Abdel Salam.

Am leichtesten lassen sich die Ergebnisse der Restauration für Laien wohl an der Farbe erkennen. Dementsprechend erscheint es nur logisch, dass In Search of the Color of Film sich allein diesem Thema widmete. Als Lieferant für allerhand Festival-Höhepunkte erwies sich diese Reihe, schließlich wurde im dafür ausgewählten Cinemascope-Kino Arlecchino nicht nur Godards „Pierrot le Fou“ gezeigt. Gerade die weniger bekannten Werke stellten sich als wahre Perlen des Festivals heraus. Zu den besten Filmen zählten William Wellmans Frontier-Drama Track of the Cat mit Robert Mitchum, John Fords erster Farbfilm Drums along the Mohawk, in dem sich Henry Fonda und Claudette Colbert gegen Indianer und John Carradine erwehren müssen und Albert Lewins Pandora & the Flying Dutchman, der Ava Gardner und James Mason als mythisches Liebespaar vor einem surrealistischen Hintergrund vereint.

Gekrönt wurden die Kinotage von den täglich ab 22 Uhr beginnenden Vorstellungen auf der Piazza Maggiore. So zeigte King Vidor am Dienstag die urbane Massengesellschaft der 20er Jahre in „The Crowd“, am Donnerstag war an Hand von drei Kurzfilmen ein unmittelbarer Vergleich zwischen Charlie Chaplin und Buster Keaton möglich (Keaton hat gewonnen) und am Freitag konnte man Alida Vallis und Farley Grangers Hassliebe in „Senso“ bewundern.

Mit Hilfe von Unmengen an Espressos, Cola-Dosen und italienischen Spezialitäten galt es tagtäglich den Energiehaushalt aufzufrischen. Neun Uhr morgens standen nämlich die ersten Vorstellungen an und zumeist endete der Tag auch erst Mitternacht, anschließendes Beisammensein samt Bierchen nicht mit eingerechnet. Filmfestivals sind eben kein Pappenstiel und vor allem nichts für Langschläfer, besonders wenn einem die Anreise noch drei Tage später in den Knochen steckt. Soviel zur um Mitleid heischenden Dramatisierung der Reise. Schlussendlich verliert das alles aber an Bedeutung, wenn man die seltene Möglichkeit geboten bekommt, vier bis fünf Filme am Tag zu sehen, von denen 60-70% bisher nicht einmal eine DVD-Auswertung erhalten haben und ein nicht geringer Teil diese wohl gar nicht erhalten wird. Bologna ist nicht zuletzt deswegen eine äußerst empfehlenswerte Destination für Cineasten und Cinephile, die verloren geglaubtes Kino wiederfinden wollen und das in einem einzigartigem intimen Kinoambiente abseits der kommerziellen Erwägungen von Filmmärkten und Gala-Premieren.

Alle beim Festival in Bologna gesehenen Filme werden, wie schon vor einem Jahr, demnächst an dieser Stelle mehr oder weniger ausführlich besprochen werden. Beiträge zur letzten Ausgabe findet man nach etwas Gescrolle hier.

K&K: Edizione Speciale III

Eine Amerikanische Tragödie (USA 1931)

Nach einer Vorlage von Theodore Dreiser, die zwanzig Jahre später unter dem Titel A Place in the Sun noch einmal das Licht der Leinwand erblicken sollte, erzählt Josef von Sternberg in Eine Amerikanische Tragödie die Geschichte des Emporkömmlings Clyde (Phillips Holmes), der sich seiner schwangeren Freundin entledigen will, als er sich in ein Mädchen aus reichem Hause verliebt.

Im Grunde ist aber schon „verliebt“ eine Übertreibung, denn Clyde ist ein emotionsloses Wesen, ein farbloser Mann ohne Eigenschaften, dessen alleiniges Wesensmerkmal der Ehrgeiz ist. Clyde ist eine Missgeburt des amerikanischen Traumes.

Dass Sternbergs Kreativität nicht von der Anwesenheit einer gewissen deutschen Diva abhängig war, bewies das Festival in Bologna ein ums andere mal mit Filmen wie Unterwelt oder Im Hafen von New York.

Auf Grund ihrer uncharismatischen, ihrem Wesen nach langweiligen Hauptfigur und dem Ungleichgewicht zwischen dramatischer Haupthandlung und satirischem letzten Drittel blieb die amerikanische Tragödie jedoch eine der wenigen Enttäuschungen der Sternberg-Retrospektive.

Das waren noch Zeiten (USA 1966)

Good Times Wonderful Times lautet der Originaltitel von Lionel Rogosins Independentdoku. Besagte Zeiten werden im Verlauf des Antikriegsfilms von einem Veteran umschrieben und er meint nicht die Heimkehr von der Front.

Ganz dem Realismus verschrieben, kombiniert Rogosin die Bilder einer Londoner Cocktailparty mit Dokumentaraufnahmen des Schreckens. Da wechselt sich die Diskussion der Beatniks darüber, ob der Krieg nicht ein Mittel der natürlichen Auslese sei, mit Aufnahmen aus dem Warschauer Ghetto oder toter Soldaten an der Ostfront ab.

Ungeachtet der fragwürdigen Plakativität dieser simplen Gegenüberstellung muss Rogosin angerechnet werden, dass seine ungestellten Bilder zuweilen einen durch seine Wahrhaftigkeit unangenehmen Einblick in die menschliche Natur gewähren.

Gerade die Gesprächsthemen der gut situierten Mitdreißiger sind zeitlos. Würde man heute eine solche Party in Berlin, London oder sonstwo filmen, hätten sich die Argumente für den Krieg wohl nicht geändert und das ist nicht gerade eine beruhigende Feststellung.

Der Teufel ist eine Frau (USA 1935)

Von Sternbergs Lichtkugel umgeben wandelt Marlene Dietrich in Der Teufel ist ein Frau durch die spanischen Szenerien, während die von ihr besessenen Herren zunehmend im Schatten versinken.

Gleich dem Professor Rath, der einst der Sängerin Lola Lola mit fatalen Folgen verfiel, ergeht es 5 Jahre später Don Pasqual (Lionel Atwill) mit der unnahbaren Concha Perez (Marlene Dietrich). Ihr bedeuten die Männer nicht viel mehr als eine einzelne Luftschlange im spanischen Karneval. Diese Dame ist ein Kunstwesen, eine Ausgeburt der Obsession des Regisseurs Sternberg. Sie ist zugleich ein Eingeständnis der Niederlage und des Triumphes.

Pygmalions Skulptur ist endgültig erwacht und in die Irrealität einer filmischen Fantasiewelt hinaus getreten. Concha Perez ist der Kulminationspunkt des Schöpfungsaktes der Diva Dietrich. Befreit von menschlichen Gefühlen, einem Gewissen oder auch nur einer nachvollziehbaren Motivation, ist diese unwiderstehliche Schöne eine unbekümmerte femme fatale im wahrsten Sinne des Wortes.

Einher damit geht jedoch die Unfassbarkeit, die Unmöglichkeit des Besitzes, den sich ihre Liebhaber ungeachtet aller Rückschläge, aller Erniedrigungen erträumen, während sie blind dem Abgrund ihres Ruins entgegen schlittern. Oder nehmen sie ihn für ein paar vergängliche Momente mit ihrem Fantasiewesen wissend in Kauf?

Bei aller Dramatik zeichnet sich die letzte Zusammenarbeit der Diva mit ihrem Entdecker durch die Relativierung des melodramatischen Gehaltes aus, welche sich in Die Scharlachrote Kaiserin bereits im flapsigen Umgang mit der russischen Geschichte niederschlug.

Der drollige Gouverneur, dessen despotische Wichtigtuerei entlarvt wird, wenn er gegenüber Concha kleinlaut nachgibt und das temperamentvolle Spiel der Hauptdarstellerin sind symptomatisch für die eigentliche Natur dieses Films. Nichts weiter als ein Witz ist er, doch die Herren der Schöpfung wurden nicht eingeweiht.


Zum Weiterlesen:

 

Alle Einträge zum Festival in Bologna und den dort gesehenen Filmen.

K&K: Edizione Speciale I

Eigentlich verdient jeder auf dem Festival in Bologna gezeigte Film eine ausführliche Kritik. Dem ein oder anderen werde ich hier auch etwas mehr Zeit widmen. Vorerst beschränken sich die Ausführungen aber auf einen mehrteiligen Überblick der beim Cinema Ritrovato gesehenen Filme. Auf Los geht’s los…

Marlene Dietrich in Blonde Venus Blonde Venus (USA 1932)

Marlene Dietrich spielt in ihrem fünften Sternberg-Film zum wiederholten Male eine Nachtclubsängerin, die hier ihren Job für Mann und Kind an den Nagel gehängt hat. Während ihr Ehemann Ned (Herbert Marshall) aus Gesundheitsgründen nach Europa reist, lernt sie den reichen Nick (ein junger Cary Grant) kennen. Als Ned von ihrer Untreue erfährt, flieht die „Blonde Venus“ mit ihrem Sohn in den Süden der USA.

Wenn Ned vor dem vom Schatten zersplitterten Hintergrund, das Gesicht ins Dunkel getaucht, seiner untreuen Frau gegenübersteht, ist das Sternbergs Ästhetizismus in seiner Reinkultur. Vergleiche zum Expressionismus der 20er sind angebracht, doch Sternbergs Vermögen mit dem Licht das melodramatische Geschehen auszumalen, kann nicht auf die Integration in irgendeine Filmtradition reduziert werden. Seine später auf dem Festival gezeigten Filme beweisen: Sternbergs Licht- und Schattengestaltung, sein Einsatz des detaillierten Dekors sind einmalig.

Unvergesslich auch die Nummer Hot Voodoo, in deren Verlauf sich die Dietrich aus einem Gorillakostüm schält und damit die scheinbare Stärke ihrer am Ende stets ergebenen Filmmänner bloßlegt. Eine erstaunlich menschliche Komponente für einen Sternberg bildet dagegen die enge Beziehung von Mutter und Sohn, die jede Liebelei überdauert.

Die Seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki

Die Seltsamen Abenteuer des Mr. West im Lande der Bolschewiki (UdSSR 1924)

So absurd der Titel auch erscheint, getoppt wird er durch die Story des ersten Spielfilms von Lew Kuleschow. Sein berühmtes Montageexperiment kennt jeder Filmstudent, seine Spielfilme dagegen sind weitestgehend vergessen. Mr. West ist da noch sein bekanntestes Werk, vielleicht auch sein unterhaltsamstes. Kuleschow, der fasziniert war vom amerikanischen Unterhaltungskino, brachte diesen Film im Todesjahr Lenins, kurz nach Ende des Bürgerkrieges heraus.

Den Titelhelden Mr. West, dessen Äußeres mit der großen, runden Brille verdächtig an Harold Lloyd erinnert, verschlägt es in die Sowjetunion. Mit Vorurteilen über die „barbarische“ Bevölkerung beladen, trifft er auf eine gewiefte Verbrecherbande, während sein Bodyguard, der Cowboy Jeddy, sich durch die Stadt prügelt und ballert, so dass der ein oder andere Passant schon mal per Lasso am Laternenpfahl endet.

Natürlich nimmt Kuleschow hier Amerikas Bild im Rest der Welt auf die Schippe, doch geschieht das auf eine liebevolle Art. Mr. West in seiner naiven Großäugigkeit ist ein Sympathieträger, gleichsam Jeddy, der sich, seiner anarchischen Art entsprechend, an Kabeln über Häuserschluchten hangelt und für etliche andere Schauwerte sorgt. Satire und Hommage zugleich sind die Abenteuer des Mr. West.

Sie offenbaren dank ihres Verzichts auf eine platte dialektische Vorgehensweise zeitnaher Filme eine andere Seite des sowjetischen Films. Sie verweisen auf eine Lust am Überschwang, an der Ironie, die zehn Jahre später nicht nur aus dem Werk des Regisseurs verschwinden sollte.

Clive Brook in UnterweltUnterwelt (USA 1927)

Sternbergs erstes Stummfilmmeisterwerk wird gern als Vorläufer der Gangsterfilme der dreißiger Jahre gesehen. Abgesehen von solchen filmhistorischen Ritterschlägen ist Underworld (so der Originaltitel) einer der wenigen Sternberg-Filme, dessen männliche Protagonisten eine Wandlung durchmachen.

Der joviale Unterweltboss Bull Weed (George Bancroft) erscheint zu Beginn mit seiner bulligen Statur und seinen ausgeprägten Lachattaken wie eine Karikatur, ein Cartoon. Fehlt nur noch eine riesige Zigarre und ein Nadelstreifenanzug. Das in diesem Film nicht jeder Mensch dem ersten Eindruck entspricht, verdeutlicht schon die Wandlung des Säufers Rolls Royce (Clive Brook) unter den Fittichen des Bosses zum Gentleman. Prompt verliebt er sich in Feathers (Evelyn Brent), die Freundin seines Gönners.

Die recht einfach gestrickte Eifersuchtsstory gerät durch den moralischen Konflikt der Liebenden gegenüber ihres Freundes zwar zu keiner Charakterstudie. Die weitgehende Unvorhersehbarkeit des Endes deutet aber auf eine vergleichsweise komplexe Figurenzeichnung hin, die in Bancroft und Brook dankbare Projektionsflächen für die zahlreichen Großaufnahmen findet.

Wie immer bei einem Sternberg sind Belanglosigkeiten, wie Figuren oder Story, auch hier nicht der Kern der Sache. Der Regisseur profiliert sich wieder einmal durch seine formale Gestaltung, besonders in den Gefängnisszenen. Wichtiger noch sind diese typisch Sternberg’schen Momente, die durch ihre Intensität den Zuschauer vollkommen überrumpeln.

In diesem Film ist eindeutig die große Party das Highlight, ein Motiv, das später z.B. in The Devil is a Woman wieder auftauchen würde. Die rapide Schnittfolge der Großaufnahmen, die den Rausch versinnbildlicht, wird gefolgt vom betrunkenen Bull Weed, der in Rage durch die Konfettiwüste stampft. Selbst ein nur durchschnittlicher Film hätte durch diese Sequenz an Niveau gewonnen. Allein auf eine herausragende Sequenz zu setzen, hat Sternberg, im Gegensatz zu einigen Kollegen hier nur nicht nötig. Im Nachhinein bleibt Underworld gerade deswegen mein liebster Film des Regisseurs im Festivalprogramm.


Zum Weiterlesen:

 

Il Cinema Ritrovato in Bologna 2008.
Eine Erklärung des berühmten Kuleschow-Effektes, der die Sinnbildung durch das Aneinanderfügen von Bildern nachwies, d.h. das Grundprinzip der Montage.
Ein kurzer Text über Unterwelt von Kristin Thompson.

Octopus und Marlene Dietrich – Il Cinema Ritrovato in Bologna

Cinema Ritrovato BolognaDie Blogpause ist vorbei. Nach einer Woche Internetabsenz und rund 20 auf dem Filmfestival Il Cinema Ritrovato in Bologna gesehenen Filmen meldet sich the gaffer zurück, wie man so sagt.

Bei steten 35 Grad ohne auch nur einen Hauch eines erfrischenden Lüftchens liegt die Flucht in den kühlen Kinosaal nicht gerade fern. Hinsichtlich des Klimas erscheint Bologna daher als idealer Ort, einen Filmmarathon zu präsentieren.

Da beginnt der Tag um neun mit einer Vorstellung im Cinema Arlecchino, schaut man etwa einen CinemaScope-Film, und endet gegen Mitternacht, wenn die cinephilen Massen nach dem Open-Air-Kino auf der Piazza Maggiore in alle Richtungen der Stadt ausströhmen, über die grandiose Effizienz Hitchock’scher Inszenierung und unbequeme Plastikstühle sinnierend.

Das Cinema Ritrovato ist dem üblichen Festivalzirkus dadurch enthoben, dass es sich um die Bewahrung des Filmerbes dreht und ganz ohne Premierenfeiern, Blitzlichtgewitter und vergoldete Bären und Palmen auskommt. Vielleicht sieht man hier nicht die angesagtesten Starlets. Dafür aber feiert das Festival die tatsächlich legendären Stars der Vergangenheit und die Künstler hinter der Kamera.

So erwies sich das „wiedergefundene Kino“, das dieses Jahr vom 28. Juni bis zum 5. Juli im italienischen Bologna stattfand, wirklich als Entdeckung.

Die restaurierte Fassung von Max Ophüls letztem Film, Lola Montès, war in seiner ganzen opulenten Schönheit auf der Piazza zu sehen gewesen. Wenig später lief am selben Ort die selten gesehene Stummfilmfassung von Alfred Hitchocks Blackmail, musikalisch begleitet von einem Orchester.

Cinema Ritrovato Bologna

Verschiedene thematisch zusammen hängende Reihen durchzogen die Festivaltage. Josef von Sternberg wurde mit einer Retrospektive geehrt, die seine Schaffensperiode zwischen seinem ersten Film und seiner letzten Zusammenarbeit mit Marlene Dietrich umfasste.

Sternbergs Stummfilme der 20er Jahre im direkten Vergleich mit seinen Dietrich-Filmen zu betrachten war eines der Highlights des Festivals, zeigte sich doch seine formale Finesse im Umgang mit Licht und Dekor schon in frühen Werken wie Underworld. Ebenso konnte man von Film zu Film den durch den Regisseur forcierten Wandel der Dietrich zur Stilikone und Diva nachvollziehen.

Die Möglichkeit, die Entwicklung eines Künstlers über Jahrzehnte hinweg in kürzester Zeit zu beobachten, bot auch die Werkschau des Vaters des russischen Kinos, Lew Kuleschow, die besonders durch dessen offenkundige Vorliebe für das amerikanische Unterhaltungkino auffiel. Nicht gerade selbstverständlich für einen Regisseur, der nach der Oktoberrevolution Karriere gemacht hatte.

Filmfestival Bologna

Publikumslieblinge waren sicherlich die Warner-Retrospektive der Dreißiger Jahre, die regelmäßig zur Sitzplatznot im Lumiére 2 führten und die fünfte Auflage der oben erwähnten CinemaScope-Filme.

Das Arlecchino, das seinerzeit extra für das neue Breitwandformat gebaut worden war, bot eine ungemein bequeme Atmosphäre für die Filme von Anthony Mann, Budd Boetticher und John Sturges.

Das Gefühl, in der dritten Reihe von vorn in den weichen, gelben Sesseln des dunklen Saals zu versinken und die in satte Farben getauchten Abenteuer von Gary Cooper oder Spencer Tracy zu bestaunen, ist ganz einfach durch kein Multiplex, keine Lasershow und auch kein IMAX-Kino dieser Welt ersetzbar.

Diese Liebe zum Film vereint die Mischung aus Cineasten, Einheimischen und Filmwissenschaftlern, die sich jedes Jahr in Bologna zusammenfindet. Hier genießt jeder das seltene Erlebnis, einen Stummfilm Chaplins live auf dem Klavier begleitet zu sehen und zu hören. Ob man nun mit seinen Nudeln und der Pizza auf den Stühlen der Piazza Platz nimmt oder auf deren warmen, ebenso unbequemen Steinboden.

Da war es auch dieses Jahr nur ein kleines Übel, wenn man zur Mittagszeit ins Hotel rennen musste, um das vom Schweiß durchweichte T-Shirt zu wechseln oder der Sitznachbar im Cinema Lumiére 1 in variierenden Lautstärken vor sich hin schnarchte.

Die Pausen, die nicht mit der Joggingtour zum Kleidungswechsel verbracht wurden, widmeten sich den üblichen Aufputschmitteln, vorrangig dem italienischen Espresso, der hier auf dem Platz vor der Cineteca schon mal in den Rachen gewuchtet wurde wie der Whiskey am Tresen des Saloons.

Bis auf den ein oder anderen exotischen Snack blieb da kaum Zeit zur Nahrungsaufnahme, schließlich ging’s sofort in den nächsten Film, z.B. aus der Reihe der Stummfilme aus dem Jahr 1908.

Fiel man endlich nachts müde aufs Bett des Hotelzimmers, wohlgemerkt nach dem vierten Film, dem dritten Espresso und der x-ten Dusche des Tages, dann begleiteten einen die Beine Marlene Dietrichs als sie Gary Cooper in die Wüste Marokkos folgt oder die auf den dünnen Seilen des Zirkus‘ balancierende Lola Montès in den Schlaf. Oder aber der Cowboy Jeddy, der in voller Montur durch Moskaus verschneite Straßen rennt. Das gibt’s eben nur im Kino.


Das waren die ersten Eindrücke vom Festival.

 

Näheres zu allen in Bologna gesehenen Filmen wird hier in den nächsten Tagen zu lesen sein.

Das wiedergefundene Kino

Cinema Ritrovato BolognaDa ich morgen nach Bologna fahre, wird the gaffer eine Woche Pause machen. Warum wird diese Nebensächlichkeit hier gepostet? Weil in Bologna vom 28. Juni bis zum 5. Juli das Filmfestival Il Cinema Ritrovato zum 22. Mal stattfindet.

Das „wiedergefundene Kino“ ist ein Festival mit filmhistorischem Anspruch, d.h. es konzentriert sich auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und zeigt neu restaurierte Fassungen.

Dieses Jahr gibt es Themenschwerpunkte rund um die Filme von Josef von Sternberg und Lew Kuleschow. So werden Unterwelt, The Salvation Hunters und einige Marlene Dietrich-Filme von Sternbergs zu sehen sein.

Lew Kuleschow, „Vater“ des sowjetischen Kinos und der formalistischen Montagetheorie ist nicht nur für seine Experimente berühmt. Die wichtigsten Filme des Zeitgenossen von Eisenstein und Pudowkin werden vorgeführt, etwa die Komödie Die seltsamen Abenteuer des Herrn West im Lande der Bolschewiken und das auf einer Geschichte Jack Londons basierende Kammerspiel Nach dem Gesetz. Diese russischen Klassiker sind hierzulande höchstens auf vergriffenen Videos zu haben.

Daneben werden Stadt in Angst mit Spencer Tracy, Lola Montès von Max Ophuls und unzählige weitere Filmperlen laufen.

The gaffer wird sich nach der Rückkehr aus den dunklen Kinosälen Bolognas ausführlich den gesehenen Filmen und der Festivalatmosphäre widmen. Sofern der Schock des Sonnenlichts nach einer Woche Filmmarathon nicht zur Erblindung führt…


Zum Weiterlesen:

 

Die Homepage des Festivals und das Programm.
Eine kurze Einführung in Leben und Werk des Lew Kuleschow.
Josef von Sternberg bei Senses of Cinema.