Transformers 3 (USA 2011)

Eine Fahrt in das Auge des Maschinenwesens. Aus den filigranen Innereien setzt sich die breitschultrige Ansage zusammen: Transformers 3. Das dreifache Ausrufezeichen muss mitgedacht werden. Dann beginnt das Aerosmith-Video. Wir folgen dem Hintern des unzureichenden Megan Fox-Ersatzes Rosie Huntington-Whiteley (ein Name, nicht für Filmposter gemacht, aber die brauchen keine Menschen) die Treppe hinauf. Das ist Michael Bay. Das ist ein Regisseur, der Filme aus Money Shots zusammensetzt, nicht aus Geschichten, nicht aus Emotionen. Ein Hintern mit nichtssagendem Gedudel unterlegt, ein Auto, das sich im Flug in einen Roboter verwandelt, eine Gruppe von schwitzenden Soldaten vor der amerikanischen Flagge. Das ist der Stoff, aus dem Michael Bay-Filme gewoben sind, oder sagen wir lieber: das sind die Fetzen, aus denen Transformers 3 besteht, denn ein homogenes Gewebe mit nahtlosen Übergängen kommt nicht zu Stande.

Der Hintern von Rosie Huntington-Whiteley also führt uns in die übersexualisierte Gegenwart, deren Frauenmode eher an 80er Jahre, an schlechte Miami Vice-Verschnitte erinnert. Räkelte sich Megan Fox noch verführerisch auf einem Motorrad und gebar so eine Symbiose von Männerträumen, wird ihre Nachfolgerin gänzlich mit einem Auto gleichgesetzt, wenn die Kurven eines Gefährts beschrieben werden, während die Kamera lasziv über die ihren gleitet. Doch Frau Huntington-Whiteley muss sich keine Sorgen machen, als einzige im Film zum Gegenstand herabgestuft zu werden. Vielmehr befindet sie sich in bester Gesellschaft mit einer Bay’schen Weltbevölkerung, die höchstens aus Attributen zusammengesetzt ist, wenn sie überhaupt ins Scheinwerferlicht darf. Denn menschliches Leid oder auch nur die Tatsache, dass im Laufe des Films mindestens Tausende von Menschen sterben, interessiert Transformers 3 nicht im Geringsten. Da steht die Frage tatsächlich im Raum, warum die Autobots gegen die bösen Decepticons überhaupt vorgehen. Fürchten sie die Materialschäden? Für die nimmt sich der Film umso mehr Zeit, wenn sich etwa ein durchaus beeindruckender Decepticon wie eine Krake um ein Hochhaus windet, es zerdrückt, dessen Innereien nach außen presst. Ein Augenschmaus ist die Sequenz in Einzelmomenten. Einer, den man als teure Powerpoint-Präsentation wahrnimmt, nur eben von der hintersten Bank des Klassenzimmers aus.

Michael Bay-Filme zu beschreiben, hat immer etwas von einem Déja-vu, zumindest seitdem sich sein Stil nach der Jahrtausendwende gefestigt hat. Bis auf ein paar längere Einstellungen hat sich die Inszenierungsweise seit dem ersten Teil des Transformers-Franchises nicht wesentlich gewandelt. Auch der erstmalige Einsatz der 3D-Technik hat daran nichts geändert, was sich insbesondere dadurch aufdrängt, dass die Dreidimensionalität überhaupt nicht ausgenutzt wird. Stattdessen das selbe alte Spiel, bzw. der selbe alte Stil. Powerpoint-Folie nach Powerpoint-Folie wird über die Leinwand gejagt. Denn Michael Bays Filme denken nicht in Bildfolgen, sondern maximal in einem Kader auf einmal. Sofern das Wort „Denken“ angemessen ist. Auch die dritte Robo-Schlacht vermittelt deshalb die meiste Zeit den Eindruck einer Warenpräsentation für potenzielle Käufer. Hier ein neues Feature, dort ein Schwenk über das neue Design. So erweist sich Transformers 3 schon in den ersten Spektakelszenen als Abfolge von Einstellungen, deren Montage von einem abwesenden Gespür für rhythmische Bewegungen in ihren rudimentären Formen zeugt.

Natürlich ist „Transformers 3“ zuvorderst als Produkt gedacht, welches an die Massen gebracht werden muss. Kaum ein Filmemacher hat die Meriten des Blockbusterkinos allerdings derart auf diese eine Funktion heruntergebrochen, wie Michael Bay es in den Transformers-Filmen zur Schau stellt, speziell in Teil 2 und 3. Da hilft es nicht, dass Charakterdarsteller wie Frances McDormand und John Turturro für die Ausgestaltung des Hintergrunds zuständig sind. Ihnen wird ebenso wenig Menschlichkeit zugesprochen wie den gigantischen Robotern. Da fällt es gar nicht weiter auf, dass die Transformers nun sogar Blut verlieren, so dass der Streifen zu einer Art R-Rated-Reißer für Kiddies degeneriert. Einzig John Malkovich macht das Wesen von Transformers 3 zur Methode. Mit falschen Zähnen und uninspirierten Overacting-Einlagen ordnet er sich geflissentlich in die leblose Kulisse dieses Maschinenpornos ein.


Zum Weiterlesen:

Überblick über die Kritiken bei Film-Zeit.de.

Wenn die Queen zur Knarre greift…

Robert Schwentke scheint Genrefilme zu lieben. Das mag einer der Gründe sein, warum er in die Traumfabrik geflüchtet ist. Weder Zeitreiseromanzen noch einschläfernde „Sieben“-Verschnitte sind dem in Stuttgart geborenen Regisseur, der sein Handwerk in den USA gelernt hat, fremd. Sein neuer Film Red, eine Comicverfilmung, besticht in erster Linie durch den skurrilen Humor irgendwo zwischen „Burn After Reading“ und „Keine halben Sachen“. Dem überdrehten Trailer nach zu urteilen, könnte es sich aber ebenso gut um eine Direct-to-DVD-Veröffentlichung á la „Lucky Number Slevin“ handeln.

Achja, Helen Mirren hält hier eine riesen Wumme in Händen. Das war – zugegeben – der einzige Grund für diesen Post. Am 28. Oktober soll „Red“ (oder „R.E.D. oder „RED“) hierzulande die Kinoleinwände mit seiner Präsenz segnen. Einen deutschen Trailer gibt’s bei Moviegod zu bestaunen.

Die Legende von Beowulf (USA 2007)

Einen Film aus Robert Zemeckis‘  Digitalschmiede im Anschluss an den visuellen Genuss des Billion Dollar Babies „Avatar“ vorgesetzt zu bekommen, ist ein schwieriges Los. Liest man die vielen positiven Kritiken über Die Legende von Beowulf, fällt es aus heutiger Sicht schwer, die geäußerte Begeisterung für die fortschrittlichen Effekte nach zu empfinden. „Beowulf“ ist nämlich mehr noch als viele andere Effekt-schwangere Werke ein historisches Erlebnis, ganz einfach weil der Film so schnell überholt wurde von der Zeit. Man könnte sagen, er sei schlecht gealtert, man könnte aber auch einwerfen, dass bereits zu seiner Veröffentlichung vor rund drei Jahren „Beowulf“ ein technisch gescheitertes Werk gewesen ist. Im Gegensatz zum „Polarexpress“ und der späteren „Weihnachtsgeschichte“ von den selben Machern, ist Zemeckis‘ „Beowulf“ ein Film für Erwachsene, keinesfalls ein Abenteuer für Jung und Alt. Die Altersfreigabe (FSK 12) mag dem widersprechen, doch die erotisierte Stimmung im Film, deren Personifizierung – ja sinnbildliche Verkörperung – Angelina Jolies wohlgeformter Wasserdämon darstellt, wird durch eine für  den Animationsfilm überraschende Brutalität ergänzt. Psychoanalytisch ausgedrückt: Eros und Thanatos, Lebens- und Todestrieb, machen in diesem Falle jedes unschuldige Märchen zu Nichte.

All das ist natürlich von den Verantwortlichen gewollt. Durch die Schilderung des ausschweifenden Lebens der Krieger und ihrer unzähligen Frauen führt der Film uns ein in die Welt um 600 n. Chr., in welcher der betrunkene König (Anthony Hopkins) halbnackt zur Freude aller vor seinem Thron hin uns her wankt. Das laszive heidnische Leben wird natürlich in der selben Sequenz bestraft durch den brutalen Angriff des Monsters Grendel (Crispin Glover), welches von den lauten Feierlichkeiten in Rage versetzt wird. Grendel ist einerseits ein Sagenwesen, für welches das sich annähernde Christentum keinen Platz hat außer jenem im Grab, doch im selben Moment fungiert es als Racheengel für eine moralische Übertretung, für eine Versündigung. Denn einst hatte der König Grendel gezeugt mit einer Hexe (Jolie). Er war der Verführung der Frau (Eva und Schlange zugleich) verfallen. In seiner Not ruft der Schuldige nach einem Helden, der sein Volk befreit von dem Monster und siehe da! Beowulf (Ray Winstone – digital geliftet und leider kaum wiederzuerkennen) kommt mit seinen Mannen (u.a. Brendan Gleeson), um sich diesem zu stellen. Beowulf ist ein nordischer Krieger durch und durch, ein jüngeres Abbild des Königs. Zemeckis‘ Film treibt diesen Aspekt weiter als die Vorlage, um eine im Mainstream-Kino obligatorische erzählerische Einheit zu schaffen. Zwar erlegt Beowulf Grendel, doch damit ist das Übel längst nicht ausgestanden.

In der mitleidigen Darstellung des deformierten Grendel findet sich eine nachvollziehbare Modernisierung des Stoffes, sind wir doch heutzutage nach ambivalenten Widersachern scheinbar süchtig. Die gleiche Vielschichtigkeit kommt auch dem Helden in der zweiten Hälfte des Films zu, so dass die Story etwas Vertiefung erlangt abseits des klassischen Held-erschlägt-Monster-Motivs, welches an dem Heiligen Georg denken lässt. Die Drehbuchautoren Neil Gaiman und Roger Avary betonen außerdem mit Hilfe erzählerischer Freizügigkeiten die christliche Moral des Films. Nicht von ungefähr steht der verführerischen Hexe (lies: Hure), deren Höhle vor Sexualmetaphern nur so strotzt, die unter ihren wollüstigen Männern leidende Königin (Robin Wright Penn) gegenüber, welche gegen Ende des Films, von einem Geistlichen begleitet, zum Symbol christlicher Tugend, zur symbolischen Mutter ohne Kind wird. Im Aussehen Grendels zeigt sich, wo der Samen des Mannes hingehört hätte.

„Beowulf“ ist dank des Drehbuchs nicht nur auf Schauwerte aus, wenn auch die Technik mit jeder Speerspitze, jeder Träne auf den Wangen der animierten Figuren in den Vordergrund gerückt wird. Doch all das nützt nichts, denn die „Legende“ kommt nie über den Widerspruch zwischen jenen technischen Kinderschuhen, in denen sie steckt und ihrer, wenn auch mit Action geladenen, vor allem ernsten Thematik hinweg. Abseits der Großaufnahmen herrscht in dem Film das Gewusel lebloser Augen, unglaubwürdiger Oberflächen (Diese schreckliche aufgemalte Haut!) und unnatürlich langsam gleitender Bewegungen. Als hätte Zemeckis 1907 ein Musical gedreht, ist sein Film ein dramaturgisch-technisches  Himmelfahrtskommando. Animierte Drachen, Stop-Motion-Drachen, gezeichnete Drachen bergen in sich allenfalls ein Problem des Bedrohungspotenzials für den Zuschauer. Menschen aber, die müssen durch Menschen als Menschen akzeptiert werden. Kein Wunder eigentlich, das Jolies Wasserdämon in Frauengestalt hier noch das glaubwürdigste Geschöpf auf zwei Beinen ist.

Burn After Reading (USA/GB/F 2008)

Treffen sich zwei Kinobesucher nach einer Vorstellung von Tropic Thunder, wird sich ihr Gespräch sehr bald auf den Auftritt von Tom Cruise als fetten, haarigen Produzenten drehen. Der eine freut sich dann über die Art und Weise wie der Scientologe und Superstar sein Image als Schönling auf die Schippe nimmt. Der andere wird entgegen halten, dass sein ewiges Herum- getanze doch mehr peinlich als lustig ist. Vielleicht entzünden sich beim Anblick des neuen Filmes von Joel und Ethan Coen ähnliche Diskussionen. In Burn After Reading spielt schließlich Brad Pitt – zweimaliger Sexiest Man Alive – einen etwas dümmlichen Fitness Studio-Angestellten, samt hautengen Shirts und geschmackloser Frisur. Seine Figur Chad Feldheimer ist der Typ Mensch, dessen Mund weit offen steht, wenn das Hirn nicht mehr hinterher kommt. Mit seiner Arbeitskollegin Linda Litzke (Frances McDormand) erpressen sie nach dem Fund vergessener Top Secret-Daten des CIA dessen Besitzer. Oder sie versuchen es zumindest. Man kann sich wohl durchaus vorstellen, dass Chad und Linda, die das Gros ihres Tages mit Ergometern, Laufbändern und anderen hoch interessanten Geräten verbringen, keine geborenen Profis im Geheimdienstgeschäft sind. Seltsamerweise scheint in Burn After Reading keiner von irgend etwas einen Plan zu haben. Auch nicht der betroffene Agent Osbourne Cox (John Malkovich). Von seiner Frau (Tilda Swinton) betrogen und verachtet, von seiner Firma gefeuert, wünscht man dem Alkoholiker Cox eine ordentliche Gruppentherapie.

Auch Harry Pfarrer (George Clooney – ebenfalls zweimaliger Sexiest Man Alive) hat so seine Probleme. Als wären eine Frau und eine Geliebte (Swinton) nicht genug, sucht Harry übers Internet-Dating weibliches Frischfleisch. Und lernt dabei Hobby-Erpresserin Linda kennen. Man könnte großspurig sagen, das Schicksal der Figuren in „Burn After Reading“ sei vernetzt, die verschiedenen Lebenspfade würden sich kreuzen, mit verhängnisvollen Folgen usw. Die Feststellung liegt allerdings nahe, dass schlicht alle Figuren in diesem Film unglaublich dumm sind. Die Akzeptanz dieser Gemeinsamkeit genügt jedenfalls, um an diesem Film großes Gefallen zu finden. Nicht alle teilen Chads Grad von Dummheit, aber fast. Ausgenommen Tilda Swinton, deren Eisblock-Anwesenheit zuweilen deplatziert wirkt. Glücklicherweise teilt sie eine der witzigsten Szenen des Films mit Clooney und einem Berg Karotten. Welche Schaupielerin kann das schon von sich behaupten?

Eine Horde beschränkter Figuren dabei zu beobachten, wie sie versuchen ans große Geld zu kommen, muss nicht unbedingt lustig sein. Selbst in der Filmografie der Coen-Brüder existiert der großartige The Big Lebowski neben The Ladykillers, einem weiteren Remake, dass kein Mensch braucht. Burn After Reading ist vielleicht nicht auf der Höhe des Dudes, dafür ist das Geschehen zunächst zu chaotisch, wirkt der ganze Film wie eine Fingerübung nach Feierabend. Einen wie den Dude gibt’s wohl nur einmal im Leben. Dennoch sind die Eskapaden von Linda Litzke und ihren Kollegen höchst amüsant.

Die Coens spielen nämlich mit dem dramatischen Repertoire verschiedener Genres, allem voran denen des Agenten-Films, um deren Regeln genüsslich auf den Kopf zu stellen. Und sie spielen mit unserer Erwartung bezüglich der Besetzung. Wann treffen etwa die beiden „Oceans Eleven“-Stars Pitt und Clooney endlich aufeinander? Die Antwort auf diese Frage aller Fragen wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Ihre Auflösung ist aber nur einer der Gründe, warum Burn After Reading absolut sehenswert ist. Ein anderer ist Pitt selbst, dessen erbärmliche Versuche, auf Cox bedrohlich zu wirken, für die größten Lacher sorgen. Dieser Film ist ziemlich makaber, birst vor schwarzem Humor und wird stets von einem Hauch von Belanglosigkeit begleitet. Aber wen interessiert’s?