Wollmilchcast #32 – Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Three Billboards outsie Ebbing, Missouri

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri geht am 4. März als einer der Favoriten ins Rennen um den Oscar 2018. Seit letzter Woche flucht sich Frances McDormand auch durch deutsche Kinos in dem neuen Film von Martin McDonagh (In Bruges). Das haben Matthias von Das Filmfeuilleton und ich zum Anlass genommen, um Ebbing bzw. Missouri bzw. Three bzw. Outside en detail zu besprechen. Dabei kommt das Texas Chainsaw Massacre ebenso zur Sprache wie Manchester by the Sea und der wunderbare Spitzname „Tupperware Tarantino“. Im zweiten Teil widmet sich Matthias dem Sleeper-Hit Wonder von Stephen Chbosky (The Perks of Being a Wallflower) und ich lese zwei Büchertitel ab für die Besprechung von Der Apfel ist ab von Helmut Käutner. Viel Spaß!

Shownotes:

00:00:54 – Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017) (Spoiler!)

Robbie Collins Thread über Three Billboards als Groteske

Does Three Billboards say anything about America? Well… (Wesley Morris)

00:46:30 – Wonder (DT: Wunder) (2017)

00:56:20 – Der Apfel ist ab (1948)

01:10:40 – Verabschiedung

Hört euch die Wollmilchcast-Folge an:

Bei Audiomack oder hier im Blog:

@Beeeblebrox

@gafferlein

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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)

Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)

Copyright Titelbild: 20th Century Fox

Duplicity (USA/D 2009)

Tony Gilroy ist fraglos der Filmemacher des Zeitalters der Wirtschaftskrise. Fasziniert ist er von abstrakten Mächten, gegen deren unsichtbare Strukturen der Einzelne sich verzweifelt zu erwehren versucht. So hat Gilroy nach diesem Muster den Anwaltsfilm á la John Grisham ad absurdum geführt („Im Auftrag des Teufels“, Drehbuch) und den Agentenfilm grundrenoviert (die drei „Bourne“-Filme, Drehbuch). Mit seiner ersten Regiearbeit setzte er schließlich der Abstumpfung des modernen Großstadtmenschen mit überdurchschnittlichem Einkommen ein Denkmal („Michael Clayton“). Dabei sind Gilroys Helden keineswegs Idealisten, die für ihre Prinzipien gegen die Übermacht in den Kampf ziehen wie David gegen Goliath. Kevin Lomax, Jason Bourne und Michael Clayton sind Mittäter, willfährige Rädchen im Getriebe unmoralischer Gefüge, deren Verästelungen in Gänze zu überblicken, aussichtslos erscheint. Irgendwann erreichen diese Figuren ihren breaking point, doch bis dahin schließt die Liste der Missetaten diese Männer eigentlich schon von der Thronbesteigung zum Helden Hollywood’scher Prägung aus. Duplicity, Gilroys zweite Regiearbeit, ist nun ohne Zweifel seine reduzierteste Modulation des corporate heroes, welcher sich dem Konzern (/dem Geheimdienst/der Kanzlei…) – seinem beruflichem Heim – widersetzt und zu dessen Stolperstein werden will.

„Duplicity“ entbehrt jeder Unterscheidung zwischen Moral und Amoralität und ist in seiner Haltung am ehesten vergleichbar mit Soderberghs „Ocean’s“-Filmen, vor allem Dingen deren dritten Teil. Denn wie in den Gaunerkomödien auch ist in Gilroys Zweitling alles nur ein Spiel. Ray (Clive Owen) und Claire (Julia Roberts) heißen die Spieler, die zwei Konzerne hinters Licht führen und mit Millionen davonkommen wollen. Dabei handelt es sich nicht um böse Kapitalisten, welche den armen kleinen Bürgern unrechtmäßig das Geld aus der Tasche ziehen und nun ihr Fett wegkriegen. Nein, die Sache ist um einiges komplizierter; oder viel einfacher. Die Frage, womit Equikrom und Burkett & Randle nun genau ihr Geld verdienen, besitzt allenfalls den Status eines running gags. Sanitärprodukte, Windeln und Lotionen vielleicht, doch wen interessiert das überhaupt? Wer kann in den heutigen Zeiten noch die vielfältigen Einsatzgebiete solcher privatwirtschaftlichen Mächte durchschauen? Niemand. Das scheint sich Gilroy gedacht zu haben und schrieb einen Agentenfilm, in dem nichtssagende Konzerne die Staatsmacht ersetzt haben, welche einander ausgeklügelte Kriege mit Hilfe von ultrageheimen Abteilungen für Produktspionage liefern. Claire und Ray stecken da mittendrin. Eigentlich müssten sie die James Bonds und Jason Bournes des Filmes sein, doch dafür fehlt eine entscheidende Zutat: Man kann es vielleicht als Relevanz bezeichnen. Der Beruf, den Claire und Ray ausüben ist letztendlich ohne jede Bedeutung. Zumindest wenn man ihn nach konventionellen Maßstäben der Narration von Agentenfilmen beurteilt. Die beiden sind schließlich weder in den Kampf von Gut gegen Böse verstrickt, noch müssen sie ihre eigene Haut retten.

Claire und Ray könnten ihre Jobs bis ans Lebensende ausführen; ein ums andere Mal von ihren Kindern und Kindeskindern gefragt werden, was sie da eigentlich genau tun; ein ums andere Mal dieselbe Antwort geben; ein ums andere Mal verwirrte Blicke als Reaktion erhalten. Claire und Ray sind keine Astronauten, Feuerwehrmänner oder -frauen. Sie sind eben keine Helden, denn in der hübschen Hochglanz-Urbanität, in der sich „Duplicity“ abspielt, gibt es keine Helden. Selbst Agenten sind zu demystifizierten Wesen geworden, deren  komplizierte Pläne, High Tech-Gadgets und Versteckspiele sich ewig im Kreis drehen. Sie und damit auch Claire und Ray und Equikrom und Burkett & Randle drehen sich um ein einziges, großes Nichts; eine überteuerte Verhaltenstherapie, um die Stunden zu füllen, deren konkreter Wert aber irgendwann einmal verloren gegangen ist. Tony Gilroy beschreibt das Spiel der großen Konzerne als Perpetuum Mobile, das beständig in der Ecke vor sich hin tuckert, während das wahre Leben sich irgendwo anders abspielt. Ein lächerliches Spiel ist das also und Claire und Ray stecken, wie gesagt, mittendrin. Auch wenn sie denken, sie seien schlauer als alle anderen.

Trailer: Duplicity

A.O. Scott hat den neuen Film von Tony Gilroy („Michael Clayton“) neulich mit einer ziemlich positiven Kritik geehrt und auch wenn die NY Times-Kritiken oft genug streitbar sind, verheißen seine lobenden Worte doch genau das, was auch der Trailer verspricht: „However you describe it, “Duplicity” is superior entertainment, the most elegantly pleasurable movie of its kind to come around in a very long time.“

Clive Owen spielt übrigens auch mit. Das reicht mir ehrlich gesagt als Grund für den Kinobesuch, auch wenn der Film wahrscheinlich ohne todbringende Möhre auskommen wird. Dafür sind „Shoot ‚Em Up“- Bösewicht Paul Giamatti und „I am Shiva, the god of death „- Tom Wilkinson mit von der Partie. Und Julia Roberts.

„Duplicity“ startet am 26. März in Deutschland. Den Trailer gibt’s in verschiedenen Ausführungen auch bei MovieMaze.

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