Wollmilchcast #69 – Shazam! und The Beach Bum

Shazam

DC hat einen Lauf – sofern zwei Filme als Lauf bezeichnet werden können. Nach Aquaman verspricht Shazam! der nächste Erfolg für das gebeutelte DC Extended Universe (DCEU) zu werden. Im Podcast sprechen wir darüber, was Horror-Regisseur David F. Sandberg dem Superheldenfilm hinzufügt (und woran es mangelt), wir fragen uns, wie Horror, Action und Familienfilm zusammenpassen und wie 80er-Jahre-Verehrung richtig funktionieren kann. Außerdem besprechen wir den Spring-Breakers-Nachfolger The Beach Bum von Harmony Korine, der zwischen Entspannung und grausamer Düsternis manövriert. In der Charles-Boyer-Retro geht es weiter mit Vincente Minnellis fantastischem Flop Die vier apokalyptischen Reiter und in Das Phantom der Oper von Joel Schumacher erkunden wir das Fehl-Casting von Gerard „das Phantom“ Butler. Viel Spaß!

Shownotes:

  • 00:01:03 – Shazam! von David F. Sandberg (!Spoiler!)
  • 00:31:43 – The Beach Bum von Harmony Korine (!Spoiler!)
  • 00:51:15 – Die vier apokalyptischen Reiter (Four Horsemen of the Apocalypse) von Vincente Minnelli (1962)
  • 01:04:08 – Das Phantom der Oper (The Phantom of the Opera) von Joel Schumacher (2004) (!Spoiler!)
  • 01:20:58 – Verabschiedung

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Kontrapunkt: Flop Five 2012

Das Jahresende naht und nach der ganzen Besinnlichkeit in den letzten Tagen erinnert man sich des Kontrastprogramms. Besonders im Gedächtnis bleiben dabei schlechte Kinofilme, von denen man mal wieder viel zu wenig gesehen hat. Leider. Oder: zum Glück? Wie dem auch sei, wer zu faul ist zum Lesen, bekommt eine Kurz-Zusammenfassung.

Platz 5: Wir kaufen einen Zoo (USA 2011) – Familien-Kitsch mit fettem Matt Damon zum Abgewöhnen

Ja, Schicksalsschläge können echt schlimm sein. Da stirbt die Frau, der sich sorgende Familienvater Banjamin (Matt Damon) sucht nach einem Neuanfang – und kauft einen Zoo. Soweit zur Handlung. Natürlich gibt’s noch ne schnuckelige Tierpflegerin (Scarlett Johansson) – die Romanze zwischen Pummelchen Määäät Deeeeemen und ihr bleibt uns jedoch erspart. Nicht so jedoch alle anderen Zutaten des Alles-wird-gut-Kitschs, bei dem selbst ein Unwetter, die harten Auflagen eines Prüfers und Finanzierungsprobleme nicht davon abhalten, dass die Anwohner prompt den aufgemotzten Tierpark frequentieren. Regisseur Cameron Crowe hat mit „Jerry Maguire – Spiel des Lebens“ (1996) bewiesen, dass er die Unwägbarkeiten eines Lebens in eine überzeugende Story übersetzen kann, die selbst Tom Cruise menschliche Züge abringt. In dem tränenziehenden Melodram „Wir kaufen einen Zoo“ sucht man dies fernab kalkulierter Kulleraugen und dramaturgischen Stereotypen vergeblich. Weitere Details von mir auf MovieMaze.de.

Platz 4: Resident Evil: Retribution (D/CDN 2012) – Bernd Eichingers Rache aus dem Jenseits

Der fünfte Teil der Reihe ist der teuerste (Budget: 65 Mio. Dollar) und gleichzeitig der uninspirierteste. So muss sich die gegen das gefährliche T-Virus resistente Alice (Milla Jovovich) hier gegen die Schergen der Umbrella Corporation erwehren – dieses Mal in einem Unterwasser-Labor in Kamtschatka (!), wo sie ohne Erinnerung aufwacht (Wie sie dahin kommt? Who cares!). Zusammen mit einem Stoßtrupp zu ihrer Rettung muss sie sich den Weg durch Nachbildungen verschiedener Städte wie Moskau und Tokio freiprügeln und -ballern, geschaffen als Testareal für Bio-Waffen. Das Effektgewitter kann sich sehen lassen, die Logik weniger, wenn die Retter im tiefstem Winter und meterhohem Schnee im Muskelshirt anrücken oder Alice ganz Ripley-like ein geklontes, verschlepptes Kind trotz Zeitnot vor einem bösen Monster rettet, die in der Inflation ihres Auftretens auf Dauer ebenso ermüden wie dümmliche Seiltricks und schnell geschnittene, schlecht choreografierte Fights. Videogame-Filmer Paul W.S. Anderson sollte Timing endlich mal im Filmhandbuch nachschlagen.

Platz 3: Black Gold (F/IT/QU/TUN 2011) – Episches Gedöse

David, Robert und ich sind irgendwann im Februar 2012 nach Leipzig gefahren für ein PV-Double Feature. Zuerst war „Shame“ von Steve McQueen dran – welch großartige Schauspielkunst von Michael Fassbender! Das musste man erst einmal verdauen. Dazu kam „Black Gold“ gerade recht. Der erbarmungswürdige „Lawrence von Arabien“-Verschnitt löste diesen Zweck allerdings etwas zu sehr ein. Arabien, Anfang der 30er Jahre: Antonio Banderas spielt Schmierentheater als garstiger Fürst Nessib, der die Kinder des verfeindeten Fürsten Amar (Mark Strong) in seine Obhut nimmt, um den Frieden zu sichern. Doch als auf neutralem Gebiet Öl gefunden wird und ein Kind bei einem Fluchtversuch umkommt, droht Krieg. Das Epos ist aufgeblasen, hohl, liefert nur Klischees und Kitschbilder um Erotik und Exotik aus 1000 und einer Nacht, Jean-Jacques Annaud hat seine Ethno-Filme seit „Seine Majestät das Schwein“ nicht mehr so stumpf heruntergekurbelt. Dann fuhren wir wieder zurück. Genau da setzt meine Erinnerung an einen gelungenen Filmwandertag wieder ein.

Vous n'avez encore rien vuPlatz 2: Ihr werdet euch noch wundern (F/D 2012) Der garstige Film-Opa schlägt wieder zu

Ein 90-jähriger Regisseur, der munter weiterdreht. Alain Resnais ist schon etwas Besonderes, genau wie seine sperrigen, experimentierfreudigen Filme, die immer wieder auf internationalen Filmfestivals vertreten sind (u.a. „Vorsicht Sehnsucht, 2010). So ist auch „Vous n’avez encore rien vu“ schlimmste kopflastige Arthouse-Gülle, die sich mit einer Reihe Stars (u.a. Mathieu Amalric, Michel Piccoli) anschickt, die Grenzen zwischen Film und Theater aufzulösen und die Spezifika der Medien herauszustellen. So eignet sich dieses zähe, in seinen ausufernden Dialogen geschwollene und in ihrem fließenden Übergang zwischen profilmischer Wirklichkeit und Diegese wirre Werk zwar hervorragend als Anschauungsobjekt in filmtheoretischen Vorlesungen, aber „echte Zuschauer“ rennen bei dieser selbstverliebten Fingerübung mit pochenden Kopfschmerzen davon. Resnais erinnert über 50 Jahre nach „Letztes Jahr in Marienbad“ (1961) noch an die Nouvelle Vague – doch eigentlich vermisst die schon seit über 40 Jahren keiner mehr. Ihr werdet euch noch wundern, wenn mal wieder zurecht keine Sau ins Kino geht!

Platz 1: Die Stooges – Drei Vollpfosten drehen ab (USA 2012) – Nervensägen aus der Filmhölle

Dass die Reaktivierung traditionsreicher Comedy-Formate nur bedingt ein Garant für einen guten Film ist, beweist diese unterirdische Gurke der in ihrem Humor ohnehin tiefergelegten Farrelly-Brüder, deren Protagonisten erstmals 1925 in Erscheinung traten. Darin werden drei grenzdebile Vollidioten von Brüdern, die sich ständig Streiche spielen, in einem Waisenhaus aufgenommen. Als das 40 Jahre später vor den finanziellen Ruin steht – und die drei Stooges-Brüder immer noch dort wohnen – ziehen sie los, um das Geld aufzutreiben, welches die Schulden tilgen soll. Wären nicht alle Wortwitze albern, alle „witzigen“ Slapstick-Szenen überkonstruiert, durch penetrantes Mickey-Mousing unterlegt und in ihrer Durchführung selten dämlich – ja, dann wäre das hier eine gelungene Referenz an die (zumindest in den USA) bekannten Stummfilm-Komödianten. So ist diese nervtötende Klamotte mit einer Szenenregie und ohne Sinn und Verstand ein cineastischer Pflegefall, der die Palliativabteilung anachronistischer Formate, die heute untauglich sind, nicht mehr verlassen sollte.

Im Verfolgerfeld: Total Recall (mit schnellen Schnitten und Wackelkamera überfrachtetes, größtenteils ideenfreies Remake des Schwarzenegger-Films), Schilf (wirr und halbgar zusammengeschnittener Physik-Thriller mit Stipe Erceg als der Fehlbesetzung des Jahres) und Iron Sky (allzu gewollter Nazi-Trash, dem mittendrin in Story und Sarkasmus zwischen Mond und Erde die Puste ausgeht).

Potenzielle Kandidaten, aber nicht gesehen: Battleship, Ghost Rider 2, Jack & Jill, LOL, Red Dawn, jeglicher Twilight-Shit und Zettl.

The Guard (IRL 2011)

The Guard von John Michael McDonagh ist so ein Film, den ein Festival braucht, wie die Luft zum atmen. Gerade bei der Berlinale, die in ihrer 61. Ausgabe voll war von typischen Festivalfilmen (lange Einstellungen, melancholische Stimmung, wortkarge Protagonisten), ist „The Guard“ eine höchst erfreuliche Abwechslung von dem, was gemeinhin abwertend (und falsch) als Kunstkino bezeichnet wird. Es ist ein Film, in dem der stämmige Brendan Gleeson mehrmals in seiner skurrilen Unterwäsche zu sehen ist. Das Publikum hat sich bei der Vorführung derart über diese Szenen gefreut, dass man dahinter auch ein geballtes, erleichtertes Aufatmen vermuten könnte nach all dem todernsten Zeug, das sonst in Wettbewerb, Panorama und Forum gezeigt wird.

The Guard ist eine Buddy-Komödie im Geiste des fabelhaften Brügge sehen und sterben, den McDonaghs Bruder Martin inszeniert hatte. Statt der mittelalterlichen Kulisse Brügges dient nun die irische Pampa als Kontrast zu den plappernden Gangstern, die alten Guy Ritchie-Filmen entsprungen zu sein scheinen. Statt des suizidalen Colin Farrell übernimmt der suizidale Brendan Gleeson das Ruder als titelgebender Guard, einem fluchenden Misanthropen mit dem Herz aus Gold. Zu seinem ungleichen Partner wird in diesem Fall mit Don Cheadle der FBI-Agent aus der großen Stadt (und dem großen Land), der recht bald erkennen muss, dass auch der desinteressiert scheinende Dorfpolizist, der allen nur mit beißender Ablehnung begegnet, seine Kompetenzen hat. Wenn diese auch selten sozialer Natur sind. Cheadles Agent erweist sich sehr schnell als ebenbürtig und wird glücklicherweise nicht nur auf WTF-reaction shots reduziert, auch wenn er davon einige zu bewältigen hat.

Doch The Guard ist die Brendan Gleeson-Show, denn mit ihm steht und fällt der Film, was man v.a. dann merkt, wenn er nicht im Bild ist. Beschränkt sich die Krimi-Groteske auf die Dialoge zwischen den Gangstern (u.a. Mark Strong als Mark Strong), wird allzu deutlich, dass die Filme von Quentin Tarantino ihre Spuren in McDonaghs Skript hinterlassen haben. Entzündet sich das Geplänkel  aus den kulturellen Differenzen (Engländer – Iren, Amerikaner – Iren, Iren – Iren), funktionieren die abseitigen Gespräche, denn sie scheinen entkrampft, natürlich.  „The Guard“ hätte durchaus zu einem weiteren Guy Ritchie-Klon verkommen können und Guy Ritchie-Klone waren schon vor 10 Jahren langweilig. Brendan Gleeson jedoch hält die Story um einen internationalen Drogenring, der in Irland seine Zelte aufschlägt, am Boden. Er ist sich nicht zu schade für die billigen Lacher (besagte Unterwäsche), brilliert aber insbesondere in Szenen mit Frauen, wie etwa denen mit seiner todkranken Filmmutter. Da zeigt sich dann, dass der Dickhäuter eine unsentimentale, sensible Seite hat, dass er sich seiner Fehler und seiner Natur bewusst ist. Obwohl „The Guard“ auf die große Schuld und Sühne-Exploration von „Brügge sehen und sterben“ verzichtet, ist die von skurrilen Eigenheiten umringte Hauptfigur in ihrem Kern keinesfalls ein charakterliches Vakuum, wie es in vielen anderen Genrevertretern der Fall ist. Spätestens die Veröffentlichung auf DVD wird den Erstling von John Michael McDonagh zum zitierfähigen Geheimtipp machen, doch die besten Szenen des Films finden auf einer Parkbank und in einem Pub statt. Kein gesprächiger Gangster ist da anwesend, nur ein Sohn und eine Mutter, die sich keine Illusionen über ihr Kind macht. Das reicht.

Kontrapunkt: Wir waren Helden

Entweder, man beweist sich im Krieg oder im alltäglichen Leben, indem man Mitmenschen hilft. Die Frage ist nur, ob es etwas bringt.

Spezialeinheit Werwolf (RU/UKR 2009)

In dieser mutmaßlich fürs russische TV produzierten Kriegsfiktion plant eine kleine Spezialeinheit im Zweiten Weltkrieg, Adolf Hitler im Führerhauptquartier „Werwolf“ in der Ukraine zu ermorden. Doch nicht nur wegen eines Verräters in den eigenen Reihen gleicht das Unterfangen einem Himmelfahrtskommando. Aufwendig choreografierte Actionsequenzen, ein Effektespektakel oder charismatische Hauptfiguren sucht man in dieser zuweilen dialoglastigen DVD-Premiere vergebens. Dafür überzeugt der Film weitgehend mit solider Handarbeit und einem ganz ordentlichen Spannungsbogen. Zumindest, bis das Finale mysteriöserweise mittendrin abgebrochen wird und eine trauernde Frau Blümchen niederlegt. Zumindest ich fühlte mich dann doch etwas irritiert, weswegen der Film in meiner persönlichen Wertung knapp unter den Durchschnitt absackt.

Agenten sterben einsam (GB/USA 1968)

Eine kleine Truppe britischer Soldaten unter Führung von Major Smith (Richard Burton) soll zusammen mit dem GI Lt. Schaffer (Clint Eastwood) einen vermeintlichen General aus den Klauen der Nazis befreien. Doch das Schloss Adler wird sehr gut bewacht und auch hier scheint nicht jeder auf der Seite zu sein, wo man ihn zunächst wähnt. Die beinahe minutiöse Inszenierung – das ist der Grund, weswegen der Film eine satte Länge von 2,5 Stunden aufweist – hätte man etwas straffen können, doch abgesehen davon garantiert der spannende, actionreiche und wendungsreiche Agententhriller mit am Ende inflationär gebrauchter Pyrotechnik solide Unterhaltung. Da sieht man auch gerne nach, dass die zahlreichen Rückprojektionsaufnahmen als häufig verwendeter Effekt mittlerweile stark in die Jahre gekommen sind.

Kick-Ass (USA/GB 2010)

Die Geschichte über einen Loser, der über Nacht buchstäblich zum Superhelden mutiert, ist seit „Spider-Man“ nicht neu. Die Überlegung, dass Menschen ohne echte Superkräfte den Kampf gegen Verbrechen antreten seit „Watchmen“ auch nicht. Und dennoch ist „Kick-Ass“ originell: so comicnerdig-notgeil wie Protagonist Dave Lizevski (Aaron Johnson) im Alltag war Peter Parker, so talentunfähig beim Kämpfen war Spider-Man dann doch nicht. Dazu gesellen sich hyperbrutale Kämpfe, die mit all ihrem Blut und ihrer Überzeichnung ihre Comicwurzeln nicht verbergen. Das Filmbild wird zum Panel, die Vergangenheit von Damon Macready (Nicolas Cage) erstarrt in einer Rückblende zum dreidimensionalen Comicstrip. Beide, Dave sowie Damon und dessen Tochter jagen unter den Namen „Kick-Ass“ bzw. „Big Daddy“ und „Hit Girl“ die Schergen des größten Mafiosi der Stadt (finster: Mark Strong), dem es jedoch durch einen fiesen Trick gelingt, sie in seine Gewalt zu bringen. Das klingt ziemlich ernst und ist es auch, lässt aber auch witzige Zwischentöne und zahlreiche Anspielungen auf das Verhältnis Film und Comic zu, wo die Referenz an „Sin City“ nur die offensichtlichste ist.

Sherlock Holmes (USA/D 2009)

Spätestens durch Gil Grissom wurde der Geek im Fernsehen zum salonfähigen Helden gemacht. Für alle, die noch nicht seine Bekanntschaft gemacht haben: Grissom war Chef der „C.S.I.“-Nachtschicht in Las Vegas. Er ist ein Mann vieler Talente, an deren erster Stelle nicht unbedingt soziale Kompetenz steht. Doch seine herausragenden Eigenschaften wiegen diesen minimalen Makel locker auf. Wer braucht schon Übung im Umgang mit Lebenden, wenn er hauptsächlich mit den „Toten redet“ (sein liebster Ausspruch)? Grissom ist jedoch nicht nur ein Experte der Kriminologie. Er hat auch interessante Hobbies. Dazu gehört beispielsweise sein Faible für Insekten aller Art. Grissom – oder nennen wir ihn lieber Gil, jetzt wo wir ihn besser kennen – dieser Gil beteiligt sich in seiner Freizeit z.B. an Kakerlaken-Rennen. Die Expertise in abwegigen Gebieten der Wissenschaft (und Kultur) macht Gil nämlich zum Geek und Geeks sind normalerweise keine Helden. Geeks sind Nebendarsteller, sie gehören zum farbenfrohen Hintergrund. Der Grat zwischen Geek und Freak ist immerhin recht schmal, zumindest aus Sicht der Außenwelt. Gil Grissom jedoch ist der Held einer Serie, die voll von seinesgleichen ist und Arthur Conan Doyle wäre sicherlich stolz auf ihn. Sherlock Holmes, seine größte Schöpfung, wurde zum Sinnbild kriminalistischer Untersuchungen mittels der Ratio, mittels der logischen Verkettung von Beweisstücken zu einem plausiblen Tathergang.

Sherlock Holmes ist eigentlich nichts anderes als eine Frühform des Geeks. Er ist ein Experte verschiedenster Wissenschaften, hat eine Monografie über die Asche von unzähligen Tabaksorten verfasst und neigt zu verschrobenen Verhaltensweisen. Holmes ist ein Geek, dem die Arbeit, die Erkenntnis, über übliche Konventionen des viktorianischen Zeitalters geht. Ein ewiger Junggeselle ist er, der angeblich nur eine Frau wirklich geliebt hat und mit seinem Kompagnon Dr. Watson eine WG teilt. In diesen beiden Merkmalen findet Guy Ritchies Filmversion Sherlock Holmes seine drehbuchtechnischen Knackpunkte. An erster Stelle steht die Bedrohung des Junggesellen-Paradieses, denn Watson gedenkt, zu seiner Verlobten zu ziehen. Fast schon ein wenig brillant ist die Idee, eine Frau zwischen die beiden Männer zu platzieren, die fruchtbare Zweisamkeit der beiden zur Disposition zu stellen. Kann Holmes ohne Watson funktionieren? Wie sieht es mit Watson aus, der immerhin auch auf seinen Kollegen angewiesen sein muss; irgendwie? Eben darin liegt ein zweiter, fast schon brillanter Zug des Films begründet. Denn der Watson dieses Filmabenteuers, hier von Jude Law einnehmend gespielt, ist einer der wenigen Watsons der Filmgeschichte, die sich tatsächlich unentbehrlich machen. Laws Doktor ist kein blasser Stichwortgeber, kein Stellvertreter des Zuschauers, dem der Plot erklärt werden muss. Er ist auch kein zwanghaft eingeführtes comic relief. Er hat einen Charakter und die Besonderheit dieser Herangehensweise ergibt sich aus Holmes‘ Abhängigkeit von seinem Freund. Watson gehört zu Sherlock Holmes, nicht weil er als Alter Ego des Autors alles miterleben, alle Ereignisse für die Nachwelt notieren muss, sondern aus dem einfachen Grund, dass Holmes ihn braucht, nicht nur als Freund, auch als Verbindungsstück zwischen geistigem Geek-Exil und Außenwelt.

Dieses Exil wird in Ritchies Version deutlicher in den Vordergrund gerückt als anderswo. Vielleicht liegt die Wahl auch ein wenig am Hauptdarsteller. Robert Downey Jr. pflegt seit seinem zweiten (?) Comeback in seinen Rollen gern die Brillanz am Abgrund, etwa in Gestalt des Journalisten Paul Avery („Zodiac“), der dem Alkohol verfällt. Nach Tony Stark („Iron Man“) stellt Holmes nun einen weiteren Abstecher in diesen Rollentypus dar. Downey besitzt genug Charisma, um diese Wiederholung ansprechend erscheinen zu lassen, doch ein wirklich neuer Holmes ist ihm nur insoweit gelungen, als ein „Downey-Holmes“ daraus geworden ist. Der große Detektiv scheint sich selbst verloren zu haben in den Untiefen seines unordentlichen Arbeitszimmers und Watsons Aufgabe, ihn tagtäglich ins Sonnenlicht zu zerren, wird durch seine drohende Domestizierung in Gefahr gebracht.

Ritchies Holmes-Film, der ganz klar als Vorbereitung von einer oder mehreren Fortsetzungen angelegt ist, gerät nicht zuletzt auf Grund dieses Konfliktpotenzials ein wenig überladen. Der Plot um die wundersame Auferstehung des hingerichteten Schurken Lord Blackwood (seinen Rollennamen voll und ganz verdienend: Mark Strong) ist ein wenig altbacken. Vor allem die skurrilen Handlanger – vom rothaarigen Zwerg bis zum grobschlächtigen Riesen – machen diesen Erzählstrang überhaupt interessant. Man kann konstatieren: Ritchies große Stärke ist hier wie schon in seinen früheren Filmen, die Charakterisierung mit wenigen filmischen Pinselstrichen. Insgesamt steht diese, den Film dominierende Handlung jedoch im Schatten der Andeutung des Sequels. Irene Adler (Rachel McAdams), besagte Ex-Geliebte von Holmes, mischt sich nämlich ins Geschehen ein. Sie steht im Auftrag eines mysteriösen Professors. Der heißt natürlich Moriarty und gegen Moriarty kommt im Holmes-Universum niemand an. Der Film wirft somit die ikonischen Figuren Doyles ins Feld, um den Zuschauer anzufixen. Es fehlt eigentlich nur noch Mycroft Holmes. Dass „Sherlock Holmes“ trotz latenter Überlastungserscheinungen darin erfolgreich ist, liegt zum einen an der gekonnten Anreicherung mit einfallsreichen set pieces. Die „umwerfende“ Prügelei in einer Werft ist hier als Beispiel zu nennen. So körperbetont war noch kein Holmes, doch allzu sehr weicht der Film dann doch nicht vom Mythos ab. Andererseits besticht Ritchies filmisches Comeback durch den einnehmenden Wortwitz samt Situationskomik, die beide das Tempo gehörig anziehen. Der im Ghetto britischer Gangsterfilme tot geglaubte Ritchie kann offensichtlich gute Blockbuster drehen. „Sherlock Holmes“ ist dem Großteil der gegenwärtigen Konkurrenz durch seine Detailverliebtheit und die Betonung des Lokalkolorits weit voraus. Ritchies Vision vom London des ausgehenden 19. Jahrhunderts lässt einen deshalb wünschen, er hätte Hand angelegt an die Verfilmung von Alan Moores „The League of Extraordinary Gentlemen“.

Doch über allem schwebt die unbestreitbare Chemie zwischen Downey und Law, Holmes und Watson, dem eigenbrötlerischen Genie und seinem Tor zur viktorianischen Normalität. Gesellt sich im nächsten Teil in Gestalt  von Professor Moriarty der Größte aller Widersacher zu den beiden ins Scheinwerferlicht, wird die Freude womöglich noch anwachsen darüber, dass der Meisterdetektiv endlich wieder den Weg zurück ins Kino gefunden hat. Bis dahin kann „Sherlock Holmes“ sich getrost als überaus sympathischer Actionfilm feiern lassen, den man allemal kämpfenden Robotern und blauen Außerirdischen vorziehen kann.


Zum Weiterlesen:

Meine Kritik zur 14-teiligen „Sherlock Holmes“-Kinoreihe mit Basil Rathbone und Nigel Bruce.