Kontrapunkt: Kino pur VII

Mangels Kreativität schwillt die Zahl hinter dieser fast schon als Unterrubrik zu bezeichnenden Reihe immer weiter an und es sei im Folgenden das ein oder andere Mal auf die eine oder andere Kritik verwiesen. „Postmodern, aber ohne Zitat – geht das?“, fragte er. „Keine Ahnung“, entgegnete ich.

Monsters (GB 2010)

Ein fieses, kleines Monsterfilmchen, das sein bescheidenes Budget effektiv nutzt und unter anderem Effekte zaubert, die den Vergleich mit der Genrekonkurrenz im „Aliens auf der Erde“-Subgenre à la „District 9“ nicht zu scheuen braucht. Die Story um ein Mann und Frau, die sich durch das von gefährlichen Aliens bevölkerte Mexiko zurück in die USA begeben müssen, hält mit Seitenhieben zur us-amerikanischen Außenpolitik nicht hinterm Berg und enttäuscht nur am abrupten Ende etwas, da dann so etwas wie Originalität ziemlich fehlt. Insgesamt aber trotz ein paar Logiklöchern spannend und stimmungsvoll, wie man auch in meiner Kritik beim MANIFEST nachlesen kann.

The Tourist (USA/F 2010)

Es war einmal ein deutscher, hünenhafter Regisseur, der nach Hollywood kam, um seinen Oscar abzuholen. Das fand er so geil, dass sich sein blaues Blut rot färbte und er gleich mal mit Tom Cruise und seinen Kiddies Plätzchen gebacken hat. Doch nachdem ihm mieser Stoff um miesen Stoff unter die Nase gerieben wurde (hoffentlich kein Koks!), entschied er sich dafür, ein schon durch viele Hände gegangenes Drehbuch und zugleich Remake eines französischen Films, den keiner kennt, zu inszenieren. Das tat er dann, mit Angelina Jolie und Johnny Depp, die entsprechend ihres Nachnamens besetzt wurden. Sie: très jolie und er als der Depp. Die entfesseln eine leidlich unterhaltsame Hatz durch Venedig, stets mit hübschen Schauplätzen garniert, aber trotzdem vollkommen farblos. Der Regisseur fand das aber so strahlend, so leicht, so glänzend… – wie Taubenschiss auf dem Markusplatz. Adliger Edelmut tut halt selten gut. Ein bekannter Berliner Filmblogger-Kollege hat es hier noch pointierter auf dem Punkt gebracht, ich war bei MovieMaze hingegen etwas milder.

Der General (USA 1926)

Ähnlich wie „Metropolis“ galt der von Buster Keaton selbst finanzierte „Der General“ zunächst aufgrund riesigen Budgets und niedriger Einspielergebnisse als Flop, doch wurde er später als ein Meisterwerk rehabilitiert. Der Film, den ich am Sonntag im Lichtspielhaus in Weimar mit Live-Klaviermusik genießen durfte, überzeugt mit seinem Tempo und seiner aufwendigen Inszenierung (Highlight: ein Zug – kein Modell! – stürzt von einer Brücke in einen See) bis heute. Bedenkt man, dass sich ein Großteil der Handlung auf fahrenden Zügen abspielt, ist die Ruhe der Kamera für die damalige Zeit ebenso bemerkenswert wie die finale Schlacht. Keaton spielt den Lokomotivführer Johnnie Gray, der zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs unter zahlreichen Verwicklungen seine Geliebte Annabelle Lee aus den Klauen der Nordstaatler befreit. Dies tut er natürlich nicht ohne eine Vielzahl von Slapstickeinlagen, die er mit seiner gewohnt eisernen Mine vorträgt. Ein großartiger, bisweilen köstlicher Film!

Diary of the Dave #5

Ich habe gerade „The Sun Also Rises“ von Hemingway fertig gelesen. Ich habe vier Tage gebraucht. Nichtsdestotrotz hinterließ er mir jetzt keinen riesigen Eindruck. Kein schlechter Roman… das nicht… Aber… Hemingway ist besser dran, wenn er sich an Dialoge hält, oder an kurzen, schnellen, klaren Handlungsabläufen. Er ist kein großer Beschreiber. Die Corrida-Szenen waren teilweise etwas zäh. Dafür haben die Dialoge umso mehr Pfiff. Als Parallele fiel mir Hunter S. Thompsons „The Rum Diary“ ein. Zwar 30 Jahre später geschrieben, aber trotzdem ein besserer Roman. Den Karneval auf St. Thomas kann Thompson sehr viel besser nachzeichnen als Hemingway die Fiesta in Pamplona. Und um MDM zu antworten: HSTs „Fear and Loathing“ ist ein besserer Trinkerroman.

Das zweite heutige Kulturereignis, eigtentlich auch größere Ereignis war die Vorstellung von Langs Metropolis. Der Biologie-Didaktiker hat am Schluss Sozialismus, Nazismus, Riefenstahl etc. etwas durcheinander gebracht. Aber der Film ist tatsächlich etwas ambivalent: die Arbeitermassen sind von Natur aus immer sehr hörig, Aufmucken gibt’s nur, wenn Kapitalisten/Bourgeoisie selbst agents provocateurs einsetzt, Führer der Arbeiter ist schließlich ein Arbeiterverräter. Am Schluss ist der Kreis geschlossen: es gibt wieder ein Bündnis zwischen Hand und Gehirn dank des Herzens… und die Arbeiter dürfen dann wohl wieder in 10-h-Schichten arbeiten? Am Schluss des Films nimmt auch die Action-Handlung, etwas sehr überpathetisch, die Oberhand über das Ästhetische.

Nichtsdestotrotz: filmtechnisch stellenweise genial! Z. B. schon die Hand, die zum Stofffetzen greift. Die Cabaretszene, die avantgardistische Überlagerungsmittel nutzt, zugleich aber auch auf Musik-Clips vorgreift. Dito für Fergers Schwindelanfall. Die Bauten sind in Kontext gesetzt (also: 1927!) sehr beeindruckend! Die Eingangsszene mit der Darstellung des Schichtwechsels ist ebenfalls atemberaubend: unwillkürlich musste ich an Holocaust-Darstellungen denken (z. B. in „Die Kommissarin“?). Überhaupt: Bezüge zu späteren Filmen lassen sich viele finden. „Blade Runner“ und „Das fünfte Element“ als Darstellungen „dreidimensionaler“ Städte. Spätere Frankenstein-Darstellungen könnten auch profitiert haben. Auch Zombie-Darstellungen an einer Stelle (mit dem Erfinder). [B-Horror-Filme als wahre Bewahrer des deutschen Expressionismus!]. Ob ich mir jetzt aber die Premiere der langen Version am 12. Februar auf arte anschaue, ist eine andere Sache.