Nur ein Sommer (D/CH 2008)

Von der Platte in die Berghütte. Einen härteren Kontrast in Sachen Wohnumgebung könnte man sich zwar kaum vorstellen, doch Regisseurin Tamara Staudt verzichtet – anders als es häufig ihre Kollegen tun – glücklicherweise auf die Darstellung der Trabantenstädte als Betonhölle. Die vertraute Heimat der arbeitslosen Heldin Eva (Anna Loos) ist stets in warmes Sonnenlicht getaucht und eigentlich ganz hübsch. Wären da nicht die Abrissmaßnahmen nebenan.

Eva, eine 35-Jährige mit einem befremdlich gleichaltrig wirkenden Sohn und einem wesentlich jüngeren Freund, will endlich wieder selbst Geld verdienen. Das Angebot der Arbeitsagentur, sich als Melkerin für einen Sommer in der Schweiz zu verdingen, nimmt sie daher ohne großes Zögern an. Konfrontiert mit dem schweigsamen Käsemacher Daniel (Stefan Gubser) und einer Schar Milchkühe auf einer Alm irgendwo im nirgendwo der Alpen, findet Eva zu sich selbst, lernt die Liebe ihres Lebens und den Weg aus der Arbeitslosigkeit kennen.

Solche oder ähnliche Erwartungen stellt man zumindest an diese moderne Heimatkomödie, doch mehr als ein Teil der Entwicklungen anzureißen, gelingt dem Film nicht. Hier ein bisschen Komödie über kauzige Bauern, dort ein bisschen Selbstfindungsdrama über eine Frau mit einem Hang zur Bindungsangst, von der aber jeder „ein Kind haben will“. Am Ende ist da nicht mehr als die große belanglose Leere und ein paar nette Episoden.

Überzeugend ist Nur ein Sommer v.a. als Komödie, etwa als der gutaussehende Almnachbar Mehmed (Oliver Zgorelec) an Eva Gefallen findet und der ansonsten mürrische Daniel die Eifersucht für sich entdeckt. Vor dem Hintergrund der schroffen, nichtsdestotrotz schönen Landschaftsaufnahmen sorgt allenfalls das Zusammenspiel so unterschiedlicher Figuren – man möchte fast sagen „Kulturen“ – für Unterhaltung. Verbunden wird das ganze mit einem genauen Blick für den Arbeitsalltag und die Käseherstellung. Ein uriges Gefühl vermittelt „Nur ein Sommer“, so dass man den Käse fast riechen, das Holz unter den Füßen knarren hören kann.

Dem unrhythmisch vor sich hin plätschernden Film kommt es aber leider nicht zu Gute, dass der Hauptdarstellerin jegliche Emotionalität abgeht. Die Idee, eine Berliner Schnauze auf eine Schweizer Alm loszulassen, mag zwar für ein paar Lacher sorgen. Doch wenn das Drama anklopft, bleibt Loos ausdruckslos. Selten wurde ein durchaus mit Potential versehener Film derart von den mehr als nur limitierten Fähigkeiten seiner Hauptdarstellerin sabotiert.

Auch erzählerisch kann der Film diese Schwäche nicht ausgleichen. Vor und hinter der Kamera trifft damit Unvermögen auf Unvermögen und wieder einmal fragt man sich, warum die eklatanten Mängel des  Drehbuchs nicht schon bei der Finanzierung aufgefallen sind. So ist Staudt nichts halbes und nichts ganzes gelungen, denn eine Idee allein reicht nicht. Es ist eben „nur“ ein Sommer.

In einer gekürzten Fassung erschienen in der interkulturellen Hochschulzeitschrift Unique Jena.

[Mein Dank geht an den Schillerhof für die Akkreditierung.]

Kontrapunkt: Kino pur II

Neues Blog-Theme, neuer Kontrapunkt. Und dieses Mal einmal mehr ganz im Sinne des kinematographischen Dispositivs, da sich die durchschnittliche Abendgestaltung vergangene Woche wenig abwechslungsreich gestaltete.

Radio Rock Revolution (GB/D 2009)

Der Originaltitel „The Boat That Rocked“ lässt sich 1:1 auf den Film übertragen: Ein heiterer und extrem kurzweiliger Film für den Sommer, dessen tolle Musik und köstlicher Humor zwischen derben Zoten und Mokierung über Spießer verknüpft mit Zeitgeschichte enormen Spaß machen. Die Story um den kernigen, aber verschüchterten Jungen Carl (Tom Sturridge), der in den 60ern auf ein Piratensender-Schiff kommt, um dort seinen leiblichen Vater kennenzulernen und ein gestrengen britischen Minister (Kenneth Branagh), der alles daran setzt, illegale Radiosender zu verbieten, sind die zwei Fäden, aus der die arg dünn geratene Story zusammengestrickt ist.

Mehr ist aber auch nicht nötig, um den mit skurrilen Typen (Rhys Ifans bleibt dabei als lasziv hauchender Macho-DJ am meisten im Gedächtnis haften), und herrlicher Situationskomik (u. a. um Carls Entjungferung) angereicherten Film über die Runden zu bringen. Weteres von mir dazu hier.

Gran Torino (USA/AUS 2008)

Ich mag diesen Film seit der Sichtung sehr, obwohl er ganz offensichtlich einige Schwächen aufweist: Das Drama um die Themen Rassismus und Bandenkriminalität sowie die komödiantischen Anteile um einen grantigen alten Korea-Veteran, der sich zusehends auch für seine asiatischen Nachbarn öffnet, harmonieren nicht wirklich gut miteinander. Doch Eastwood beweist in seinem Alterswerk einmal mehr, dass Sympathie für die Hauptfiguren und harte Sprüche (derbe Beleidigungen fallen wie am Fließband) die einzigen notwendigen Dinge sind, um einen Film tragen zu können.

Ja, man kann Clint Eastwood Gemächlichkeit beim Erzählen seiner Geschichten vorwerfen, doch liegt bei „Gran Torino“ in der Ruhe gleichzeitig die Kraft, wenn Eastwoods Figur mit schlimmen Vorurteilen in „Dirty Harry“-Manier in seinem Viertel für Ruhe und Ordnung sorgt. Dass man ihm diese Rolle als bald 80-Jährigen noch abnimmt, spricht für sich – seine Katharsis wie gleichsam Läuterungsfähigkeit in diesem Film jedoch auch. Großes Kino!

Nur ein Sommer (D/CH 2008)

Kommt eine Berliner Schnauze (Anna Loos) aus dem brandenburgischen Plattenbau durch eine Laune der Bundesagentur für Arbeit und ihres „Bisher hab ich doch nur gewartet“-Aktionismus auf die Schweizer Alm und bändelt im harten Melker-Alltag mit Bauer Daniel (Stefan Gubser) an. Klingt nach ner Schnulze, ist aber ebenso unkitschig wie dröge inszeniert.

Seltsamerweise ist dementsprechend der durch das schwache Drehbuch fabrizierte (unfreiwillige) Humor- höher als der Herzschmerz-Anteil, auch wenn man als Zuschauer zumindest pittoreske Postkartenansichten der Berner Berge und a bisserl nackte Haut zu sehen bekommt. Zwischen Bergromantik, an der der technische Fortschritt scheinbar spurlos vorüberging, und zahlreichen soapartigen Beziehungskonflikten mag sich aber trotz latenter Sozialkritik kein tatsächlich hochklassiger Film fernab des Niveaus eines Fernsehfilms entfalten. Weiteres dazu von mir hier.