Red Cliff II (VRC 2009)

Über weite Strecken kommt Red Cliff II wie ein Selbstläufer von einem Film daher. Routiniert navigiert Action-Auteur John Woo seinen Historienfilm mal an das Schlachten-, mal an das komödiantische Ufer, stets auf die Massentauglichkeit bedacht. Souverän, fast schon im Autopilot, werden die strategischen Vorbereitungen der Schlacht heruntergekurbelt, die Finten und Tricks, welche Zhuge Liang (Takeshi Kaneshiro) und Zhou Yu (Tony Leung Chiu-Wai) sich ausdenken, um den übermächtigen Kanzler Cao Cao (Zhang Fengyi) in der zu erwartenden Auseinandersetzung auf See und Land zu besiegen. Woo hat offensichtlich einiges in Hollywood gelernt, was die Konstruktion glaubwürdiger Drehbücher angeht, auch wenn man das zuvor weder „Paycheck“, noch „Mission: Impossible II“ oder gar „Face/Off“ anmerken konnte. Es ist daher schwer vorstellbar, dass die „Red Cliff“-Filme und insbesondere der zweite Teil irgendjemanden nicht unterhalten. Das filmische Äquivalent zu einem süßen Hundebaby sozusagen, mit etwas mehr Blut und Gedärm.

So perfekt ist das Blockbustergerüst zusammengebaut, die Figuren durchgängig hochkarätig besetzt, der Kriegsstoff zu einem unterhaltsamen Abenteuerfilm abgekocht, dass es niemanden vorzuwerfen wäre, wenn das Geschehen auf der Leinwand nach Sichtung dem Vergessen anheim fällt. Das klingt natürlich ziemlich undankbar. Endlich wird für glänzende Unterhaltung gesorgt – fehlerlos inszeniert und noch dazu sympathisch – und trotzdem wird noch ein weit hergeholtes Haar in der Suppe gefunden. Hat John Woo das verdient? Wahrscheinlich nicht, denn es gibt wesentlich schlimmere Machwerke aus aller Herren Länder, welche ebenso nur auf Profit aus sind, diesen aber bewerkstelligen, in dem sie ihre eigenen Kunden beleidigen. Red Cliff kann sogar als Musterbeispiel eines Kinozweiteilers gelten, welcher zunächst Appetit auf mehr macht und eine Steigerung in der Fortsetzung erfährt, ohne sich zu wiederholen oder das homogene Gesamtbild zu stören.

Bei all den positiven Eigenschaften ist aber nicht zu übersehen, dass „Red Cliff II“ vom Schein regiert wird. Es ist  der Schein des großen Dramas, der im ersten Teil noch verbergen konnte, dass Woo überhaupt nicht gewillt ist,  mehr als ein vierstündiges Strategiespiel mit anschließender Schlacht abzuliefern. Mal abgesehen vom Drang Cao Caos, das Land durch den Kriegszug zu vereinen, geht es diesem primär um die Eroberung einer Frau. Zhou Yus, um genau zu sein. Cao Cao ist besessen von dieser wandelnden Vase (fragwürdig blass und zerbrechlich gespielt von Lin Chi-Ling), weshalb die Andeutungen im ersten Teil diesen charismatischen Feldherrn nicht nur zu einem offenbar vielschichtigen Antagonisten werden ließen, sondern auch den Glauben schürten, dass hier in Sachen Charakterisierung mehr lauert, als in einem Woo-Film generell zu erwarten ist. Da Woo sich im Nachfolger auf Oberflächlichkeit beschränkt und dies sich auf alle Figuren auswirkt, kommt der „Red Cliff“-Zweiteiler in Sachen psychologischer Tiefe nicht einmal an Peter Chans The Warlords heran. Diesem etwas pathetischeren Film, sowie seinen Protagonisten war zumindest anzumerken gewesen, dass das Phänomen Krieg von mehr als nur Diskussionen vor der Landkarte und anschließenden heldenhaften Opfern ausgemacht wird.

Gibt das Drehbuch nicht genug her, müssen die Schauspieler diese Schwäche wettmachen und an diesem Punkt zeichnen sich besonders auffällig die Vor- und Nachzüge des Films ab. Tony Leung ist normalerweise ein verlässlicher Mime, doch entweder ist Ang Lees „Gefahr und Begierde“ daran Schuld oder sein kurzfristiges Einspringen bei „Red Cliff“ oder er hatte einfach keinen Bock; sein Auftritt ist – wenn auch kein Totalausfall – gelangweilt, müde und v.a. enttäuschend. Takeshi Kaneshiro guckt in erster Linie verschmitzt und schlägt sich besser als sein platonischer Kompagnon. Der Männerfreundschaft der beiden Protagonisten geht jegliches Konfliktpotenzial ab. Ihre Figuren sind, würden sie nicht von den beiden Stars gespielt werden, vollkommen uninteressant. Dabei zählten männliche Helden bisher immer zu den wenigen soliden Pluspunkten, welche Woo bei der Schauspielerführung für sich verbuchen konnte. Stattdessen wirken Woos Männer hier nur noch wie leere Hülsen. Ihr Dasein wurde vollständig der  hyperemotionalen Tragik beraubt, welche das Schicksal der Armani-Ritter seiner Heroic Bloodshed-Filme abseits der Action so ansprechend hatte erscheinen lassen. Angesichts von „Red Cliff II“ ist es schwer zu glauben, wozu der Mann noch in „Bullet in the Head“ oder „A Better Tomorrow“ im Stande gewesen war. Kein Wunder also, dass Zhang Fengyi wie schon im Vorgänger durch ein paar minimale Anstrengungen seine Kollegen in den Schatten stellt, ohne der Versuchung zu erliegen, einen  stereotypen Bösewicht vom Stapel zu lassen. An der weiblichen Front schlägt sich hingegen die noch immer bezaubernde  Zhao Wei als Spionin im gegnerischen Lager wacker, die zumindest eine Lanze für unabhängige Frauenfiguren in Blockbuster-Schlachtenepen bricht.

Doch „Epos“ ist eigentlich schon zuviel des Guten, denn auch wenn Woo unterhalten kann und seine nicht gerade zu Begeisterungsausbrüchen anhaltendenen Actionszenen Laune machen, kann der Film den Eindruck nicht abschütteln, dass es sich in Wirklichkeit nur um eine „Risiko“-Verfilmung handelt. Eben jenes einzugehen, haben die Macher leider vermieden. Unzählige Figuren, ihr ursprünglich dramatisches Leben und Sterben im Kampf, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schlacht am Roten Felsen nicht vielmehr war als ein Spaß, den sich ein paar clevere Typen 208/9 v. Chr. erlaubt haben. Für einen Abenteuerfilm mag das genügen, trägt der Regisseur den Namen John Woo, ist das leider „nur“ befriedigend.

 

Confession of Pain (HK 2006)

Traumatische Erinnerungen schweben über ihnen wie dunkle Regenwolken in einfallslosen Trickfilmen. Die Vergangenheit ist in  Confession of Pain nicht der Ort, an den man hin und wieder freiwillig oder nicht zurückkehrt. Sie ist der Schatten, der die beiden ungleichen Freunde nicht nur bei jedem Schritt verfolgt, sondern längst in die Gegenwart eingedrungen ist und sich festgekrallt hat. Flashbacks, das zentrale stilistische Element des Films, werden nur selten durch befreiende Schnitte aus dem Jetzt verbannt. Eine klare Linie kann nicht gezogen werden, denn es ist unmöglich. Schuldgefühle verbergen sich in jeder Ecke, im Grunde muss nur der Schleier bei Seite gezogen werden und schon sind sie zu sehen, die Traumata, welche in dem Räumen verweilen, blind gegenüber den Jahren, die vergangen sind.

Und so sitzt der Ex-Polizist und Nun-Detektiv Bong (Takeshi Kaneshiro) jeden Abend in der Kneipe, in der seine Freundin vor Jahren ihre letzten Stunden verbracht hat, bevor sie nach Hause gegangen ist, um sich das Leben zu nehmen. Da sitzt er und trinkt und sieht sie immer wieder warten, als würde er darauf hoffen, dass sie zu ihm kommt, sie gemeinsam den Heimweg antreten und alles ist wie vorher. Sein Ex-Kollege und Freund Hei (Tony Leung Chiu-Wai), der soeben seinen Schwiegervater brutal ermordet hat, reproduziert seine Erinnerungen in jeder einzelnen seiner Taten. Beide stehen in „Confession of Pain“ am Scheideweg; die einfache Frage: Loslassen oder nicht?

Eines kann man dem Blockbuster-Team um Andrew Lau, Alan Mak und Felix Chong ganz sicher nicht vorwerfen: Dass sie sich wiederholen. Zwar ziert ihre an Hollywood orientierte Hochglanzoptik in Variationen alle ihre Kollaborationen („Infernal Affairs I-III“, „Initial D“ und „Confession of Pain“). Die Produktionsprämissen ähneln sich von Film zu Film – man nehme alle Stars, die man in einem Frame unterbringen kann und füge sie in eine High Concept-Story ein – greifen sie jedoch auf klassische Erzählmotive des Hongkong-Kinos zurück, ringen die drei den angestaubten Konstruktionen selbst dann noch ungewohnte Aspekte ab, wenn sie am bereits dritten Aufguss einer Geschichte werkeln.

Infernal Affairs basiert beispielsweise auf Schemata, die das HK-Kino seit den Achtziger und Neunziger Jahren bis zum Erbrechen durchexerziert hat. Reagierend auf den Anachronismus, den die sentimentalen, oftmals dualistisch aufgebauten Gangstergeschichten im neuen Jahrtausend darstellen, behandelt der Film seine beiden Hauptfiguren wie Antagonisten, die ihren Konflikt anders als Danny Lee und Chow Yun-Fat in „The Killer“ niemals auflösen können. Erzählt wird das ganze mit der drehbuchtechnischen Professionalität eines Hollywood-Films. In der Fortsetzung wird die Vorgeschichte dann als episches Gangsterdrama im Geiste von „Der Pate II“ präsentiert und in „Infernal Affairs III“ die Handlungsstränge im Rahmen eines komplexen Psychothrillers zu ihrem Ende gebracht.

Nach all dem Tod und Verderben nahmen sich die Herren einer Manga-Verfilmung an, der durchaus sehenswerten Antwort auf „The Fast & The Furious“ namens Initial D. Ein ziemlich simpler Autostreifen für die Jugend sozusagen als Zwischenstopp vor der Rückkehr ins düstere Fach. Die heißt nun Confession of Pain und ist wohl ihre letzte Zusammenarbeit. Ein fast schon klassischer Krimi – der Detektiv wird auf den Mörder, seinen Freund, natürlich angesetzt – der seinen Suspense nicht aus der Whodunnit-Frage zieht, sondern aus dem Warum. Warum hat der überaus korrekte Polizist mit dem Bilderbuchleben den Vater seiner Frau ermordet? Ein Katz- und Mausspiel ist „Confession of Pain“ deshalb, der Mörder Hei hilft seinem Freund nämlich auch noch bei den Ermittlungen. Wieder das dualistische Prinzip mit zwei Therapie-bedürftigen Figuren, die am Ende nicht gemeinsam in den Sonnenuntergang reiten können. Diesmal weil ihre Methoden der ‚Traumabewältigung‘ diametral entgegengesetzt sind.

Schlussendlich verlaufen sich Lau, Mak und Chong ein wenig im Labyrinth der Erinnerungen, haben sie sich doch  noch mehr ‚Erzählung‘  aufgebürdet als in den vorherigen Werken. Das läuft alles nachvollziehbarer und spannender als in Infernal Affairs III, in dem die Idee der herumspukenden Geister der Erinnerung ad absurdum geführt wurde. Gleichwohl finden sich die Macher in den letzten Minuten in überflüssigen melodramatischen Gefilden wieder, welche den visuell ungewöhnlichen Film mit sich in die Untiefen der Konvention ziehen.

The Warlords (VRC/HK 2007)

[Die folgende Kritik bezieht sich auf die internationale Version von „The Warlords“, die derzeit in den deutschen Kinos läuft und knapp 16min kürzer ist als die chinesische.]

Eine Crew, die mehrere Hongkong Film Awards und sogar einen Silbernen Bären für sich zu verbuchen hat, ein Regisseur, der große Gefühle auf Hollywood-Niveau verpacken kann. Man addiere vier Hauptdarsteller, deren Bekanntheitsgrad chinesische Produzenten freizügig Schecks unterschreiben lässt in Erwartung der Zuschauermassen. Das hier ist wider aller Erwartungen keine Review zu „Red Cliff 2“, sondern zu The Warlords. John Woo geht nur nach einem Prinzip vor, das chinesische Blockbuster seit Jahren auszunutzen wissen. Die berühmteren Beispiele dafür sind wohl „Hero“, „Wuji“ und „Infernal Affairs“.

The Warlords ist weder eine Special Effects-Orgie, noch ein moderner Großstadtthriller und auch wuxia– Elemente sucht man vergebens. Vielmehr reiht sich der Film von Peter Chan („Comrades – Almost a Love Story“) ein in eine Welle von Historienepen aus Fernost  zu denen eben auch der bereits erwähnte Red Cliff- Zweiteiler gehört. Was „The Warlords“ von diesem oder „Three Kingdoms: Resurrection of the Dragon“ abhebt, ist die relative Modernität der Geschichte. Peter Chans Epos basiert nicht auf Geschehnissen, wie sie z.B. in den vier klassischen chinesischen Romanen geschildert werden. Ganz im Gegenteil:

Zu Zeiten des Taiping-Aufstandes – Mitte des 19. Jahrhunderts – kreuzen sich die Wege des kaiserlichen Generals Pang Qin-Yun (Jet Li) und der Banditen Zhao Er-Hu (Andy Lau) und Jiang Wu-Yan (Takeshi Kaneshiro). Pang, der soeben seine ganze Truppe bei einer verheerenden Schlacht verloren hat, überredet die beiden, welche eine Schar von kampfbereiten Männern hinter sich versammelt haben, dem drohenden Hunger zu entgehen indem sie sich für die kaiserliche Armee im Kampf gegen die Taiping freiwillig melden. Die drei Männer schwören die Blutsbrüderschaft und ziehen gemeinsam gegen übermächtige Armeen und behindert durch intrigierende Hofbeamte zu Felde, nichts ahnend, dass von Anfang an jemand zwischen ihnen stehen wird: Mi Lan (Xu Jinglei), Ehefrau von Andy Laus Räuber Zhao Er-Hu, in die sich Pang verliebt hat.

Dass aus diesen inhaltlichen Zugaben wohl keine Schmonzette wird, erahnt man schon angesichts des Castings von Jet Li. Der hat in seiner Martial Arts- Filmkarriere zwar immer mal wieder hübsche Damen an seine Seite gestellt bekommen, doch selbst beziehungsbedrohenden Konflikten, wie etwa der aufwallende Rassismus gegen seine japanische Geliebte in Fist of Legend, steht der Jet Li- Held normalerweise recht stoisch gegenüber. Die emotionale Zurückhaltung lässt sich auch etwas weniger elegant mit Li’s schauspielerischen Defiziten erklären. Ihm in „The Warlords“ ein in seinen Grundzügen melodramatisches Figurengeflecht aufzuhalsen, mag als wagemutiger Schritt bezeichnet werden. Nachdem Li das Biopic Fearless (2006) als sein letztes Martial Arts- Epos bezeichnet hatte, war aber davon auszugehen gewesen, dass früher oder später ein Versuch im dramatischen Fach folgen würde. Nicht zuletzt das Alter zwang wenig später auch seinen Kollegen Jackie Chan dazu, diesen gewagten Schritt mit Derek Yees The Shinjuku Incident (2009) zu vollziehen.

Die Co-Stars Kaneshiro und Lau, die sich in diesem Genre wesentlich wohler fühlen dürften, bilden nur eine vordergründige Entlastung. „The Warlords“ ist nämlich ganz und gar Jet Li’s Film. Beginnend bei dem grandios gewählten Auftakt des erschöpften Generals, der sich durch die Leichen seiner Soldaten auf dem Schlachtfeld ans Sonnenlicht zurückkämpft, vereinigt sich in der Folge das Gros der Gewissenskonflikte, aber auch der Figurenentwicklung  auf Pangs breiten Schultern. Der talentierte General, der durch einen Konkurrenten am Hof seine Armee verloren hat und nun nach Wiedergutmachung und letztendlich auch der Befriedigung seines Ehrgeizes drängt. Das Opfer der Ideale zugunsten der Politik ist vorhersehbar. Ebenso die zwangsläufige Konfrontation mit dem Blutsbruder Zhao Er-Hu.

Andy Lau spielt seinen Räuber höchst bodenständig als einfachen Mann, der von den harten Umständen der Zeit zum Verbrechen gezwungen wird und dem doch nur ganz im Sinne Robin Hoods das Wohl des armen Fußvolks am Herzen liegt, das sich in jedem Krieg zuerst unterm Rad wieder findet. Die jugendlich naive Liebe für ihn hat seine schneller erwachsen gewordene Frau im Laufe des Banditendaseins abgelegt. Ihre Zuneigung schenkt sie dem anfangs gebrochenen Pang. Die Beziehung der Liebenden entfaltet der Film höchst sensibel, was wohl Peter Chan zu verdanken ist. Den assoziiert man schließlich eher mit Romanzen als mit Schlachtenenepen.

Fans von Massenaufmärschen chinesischer Armeen und entsprechender Kampfszenen kommen in The Warlords keinesfalls zu kurz. Kameraveteran Arthur Wong („Once Upon a Time in China“) versah den Film mit einer handfesten realistischen Atmosphäre, getragen von erdigen Tönen, die den sowieso schon dreckigen Look der Hauptfiguren passend ergänzen. Auf Realitätsnähe setzen auch die unzähligen Gemetzel der Soldaten. Hat man allerdings einen Actionchoreograph namens Ching Siu-Tung („A Chinese Ghost Story“) zur Hand, wäre fehlende Übersichtlichkeit die pure Geldverschwendung. „The Warlords“ beweist einmal mehr, dass chaotische Kämpfe durch eine gekonnte Kombination von Schnitt- und Kameraleistungen ihren realistischen, d.h. dynamischen, Charakter nicht verlieren müssen und dennoch für den Zuschauer einigermaßen übersichtlich wirken können. Die erwartungsgemäß brutale Action ist immer noch körperbetont, spür- und hörbar – ein Verdienst auch des Sounddesigns – ohne aber mit einer überfordernden, weil dilettantisch eingesetzten Wackelkamera nach einer Packung Aspirin zu schreien.

All die technischen Vorzüge –  und Chan ist generell Spielereien nicht abgeneigt (Andy Laus betrunkener Point of View?) – wären nicht vielmehr als dürftige Pluspunkte eines pathetischen Soldatendramas, wäre da nicht das Experiment Jet Li. Ein, was die Figure Pangs angeht, starkes Drehbuch, das den anderen beiden Hauptdarstellern eigentlich erst viel zu spät im Film markige Momente schenkt, stellt dem Dramaneuling mehrere Szenen seelischer Implosion zur Verfügung. Die große Überraschung bleibt im nachhinein, dass Li diese ohne in dunkle Overacting-Gewässer zu geraten, zu seinen Gunsten auszuspielen weiß und auch in langen Großaufnahmen, deren Spannung  mit seiner Mimik steht und fällt, auf plattes Ausdrucksspiel verzichtet. Den Kämpfer nimmt man ihm ja immer ab. Aber den von Skrupeln geplagten  liebeskranken Idealisten hätte zumindest ich ihm nicht zugetraut.

Oscarmaterial ist The Warlords deswegen noch nicht. Die sentimentale Brüderlichkeit ist aus klassischen Hongkongzeiten  altbekannt, funktioniert aber auf Grund der erwähnten Bedeutungsgewichtung nur bedingt. Sehenswert auch für den Konsumenten, der normalerweise asiatische Produkte tunlichst umgeht, ist der Film trotzdem. Von einem abgeklärten Verhältnis zur Politik der Hintermänner getragen, überzeugt Peter Chans Epos v.a. durch seine Vermeidung jeglicher Glorifizierung des Krieges. Und Jet Li gibt hier soetwas wie sein Schaupieldebüt. Da muss Jackie erstmal nachlegen.

Trailer: Red Cliff 2

Erstmal wünsche auch ich allen Lesern ein frohes neues Jahr mit möglichst wenigen Flops im Kinosaal und vor der Mattscheibe, sowie einen gigantischen Haufen erinnerungswürdiger Filmerlebnisse!

Eigentlicher Sinn dieses Posts ist aber ein kurzer Hinweis auf mehrere aktuelle Trailer für den zweiten Teil von John Woos Red Cliff-Megaschlachteneposcomeback. Es geht doch nichts über endlose Wortaneinanderreihungen…

Bei Twitch kann man drei asiatische Trailer anschauen und sich ein Bild vom Finale machen. Der folgende koreanische Trailer sähe gar nicht so schlecht aus, wäre da nicht der amerikanische Sprecher (!?) in der zweiten Hälfte, den man wohl schon aus hundert anderen Trailern kennt.

Red Cliff II: The Decisive Battle (Die Entscheidungsschlacht) feiert zu Zeit in China Premiere.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=6t-VDKX24-8]

Eine Kritik zum ersten Teil und ein paar Infos zur Veröffentlichung des Zweiteilers gibt es hier.

Red Cliff I (VRC 2008)

Um die wichtigste Frage gleich vorweg zu beantworten: Ja, in John Woos neuem Film Red Cliff tauchen strahlend weiße Tauben auf. Es sind mindestens vier oder fünf, um genau zu sein. Die Entwicklung von Woos Filmografie könnte man glatt mit der hochinteressanten Evolution seines Taubeneinsatzes gleichsetzen. Aus dem spirituellen (christlichen) Symbol  (etwa in The Killer) wurde noch zu Hongkonger Zeiten das Markenzeichen des Regisseurs; gleichberechtigt neben dem Mexican Standoff und Chow Yun-Fat, der in Zeitlupe mit zwei Knarren über den Boden schlittert oder durch die Luft fliegt. Schießend natürlich.

In Hollywood schließlich wandelte sich das von Woo in Interviews so oft verteidigte Symbol zum rein ästhetischen Beiwerk. So mögen in Face/Off, seinem einzigen US-„Klassiker“, die umher flatternden Tauben in einer (katholischen) Kirche auftauchen, doch letztendlich wird ihre Funktion darauf reduziert, Nicolas Cage zum Sterben cool aussehen zu lassen. Anders als noch Chow Yun-Fat darf Cage in diesem Film aber nicht das Zeitliche segnen. Er ist der (amerikanische) Held, auch wenn er das falsche Gesicht trägt. Die Emotionalität, der Fatalismus und die damit verbundene latente Homoerotik, die in beträchtlichem Maße zum Kultstatus seiner Hongkonger Filme beigetragen hatten, mussten in einem anderen kulturellen Kontext zwangsläufig reduziert werden. Woos stilbildende Symbolwelt litt darunter, wurde ausgehöhlt und bedeutungslos.

Was in „Face/Off“ noch den Coolness-Faktor wie ein explodierendes Motorboot in die Höhe schießen lässt, verdeutlicht  wenig später die Traurigkeit der Selbstparodie, die sich Mission: Impossible II nennt. Als hätte Tom Cruise als der auf dieser Erdkugel am wenigsten für eine Woo-Zeitlupe geeignete Schauspieler nicht gereicht. Die Fans wandten sich gepeinigt ab. Und recht bald auch das amerikanische Publikum.

Woo war anders als seine Regiekollegen, die sich ebenfalls auf amerikanischem Parkett versucht haben, dort zumindest zeitweise künstlerisch und kommerziell erfolgreich. Tsui Hark („Once upon a Time in China“) dagegen gab nur ein kurzes Gastspiel für zwei Van Damme-Filme (u.a. „Knock Off“), hat seitdem allerdings selbst in seiner Heimat nicht mehr zu alter Form oder auch nur Kohärenz zurück gefunden. Ringo Lam („City on Fire“) entkam der Van Damme-Falle nicht so schnell und vergeudete sein Talent in diversen Direct-To-Video-Produktionen.

Anno 2008 befand sich die Hongkonger Actiontrias der glorreichen 80er Jahre offensichtlich in einem erbärmlichen Zustand. Fünf Jahre nach seinem letzten Spielfilm packte Woo entweder diese Erkenntnis oder die pure Nostalgie. Den wirtschaftlichen Bedingungen der Gegenwart entsprechend, zog es ihn in die Volksrepublik China, um sein gigantisches  zweiteiliges Epos Red Cliff zu drehen. Mit Chow Yun-Fat wollte er wieder arbeiten und mit Tony Leung Chiu-Wai; das Hard-Boiled-Dream Team wieder vereint. Ersterer sagte kurz vor Drehbeginn ab. Leung wollte zunächst nicht, übernahm in letzter Minute jedoch die für seinen Kollegen vorgesehene Rolle.

Um v.a. das ostasiatische Publikum endgültig für das teuerste chinesische Filmprojekt aller Zeiten zu gewinnen, wurden außerdem Kassenmagneten wie Takeshi Kaneshiro („Chungking Express“), Chang Chen („Tiger and Dragon“) und Vicki Zhao Wei („Shaolin Soccer“) verpflichtet. Red Cliff ist allein dank der Besetzung der feuchte Traum aller Asia-Film-Fans. Schöne Gesichter in schönen Kostümen dabei zu beobachten, wie sie sich durch tragische historische Stoffe quälen – das kommt zur Zeit auch sehr gut an in den stetig zunehmenden Kinos der Volksrepublik.

Wie andere chinesische Historienepen der letzten Jahre dreht sich Woos Ausflug in die Geschichte um ein in der Bevölkerung höchst populäres, reichlich sagenumwobenes Ereignis: Der Schlacht am Roten Felsen. Im Jahr 208 (das riecht nach einem Jubiläum) hatte diese stattgefunden und für allerhand Wirbel in der chinesischen Geschichtsschreibung gesorgt. Für den in fernöstlicher Historiographie unbewanderten Cineasten genügt eine kurze Zusammenfassung:

Der mächtige Premierminister der Han, Cao Cao (Zhang Fengyi), überredet den schwächlichen Kaiser zu einem Kriegszug gegen zwei Kriegsherren im Süden, um China zu vereinigen. Davon Nachricht erhaltend verbünden sich die beiden Widerständler Liu Bei und Sun Quan dank der Vermittlungversuche von Liu Beis taktischem Berater (Takeshi Kaneshiro) und Sun Quans General (Tony Leung). Mit mehreren hunderttausend Mann bestückt, segelt Cao Caos Flotte auf dem Jangtse südwärts, um die zahlenmäßig unterlegenen Kriegsherren zu zermalmen.

Da ein Film nicht nur aus einer Schlacht bestehen sollte (siehe „300“), aber die vielen in die Vorgeschichte verstrickten Figuren den Zuschauer innerhalb der Laufzeit von zwei Stunden womöglich überfordern würden, entschied sich Woo für eine Zweiteilung des Films. Vielleicht wollte er auch nur sicher gehen, dass die Produktionskosten unabhängig von der Vermarktung im Westen wieder eingespielt werden. Wie dem auch sei, den Figuren – eigentlich nicht gerade die Stärke des Regisseurs – konnte es nur zu Gute kommen.

Im hier besprochenen ersten Teil wird die Vorgeschichte der berühmten Schlacht erzählt. Von der Kriegserklärung Cao Caos über die Verhandlungen zwischen den Verbündeten und einer ersten Schlacht zu Lande. Die große Dramatik ist also noch nicht zu erwarten. Dennoch ist der Film mehr als nur ein fader Prolog.

Wie bei Woo nicht anders zu erwarten, ist der Auftakt von „Red Cliff“ eine Schlacht, die hier sozusagen den Shootout ersetzt. Eine handfeste sogar mit reichlich Dreck und fetten Blutspritzern. Sofort fühlt man sich an seine ganz und gar nicht zahmen Heroic Bloodshed-Filme erinnert, die ihrer Genrebezeichnung ja in jeder Hinsicht gerecht werden. Wenn Hu Jun („Infernal Affairs II“) zuerst mit einer Lanze dutzende gegnerische Kämpfer durchbohrt, während sein ehemals weißer, nun blutbespritzter Mantel in Zeitlupe durch das Bild flattert und er wenig später selbst mit einem Baby im Arm die Body Count in die Höhe treibt, ist das John Woo-Action in ihrer Reinform.

In den Achtzigern wurden die Kung Fu-Helden der Shaw-Filme durch Regisseure wie Woo mitsamt ihrer Ehrenkodizes in moderne Großstädte verfrachtet, um fortan ihre blutigen Tänze mit Schusswaffen und Armani-Anzügen auszuüben. Nun, nachdem die heimische Zuschauergunst für das Gangstergenre geschwunden ist, katapultiert Woo seine heroischen Kämpfer in die frühe chinesische Geschichte. Und sich selbst zurück in die erste Riege internationaler Actionregisseure.

In dem hierzulande eher unbekannten Hu Jun, der nicht einmal zu den Protagonisten gehört, hat Woo gleich noch einen hochkarätigen Ersatz für Chow Yun-Fat gefunden. Nach dieser ersten Schlacht keimt schon die Hoffnung auf, dass Hu, dem Chows Bodenständigkeit und physische Präsenz zu eigen sind, eine größere Rolle im Film spielen wird. Sehr bald wendet sich Woo allerdings den eigentlichen Stars des Films zu: Tony Leung und Takeshi Kaneshiro. Dass ausgerechnet diese beiden im Vergleich zum Rest der Schauspielergarde etwas enttäuschen, bleibt ein unbedeutender Wermutstropfen, da ihre „Chemie“ durchaus genügt, wenn auch ihr Auftritt nicht gerade nach Preisen schreit.

Woos Vorliebe für die komplizierte Freundschaft zweier ehrenvoller Männer findet in der Beziehung Leungs und Kaneshiros ihren Ausdruck. Teil 1 von Red Cliff erzählt daher vom Entstehen ihrer Freundschaft mit Hilfe einer ausgedehnten „Musiziersequenz“, in der beide einander die Meisterschaft in ihrem Hobby beweisen (das sieht genauso homoerotisch aus, wie es klingt). Einigermaßen selbstverliebt ist das alles und der Charakterisierung der Figuren fügt  das Duell an der Zither nichts neues hinzu. Es ist aber auch typisch für den Regisseur, das Anbändeln der beiden Helden dermaßen offensichtlich auszubreiten, weshalb es ihm an dieser Stelle nachgesehen wird. Was tut man nicht alles, um einen 100%igen John Woo-Film zu bewundern?

„Red Cliff“ ist genau das und noch vielmehr. Auch wenn die Freundschaft noch durch eine extrem kitschige Pferdegeburt (!) gefestigt werden muss, Tony Leung erschöpft und gelangweilt daher kommt und Takeshi Kaneshiro zweieinhalb Stunden lang nur amüsiert lächelt oder konzentriert nachdenkt. Vielmehr drücken seine hübschen Gesichtszüge in diesem Film leider nicht aus.

Über das Zitat seiner eigenen Markenzeichen in der Figureneinführung hinaus, fesselt Woo den Zuschauer durch das, was er am besten kann: Die extrem abwechslungsreiche Inszenierung komplizierter Actionsequenzen. Ein Film, der mit einer Schlacht beginnt, mit einer Schlacht endet und nur die Vorgeschichte eines Filmes erzählt, der sich um eine Schlacht drehen wird, könnte auf Dauer langweilig sein. Was Woo in „Red Cliff“ abzieht ist glücklicherweise alles andere als das.

Vorbereitet durch eine brillante Parallelmontage der taktischen Diskussionen auf beiden Seiten, welche die Spannungsschraube noch einmal anzieht, schafft der Film es durch die Betonung einzelner Elemente der Taktik, einer fast zwanzigminütigen Schlachtensequenz die drohende Routine zu nehmen. Schon die Idee, drei große Krieger (einer davon Hu Jun) nacheinander allein auf die feindliche Armee loszulassen, um ihre Kampfkraft unter Beweis zu stellen macht Spaß. Ein wenig erinnert es an den Wettkampf des Zwergen Gimli mit dem Elben Legolas in Der Herr der Ringe: Die Zwei Türme. Eine humoristische Auflockerung des Geschehens ist es in jedem Fall.

Dass die geschilderte Schlacht den Handlungsverlauf nicht weiter beeinflusst und eher wie ein erzwungener Klimax wirkt, ist völlig egal. Schließlich reißt Tony Leung mit einem Pfeil einen gegnerischen Soldat vom Pferd. Mit einem Pfeil, den er sich gerade aus der Schulter gezogen hat. Ohne Bogen! Das Bild sollte man sich nochmal auf der Zunge zergehen lassen (sofern das physisch möglich ist).

Wie diese nicht enden wollende Kritik schon andeutet, hat Woo in Red Cliff auf bekanntem Terrain zu alter Stärke zurück gefunden. Die Selbstsicherheit merkt man ihm auch in den unblutigen Handlungsabschnitten an, etwa bei der Einführung von Tony Leungs Figur. Ganze drei Minuten lang neckt Woo den Zuschauer mit Leungs Hinterkopf, seiner Hand, seinen Augen, bevor er endlich das Gesicht seines Stars präsentiert und alle weiblichen Fans verzückt aufseufzen.

Überraschend ist Woos Sicherheit bei der Inszenierung des wichtigsten Elementes der Vorgeschichte: der Figurencharakterisierung. Das ist zum einen darauf zurückzuführen, dass er sich auf die hochkarätige Riege der Nebendarsteller verlassen kann. Andererseits ist die vielleicht beste Szene des Films gerade nicht blutgetränkt. Der durchaus charismatische „Bösewicht“ Cao Cao lässt sich Tee servieren. Das war es auch schon. Trotzdem genügen die wenigen Minuten, um dem Geisteszustand und den damit verbundenen Motiven der von Zhang Fengyi porträtierten Figur habhaft zu werden. Zhang („Der Kaiser und sein Attentäter“) sticht deutlich, aber auf eine erfreulich subtile Weise aus dem an Konkurrenz nicht armen Ensemble heraus.

Bei all den positiven Worten, bleibt abzuwarten, ob Woo seiner gereiften Herangehensweise auch im zweiten „Red Cliff“-Teil treu bleibt. Ob seine Rückkehr nach China auch eine Rückkehr zur Hyperemotionalität seiner Hongkonger Tage bedeutet, die Filme wie „The Killer“ unfreiwillig komisch wirken ließ. Ob Takeshi Kaneshiro seinen verlorenen dritten Gesichtsausdruck wiederentdeckt. Ob eine weiße Taube das zu erwartende Flammenmeer zieren wird. Nach Sichtung der ersten Hälfte von Red Cliff darf äußerst befriedigt festgestellt werden: Willkommen zurück, Herr Woo!


Weitere Infos:

Red Cliff, der gewaltigen Schlacht erster Teil, ist in Hongkong als 2-Disc Edition im Mandarin-Original mit englischen Untertiteln erschienen. U.a. bei YesAsia.com kann man diese All Region-DVD bestellen.

Ob „Red Cliff“ als Zweiteiler oder in einer zusammengeschnittenen, kürzeren Version in Deutschland anlaufen wird, scheint bisher nicht klar zu sein. Ich prophezeie schon mal letzteres. Laut Constantin wird der Film im ersten Quartal 2009 hierzulande die Kinos erobern.

In China startet der zweite Teil im Januar.