Exground Filmfest 2010

Zum dritten Mal in Folge ging es am 12. November nach Wiesbaden, um die 23. Ausgabe des Exground Filmfests in Augenschein zu nehmen. War es letztes Jahr noch etwas mehr als eine Woche, die ich trotz diverser leiblicher Läsionen in Wiesbaden verbringen durfte, beschränkte sich der Trip diesmal auf das erste Festivalwochenende. Unterstützung bekam ich u.a. von den Redaktionskollegen luzifus und vannorden, die ihren Senf zum Festival hier zweifellos noch posten werden. Traditionell in Reihen wie News from Asia, American Independents und Neues aus Deutschland unterteilt, bot das Festival diesmal eine Neuheit in Form einer Hommage an Ulli Lommel. Ja, richtig gehört, an den Ulli Lommel von „Daniel, der Zauberer“, doch mehr zu diesem Meisterregisseur später.

Eröffnungsfilm war schließlich Todd Solondz‘ Life During Wartime, ein Sequel wie nur Solondz es zustande bringen kann. Mit einem komplett neuen Ensemble erzählt der Film nämlich die Geschichte der Protagonisten seines Meisterwerks „Happinness“ weiter, erzählt wie die Schwestern Joy, Helen und Trish von dem Geschehenen verändert wurden, wie sie nun mit den Traumata zurecht kommen. So wird Joy vom Geist Andys verfolgt, der sich einst auf Grund ihrer Ablehnung das Leben genommen hatte. Eine Situation, welche der Satire nur einige von vielen tragikomischen Momenten beschert. Während Joy sich mit den Geistern ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss, weicht Trish diesen aus. Dass der Vater ihrer Kinder als Pädophiler im Gefängnis sitzt, verschweigt sie diesen. Er sei tot. So einfach ist das. Ein Umzug ins sonnige Florida genügt, um zu vergessen, um zu negieren. Dass Trish sich und ihrer Familie etwas vormacht, dass so gut wie keine der Figuren in „Life During Wartime“ einfach vergessen, geschweige denn vergeben kann, ist die bittere Krux eines Filmes, der es erstaunlicherweise schafft,  seinen Figuren respektvoll zu begegnen und zugleich einer gewissen Lächerlichkeit preizsugeben. Hervorzuheben sind an dieser Stelle die Leistungen der Damen, namentlich Allison Janney, Ally Sheedy und Charlotte Rampling.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=DoOZmhJPYTg[/youtube]

Eine runde Überleitung zum russischen Beitrag Pyatnitsa. 12 zu finden, der danach im Caligari Filmtheater gezeigt wurde, ist ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, nicht nur, was den qualitativen Abstieg betrifft. Vladimir Zajkins auf postmodern getrimmte Serienkillerklamotte ist in jeder Hinsicht überladen, zu lang und too much. Eine handvoll netter Ideen – selbstreflexive Reden der Figuren an den Zuschauer wie „Ich bin der Serienkiller soundso“, „Ich bin das Opfer“ usw. – machen noch keinen erträglichen Film, weshalb ich gegen Ende in der einladenden Weichheit des roten Kinosessels versunken und weggedöst bin. Am Samstag begann das Festivalprogramm vielversprechend mit Nicolas Entels Dokumentation Sins of My Father (Pecados de mi padre). Darin stellt sich Sebastián Marroquín, Sohn des berüchtigten Drogenbarons Pablo Escobar, den Taten seines Vaters und v.a. dessen Opfern. So verwandelt sich die Begegnung mit den Söhnen von im Auftrag Escobars getöteten Politikern zu einem Symbol der Hoffnung auf die Befriedung des noch heute von Gewalt gebeutelten Kolumbien. Die seltsame Undurchsichtigkeit Marroquíns tut daran keinen Abbruch. Wieviel er von den Geschäften seines Vater wusste und ob er, der zum Todeszeitpunkt des Vaters immerhin 16 war, darin involviert war, wird im Film nicht gefragt. Ebenso seltsam ist Marroquíns Begründung, warum er nicht ins Drogengeschäft eingestiegen sei: Weil das Geld sowieso nichts wert sei, wenn die Polizei vor dem Haus steht. Solche Ungereimtheiten und moralischen Fragwürdigkeiten steigern jedoch den Reiz von Entels beeindruckender Doku.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=Op1PKuN0hc4[/youtube]

Weniger überzeugend war im Vergleich der danach im Murnau Filmtheater gezeigte kolumbianische Beitrag Crab Trap (El vuelco del cangrejo), dessen Held das Festivalposter ziert. Das lag weniger an handwerklichen oder schauspielerischen Defiziten, als an der Tatsache, dass ich diesen Film gefühlt schon zwanzig mal gesehen habe. Ein offensichtlich von einem nicht näher definierten Trauma verfolgter Protagonist begibt sich in die Natur zwecks Flucht und/oder Katharsis. Er trifft urtümlich lebende Menschen, schweigt diese an, sie schweigen ihn an und der Zuschauer darf sich den Rest denken. Das ist alles unglaublich, wahnsinnig modern, weil es auf das europäische Autorenkino der Sechziger zurückgeht, und so. Dank der exotischen Schauplätze bleibt der Zuschauer wach. Es gibt ja schließlich etwas zu sehen, auch wenn es nicht sonderlich einfallsreich inszeniert ist. Letztes Jahr hieß der Film „Delta“ oder war es „Herbst“? Keine Ahnung. Mainstream-Arthouse-Weltkino nennt man das wohl und die Festivalprogrammatiker scheinen darauf zu stehen. Nein, danke!

Was schweigsame Protagonisten angeht, stand Northless (Norteado) „Crab Trap“ zwar in nichts nach, entschied sich dann aber glücklicherweise dazu, einfach „nur“ eine realistische Skizze eines Migrantenschicksals zu sein. Der junge Mexikaner Andrés will in die USA und da das für Leute wie ihn nur illegal möglich ist, versucht er  im Verlauf des Films wiederholt, die Grenze zu überqueren. Von der amerikanischen Polizei aufgeschnappt, landet er in Tijuana und lernt zwei Frauen kennen, die gestrandet zu sein scheinen an diesem Ort, an dem ihre Männer sie auf dem Weg in den Norden verlassen haben. Sparsam und auf’s Wesentliche beschränkt ist „Northless“, kommt so gut wie ohne Verzierungen aus und schildert doch eindringlich das Grenzleben aus Sicht der Zurückgebliebenen. Das man in „Northless“ nie den verheißungsvollen Norden zu sehen, nie das Versprechen des sozialen Aufstiegs visualiert bekommt, kann durchaus als Statement des Films betrachtet werden.

Und wieder dieses Problem mit der Überleitung. Dann eben anders: „Northless“ lief im Caligari und Ulli Lommels The Boogeyman auch. Reicht das? Ulli Lommel ist, wie oben bereits geschrieben, Objekt der ersten Hommage in der Geschichte des Exground Filmfests. Klar, der Mann hat mit Fassbinder (wer nicht?) und mit Warhol (wer nicht?) gearbeitet, aber der Mann hat eben auch „Daniel, der Zauberer“ und besagten „The Boogeyman“ gemacht. Letzterer lief nun am Samstag mit einiger Verspätung in der mäßig besuchten Mitternachtsvorstellung, war angeblich ein großer Hit in den US of A, aber wen interessiert das, wenn man das Endprodukt gesehen hat? Dieser Film ist schlecht. Ein inhaltlich bescheuerter (ich versuch gar nicht zu erklären, was der Boogeyman ist) Slasher, der sich im wahrsten Sinne des Wortes seiner Freud’schen Hausfrauenpsychologie brüstet. Ödipuskomplex gone bloody wrong. Nix neues in der Horrorwelt, auch damals 1980 nicht. Verzichtbar, unfreiwillig komisch, furchtbar schlecht geschnitten, Uwe Boll lässt grüßen. Mir fällt nichts mehr ein, außer: „Blubb“.

Ein schönes Festival bleibt das Exground, wenn es sich am ersten Wochenende auch nicht so stark präsentierte wie zuvor. Letztes Jahr liefen da immerhin „Humpday“ und „Captain Berlin versus Hitler“. Vielleicht sehen wir uns 2011 wieder.

Diary of the Dave #2

Diese Woche war die Todd Solondz-Woche. Ich habe endlich zwei weitere Meisterwerke (Meisterwerke!) des Happiness-Genies sehen dürfen: „Welcome to the Dollhouse“ und „Storytelling“. „Happiness“ liegt sozusagen in der Mitte zwischen diesen beiden Filmen, chronologisch gesehen.
Die Solondz-üblichen Themen werden auch bei „Dollhouse“ und „Storytelling“ verarbeitet: dysfunktionale Familie, gestörte Sexualität, Außenseitertum, das Zerbröckeln des schönen Mittelklasse-Paradieses. Doch so tiefgründig, emotional, grotesk, schmerzhaft und kunstvoll wie bei „Happiness“ werden diese Themen nicht ausgeschöpft. Am schwächsten: zweifelsohne Storytelling, zwei längere Kurz?lme (oder eher zwei unausgereifte Rumpf?lme?), zusammengehalten vom Thema „Geschichte erzählen“. Im ersten Film die verwöhnte Mittelklassegöre, die grottenschlecht über ihre persönlichen Erlebnisse schreibt und dabei nicht merkt, dass alles Geschriebene automatisch zur Fiktion wird. Dies ist sogleich die Pointe des kürzeren, primitiveren, geradlinigeren, und zugleich aus stärkeren ersten Teil des Films. Der zweite Teil streift viele Themen nur sehr ?üchtig, die Charaktere bleiben etwas hohl, vieles wird angerissen, aber letztlich nicht zu Ende gedacht. Klar: den Jüngsten der Familie würde ich wahrscheinlich eigenhändig erwürgen… und zwar, nachdem ich ihn einen halben Tag lang gefoltert habe! Aber es bleibt ein rumpfartiger Teil?lm… Der Film wirkte ein bisschen wie ein unfertiges Drehbuch: verschiedene Charaktere, verschiedene Ebenen, die sich vielleicht hätten treffen können. Aber eben kein neues „Happiness“.

Welcome to the Dollhouse ist da durchaus gelungener: im Grunde eine recht geradlinige Story, ziemlich geradlinig erzählt. Viele spannende Elemente: Außenseitertum, Zurückweisung durch Leute, auf die man zählen sollte (Familie) oder die man liebt, Erwachsenwerden, Rebellion… Dann ist letztlich der Charakter, den man als Zuschauer gegen seinen eigenen Willen doch lieben muss. Die Frage ist, ob diese Zuneigung dann nur dem Mitleid entspringt! Oder einer diffusen Identi?kation mit den realen Problemen dieses Mädchens? Ach Happiness… „Happiness where are you, I haven‘t got a clue, happiness where are you now…“ Eine zynische Satire… eine pessimistische Vision der Menschheit (zumindest desjenigen Teils, der in New Jersey lebt)… eine seeeeeehhhr schwarze Familien-Komödie (und NICHT Komödie für die ganze Familie)… ein Lacher, der im Halse stecken bleibt, für den man sich schämen muss… ein Heuler mit einem sehr bitteren Nachgeschmack… ein Episoden?lm, bei dem Episoden wirklich zusammenhängen… ein wahres Familienepos im Grunde (immerhin: 135 Minuten und um die 12 zentrale Personen, die alle ziemlich präzise charakterisiert werden).

Die Vermischung der Ingredienzen führt wirklich zu erstaunlichen Auswirkungen beim Zuschauer: in der Eingangsszene verspürt man eine Mischung aus Fremdschämen, Schadensfreude, Gerührtheit und dem Drang, laut loszulachen. Zugleich kann man auch ob der Kommunikationslosigkeit der beiden Figuren Andy und Joy zutiefst deprimiert sein. Ähnliche Gefühlsmischungen ?nden sich in zahlreichen anderen Szenen des Films wieder. Man bemitleidet, hasst, liebt die Figuren, ?ndet sie lächerlich, arrogant, überheblich, herzzerreißend usw. Dies macht auch den Reiz des Films aus: keine Figur ist eindeutig, alle sind ambivalent. Joy z.B. ist durchaus eine feste Identi?kations?gur des Films, doch wird sie in der Eingangsszene auch als jemand eingeführt, der durch seine Art andere Menschen verletzen kann! Wie ambivalent die Szene bleibt. Denn, warum lässt sie sich nicht auf ihn ein? Warum? Der Nachtrag kommt, als Andy Selbstmord begeht. Wegen ihrer Ablehnung? Vielleicht. Man weiß es nicht. (Der Drohanruf der Mutter Andys wäre aber durchaus ein Hinweis, dass er sich wegen ihrer Ablehnung umgebracht hat.)

Das Schöne am Film: es sind praktisch alle anderen Figuren genauso komplex wie Joy. Am komplexesten (und kontroversesten in der Rezeption) natürlich der pädophile Psychiater.