Diary of the Dave #15 – Rock ’n‘ Roll High School

Den Musiklehrer fand ich am allercoolsten! Ein Charakter, der am Anfang des Films noch vollständig ein Teil des Systems ist, jedoch über die sehr bizzaren Rock ‘n‘ Roll-Versuche an Mäusen doch irgendwie anfängt zu zweifeln. Und schließlich merkt, dass die Liebe zu Beethovens fünfter Sinfonie und zu „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones ein Widerspruch sein kann, aber absolut nicht sein muss!

Was ist ein guter Trashfilm und was kann er leisten? Schwierig zu sagen. Im besten Fall kann er den Zuschauer in höchster Art und Weise entspannen und von seinem erbärmlichen Leben ablenken. Ja und natürlich: geringes Budget, ein Drehbuch das auf einem Blättchen Klopapier Platz findet und meist eine völlig übertriebene Ausführung. Lila Hotpants zu roten Leggings gehören sicherlich zum Ende der 1970er Jahre dazu. Zu Ramones-Fans mutierte weiße Mäuse, schüchterne weibliche Nebenhelden mit dem Namen Rimbaud, ein Groupie mit dem Namen Angel Dust (!!!…!!!), explodierende Mäuse (ja… der Film ist eher für Tierliebhaber konzipiert), Earmail (ich kommentiere das jetzt mal nicht) sind hingegen sogar für die 1970er Jahre ungewöhnlich! Prototypisch hingegen sind die Bösewichte des Films… ja… natürlich… NAZIS!!! Oder besser gesagt, eine Nazi-Domina-Schuldirektorin, die ihre eigene kleine Geheim-Schulpolizei aufrechterhält (bestehend aus zwei notgeilen Schülern älteren Jahrgangs), um die Schüler zu kontrollieren. Und als sie die Kontrolle verliert, macht sie das, was alle Nazis gerne so machen… Kunstwerke verbrennen… hier konkret die Schallplatten ihrer Schülerinnen und Schüler. „Final Solution“, wie sie das nennt (Ja, Trashkultur im Allgemeinen hat im weitesten Sinne immer wieder versucht, die großen Tragödien des 20. Jahrhundert zu verarbeiten, etwa im Gegensatz zu Adenauer-50er-Jahre-Heimatfilmen oder Sissi oder Musikantenstadl…).

Für alle, die jetzt denken, der Film sei schwere Kost… ja… er ist wirklich ein ungewöhnliches Erlebnis.

Also noch einmal zur Ausgangsfrage…. Was ist eigentlich ein guter Trashfilm? „300“ ist ein guter Trashfilm (trotz großen Budgets). Ja vielleicht gibt es so was wie ein Trashgeist. Der ideale Trashfilm stellt sozusagen Hegel von den Füßen wieder auf den Kopf! Und Rock ’n‘ Roll High School ist ein absolut großartiger Trashfilm. Mit Rationalität keinesfalls zu ergründen, fragt man sich über weite Teile, ob die Charaktere vielleicht alle bescheuert sind. Nun ja… ist alles eine Frage der Perspektive! Wie eine Naturgewalt arbeitet sich der Film jedenfalls in das Herz des Zuschauers… Sicher! Der Zuschauer sollte einige Voraussetzungen erfüllen! Er sollte geschmacklosen Humor mögen, ziemlich flache „sexual innuendos“ lustig finden. Seine Augen sollten angesichts von Späte-70er-Jahre-Mode krebsimmun sein. Er sollte kein Fetischist des gestochen scharfen Bilds sein (das gilt für alle Trashfilme! GRUNDSÄTZLICH!). Vielleicht sollte er Musicals mögen. Oder zumindest alberne Komödien mit viel Musik. Und ein Ramones-Fan zu sein, schadet wirklich überhaupt nicht.

Also ganz ehrlich gesagt, hätte ich diesen Film selbstverständlich nicht geschaut, wäre ich nicht selbst ein großer Ramones-Fan gewesen. Denn bei lila Hotpants mit roten Leggings (und dazu zitronengelbe Socken) stellen sich selbst bei mir gewisse Fragen. Trashfilme kehren ja gerne mal übliche Rollenbilder um. Die sexy Braut wird zum Ungeheuer, das Trash-Mädel zur Hauptfigur, das Mauerblümchen zur Komplizin der allgemeinen fröhlichen Zerstörung, der schnöde Musiklehrer zum größten Verteidiger des Punkrocks. Darum ging es ja auch im Grunde bei den Ramones. Ein traumatisierter Immigrant, ein merkwürdiger Freak, ein jähzorniges reaktionäres Ekel und ein psychopathischer Junkie haben sich gefunden, um gemeinsam eine völlig neue Art von Musik zu schaffen. Herausgekommen sind die Ramones. Sie haben bewiesen, wie der eigene Status umgedreht werden kann, wenn man den Mut zur Subversion auch auslebt. Und so wurden aus Freaks, die 99 % aller Menschen nur abschrecken würden, absolute Superstars. Nun ja… zumindest Kultfiguren (sie mussten ihre Hotelrechnungen ja immer noch mit Konzerterlösen bezahlen).

Dies ist sicherlich das subversive an Trashfilmen. Die absolute Umkehrung traditioneller Rollenverteilungen. Arte, wie lange willst du noch warten… zeige diesen Film endlich mal Freitag Nachts!

Meine Gewaltfantasien für heute habe ich vorerst ausgelebt. Die Listen-Episode von „South Park“ vorhin hat nicht mit einem brennenden Gebäude geendet. Das konnte ich jetzt eben noch nachholen. Ein riesengroßer Mittelfinger gegenüber allen Autoritäten dieser Welt. Besonders gegen jene, die sich etwas… nazihaft gebärden.

Wirres Zeug eine halbe Stunde vor Mitternacht. Aber es war ja auch wirres Zeug, was ich mir in den letzten anderthalb Stunden angetan habe. Wirr ist aber cool.

In diesem Sinne: GABBA GABBA HEY, GABBA HEY, GABBA GABBA HEY… HEY, HO, LET‘S GO! HEY, HO, LET‘S GO! Vielleicht träume ich heute Nacht auch von Dee Dee Ramone, wie er unter meiner Dusche Bass spielt. Oder von Joey Ramone, wie er Pizza (oder Hähnchenschenkel… oder eine Handvoll Sojakeime) isst…

The Machine Girl (J/USA 2008)

Noch vor Einsetzen des Vorspanns von Noboru Iguchis The Machine Girl künden die reißerische Inszenierung und der verschwenderische Umgang mit vollkommen übertriebenen Blutfontänen vom Wesen der folgenden 96 Minuten. Nein, es ist keine feministisch angehauchte Science-Fiction-Meditation. Auch handelt es sich nicht um einen sozialkritischen Film über ausgebeutete Arbeiterinnen in Top Ramen-Fabriken. „The Machine Girl“ ist stattdessen ein Trashfilm, wie ihn wohl nur die Japaner auf die Leinwand bringen können. Während anderen Regisseuren die Idee, ein Schulmädchen mit einem Maschinenpistolenarm auf eine tödliche Vendetta zu schicken, für einige unterhaltsame Geschmacklosigkeiten genügt hätte, baut Noboru Iguchi aus Spaß an der Freude Yakuza, Ninjas(!) und sogar eine fliegende Guillotine ein. Da verwundert es nicht, dass der Trailer des Films seine Attraktionen der Tradition von B- und C-Filmen entsprechend anpreist. Mit fetten gelben Buchstaben, das versteht sich.

Die recht platt gestrickte Geschichte erzählt von der Schülerin Ami (Minase Yashiro), die den Mord an ihrem Bruder rächen will, dabei ihren Arm verliert und mit Hilfe von einem KFZ-Mechanikerpärchen zur ihrer protzigen Wunderwaffe kommt. Ein Mädchen – natürlich die ganze Zeit ihre knappe Schuluniform tragend – das mit ihrer Protese Horden von Yakuza-Kiddies niedermäht; die Idee an sich ist High Concept à la carte, wie sie ein guter Trashfilm sich nur wünschen kann. Die von vornherein veranschlagte Einfachheit kann als ein erster Trumpf des Films gesehen werden. Iguchi gibt gar nicht erst vor, auf eine Sinn ergebende Story aus zu sein. Warum sollte er auch, schließlich stehen ihm Kampfszenen zwischen peinlich verkleideten Ninjas und einem mordlustigen Mädel zur Verfügung. Trumpf Nummer Zwei ist sein Verzicht darauf, sich nach der Einführung seiner Heldin einzig auf den Unterhaltungsfaktor von Blutfontänen zu verlassen. Der ist auf Dauer schließlich begrenzt.

Stattdessen beweist der Film bei den unzähligen Tötungs- und Verstümmlungsszenen seine ungebremste Phantasie. Abgetrennte Köpfe im Mittagessen und Sushi aus menschlichen Fingern sind da noch die konventionelleren Ausprägungen. Wenn hingegen ein Arm im Tempura-Stil frittiert wird, läuft der Zuschauer Gefahr, sein Bier vor Lachen über den Vordermann im Kinosaal zu versprühen. Ausgangsbasis des Unterhaltungspotenzials ist natürlich eine gewisse Offenheit gegenüber den Freuden des schlechten Geschmacks. Bei wem angesichts von Teenagern, die sich gegenseitig die Gliedmaßen abhacken, die Alarmglocken der Political Correctness läuten, mag der Genuss des Films höchstens zu einem besorgten Stirnrunzeln führen. Pflegt man allerdings einen Faible für intentional gedrehten Trash, der seine schlechten Gore-Effekte und die diversen abwegigen Einfälle mit Stolz vor sich her trägt, ist The Machine Girl absolut empfehlenswerte Kost.

Einziger Kritikpunkt sind ein paar der wenigen lang geratenen Passagen, die sich nicht gerade für eine bierselige Mitternachtsvorstellung eignen. Da Iguchi die melodramatischen Momente jedoch immer wieder ironisch bricht und die Heldin uns zuweilen zuzuzwinkern scheint, als wäre sie sich über den Spaßfaktor ihrer traurigen Story bewusst, fallen die wenigen Längen von „The Machine Girl“ nicht weiter ins Gewicht. Man möchte ihr vielleicht nicht auf der Straße begegnen, aber man kann nur hoffen, dass das Machine Girl eine europäische DVD-Auswertung erhält. Am besten ist der Film wie seine Genregenossen in Anwesenheit von Freunden blutiger Ausschweifungen zu genießen.


Zum Weiterlesen:
Beiträge zum Exground Filmfest 2008 in Wiesbaden.