Watchmen (USA/CDN/GB 2009)

Watchmen von Zack Snyder besteht zu 80% aus einer Imitation und zu 20% aus einer Adaption. Dieses Verhältnis führt zum Schluss, dass der Film nicht im entferntesten „inspiriert von“ der Comicvorlage ist, der Ausdruck „basierend auf“ aber auch eine massive Untertreibung darstellt. So profiliert sich Snyder, der zuvor mit dem Remake „Dawn of the Dead“ und der Comicverfilmung „300“ von sich reden gemacht hatte, als der Anti-Auteur Hollywoods. Den Handwerkern, welche sich ganz in den Dienst der Vorlage oder des Studios stellen, kann man ihn nicht unwidersprochen zuordnen, da sein visueller Stil einem zu prägnant in Erinnerung ruft, man sieht einen Film „directed by Zack Snyder“. Die persönliche Handschrift eines Auteurs sollte hingegen aus den Metaebenen herauszulesen sein. Jenseits vom bloßen Plot sucht man da nach thematischen Verknüpfungen zwischen den einzelnen Werken, die weniger etwas mit der Vorlage als vielmehr mit der Persönlichkeit des künstlerischen „Genius“ hinter der Kamera zu tun haben.

Die einzigen Schöpferpersönlichkeiten, die einem bei Ansicht von „Watchmen“ in den Sinn kommen, die Menschen also, von denen man in bestimmten Momenten des Films denkt „da hat er/sie etwas künstlerisch wertvolles geschaffen“, heißen Dave Gibbons und Alan Moore. Betrachtet man „Watchmen“ mit Kenntnis der Vorlage, beschleicht einem nämlich selten das Gefühl, ein eigenständiger Film laufe da auf der Leinwand ab. So massiv ist Snyder Sklave seiner Vorlage, selbst die einzelnen Kapitel (ursprünglich die einzelnen Ausgaben der Serie) sind im Bewegungsbild, das da projiziert wird, auszumachen. Das Streben nach einer werkgetreuen Adaption mit den Enttäuschungen „From Hell“ und „The League of Extraordinary Gentlemen“ in unmittelbarer Erinnerung, hat einen „Film“ produziert, der die formalen Eigenschaften des Mediums sein eigen nennt und doch als Adaption weniger Existenzberechtigung besitzt, als die beiden genannten. Im Gegensatz zu jenen ist „Watchmen“ allerdings ein manchmal fast schon guter Film.

Erzählt wird – wie auch in der später als Graphic Novel vermarkteten Serie von Moore und Gibbons – der Plot eines Krimis vor dem Hintergrund einer alternativen Version der USA in den 80er Jahren. In der sind kostümierte Vigilanten (lies: Superhelden) nicht mehr Stoff der Fiktion von Comicschreibern, sondern Realität. Zwei Generationen kämpften gegen die Unterwelt und ihre Schurken, bis die Helden für Regierungszwecke engagiert und in der Folge auf Grund ihrer fehlenden Popularität durch den Keene-Act verboten wurden. In diesen USA war es nicht mehr nur die Nationalgarde, die auf Protestanten schoss, sondern eben auch die politisch instrumentalisierten Vigilanten. Denen, speziell Dr. Manhattan (Billy Crudup), verdankt Präsident Nixon auch seine fünf Amtszeiten, denn der einzige tatsächlich mit Superkräften ausgestattete Superheld sorgte für den Sieg der USA im Vietnamkrieg. Im Oktober 1985 nun wird einer von ihnen ermordet: The Comedian (Jeffrey Dean Morgan). Während seine maskierten Kollegen in Rente gegangen oder in Regierungsdienste getreten sind, ist Rorschach (Jackie Earle Haley) der einzige in der Illegalität aktive Vigilant und er ist es auch, der eigene Ermittlungen in diesem Mordfall aufnimmt. Rorschach wittert eine Verschwörung, die Schritt für Schritt die Ex-Helden auszulöschen sucht.

Doch „Helden“ ist eigentlich schon eine unscharfe Bezeichnung, betrachtet man sie als sich für ein Ideal aufopfernde moralische Vorbilder. Realismus war eine Besonderheit der Herangehensweise von Alan Moore und Dave Gibbons, als sie „Watchmen“ schufen, schließlich spielten sie einerseits mit der Frage, wie eine Gesellschaft auf Superhelden reagieren würde, andererseits  zeichneten sie Psychogramme verschiedener Persönlichkeitstypen, die sich ausgerechnet für ein Leben hinter der Maske entscheiden. Da ist der augenscheinlich soziopathische Faschist, der über Leichen geht (The Comedian), die nach Aufmerksamkeit süchtige Mutter (Silk Spectre), die ihre Tochter in die Heldenrolle zwingt (Silk Spectre II), der Idealist und tendenzielle Megalomane (Ozymandias), der unscheinbare Normalo, der erst im Kostüm zu eigener Selbstsicherheit findet (Nite Owl II), der durch einen Unfall verwandelte Wissenschaftler (Dr. Manhattan) und schließlich der psychotische Bestrafer (Rorschach). Moore und Gibbons schufen also ein Comic, dessen Auseinandersetzung mit dem eigenen Medium im Zentrum steht. Ein Comic über Comics, das vor Verweisen auf unzählige Intertexte nur so strotzt, eines, welches mit seinen strukturellen Symmetrien, dem überbordenden Symbolismus, den Geschichten innerhalb der Geschichte nicht nur zum mehrfachen Lesen einlädt, sondern dezidiert dazu auffordert.

In welchen Zeiten ist die Adaption einer solchen Dekonstruktion des Superheldentums für die Kinos besser aufgehoben, wenn nicht in unseren? Seit Jahren schmeißen die Studios in Hollywood eine Comicverfilmung nach der anderen auf den Markt und wie The Dark Knight, Iron Man und Hellboy II letztes Jahr bewiesen hatten, giert das Publikum noch immer nach weiteren Abenteuern ihrer Helden. Doch Snyder hat im Gegensatz zu Nolan, Favreau und Del Toro einen zweifachen Fluch auf sich geladen. Nicht nur den Heiligen Gral des Genres sollte er verfilmen. Watchmen war auch noch eine auf zwölf Ausgaben beschränkte Serie, die nicht über Jahre hinweg verschiedene Geschichten und Inkarnationen durchlaufen hatte. Snyder kann daher wie der Regisseur einer klassischen Literaturverfilmung an einer einzigen konkreten Vorlage gemessen werden. Entscheidend für die Einschätzung des Endergebnisses ist, nach welchen Kriterien man dabei vorgeht. Hier muss jeder Kinobesucher, ob Fan der Vorlage oder nicht, selbst entscheiden. Meine Herangehensweise an Adaptionen lässt sich kurz so zusammenfassen: a) Eine Adaption sollte als eigenständiges (Kunst-)Werk funktionieren, d.h. 1.) dass die Kenntnis der Vorlage nicht von Nöten ist, sowie 2.) die Umsetzung des Stoffes unter Berücksichtigung der Eigenschaften des jeweiligen Mediums vollzogen wird. In der Bewertung einer Verfilmung, sollte b.) die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass Abweichungen vom Original einen Mehrwert erbringen und die Adaption als Werk besonders auszeichnen können. Basis für die Kritik, folgt man diesen Punkten, ist schlussendlich, ob man also die Vorlage kennt oder nicht. Spekulieren über die potentielle Reaktion von „Watchmen“-Neulingen kann ich durchaus, aber die nachträgliche Einschätzung von Zack Snyders Film ist, wie bei jeder Kritik, nicht von meinen Vorkenntnissen, sozusagen den Intertexten in meinem Kopf, zu trennen. Und einer dieser Texte heißt eben leider „Watchmen“.

Snyders Watchmen ist eine äußerst treue Verfilmung, die zuweilen Panel für Panel mit Schauspielern und einem extrem detaillierten Production Design in Bewegung umsetzt und trotz der notwendigen Kürzungen eigentlich nur am Anfang und am Ende markante eigene Akzente setzt. Die Credits seien hier besonders hervorgehoben, da sie dank ihrer von Bob Dylan begleiteten, leicht melancholischen Nacherzählung der bisherigen „Superheldengeschichte“, die fünf Minuten des Films ausmachen, in denen ich der Inspiration der Macher tatsächlich einmal zujubeln konnte. Natürlich, der Film muss besetzt, gedreht, geschnitten, musikalisch untermalt werden. Er ist schließlich kein Trickfilm, der das Comic wie ein Daumenkino als Vorlage verwendet. Das Problem ist nur: Ein Großteil des Films wirkt wie ein stylishes Daumenkino. Im negativen Sinne beispielhaft dafür ist die Beerdigung des Comedians, die Anlass zu Flashbacks der Anwesenden gibt. Nacheinander werden also die Erinnerungen an den Toten ausgebreitet. Die Anhänglichkeit des Films an seiner Vorlage führt hier zu einer unrhythmischen, mit äußerst schwerfälligen Übergängen versehenen, Aneinanderreihung von Flashbacks nach dem Schema Zoom auf Gesicht – Flashback – Zoom auf nächstes Gesicht – Flashback… Anstatt die Erzählung zu straffen, wichtige Informationen mit Hilfe von eigenen Eingebungen (!) zusammengefasst zu übermitteln, überträgt der Film die Narration des Comics unhinterfragt in ein anderes Medium. Ein Medium, das anders funktioniert, bei dem man nicht zurück blättern, in Ruhe die Bilder mit ihren Details betrachten kann, in dem das gesprochene, nicht das gelesene Wort vorherrscht, die Informationsaufnahme beim Rezipienten schlicht anders von statten geht.

Auf den ganzen Film bezogen, führt der letzte Punkt zu einem Übermaß an z.T. expositorischen Monologen und mehreren unfreiwillig komischen Dialogen. Gerade die rahmende Erzählung des Films – Rorschachs Tagebucheinträge – verliert drastisch an Wirkung bzw. erscheint am Anfang ungleichmäßig verteilt und einigermaßen aufgesetzt. Genauso gut könnte jemand hereinplatzen und Shakespeares Zeilen von sich geben. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Snyder absolut unfähig ist, wenn es um die Inszenierung von Dialogszenen geht. Jeder Erstsemester-Filmstudent müsste das, was Snyder aus den Gesprächen zwischen Dr. Manhattan und Laurie Jupiter alias Silk Spectre II (Malin Akerman) fabriziert, weniger steif hinkriegen. Da ist es auch nicht gerade hilfreich, dass Akerman alles andere als schauspielerisch zu glänzen weiß. Ein dermaßen wortlastiger Film verlangt eben nach einem Regisseur, der nicht nur darin versiert ist, am Geschwindigkeitsregler im Schnittraum zu spielen. Doch das ist, wie wir spätestens seit „300“ wissen, Snyders Lieblingsbeschäftigung, welche er sich auch hier nicht versagt. Seltsames (beabsichtigtes?)  Nebenprodukt seines Zeitlupenfetischismus ist eine weitere Parallele zum Comicmedium des Originals. Von Superheldenpose zu Superheldenpose nähern sich die Bilder immer mehr Momenten der Statik an, die nicht nur dem Fluss der Erzählung abträglich sind. Als Laurie zusammen mit Dan Dreiberg alias Nite Owl II (Patrick Wilson) bei der Rettung von Anwohnern aus einem brennenden Haus, die Liebe zum Adrenalin-geladenen Heldendasein wiederentdeckt, entzieht die extreme Zeitlupe dem Moment jegliche Bedrohlichkeit. Die ausgemachte Künstlichkeit von Snyders Stil beglückt in „Watchmen“ nicht zuallererst das Auge – auch wenn der Film offenkundig gut aussieht – er steht dem psychologischem Realismus, der die Geschichte als Dekonstruktion so auszeichnet, im Wege. Entsprechend seines Stils wirken die Figuren in Watchmen in den schlechtesten Minuten des Films wie leblose Puppen, die jemand vor die Kulisse gestellt und abgefilmt hat. Das trifft auf die marionettenhaft inszenierten Actionszenen zu, ebenso wie auf die in einem Blutbad endende Demo gegen Vigilanten und erst recht auf eine miserabel gedrehte, von Leonard Cohen besungene Sexszene. Von dem unglaublich peinlichen  und viel zu oft zu sehenden Nixon mal ganz abgesehen. Da hätte man auch Christina Ricci samt Tricky Dick-Maske hinsetzen können und weniger lächerlich ausgesehen.

Nur in einzelnen „Kapiteln“ obsiegt die Stärke der Vorlage über die inszenatorischen Schwächen des Films, etwa als Dr. Manhattan, das blau glühende, von Billy Crudup charismatisch dargestellte Superwesen, das sich Schritt für Schritt von seinen menschlichen Wurzeln löst, auf dem Mars simultan zur Gegenwart seine Vergangenheit samt Superhelden-Werdung nochmal erlebt. Da scheint einmal die Essenz des Comics auf der Leinwand, ungeachtet der Kürzungen, voller Leben und Emotion auf, um anschließend durch einen unreflektierten, harten Übergang zum nächsten Kapitel auch gleich wieder zu verschwinden. So bleibt der positiv hervorzuhebende Verdienst des Films das gute bis brillante Casting von Billy Crudup, Jeffrey Dean Morgan, Jackie Earle Haley und Matthew Goode (Ozymandias). Letzterer bürdet überraschend leicht die Aufgabe, den reichsten und intelligentesten Mann der Welt darzustellen, während die anderen drei mit ihren ambivalenten Figuren immer wieder Interesse und Sympathie der Zuschauer aus dem Tiefschlaf wecken.

Dass Watchmen eine gewisse Faszination auf Zuschauer ausüben kann, denen die Vorlage unbekannt ist, will ich keinesfalls bestreiten. Mit Kenntnis des Comics können die vorangegangenen Worte  jedoch nur zu dem Fazit führen, dass sich irgendwo in den 160 Minuten ein guter Film versteckt hält, der jedoch nie die nötige Sauerstoffzuvor erhält. Stattdessen ist „Watchmen“ ein Paradebeispiel fragwürdiger intellektueller Sklavenhaltung, ein Film, der versucht, seine Vorlage zu imitieren, ohne sie oder sein eigenes Medium zu verstehen. Verantwortlich dafür ist eben auch der Regisseur und Anti-Auteur Zack Snyder, der nicht ein Fünkchen eigener Fantasie in das Werk zu investieren in der Lage ist, und sich stattdessen – höchst unangebracht – stilistisch im Kreise dreht.

[Ebenfalls veröffentlicht in der OFDb am 09. März 2009]


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