Le Bonheur – Schießen Sie auf den Filmstar, Herr Boyer!

Le Bonheur (Happiness)
Le Bonheur

Es gibt eine Einstellung in Le Bonheur, der auf ewig unter der Titelverwandtschaft zu einem berühmteren Film von Agnès Varda leiden wird¹, welche seine widerborstige Seltsamkeit preisgibt. Da liegt ein anarchistischer Karikaturist auf dem Sofa eines Filmstars und schläft, vermutlich. Vermutlich, weil sein Kopf vom Bildausschnitt sauber abgetrennt wurde. Es besteht zugegebenermaßen kein Zweifel, dass er es ist, den die Diva beäugt. Lutcher ist die einzige Figur in Le Bonheur, die mit billigen Lederschuhen an den Füßen ungerührt auf dem Sofa eines Filmstars schlafen würde. Warum also wird der Kopf abgeschnitten, wenn nicht um der Spannung willen, warum ausgerechnet jener Kopf, dem in diesem Film durch Kamera und Beleuchtung penetranter gehuldigt wird als der Diva in seiner Handlung?
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Wollmilchcast #51 – Utøya 22. Juli & Glücklich wie Lazzaro

Glücklich wie Lazzaro

In einer langen Plansequenz wird in Utøya 22. Juli das Massaker eines rechtsradikalen Terroristen an Jugendlichen der norwegischen Arbeiterpartei nacherzählt. Welche Wirkung erzielt der Film dadurch und gelingt es so  tatsächlich, sich auf die Perspektive der Opfer zu fokussieren? Im Wollmilchcast besprechen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich den umstrittenen Film, der bei der Berlinale Premiere feierte und seit dieser Woche in den deutschen Kinos läuft. Außerdem macht uns Glücklich wie Lazzaro, ein italienisches Sozialdrama mit Zeitreise-Einschlag, Lust auf das, was auch immer Alice Rohrwacher als nächstes dreht. Garniert wird der Podcast mit einem Plädoyer für Liliom mit Charles Boyer, Fritz Langs nach eigenen Worten liebsten seiner Filme, und Matthias stellt den deutschen Film Wackersdorf vor über eine reale Kontroverse um eine geplante nukleare Wiederaufarbeitungsanlage in den 80er Jahren. Viel Spaß!
Shownotes:

  • 00:01:08 – Utøya 22. Juli von Erik Poppe
  • 00:33:52 – Glücklich wie Lazzaro von Alice Rohrwacher
  • 00:51:49 – Liliom (1934) von Fritz Lang
  • 01:00:27 – Wackersdorf von Oliver Haffner
  • 01:11:58 – Verabschiedung


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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)
Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: Piffl Medien

Wollmilchcast #50 – Fantasy Filmfest & Venedig 2018

Andrew Garfield in Under the Silver Lake

Die Filmfestspiele von Venedig sind vorbei, Toronto läuft noch und in Deutschland zieht das Fantasy Filmfest durch die Lande. Im 50. Wollmilchcast sprechen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich über ausgewählte Filme des FFF und aus dem Programm von Venedig. Zur Sprache kommen Climax von Gaspar Noé, Under the Silver Lake von David Robert Mitchell und die deutsche Entdeckung Luz von Tilmann Singer. Matthias stellt An Evening with Beverly Luff Linn von Greasy Strangler-Regisseur Jim Hosking vor, mit Aubrey Plaza in der Hauptrolle. Aus Venedig berichte ich über Überdosen Weizenmehl, außerdem Dragged Across Concrete von S. Craig Zahler und American Dharma, in dem Errol Morris den selbsternannten rechten Populisten Steve Bannon interviewt. Viel Spaß!(?)
Shownotes:


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Wollmilchcast #49 – Die Filme von Tony Scott

Tony Scott: Man on Fire

Vor sechs Jahren ist Tony Scott gestorben. Aus diesem Anlass blicken wir im neuen Wollmilchcast zurück auf die Filmografie des Regisseurs. 1983 gab der gelernte Maler sein Langfilmdebüt mit The Hunger und sollte in den kommenden Jahrzehnten einige der prägenden Blockbuster und auch Kultfilme seiner Zeit drehen, von Top Gun bis hin zu True Romance. Im Podcast sprechen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich über die vielen, sich überschneidenden Phasen der Karriere des Tony Scott, diskutieren, wann unser „Lieblings-Scott“ zum Vorschein kommt (erst nach True Romance!) und fragen uns, was von dem Filmemacher hinsichtlich seines Einflusses geblieben ist, auch in den Filmen seines Bruders Ridley. Viel Spaß beim Zuhören!
Shownotes:

Hört euch den Wollmilchcast an:

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Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: Paramount

Drei Übergänge in History Is Made at Night von Frank Borzage (USA 1937)

History Is Made At Night
History Is Made at Night

Das Tor zu den Vereinigten Staaten von Amerika ragt hinter dem  Rumänen Georges in Hold Back the Dawn (1941) auf. Er sucht nach einer willigen Amerikanerin auf trunkenem Feiertagsausflug in Mexiko, um sich in die Staaten einzuheiraten. Im Film des ehemaligen Art Directors von De Mille, Regisseur Mitchell Leisen, hat dieses Tor etwas von der verheißungsvollen Schwelle eines Filmstudios, Warner Bros. in Burbank oder M.G.M. in Culver City. Weiße Lettern auf schwarzem Grund, im Bogen lautet das Versprechen: U-N-I-T-E-D-S-T-A-T-E-S. Die Bühne, um sich selbst neu zu erfinden, oder wenigstens den Pass. In der Rahmenhandlung von Ketti Frings, adaptiert von Billy Wilder und Charles Brackett, schleicht sich Georges tatsächlich in ein Filmstudio, um einem Regisseur (gespielt von Leisen) seine wahre Geschichte zu verhökern, die wir danach in einem langen Flashback sehen werden.
Gesegnet mit einem dieser redundanten Wilder-Off-Kommentare, ohne die viele Filme leben könnten, genießt Hold Back the Dawn den Ruf, der Film zu sein, nachdem Wilder genug hatte, der also, nach dem er entschied, seine Drehbücher selbst zu verfilmen. Weil Leisen sich bei der Diskussion über Sinn und Unsinn einer Szene auf die Seite des Stars Charles Boyer geschlagen hatte (er war #TeamUnsinn). Aus dem deutschen Ex-Boxer Kurt Frings, auf dessen wahrer Geschichte die „wahre Geschichte“ basiert, war im Verlauf der Adaption ein rumänischer Gigolo geworden, der mit einem französischen Akzent spricht, ein Hollywood-Migrant. Charles Boyer spielt diesen Rumänen, der in der blutjungen Lehrerin Olivia de Havilland seine Einreisegenehmigung in die U-N-I-T-E-D-S-T-A-T-E-S erkennt und zur Tat schreitet. Eine Rasur, ein sauberer Anzug, der melancholische Hundeblick, eine frühmorgendliche Überrumpelung, in der er ihr erst beim Schlaf zuschaut, um ihr nach Erwachen als romantischer Rattenfänger den Weg zum Standesamt zu säuseln – Georges legt für seine Einreiseerlaubnis seinen besten Charles Boyer auf, wie er in History Is Made at Night, Algiers und Love Affair zum Matinée Idol aufstieg. Bis zur schurkischen Metamorphose dieses Typs des Continental Lovers in Gaslight (1944) sollte es noch dauern.
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