Alle Anderen (D 2009)

Maren Ades zweiter Spielfilm Alle Anderen ist eine ausgesprochen konstruierte Beziehungsstudie über zwei Mittdreißiger, die – auf Grund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht den Problemen des „kleinen Mannes“ enthoben – vor laufender Kamera ihr Beisammensein ebenso freiwillig wie unfreiwillig sezieren. Inwiefern der Zuschauer, der immerhin ihren quälenden Urlaub mit durchleben muss, am Ende entlohnt wird, bleibt fraglich. Steht man dem Film kurzsichtig gegenüber, liegt dessen Verteufelung als langweiliges, typisch deutsches E-Kino nahe. „Alle Anderen“ gehört schließlich zu jener Sorte Film, welche von der alteingesessenen Kritik bejubelt, vom Otto Normallichtspielbesucher wohl gar nicht wahrgenommen werden wird. Die Berliner Schule lässt grüßen. Selbst wenn man jedoch nach Ende der Vorstellung den Saal verlässt und dem Film nicht sonderlich positiv gegenüber steht, sollte man „Alle Anderen“ Gerechtigkeit widerfahren lassen. Einen gnadenlosen Verriss hat Maren Ade keinesfalls verdient. Doch auch zu ungetrübten Jubelstürmen gibt ihr Film nicht Anlass. Unter eine Lupe zwingt sie ihre Hauptfiguren Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger), indem wir die beiden ausschließlich in der Beziehungsextremsituation Urlaub erleben dürfen. Auf Sardinien haben es sich der Architekt und die PR-Beraterin im Haus seiner Eltern nämlich bequem gemacht.

Zunächst wirkt alles rosig. Gitti und Chris haben Humor, liegen in der Sonne und sind irgendwie cute. Sie, die extrovertierte, spontane, quirlige. Er, das introvertierte, an sich selbst zweifelnde Sensibelchen. Relativ schnell läutet jedoch der E-Gong und es wird klar, dass die Späße der beiden nur ihre Unfähigkeit maskieren, ernsthaft einander wahrzunehmen, sich mit den Problemen des anderen auseinanderzusetzen. Im weiteren Verlauf der fragmentarischen Beziehungsanalyse wird Ade mal einfühlsam und subtil, mal mit dem Holzhammer die Probleme ihres Pärchens einfangen. Zu Beginn wählt sie leider letztere Variante. In Inhaltsangaben des Films ist oft zu lesen, dass Chris unsicher ist, was seine Männlichkeit angeht. Auf vielerlei Arten und Weisen ist solch ein Konflikt aufzubauen. Gitti dominiert, das steht z.B. von Anfang an fest. Die auch für das Drehbuch verantwortliche Regisseurin bürdet Eidinger und Minichmayr allerdings nicht nur einen Dialog auf, der dieses Thema aufgreift – einfallsreich eingeleitet á la „Glaubst du eigentlich, ich bin männlich?“ – sondern schließt dem noch eine Schminksession an, welche Gitti ihrem passiven Freund verabreicht. Gitti nimmt ihren Liebsten nicht ernst und auf die gestellte Frage antwortet sie offensichtlich mit einem klaren „Nein“. Viel Stoff für Gender Studies geben solche Szenen, doch warum Ade ihrem Vermögen, die Gefühlswelt ihrer Protagonisten unverstellt auf die Leinwand zu bringen, nicht in Gänze traut, bleibt ein bedrückendes Mysterium.

Häufig erkennt man sich und andere wieder in einzelnen Dialogen oder Eigenarten und das auf beiden Seiten der Demarkationslinie. Für Gitti ist die Ironie nur ein Schutz, denn hinter ihrem herausfordernden Verhalten verbirgt sich letztendlich auch nur eine von Unsicherheiten geprägte Persönlichkeit. Sie scheint solide im Leben zu stehen und doch verwehrt sie nicht nur ihrem Freund den Blick auf ihre Welt; innen wie außen. Währenddessen liegen Chris‘ Befindlichkeiten und seine Handlungslogik bar wie eine offene Wunde. Das Treffen mit einem alten Schulfreund und dessen schwangerer Frau – stellvertretend für „die Anderen“ – nährt in ihm den Wunsch nach einer klassischen Rollenverteilung. Chris will männlich sein. Hans ist ein protziger Chauvi. Chris macht Hans zum Bedauern seiner Freundin nach. So simpel ist das und wieder stehen wir vor dem großen Wort „Konstruktion“. Maren Ade stellt sich selbst und dem Realismusanspruch ihres  minimalistisch inszenierten Films immer wieder ein Bein, wenn ihr Drehbuch allzu stark darauf hinweist, dass es sich hier nicht um eine Geschichte, sondern eine Versuchsanordnung handelt. Sie sperrt ihre Figuren ein, lässt sie aufeinander hängen, sich erdrücken, bringt hier und da mal einen isolierten Umweltfaktor ins Geschehen, um die Reaktionen der beiden zu beobachten und entlässt ihre Versuchsmäuse schließlich ins Tageslicht, welches ihre offenbar gewordenen Differenzen unangenehm bloßstellt.

Zwei Stunden lang ist der Zuschauer Teil dieses Experiments und fühlbar auf engstem Raum mit den beiden wandelnden Komplexen eingesperrt. Ohne die oft aufblitzende komische Ader der Autorin, wäre die resultierende Platzangst vor dem Hintergrund der italienischen Ferienlandschaft wohl gar nicht zu ertragen. Dem Überleben des Interesses nicht unbedingt zuträglich ist dabei besonders Minichmayrs oftmals theatralische Artikulation sowie als Sahnehäubchen die Tendenz Ades, Übungen aus der Schauspielschule als glaubhafte Gefühlsäußerungen durchgehen zu lassen. Wenn Gitti sich quengelnd ans Bein ihres Lebensabschnittsgefährten klammert, mag man es oberflächlich als treffendes Bild ihrer Furcht vor dem Alleinsein ansehen. Oder aber als Symptom eines sich zum eigenen Schaden auf offensichtliche Metaphern verlassenden Drehbuchs. Mit einer intendierten Abscheu steht man  nicht zuletzt deswegen weiten Teilen des Films den Figuren gegenüber. Manchmal ist sie Teil einer überraschenden Selbsterkenntnis des Zuschauers. Manchmal ist sie schlicht unnötig.

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Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

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