Avatar (USA/GB 2009)

Anlässlich des kurzen Aufenthalts des Königs der Welt auf unserer Erde, habe ich mir Avatar in einem 3D-Kino angeschaut; wohlgemerkt mein erster Besuch in diesem Tempel der Brillenschlangen. Vielleicht werde ich deswegen im Folgenden etwas nachsichtig mit der Rückkehr des Königs sein. Vielleicht, hätte ich den Film erstmals auf meinem mickrigen Kaufland-Fernseher im nicht weniger hässlischen Plattenbau meines Vertrauens gesehen, wäre ein Verriss die einzig mögliche Antwort auf all die vergebenen Chancen, unfreiwillig komischen Dialoge und rudimentär ausgebildeten Handlungsstränge gewesen. Doch so ist es nunmal nicht gewesen und das lässt sich mit meinen begrenzten Zeitreisemöglichkeiten auch nicht ändern. Es ist allerdings nicht so, dass ich mich dafür entschuldigen muss, „Avatar“ für einen guten Film zu halten. Das ist er schließlich nicht. Nach konventionellen wie unkonventionellen Maßstäben verdient James Camerons Sci Fi-Abenteuer dieses Prädikat nicht. Dazu ist die Öko-Message zu plump und etwa zwanzig Jahre zu spät vorgetragen, die dürftige  Handlung ansonsten nur Vorwand für visuelles Spektakel, die Figuren zu flach, das Design Pandoras stellenweise mehr als man an buntem Kitsch ertragen kann. Aber dafür sieht der Film schön, echt, atemberaubend aus, denn solch einen Grad an Realismus der Computereffekte habe ich noch nie vorher gesehen. So einfach ist das. Insofern bekommt Cameron schon mal einen Pluspunkt auf der Liste der Pros und Contras, denn welcher Regisseur posaunt vorher nicht gern herum, sein Film sei ein Meilenstein der digitalen Effekte? Welcher Regisseur kann die Erwartungen aber tatächlich erfüllen? Cameron kann es, tut es und findet damit die einzige Existenzberechtigung seines ansonsten maßlos uninteressanten Films.

„Avatar“ bietet eine bisher ungesehene Greifbarkeit künstlich erschaffener Welten; eine Lebendigkeit in den Augen seiner blauen Na’vi, von der einer wie Robert Zemeckis nur träumen kann. Wäre „Avatar“ ein annehmbar geschriebener Film mit einer existenten Figurencharakterisierung, könnte man glatt mit den blauen Dingern mitfiebern. So erstickt die Vorhersehbarkeit der Faszination und gleichzeitigen Abscheu vor dem militärisch-industriellen Komplex, die Cameron mal wieder offenbart, jedes wirkliche Interesse. Von Anfang an ist schließlich klar, wo das alles hinführen wird. Sully, der etwas dummdreiste Soldat, der von den umweltfreundlichen Wegen der Na’vi bekehrt wird, muss gegen seine einstigen Militär-Kumpels antreten, die des Profites wegen das schöne Pandora verunstalten, die Ureinwohner verjagen wollen. Anstatt jedoch die umfangreichen 160 Minuten Laufzeit für eine weitere Verfeinerung dieses altbekannten Schemas zu nutzen, vertrödelt Cameron die meiste Zeit mit der Exploration Pandoras. Angesichts der Energie, welche in die Entwicklung der Effekte im Vorfeld der Produktion geflossen sein muss, ist das ausführliche Auskosten aller Attraktion auf der Spielwiese, das „Avatar“ eigentlich darstellt, nur allzu verständlich. Für eineinhalb Stunden kann man da auch mal über die geäußerten Esoterik-Weisheiten und depperten Kommunikationsversuche der Figuren hinwegsehen, die einen, wenn nicht lachen, so doch im Kinosessel zusammenzucken lassen. Doch 160 Minuten?

Über die Ziellinie rettet Cameron seinen Film mühsam mit der finalen, wirklich ansehnlichen Schlacht. In der beweist er wieder einmal, was er am besten kann: Action inszenieren. Romantik hat er anscheinend seit „Titanic“ verlernt (oder satt) und liefert uns stattdessen eine „Vereinigung“, die man auch bei den Teletubbies hätte reinschneiden können, ohne einen Tyler Durden-Effekt hervorzurufen. Dialogszenen… ach das hatten wir schon. Die wundersame Erstarrung vor dem übermächtigen Effekt – das kann er auch und betreibt es über weite Strecken des Films. Je nachdem, wie sehr man sich an bunten Welten, leuchtenden Bäumen, Wiesen, Tieren erfreuen kann, wird „Avatar“ überzeugen. „Avatar“, ich hab dich gesehen und fand dich hübsch.

avatar

Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

22 Antworten auf „Avatar (USA/GB 2009)“

  1. Okay, dir hat er wirklich nicht gefallen. Ich mochte Avatar, fand ihn zwar auch zu lang und vorhersehbar und klischeemäßig, etc. – trotzdem hat es bei mir gefunkt. Den Qualitätsunterschied in Sachen Story und Atmosphäre erlebt man dann aber mit dem Holzhammer, wenn man nur wenige Tage später „Where the wild things are“ guckt.

  2. Nun ja, ich persönlich will ja, dass Cameron Pandora 160 Minuten lang exploriert (ist das Adjekitv richtig? Egal.) ;-) Naja, und das mit den Dialogen und der Geshcichte ist ja alles so verkehrt nicht, aber wie ich ja schon des öfteren gesagt habe: „I’ll be back“ (stilecht in Arnie-Englisch) und „I am the king of the World“ sind auch nicht die Krone der geistigen Wortschöpfung. Und das interessiert Heute auch keine Socke mehr, oder ist vergessen worden. :)

  3. @ C.H.:
    Dass auch die vergangenen, oftmals als „Meisterwerke“ betitelten Cameron-Filme nicht gerade die eloquentesten und geschliffensten Dialoge hatten, ist ja richtig. Aber die haben eben auch zum Gestus des Films beigetragen und gepasst. Bei „Avatar“ bewegen wir uns jedoch schon hart an der Grenze zur unfreiwilligen Komik, eben weil dieses Ethno-Geschwafel sehr geschwollen wirkt.

    @ Jenny:
    Hübsch ironisierende Kritik, die ich so auch unterschreiben kann. Vielleicht werde ich aber im kommenden KP noch etwas über auffällige „Der mit dem Wolf tanzt“-Parallelen in der Handlungsentwicklung anmerken.
    Aber warum diese „Fight Club“-Referenz? Hat die Erschöpfung mein Zitate-Pools nachhaltig Eindruck bei dir hinterlassen? ;-)

  4. Dieses ganze Ethno-Bashing und Rumgetrampel auf der Handlung (nicht nur hier, eigentlich bei den meisten anderen auch)…ich weiß ja nicht.

  5. @ Frau Flinkwert: Avatar als mein erstes 3D-Erlebnis möchte ich nicht missen. Aber mehr war da eben nicht. ;)

    @C.H.: da muss ich Luzifus recht geben. Bei meinem persönlichen Hass-Film „Titanic“ hat er sich beispielweise viel mehr Mühe gegeben. Nicht zufällig sind Jack und Rose ein großes Liebespaar der Filmgeschichte geworden (so sehr sie auch nerven). Da übersieht man auch mal die Oneliner, bzw. wirken sie nicht dermaßen unfreiwillig komisch/bescheuert/billig.

    @Luzifus: Ich gebe es zu. Ich knie darnieder vor Tyler Durden. Dein extrem subtiler (!) Einfluss ist schuld. Jetzt kannst du auch aufhören, die Dialoge des Films bei jeder Sichtung mit zu plappern. ;)

    @Flo: Die Handlung ist nun mal bare bones, wie man so schön sagt und in Teilen aus anderen Cameron-Filmen besser in Erinnerung. Würde sich der Film nicht so ernst nehmen, wäre das zu ertragen. Aber die naive (oder na’vi?) Idealisierung des indigenen Volkes tut heutzutage einfach weh.
    War aber selber überrascht, wie sehr der Tenor der Kritiken meinen eigenen Ansichten zum Film gleicht. So ist das nunmal.

  6. Wenn ich mir das Plakat noch einmal so anseh, werde ich daran erinnert, einen Film mit 3 Meter großen, blauen Waldkatzen gesehen zu haben, der von der Qualität her wirklich deiner Review entspricht. Bin aber scheinbar trotz dessen besser unterhalten worden als du…

  7. @Xander: „3 Meter großen, blauen Waldkatzen“ LOL!
    Es war bei mir v.a. Bewunderung, statt Unterhaltung und 160 Minuten Bewunrderung machen irgendwann müde. Trotzdem schön, dass er dir besser gefallen hat. :)

  8. Hätte ich den Film mal bloß in 3D gesehen, dann hätte ich ihn wohl auch als zumindest annehmbar empfunden und keinen Verriss schreiben müssen. ;-) Optisch chic, Rest ist Mist – mir tut’s bloß um das Eintrittsgeld leid …

  9. @Dr. Borstel: Als 3D-Erfahrung hat sich das Ganze (aus das Geld) gelohnt. Da kommt man gar nicht dazu, sich über die schrecklich doofen Klischees der Story Sorgen zu machen. ;)

    @bsad: Ein Erfolgsrezept fast so alt wie die Menschheit.^^

  10. Ich muss ja sagen, dass mir die (Liebes)geschichte und die stilleren Szenen weit besser gefallen haben, als die laute Action gegen Ende. Da halte ich es ausnahmsweise einmal mit Flo und muss sagen: Kann auch nicht verstehen, warum man so auf der Geschichte rumreitet.

  11. Was mich am Drehbuch stört, ist die Vorhersehbarkeit der Story, da kein Klischee ausgelassen wird; sowie die Beschränkung auf die Charakterisierung von ganzen drei Personen; die dümmliche Idealisierung des Naturvolkes und last but not least die besch****nen Dialoge. Die Liebesgeschichte ist so lala. Nach zehn Jahren hätte ich mehr erwartet. Blockbuster müssen schließlich nicht dumm sein.

  12. Ich fand den Film gut. Keine Frage, ich würde ihn nicht wieder sehen wollen, aber im Kino gelangweilt habe ich mich nicht. Und die Pepperonis waren lecker, hmmm, schleck…

  13. Avatar – dümmlicher „Pocahontas“ für 3-D Fetischisten

    http://freidemzen.wordpress.com/2010/01/15/avatar-%E2%80%93-seichter-%E2%80%9Epocahontas%E2%80%9C-fur-3-d-fetischisten/

    Avatar ist ein pervertierter Superlativ. „Das Teuerste“, „das Größte“, „das Neuste“ Schmierentheater! Denn wo offenbar mit der visuellen Ästhetik geprotzt wurde, hat man am Drehbuch/Inhalt mächtig gespart. Seicht-dröge Action- Liebesgeschichte im Alien-Gewand, zwischen Pocahontas und banal.

    Da fragt man sich nur, warum müssen moderne Blockbuster eigentlich immer so unsäglich dümmlich sein. In Zukunft – schlage ich vor – die Dialoge zu behalten und beim nächsten Filmvorhaben, marginal verändert, wieder zu verwenden. Wahlweise in ein amerikanisches Romeo-und-Julia-Ghetto gepackt oder in ein Historienepos versetzt. Da spart man sich das lästige „Rumgeschreibe“ und kann gleich mit dem Animieren beginnen. Da kann groß „VOM MACHER VON TITANIC“ und „MIT DER GESCHICHTE UND DEN DIALOGEN AUS AVATAR“ geworben werden.

  14. Kaum zu glauben… nach über 2 Monaten des Hypes um dieses Stück Kino hab ich es endlich geschafft, mir mal „Avatar“ in 3D anzusehen.

    Kann Jenny da auch zu großen Teilen recht geben. ist natürlich ein Augenschmaus und Sigourney Weaver sieht immer noch mit 60 Lenzen „hot“ aus! Aber es störrt mich einfach, weil die Optik dieses Films anscheinend seine einzige Daseinsberechtigung ist. Du kannst nicht so ’ne tolle Welt schaffen und dann 160 Minuten nicht wissen, was du damit anfangen sollst. Simple Story, noch simplere Charaktere. Und keine Ironie drin… da hatte ja selbst „Transformers 2“ besseres Entertainment geboten.

    Es ist einfach schade, wie man das Potential einer so geilen Welt wie Pandora einfach nicht ausnutzen kann. Cameron hätte vielleicht in den letzten 12 Jahren mal mehr machen sollen, als 3D-Kameras zu bauen. Das Geschichtenerzählen hat er anscheinend verlernt. Ich schau mir wohl gleich mal wieder „Abyss“ an… da wirkte die Öko-Botschaft auch nicht so übertrieben.

  15. Wenigstens hast du ihn in 3D gesehen, sonst wären die 160 Minuten sicher schwerer zu ertragen gewesen. ;)
    Anders als bei Transformers erkennt man zumindest etwas von den Effekten bei Cameron. Was die Inszenierung der Action angeht, hat er jedenfalls mehr drauf als der Baymaster.
    Aber dennoch: 3D-Kameras schön und gut, aber zwölf Jahre! Zwölf Jahre!!! :(

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