Aktion – Das Schlitzohr und der Bulle (I 1976) & Nur 48 Stunden (USA 1982)

Das Original und sein Remake. Als Walter Hills Nur 48 Stunden 1982 in die Kinos kam, wussten wohl nur die Wenigsten, dass er seine Grundidee bei einem billigen italienischen Polizeifilm (Das Schlitzohr und der Bulle) abgeschaut hatte. Beide handeln von einem Polizisten, der einen Verbrecher stellen muss, keine Zeit dafür hat und deshalb einen inhaftierten Delinquenten aus dem Knast holt. Das war es dann aber auch an Gemeinsamkeiten. Der Plot und die Umsetzung liegen Meilen auseinander. Jeder der Regisseure wäre wahrscheinlich auch gar nicht in der Lage, Filme zu machen, welche dem anderen ähneln. Gerade aber ein Vergleich bringt die Eigenheiten der beiden Filme nur deutlicher hervor.

Jeder, der Umberto Lenzis Werk kennt, weiß, dass es immer zweifelhafter Natur ist, sich seinen Filmen über die Handlung zu nähern, aber Pro forma hier der Inhalt von Das Schlitzohr und der Bulle: Die Gangsterbande um den skrupellosen Brescanelli, dargestellt vom ewigen Zweitklassemafioso Henry Silva (als das, was er am besten kann: einen zweitklassigen Mafioso), entführt ein Kind. Die Nieren des Kindes sind aber nicht mehr intakt, weshalb es dringend eine Dialyse braucht. Die Uhr tickt. Kommisar Antonio Sarti holt deshalb den Ganoven Sergio Marazzi (Tomas Milian) aus dem Gefängnis, weil er keine Lösung diesseits der Legalität sieht. Mit anderen Gefährten Marazzis schießen und foltern sie sich in die Nähe Brescanellis… nur um immer wieder in Sackgassen zu landen.

Doch das eben Wiedergegebene ist nur so etwas wie das grobe Tau, welcher den Film notdürftig zusammenhält. Denn was Das Schlitzohr und der Bulle vor allem ausmacht, ist Aktion. So etwas wie einen Plot kennen Umberto Lenzi und sein Mitautor Dardano Sacchetti offensichtlich nicht. Zumindest kümmern sie sich nicht darum. Man kann nicht mal davon sprechen, dass Tomas Milian der Hauptdarsteller wäre. Dafür müsste es einen Mittelpunkt der Handlung geben. Der Film ist nur Spektakel. Eine Aneinanderreihung  von Szenen, die durch ihre Gewalt, ihren Witz, durch ihre Aktionen bestimmt sind. Das alles am Ende doch noch zu so etwas wie eine Geschichte zusammenfällt – man muss unweigerlich an Mikado denken – ist wahrscheinlich nur Lenzis Zugeständnis an die Produzenten und den Zuschauer. Interessieren tut es ihn nicht. Monnezza kommt aus dem Knast frei: Doch warum gerade er? Wie ist dieser Schritt innerhalb der Jurisdiktion legitimierbar? Wen interessiert das? Lenzi nicht. Der Zuschauer bekommt die Umstände hingeworfen und er muss fressen… oder sterben. Denn der Film möchte nicht erklären, viel lieber zeigt er uns menschliche Gefühle, aufs atavistischste reduziert in einem Kaleidoskop der Coolness… und wenn jemand das kann, dann seine Merkwürden Umberto Lenzi.

Im Gegensatz dazu nimmt einen Nur 48 Stunden schon mit den ersten Bildern in den Arm. Es ist als ob Onkel Walter Hill uns beiseite nimmt, um uns eine gute, alte Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von Jack Cates (Nick Nolte) und dessen Jagd auf den entflohenen Häftling Albert Ganz (James Remar). Letzterer hat auf der Flucht Cates Dienstwaffe entwendet und zwei Polizisten brutalst getötet. Ersterer ist folglich ziemlich sauer, motiviert und ungeduldig, weshalb er einen alten Geschäftspartner von Ganz aus dem Gefängnis holt, damit dieser ihm helfe. Dabei handelt es sich um Reggie Hammond (Eddie Murphy), der selbst höchst unerfreut über die erfolgte Flucht ist. Schließlich hat er nun einen Konkurrenten um die zusammen entwendeten 500.000$, welche in Hammonds Auto auf einen der beiden warten.

Wie gesagt ist Walter Hill dabei ein Geschichtenerzähler alter Schule, der mit Nur 48 Stunden eine mindestens 20 Jahre haltende Welle an Buddy-Cop-Movies losschlug. Natürlich gibt es auch Lücken in seinem Film, so erklärt er auch nicht näher, wieso gerade Hammond für Cates so wichtig ist, dass er ihn mehr oder weniger illegal aus dem Knast holt. Doch das sind nur Kleinigkeiten, welche einem in der sich straf abspulenden Dramaturgie kaum auffallen. Die Folge ist ein teilweise sehr eleganter Film – man denke nur an die Plansequenz im Polizeirevier zu Beginn – dierzu jeder Zeit das richtige Maß aus Geschichte, Action und Witz findet. Das Ganze ist somit nicht einfach nur viel nachvollziehbarer, sondern es ist auch viel nachvollziehbarer ein guter Unterhaltungsfilm… im Gegensatz zu seinem italienischen Pendant… aber eben auch viel sicherer und weniger gefährlich.

Der qualitativ wichtigste Unterschied der beiden Filme heißt aber Eddie Murphy. Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben, aber es gab Zeiten, als er über Charisma und Witz verfügte und zu Recht seine Filmkarriere mit diesem Film durchstarten lies. Schon sein Lispeln, das an kleine Kinder erinnert, gibt ihm etwas schelmenhaftes, eine Aura, die ihm leicht verzeihen lässt und ihn grundsympathisch macht … dasselbe Lispeln, wie es auch Mike Tyson mit sich führt, durch welches man gerne mal vergisst, was er in seinem Leben schon angestellt hat. Jedenfalls ist alleine die Szene, in der Eddie Murphy wie eine Naturgewalt durch eine Bar voll Rednecks zieht, Grund genug, den Film gesehen zu haben. Gleichzeitig bedrohlich und urkomisch nutzt er das ausgelassene Aufeinanderprallen der Klischeewelten (zurückgebliebene, rassistische Hinterwäldler vs. schwarze, eloquente Revange), um sich und seine Rolle in den Köpfen der Zuschauer zu verewigen („Let’s see with what we can fuck next“). Im Gegensatz dazu bietet Das Schlitzohr und der Bulle nur die Clownerie von Tomas Milian. Dessen Naivität und Kläglichkeit beim Versuch, witzig zu sein, schlägt nur den letzten Nagel in den Sleaze-Sarg. Mit allem Respekt.

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Robert Wagner (31) redet nicht viel. Geht es um Filme, kann man ihn aber kaum stoppen... das Krümelmonster des Films. Statt weiter die Krümel der Filmgeschichte auf seinem Pulli zu lassen, teilt er sie nun mit euch.

8 Antworten auf „Aktion – Das Schlitzohr und der Bulle (I 1976) & Nur 48 Stunden (USA 1982)“

  1. Der Film ist nur Spektakel. Eine Aneinanderreihung von Szenen, die durch ihre Gewalt, ihren Witz, durch ihre Aktionen bestimmt sind.

    Mh, irgendwie schwebt gerade wieder ein Name über meinen Kopf: Deleuze – und sein „Aktions-Bild“ ;)…

    Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben, aber es gab Zeiten, als er über Charisma und Witz verfügte

    LOL – leider volle Zustimmung.

    Übrigens Robert: Mir sind hier und da ein paar Flüchigkeits-Rechtschreibfehler aufgefallen. Darf ich mich als dein Hannibal Lecter anbieten?

  2. Ok Lutz, du kopierts den Text oben in eine Word-Datei, machst deine Verbesserungsvorschläge kenntlich, aber verbesserst sie nicht, damit ich sehe was du meinst und wenn du alle absichtlichen Fehler findest, die ich zu deiner Probe eingebaut habe, dann hast du den Job. :P Word

  3. Ist ganz komisch, aber ich hab den Umberto Lenzi Streifen als wesentlich packender, kreativer, besser besetzt,verspielter und besser in Erinnerung als den Walter Hill Streifen. Aber ich glaube es ist mittlerweile auch schon fast eine Glaubensfrage. Ähnlich verhält es sich ja auch bei Western, man kann wohl nur entweder den italienischen oder den amerikanischen Western gut finden. Für mich ist Lenzi ein Regie-Gott, und ich komme mit dem italienischen Humor auch besser zurecht als mit der Ami-Tüdelei ;)

  4. Ich mag Lenzi, deutlich mehr als Hill und ich mag auch DAS SCHLITZOHR UND DER BULLE mehr als 48 STUNDEN, auch wenn ich beide mag und ersterer bei weitem nicht Lenzis bester Film ist. (Ich mag auch italienische und amerikanische Western.) Und vor allem mag ich Lenzis Film mehr, weil er eben nicht so perfekt und gut erzählt ist. Weil er all diese „Fehler“ hat, die keine Fehler sind, sondern den Film öffnen, weshalb er packender, kreativer un dverspielter ist. Ich habe das oben sehr provozierend geschrieben und würde auch nicht mehr alles unterschreiben(vor allem habe ich keine Ahnung mehr, was ich so sleaziges damals am Schltzohr gesehen habe), aber ich würde den Text da oben nicht als Denunziation Lenzis verstehen. Ich hab halt geschrieben, was mir an ihm gefällt, ohne zu sagen, dass es mir gefällt. Mir fällt es manchmal schwer einzuschätzen, dass manch einer solche Sachen tatsächlich als Fehler sehen kann. Ich wollte sie nicht gegeneinander ausspielen, sondern sagen, was ich an ihnen so mag…

    Some people seem so obsessed with the morning
    Get up early just to watch the sun rise
    Some people like it more when there’s fire in the sky
    Worship the sun when it’s high
    Some people go for those sultry evenings
    Sipping cocktails in the blue, red and grey
    But I like every minute of the day

    :P

  5. Das ist ja lustig; als ich diesen Text damals bei Erscheinen gelesen habe, hatten mich diese seinerzeit noch sehr schnöselig klingenden letzten Sätze („Im Gegensatz dazu bietet Das Schlitzohr und der Bulle nur die Clownerie von Tomas Milian. Dessen Naivität und Kläglichkeit beim Versuch, witzig zu sein, schlägt nur den letzten Nagel in den Sleaze-Sarg. Mit allem Respekt.“) so gereizt – vor allem der „Sleaze-Sarg“, natürlich – dass ich beinahe einen Kommentar hierher geknallt hätte, mich dann aber Gottseidank doch beherrscht habe.;)

  6. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, dass ich mit genau diesen Sätzen genau dich provozieren wollte. Nicht weil ich dir böses wollte, sondern weil ich auf deine Reaktion gespannt war. Ich fühl mich jetzt etwas schlecht, weil ich dich manipuliern ;) wollte, aber ich wollte damals, glaube ich, einfach wissen, was du zu dem Text zu sagen hast und wollte sicher gehen, dass zu erfahren :D (also nicht bewußt, nach Plan, aber ich denke, dass sowas in meinem Hinterkopf rumspuckte.) Hat ja leider nicht geklappt. :P

  7. Aber beinahe, beinahe. Bedenkt man, wie leicht ich mich sonst provozieren lasse, ist dein Plan, wenn man davon ausgeht, zu 99 % aufgegangen – und du hattest wohl wirklich nur enormes Pech, dass sich die reißende Bestie dieses eine Mal zusammengerissen hat.;)

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