Bis zum Ende der Abrechnung – Anonymus (GB/D 2011)

Die Frage des neuen Roland Emmerich Films Anonymus ragt schon von den Filmplakat herab: „War Shakespeare ein Betrüger?“ Der Film beginnt auf der Bühne eines kontemporären New Yorker Theaters, auf der ein Schauspieler eben diese Frage in den Raum stellt. Er wird dabei selten aus der Sicht des Zuschauerraums gezeigt. Die Bilder bleiben zumeist hinter den Kulissen. Die Entmystifizierung einer Legende wird von großer Hand vorbereitet. Doch der erwähnte Schauspieler gibt es bereits preis, als die Aufführung beginnt. Es ist nur eine (mögliche) Geschichte, die wir zu sehen bekommen. Wer hat beim guten Roland Emmerich auch historisch genaue Untersuchungen erwartet? Er und sein Drehbuchautor John Orloff ordnen alle Figuren der Dramaturgie unter, weshalb der Zuschauer nach Anonymus auch nur unwesentlich besser über das Thema informiert ist, aber dafür einen äußerst spannenden Film gesehen hat.

Der „wahre“ Shakespeare, den Anonymus präsentiert, ist Edward de Vere (Rhys Ifans), der Earl von Oxford. Für ihn als englischen Edelmann, noch dazu in einer puritanischen Zeit, ziemt es sich nicht, Stücke und Poesie zu schreiben. Doch beim nahenden Tod Elizabeth I. brechen Streitigkeiten um die Erbfolge aus und er sieht sich verpflichtet einzugreifen. Er engagiert ein Stand-In, der unter dem eigenen Namen die Stücke de Veres veröffentlicht und aufführt. Das Theater wird nun selbst zur Bühne, in der die Massen manipuliert und mitgerissen werden. Denn das eigentliche Sujet ist die Macht des Wortes.

Hierbei leistet Emmerich aber einen zweifachen Offenbarungseid, wenn er Shakespeares Stücke im elisabethanischen England auf die Bühne bringt. Sobald die St. Crispin’s Day-Rede aus „Heinrich V.“ inszeniert wird, muss niemand wissen, worum es geht, trotzdem ist es schwer sich der Macht der Szene zu entziehen. Es ist vielleicht die beste Shakespeare-Szene seit Marlon Brando Brutus einen ehrenwerten Mann nannte. Nur zu verständlich erscheint, dass die Zuschauer rasen. Pathos at its best. Das Problem ist aber einerseits, dass Emmerich nur Gut und Böse darstellen kann. Shakespeare schlecht zu finden ist zudem scheinbar eine Unmöglichkeit. Die Sicht von Anonymus auf die Welt ist erschreckend eindimensional, da jeder Zweifel im Keim erstickt wird. Andererseits traut er den Worten doch nicht so sehr. Erst die Special Effects scheinen „Shakespeares“ Worten ihre Macht zu verleihen. Erst wenn ein Schauspieler Kunstblut in die erste Reihe spuckt, Regen fällt oder Feuerwerk die Schlachten begleitet, rast der Pöbel vollends und erst dann ist auch de Vere zufrieden. Roland Emmerich kommt eben doch nicht aus seiner Haut.

Als schließlich der aufschneiderische Geck Shakespeare sich als Autor ausgibt, ist das schon eine Nebensache geworden, denn die Intrigen am Hof weiten sich zusehends aus. Nach der ruhigen Einführung der Personen entwickelt sich schnell ein mitreißender Strudel der Geschehnisse. Diese werden über zwei Zeitebenen erzählt, de Veres Heranwachsen und der nahende Tod der Königin, die Emmerich gekonnt verdichtet und die zusehends klar machen, dass die Intrigen schon vor langer Zeit begonnen haben. Eine riesige Verschwörungstheorie baut sich auf. In dem abgeschlossenen Universum von Anonymus hat jeder einen gerissenen Plan und beide Seiten spielen miteinander. Zufall gibt es fast nicht, da hinter jedem Zug einen wissende Hand steckt. Doch die lauernde Lächerlichkeit wird nicht einmal geschrammt. Die Spannung spitzt sich ganz unaffektiert zu. Am Ende steht die Coda als nötige Atempause, Platz der Verarbeitung, der auch leicht verziehen werden kann, dass sie einem Nachspiel gleicht, bei dem der Partner schon eingeschlafen ist.

Zuletzt verlassen die New Yorker Zuschauer auch das Theater ohne in große Euphorie auszubrechen. Roland Emmerich und John Orloff waren realistisch genug (falls sie sich nicht in der Rolle der Verkünder einer ernüchternden Wahrheit gefallen). Sie lassen sich nicht dieselben Beifallsstürme zukommen, wie sie Shakespeare mehrmals entfachte. Ihnen ist klar, dass sie vielleicht einen guten Film geschaffen haben, aber keinen über den in 300 Jahren noch geredet wird.


Zum Weiterlesen:

Die gesammelten Kritiken für Anonymus bei Film-Zeit.de.

Robert Wagner (35) redet nicht viel. Geht es um Filme, kann man ihn aber kaum stoppen... das Krümelmonster des Films. Statt weiter die Krümel der Filmgeschichte auf seinem Pulli zu lassen, teilt er sie nun mit euch.

9 Antworten auf „Bis zum Ende der Abrechnung – Anonymus (GB/D 2011)“

  1. Shakespeare ist schon seit fast 400 Jahren tot, aber das nur am Rande. Robert, ich kann dir vollkommen beipflichten, dass „Anonymus“ zwar ein unkonventioneller Emmerich ist, aber einer, dem sein Stempel deutlich anzumerken ist, was die Fülle von SFX angeht – nicht (nur) bei der Inszenierung der Theaterstücke, sondern insbesondere bei der Animation des elisabethanischen Londons. Spekulatives Historienkino, das fesselt, aber eben „nur“ äußerst solide ist. Für mich aber nicht zuletzt wegen Edward Hoggs fieser Performance nichts desto trotz ein Oscar-Kandidat.

  2. Und Gaius Julius Caesar ist seit über 2000 Jahren tot. So what? (:
    Ich wollte auch gar nicht so sehr einen stilistischen Stempel in dem Film verorten, sondern darauf hinweisen, dass Emmerich sich keine mitgerissene, euphorisierte Menschen ohne Special Effekts vorstellen kann, anscheinend.
    Und ich fand Edward Hoggs auch nicht fies. Das war doch nur der unfähige Sohn eines wirklichen Fieslings, der nur einen Lucky Punch landet. Er ist ja auch der Einzige, der den Zufall als Gehilfen braucht. Ich fand ihn im nachhinein gut, aber eben in der Darstellung des Scheiterns, so sein zu wollen wie sein Vater.
    Bei deiner Oscar Prognose muss ich dir erstmal vertrauen, weil ich mich nicht damit auskenne. (:

  3. @Robert: Das mit der 300/400 bezieht sich auf den letzten Satz deiner Kritik.

    darauf hinweisen, dass Emmerich sich keine mitgerissene, euphorisierte Menschen ohne Special Effekts vorstellen kann, anscheinend.

    Gegenargument: Nenne mir ein zeitgenössischen Blockbuster-Regisseur, der bei der Verfilmung historischer Stoffe 100%ig auf SFX verzichtet…

    @Jenny: Damit du mal von unter der Brücke ins warme Kino darfst? ;)
    Gibts endlich Fortschritte bei der Wohnungssuche?

  4. Das habe ich schon verstanden, ich hatte dabei aber gar nicht auf Shakespeare abgezielt. Das war meine großzügige Schätzung, wann niemand mehr von der Existenz dieses Filmes Notiz nehmen wird. Zuerst standen da ja 50 Jahre, aber dann ist mir die Moderne und ihr Speicherwahn eingefallen. (:

    Und schön und gut, dass das auf alle Blockbuster-Regisseure zutrifft (auch wenn ich mir da gar nichtmal sicher bin), aber die anderen machen auch keine Filme in denen dauernd die Macht des Wortes thematisiert wird. de Vere sagt ja so schön, dass er den Lauf der Geschichte beeinflussen wird und zwar nicht mit dem Schwert, sondern dem Wort. Dieses ganze Thema wird ständig variiert und neu aufgegriffen, den Film lang. Und genau das untergräbt Emmerich, da er dem Wort alleine nicht zu trauen scheint, da er dauernd die Special Effects bringt. Das erste was Southampton zu de Vere sagt, als sie ins Theater gehen ist ja auch, dass er sich die größe des Theaters und die unglaublichen Effekte anschauen soll. Einfach nur Schauspieler die Worte sagen bekommen so den Hauch von Langweilern, denen niemand zuhören möchte und das finde ich … schade.

  5. Meinst du also, dass die Theorien um die Urheberschaft von Shakespeares Werken alle unglaubwürdig sind? Ich habe einiges über de Vere gelesen und finde die Argumente zum Teil tatsächlich schlüssig. Und man wundert sich schon warum Shakespeares Identität sonst so oft von Akademikern in Frage gestellt wird.

  6. Hier in dem Text wollte ich überhaupt nicht über Shakespeare spekulieren. (Mir persönlich ist es total egal, wer Hamlet und Konsorten geschrieben hat. Die Stücke zählen für mich.) Ich halte die Theorie von de Vere auch nicht weniger schlüssig als viele andere auch. Was ich für unschlüssig halte ist die Geschichte, die in Anonymous erzählt wird. Da wird der Dramaturgie jede Glaubwürdigkeit untergeordnet, weshalb kaum etwas geschichtlich haltbar ist.

  7. Zum Glück habe ich, bevor ich mich beschweren wollte, weil „Anonymous“ jedes Mal falsch geschrieben war, geguckt, ob der auf Deutsch vielleicht wirklich „Anonymus“ heißt. :D Heißt er tatsächlich, sieht irgendwie doof aus, finde ich. Ich hatte es immer als Adjektiv gelesen, aber „Anonymus“ passt natürlich an der Stelle besser, wobei man auch da das Englische hätte lassen können.

    Beim Film nervt mich schon der Trailer so sehr, dass ich den gar nicht sehen möchte. Roland Emmerich deckt den größten Betrug… bla, bla, bla. Das hat doch wirklich jeder schon ausführlich im Englischunterricht besprochen, da kommt man sich einfach nur verarscht vor, wenn der Film als die Aufdeckung schlechthin dargestellt wird, wenn nur erzählt wird, was jeder schon 1000 Mal gehört oder zumindest 20 Mal wiederholt bei Galileo Mystery gesehen hat.

  8. Als ob wir hier Fehler machen würden.

    Ich hatte dazu nichts im Englischunterricht. Galileo Mystery guck ich nicht. Wer Shakespeare wirklich war interessiert mich nicht. Und ich denke auch nicht das es Roland Emmerich sonderlich interessiert. Er will einen spannenden Film machen, was er geschafft hat, imho. Alles drum rum fand ich schon im Trailer zum lachen und nicht weiter störend. Außer vielleicht dass de Vere immer, wirklich immer Tinte am Finger hat, weil diese „gertiebenes Genie, dass alle bezaubert“ Nummer so schwarz-weiß ist. Aber eigentlich auch nicht sonderlich. Ja auch mehr zum Lachen.

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