Kontrapunkt: Auftakt Exground Filmfest 2011

Am Freitag hat es begonnen und noch bis zum 20. November läuft Deutschlands größtes Independent-Filmfestival zum 24. Mal in Wiesbaden. Ich war am Eröffnungswochenende vor Ort – dieses Mal ohne Jenny und Robert – und möchte hier ergänzend zu meinem Bericht bei Bildflimmern meine Eindrücke der besuchten Langfilme-Revue passieren lassen.

Ein Sommer auf dem Lande [Father, Son & Holy Cow] (D/PL/FI 2011)

Die begnadete Opernsängerin Isabelle stirbt an Krebs. Das wirft ihren Ehemann Bogdan (Zbigniew Zamachowski), einen Konzertpianisten, vollkommen aus der Bahn, der fortan ein einfaches Leben auf dem Bauernhof führt. Als er in der Kuh Klara, die scheinbar durch Mozarts Musik mehr Milch gibt, die Reinkarnation von Isabelle zu erkennen glaubt, sorgt das für absurde Verwicklungen. Beeindruckend an diesem Debütfilm vom polnischstämmigen Regisseur Radek Wegrzyn ist dabei, wie traumwandlerisch sicher er sein Ensemble und seinen technischen Stab zu führen weiß. Ihm gelingt eine warmherzige Tragikomödie mit skurrilen Figuren – getaucht in satte Farben und einen an klassischen Musikstücken reichen Klangteppich. Mal rührt Father, Son & Holy Cow mit unvermittelten Flashbacks aus den letzten Monaten von Isabelle pathosfrei zu Tränen, mal wird ein herzhaftes Lachen provoziert, wenn der ortsansässige Pfarrer an Kuh Klara einen Exorzismus vornimmt. Ein Film, der auf die große Leinwand gehört und dort in Deutschland voraussichtlich ab 02. Februar 2012 auch regulär zu sehen sein wird.

Romeos (D 2011)

Warum dieser Beitrag aus dem Fundus des „Kleinen Fernsehspiels“ vom ZDF indes bei einem – ich betone es noch einmal – Independentfilm-Festival über die Leinwand flimmern darf, erschließt sich mir nicht. Mag dieses zumindest thematisch brisante Drama um die sexuelle Identitätsfindung der Transsexuellen Miriam auf dem Weg zum Mann Lukas ganz passabel gespielt sein: eine wirkliche Bereicherung für den Sex-und-Gender-Diskurs liefert es im Gegensatz zum spröden, aber intensiveren argentinischen Kollegen XXY (2007) nicht. Die oberflächliche, auf schöne halbnackte Körper in Großaufnahme fokussierte Inszenierung versteckt sich hinter dem vorgeschobenen Attribut einer „sensitiven Bebilderung“. Auch das inspirationsfreie Drehbuch, in welchem die amouröse Konfrontation zwischen dem unsicheren Lukas (Rick Okon) und dem machohaften Südländer Fabio (Maximilian Befort) zwischen Freizeitaktivitäten, Parties und Billardkneipe immer wieder aufs Neue wiedergekäut wird, ist auf Dauer ermüdend. Weniger über das komplizierte Innenleben von Protagonist Lukas, der leider nur durch egozentrische Unsympathie negativ auffällt, als vielmehr um die Frage, ob es in Köln tatsächlich nur (zumindest latent) homosexuelle, kettenrauchende Jungmodels mit Toleranzproblemen unter den Heranwachsenden gibt, reflektiert dabei der von zu nahen Einstellungsgrößen alsbald genervte Zuschauer.

Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod (ESP/F 2010)

Álex de la Iglesia ist das Enfant Terrible Spaniens auf dem Regiestuhl. Seine Werke wie El dia de la bestia und Perdita Durango sind laut, brutal, trashig, ein bisschen durchgeknallt und gespickt mit absurdem Humor, also schlicht der Inbegriff von „nicht jedermanns Geschmack“. Mad Circus ist ist dabei keine Ausnahme. Die Story reicht zurück bis in die 30er Jahre: Im spanischen Bürgerkrieg wird ein Clown von einer Miliz rekrutiert und richtet ein Massaker an. Nachdem er getötet wurde, will auch sein Sohn Javier (Carlos Areces) – während der Franco-Ära in den 70er Jahren – trauriger Clown werden. Er landet bei einem Zirkus, dessen Belegschaft unter den brutalen Ausrastern vom lustigen Clown Sergio zu leiden hat. Das Duell zwischen den beiden – auch um Sergios Frau Natalie – spitzt sich immer weiter zu und irgendwann ist schlicht Krieg in den Straßen von Madrid. Kontakt mit Diktator Franco, Militärs und amoklaufartige Ballerorgien: Im letzten Drittel wird der Zuschauer Zeuge, wie ein beeindruckend ausgeleuchtetes und fotografiertes, wuchtiges Werk den dramaturgischen Autoimmun-Modus anwirft, bis er in anarchischen Chaos fernab jeder Botschaft versinkt. Der Wahnsinn der beiden entstellten Protagonisten überträgt sich auf den Film, der mal grotesk überspitzt, mal schlicht absurd bis albern die Grenzen der Stilsicherheit auslotet.     

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

8 Antworten auf „Kontrapunkt: Auftakt Exground Filmfest 2011“

  1. Mad Circus war eine der Gurken beim Filmfest München dieses Jahr. Keine Ahnung, warum dieses überladene Popkulturallerlei in Venedig irgendwas gewinnen konnte.

  2. „Ein Sommer auf dem Lande“ klingt auf jeden Fall spannend.

    Klugscheisser-Alarm: „XXY“ ist kein spanischer, sondern ein argentinischer Film. Ich weiß wovon ich spreche, schließlich habe ich ihn damals, am 21. Juli 2008 in Berlin im Kino bei den Hackeschen Höfen gesehen!

    Und „Mad Circus“ klingt irgendwie auf Anhieb wie eine Mischung aus „Pans Labyrinth“ und „Freaks“, mit einer kleinen Prise von Stephen Kings „Es“. Ich erinnere mich auf jeden Fall mit großer Freude an Iglesias „Accion Mutante“, deren zweite Hälfte ich noch zu Schulzeiten beim Zappen Samstag um ein Uhr morgens gesehen hatte. Eine Freak-Aufstand-SciFi-Splatterliebeskomödie. Eine herrliche Explosion des schlechten Geschmacks, die ich nur weiter empfehlen kann. Ich werde ihn sogleich auf meine Filmwunschliste eintragen!!!

  3. Vergleicht man Alex de la Iglesia mit Tarantino, hat eindeutig de la Iglesia in Sachen Geschmacklosigkeit die Nase vorn mit MAD CIRCUS. Und ich meine jetzt Geschmacklosigkeit im klassischen, weiteren Sinn und nicht im Bezug aufs „gross out“. Die Ultrakunst ist es wohl nicht, aber ich fand ihn so faszinierend und grenwertig gaga, dass ich den ganzen Film mit einer geöffneten Flasche im Schoß da saß und keinen Schluck getrunken habe.

  4. Die Ultrakunst ist es wohl nicht, aber ich fand ihn so faszinierend und grenwertig gaga

    Zustimmung! Auch wenn gegen Ende dann ein paar Abnutzungserscheinungen im dramaturgischen Nirvana stattfanden, die mich zu fortgeschrittener Urzeit eindösen ließen. Zwecks Spam: Dieses Mal lassen wir es durchgehen :-).

    @David: Ist geändert. Übrigens beängstigend, dass auch Filmsichtungen über deine Diaries hinaus Eingang in deine Tagebücher finden.
    Bei einer erneuten Sichtung von „Aktion Mutante“ wäre ich übrigens dabei. Mir gefällt sehr der wuchtige, beinahe schon bizarr-durchgeknallte Stil Iglesias.

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