Neon, Dreck und männlicher Abschaum – Abel Ferrara in den 80ern

“All the animals come out at night. Queens, fairies, dopers, junkies, sick venal. Some day a real rain will come and wash all the scum off the streets. […] Thank god for the rain to wash the trash off the sidewalk. Listen you fuckers, you screwheads. Here is a man who would not take it anymore. A man who stood up against the scum, the cunts, the dogs, the filth, the shit. Here is a man who stood up.” (Travis Bickle)

Der von Travis Bickle in Taxi Driver prophezeite Regen sollte wirklich kommen. Er war es zwar nicht, der ihn brachte, sondern ein gewisser Rudolph „Rudy“ Giuliani, der 1994 Bürgermeister einer bis dahin postapokalyptischen Stadt wurde und mit seiner Zero-Tolerance-Politik ordentlich ausmistete. Heute sehen die Bilder aus dem altem New York der 80er Jahre etwas surreal aus, fast als ob „Die Klapperschlange“ von John Carpenter nie in der Zukunft lag, sondern in der Vergangenheit. Es war eine heruntergekommene Stadt, die mancherorts mehr einer Müllhalde glich und in der diverse Arten von Kriminalität erschreckend alltäglich waren. Und es gab einen Mann, der diese Zeit wie kein anderer eingefangen hat. Der vor dem Sieg dieses rechtskonservativen Meister Propper einer Welt ein Gesicht und eine Stimme gab, einer Welt der Loser, der verlorenen Existenzen, der Zerrissenen, des Drecks und des Abschaums, vor der sonst die meisten die Augen verschlossen und von ihrer eigenen Phantasie getrieben, über diese urteilten. Aus der Mitte des Drecks kam er und war Teil des Abschaums. Abel Ferrara, der bis heute, um es mit Dominik Graf zu sagen, dem Corporate-America auf die Teppiche pinkelt.

Kurz vor Giulianis Amtsantritt ist vielleicht Ferraras erfolgreichste Zeit, was Kritik und Einspielergebnisse angeht. King of New York und Bad Lieutenant sind vielleicht auch die Filme, mit denen er am meisten verbunden wird. Doch in den 80ern, als New York noch sein New York war, war die Zeit, als er zu sich fand, als sich sein Stil herausbildete, als er ein paar seiner besten Filme machte. Die Geschichten spielten zwar nicht alle in der Metropole am Abgrund, aber dieses Gefühl, dass alles und jeder am Rande des Untergangs steht, kann auch in in den anderen gespürt werden.

Sechs Filme hat er in den 1980ern gemacht:

  1. Ms. 45 (USA 1981) – Eine Frau wird vergewaltigt und schlägt zurück. Mit einer 45er Magnum macht sie nachts Jagd auf Männer.
  2. Fear City (USA 1984) –Tom Berenger spielt einen traumatisierten Boxer, der inzwischen Stripperinnen managt. Ein Serienkiller fängt an, seine Tänzerinnen umzubringen und versetzt das New Yorker Rotlichtmilieu in Hysterie.
  3. The Gladiator (USA 1986) – Ein Mann übt Selbstjustiz an rücksichtslosen Autofahrern, nachdem sein Bruder bei einem Autounfall stirbt.
  4. China Girl (USA 1987) – Hochglanzversion von Romeo und Julia im kontemporären New York. Ferrara legt den Fokus aber auf Hass und Rassismus zwischen Weißen und Asiaten.
  5. The Loner (USA 1988) – Bei weniger als 5 Bewertungen auf imdb, würde ich ihn unverfroren als verschollen deklarieren.
  6. Cat Chaser (USA 1989) –Verfilmung eines Elmore Leonard Thrillers. Ehemaliger Fallschirmjäger (Peter Weller) mit Kriegstraumata verliebt sich in die Frau eines ehemaligen dominikanischen Generals. Existiert nur noch in stark gekürzter Form. Ferrara ist wohl der einzige der eine Kopie des Originals hat.

Abel Ferrara hatte in Purchase, New York Film studiert, aber nach seinem Abschluss keine Arbeit gefunden. Zwischenzeitlich hielt er sich auch mit dem Dreh eines Hardcorepornos über Wasser, 9 Lives of the Wet Pussy, bis er seinen ersten Langfilm Driller Killer im Jahre 1979 verwirklichen konnte. Der Film über einen Serienmörder mit Bohrmaschine wurde direkt ein Insiderhit, der ihm einen gewissen Ruhm brachte und die Möglichkeit, konstant weiter zu arbeiten. Doch dieser Film gehörte auch noch einer anderen Zeit an. Wie Jim Jarmuschs Erstling Permanent Vacation bewegt er sich noch deutlich im Schatten der alten Größen des Big Apples: Warhols Factory (besonders Paul Morrissey ist an allen Ecken spürbar), Ron Rice, Jack Smith, John Cassavetes. Aber auch die etwas verkommenere Schiene hatte Einfluss bei ihm hinterlassen. Man sehe nur Psycho-Pornos wie Water Power neben Driller Killer und es ist kaum zu übersehen. Es war ein typischer Film der New Yorker 70er. Lange Einstellungen, der spröde, unglamouröse Realismus in den Bildern, der gegen die absurde Charaktere und Geschichten anzukämpfen scheint und natürlich die drastischen Entwicklungen sowie eine Grundwirre. Also ein Film wie gemacht für die experimentierfreudigen Mitternachtsvorstellungen, die gerade begannen abzusterben. Unter anderem auch wegen Filmen wie Driller Killer, welche das Midnight-Movies-Konzept mehr ausbeuteten als bereicherten.

Seine Themen hatte er mit Nicholas St. John, dem Drehbuchautor mit dem er fast ausschließlich zusammenarbeitete, schon gefunden, sowie einige stilistische Erkennungsmerkmale, die ihn lange begleiteten. Aber wie verschüttet lagen sie unter dem Ballast der Vergangenheit begraben. Ms. 45 war ein Schritt in die Richtung, dieses Gewicht abzuwerfen. Er war aufgeräumter und es war zu spüren, dass Ferrara deutlicher wusste, was er wollte. Stilistisch unterschied er sich aber nur marginal von seinem Vorgänger. 1984 verkaufte er dann anscheinend dem Teufel seine Seele an einer verlassenen Straßenkreuzung. Anders ist der abrupte Wandel kaum zu erklären. Er warf mit einem Mal alle Versuche, Kunst zu sein, hin. Alles Manierliche verschwand. Fear City ist ein luzides Genrewerk über einen Frauenmörder, welches ohne Ambitionen auf Tiefsinnigkeit oder Factory-Absurditäten auskommt. Ein rauschhafter, lasziver Alptraum über das Unbehagen in der Moderne, der zwar von klischeehaften Charakteren und Dialogen strotzte, aber genau darin seinen Blick auf New York und seine Menschen findet. Denn so stehen diese nicht im Weg. In einem hypnotischen Sog aus Neonlicht und Dreck schaut er an den Pappmachéoberflächen der Figuren vorbei und in ihr Herz. Ein Ort voller Widersprüche und ohne einfache Lösungen.

In den „Girls Girls Girls“-Neonreklamen der Stripclubs fand er alles, was ihn interessierte, den Sex mit all seinen Machtverhältnissen und Gewalttätigkeiten, den Dreck und das Gefühl der Leere, des Alleinseins, des Verlustes und des Trostes, aber auch die Religion und mit ihr Schuld und Erlösung. Dieses Neon strahlte vielleicht in den kommenden Filmen nicht mehr von Stripclubreklamen, sondern von den Straßenlaternen, der Kleidung und den Wänden, aber es war in den 80ern immer an seiner Seite. Er war es, der dem Neon seine Kälte nahm und ihm Wärme gab. Wärme durch all den Schmutz, den Schlamm und den Verfall, den er darüber und darunter verteilte und durch die Hoffnung, die er darin zu erkennen gab. In fast all den Filmen scheint New York von Straßen und Gassen ohne Beleuchtung bevölkert zu sein, deren Dunkelheit nur durch grelle Straßenlaternen von der nächsten Kreuzung waagerecht aufgebrochen und in ein seltsam erhabenes Zwielicht getaucht wird. Gerade dieses Bild der Erlösung und Befreiung am Ende der Straße ist es, welche die Vorhölle erträglich macht, in der sich die Charaktere befinden.

Vor allem ist Fear City aber so etwas wie das Gegenstück zu Taxi Driver. In Letzterem sehen wir die Welt mit den rassistischen, faschistischen und mitunter sexistischen Augen von Travis Bickle. Die Welt, die er sieht, ist verkommen und nur ein reinigender Regen kann die Stadt noch blitzblank waschen, von all den Huren, Schwulen, Schwarzen, Zuhältern und dem sonstigen Abschaum. Doch der Regen, den er sich erträumt, ist nur in seiner Phantasie aus Wasser. Der Regen, den er bringt, ist der des Feuers. Er ist gewalttätig und darauf aus, alles umzubringen, was sich seiner Vorstellung von Reinheit widersetzt. Diesen Charakter gibt es auch in Fear City, nur deutlich sexistischer. Es handelt sich um einen Serienmörder, der es auf Stripperinnen abgesehen hat. Er versucht die Welt, von diesen Metzen zu befreien, auf das es eine sauberere wird. Doch Abel Ferrara zeigt uns das Geschehen nicht aus seiner Sicht, sondern aus der der Manager der Stripperinnen. Also im Grunde aus dem Blickwinkel des Zuhälters, den Harvey Keitel in Taxi Driver spielte. Während Scorsese und Schrader den Psychopaten ausleuchten, schaut Ferrara auf die Maden, auf die Travis Bickle herabblickt. Er stellt sich auf ihre Seite und sieht zu, wie der Agent einer saubereren Welt auf den Dreck einschlägt. Er leidet mit ihnen und zeigt sie mit allen ihren Fehlern und verachtungswürdigen Taten, aber auch als Menschen. Sicherlich ist sein Bild des Rotlichtmilieus voll von Romantizismen. Er hat einen Thriller gemacht, der quer zur Realität verläuft und eher Genreregeln gehorcht, als dass er ein realistisches Bild zu zeichnen versuchte. Bei ihm geht es um Gefühl und nicht um Ratio. Er lallt und schreit und gibt allem den Anstrich einer hysterischen Künstlichkeit. Und die Welt, die er zeigt ist alles andere als perfekt. Sie ist voll Gewalt und Ausbeutung und sie ist es schon vor den Morden. Und er schaut voll Mitgefühl, voll menschlicher Wärme auf diese und nicht mit Verachtung. Er zeigt Menschen am Rand zum Untergang, die im täglichen Überleben ihre Würde finden … oder garstig daran scheitern.

Diese Wärme hat aber ihre Grenzen. Seine Filme sind voll von männlicher Gewalt gegenüber Frauen. Meist hat es dabei den Anschein, dass sich Ferrara für seine Geschlechtsgenossen schämt, vielleicht auch für seine eigenen Gedanken. Die Bilder und Geschichten flirren vor Widersprüchen. Unauflösbar gefangen zwischen der eigenen gewalttätigen Geilheit und dem Selbsthass auf diese Verkommenheit. Der immer wiederkehrende Katholizismus ist deshalb nie aufgesetzt, sondern das Ringen mit sich selbst. Die Hoffnung auf die Erlösung, die nie kommen wird. Neben dem Serienmörder gibt es Tomás Milián, der sein Frau in Cat Chaser mit einer Pistole vergewaltigt, in China Girl will ein Junge seine Schwester vor der Welt schützen, indem er sie zu einem Leben im eigenen Heim zwingen möchte. Aber das ist alles nichts gegen Ms. 45. Die stumme Thana wird an einem Tag gleich zweimal vergewaltigt. Im Affekt erschlägt sie den zweiten Vergewaltiger mit ihrem Bügeleisen und nimmt sich seiner 45er Magnum an. Von Flashbacks ihrer Misshandlung verfolgt fängt sie erst an sexuell-aggressive Männer zu ermorden, vor allem Zuhälter und Machos, bis es irgendwann einfach nur noch Männer sind. Sie eskaliert, aber bis zum Schluss bleiben die Sympathien des Films bei ihr. Vielmehr feiert Ms. 45 die Auferstehung der schüchternen, verklemmten Thana. Zu Beginn sehen wir immer wieder Subjektiven von ihr, wie sie von Männern bedroht wird. Die Männer kläffen aggressiv in die Kamera. Thana und mit ihr die Zuschauer werden angegriffen, ohne eine Handlungsmöglichkeit zu besitzen. Diese Subjektiven verschwinden mit der Ermächtigung des Opfers zum Täter vollkommen. Das ist zwar auch keine Lösung der inneren Probleme des männlichen Selbsthasses, aber eine erleichternde, zwischenzeitliche Reinigung, die Ferrara sichtlich gefällt. In einem irrsinnigen, entrückten Finale findet alles sein Ende und all die Männer, die aus dem Film verschwunden sind, kommen in den folgenden Werken wieder. Es ist schon liebenswert, wie er außerstande ist, eine Lösung für seine Probleme zu finden.

Sein vielleicht untypischster Film der Zeit spricht davon Bände: The Gladiator. In das Das Imperium schlägt zurück gibt es eine Szene, in der Luke Skywalker auf Dagobah in einer Höhle gegen Darth Vader kämpft. Yoda warnte ihn, dass an diesem Ort die dunkle Seite der Macht sehr stark sei. Als Luke Vader besiegt, stellt er fest, dass alles nur eine Vision war und unter dem schwarzen Helm niemand anderes als er ist. Diese Szene ist eines der Herzstücke der alten Star Wars-Trilogie. In ihr wird Luke und Vaders Kampf mit sich selbst, ihre gegenseitige Spiegelung und die Identität ihrer Probleme, welche zumindest die letzte beiden Teile durchdringt, auf einige Motive runter gebrochen. The Gladiator ist nun nichts weiter als eine hochgejazzte Version dieser Szene. Der Bruder Rick Bentons stirbt in einem Autounfall, der durch einen Autofahrer ausgelöst wird, der in Selbstjustiz gegen Verkehrssünder vorgeht. Rick Benton fährt daraufhin Wochenlang nachts durch die Stadt. In einer ewig langen Sequenz fährt er einfach nur im Auto durch die Nacht. Es ist seine Art, die Trauer zu verarbeiten. Am Ende hat er den Entschluss gefasst, dass er per Selbstjustiz für Sicherheit auf den Straßen sorgt. Er wird der Gladiator. Und mit jeder Minute des Films wird er rigoroser, bis er wieder auf den ursprünglichen Autofahrer trifft. Konsequenterweise wird dieser von Ferrara nie gezeigt. Nur sein schwarzes Auto, sein Rüstung ist zu sehen, denn wie Rick feststellen muss, ist es im Grunde er selbst gegen den er kämpft. Eines wird hier klar, die Probleme der Welt sind immer auch die inneren Probleme mit sich selbst. Dieser kleine, billige Film, der teilweise sehr nah an das Oeuvre eines Joe D’Amato kommt, sollte nicht unterschätzt werden. Als Film und als Teil der Filmographie eines Mannes, der den Ruf hat, ein filmischer Sadist zu sein, aber nur mit den eigenen Dämonen kämpft.

In den 80ern machte Ferrara sechs Filme. Alle von ihnen waren reißerische Thriller, sichtlich mit schwankenden Budgets. Aber alle waren von ihrer Sympathie mit den Lowlifes gekennzeichnet, die sich am Rande der Gesellschaft durchschlagen. Er gab ihnen vielleicht keine ehrbaren Filme mit Oscarpotential, aber dafür zeigte er sie, so wie er sie sah. Und das war alles, aber kein sauberer, aufgeräumter Blick von Oben. Er war unter seinesgleichen und zeigte sie, mit all ihrer Zerrissenheit, ihren Verletzungen, Widerlichkeiten und Widersprüchen. Und wer die Folge von Cinema, de notre temps gesehen hat, in der ein Kamerateam ihm durch New York folgte, weiß, dass er es so unvergleichlich konnte, weil er einer von ihnen war. Die Folge hieß Abel Ferrara: Not Guilty.

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Robert Wagner (31) redet nicht viel. Geht es um Filme, kann man ihn aber kaum stoppen... das Krümelmonster des Films. Statt weiter die Krümel der Filmgeschichte auf seinem Pulli zu lassen, teilt er sie nun mit euch.

6 Antworten auf „Neon, Dreck und männlicher Abschaum – Abel Ferrara in den 80ern“

  1. Sehr nette Hommage an Martin Scorseses dreckigen kleinen Halbbruder: der Vergleich zwischen Ferrara und Scorsese ist ungefähr so, wie ich ihn eigentlich selbst hätte schreiben wollen ;-)
    Leider habe ich kaum einen der genannten Filme gesehen… wie gesagt kaum: es war im Herbst 2004 und ich hatte seit kurzem mein Abitur und meine Zulassung zum Studium in Jena in der Tasche und ich wollte mich über die Unzulänglichkeiten meines noch zarten 18-jährigen Lebens trösten und zwei Filme habe ich gesehen, die mir dabei geholfen haben: „Tchao pantin“ und „Fear City“. Beide sehr spät Abends geguckt – passenderweise, handelt es sich doch um Filme, die hauptsächlich in einem nächtlichen urbanen Moloch spielen. Von „Fear City“ – wen‘s interessiert: geguckt am 19. September 2004 spät Nachts auf Kabel 1 – ist nicht besonders viel hängen geblieben: keine Handlung, keine Figuren… und keine Ahnung, wer nun der Mörder war (wobei letzteres wahrscheinlich unwichtig war?). Die Grundstimmung als „hypnotischen Sog aus Neonlicht und Dreck“ ist mir dennoch bis heute als sehr eindringlich und atmosphärisch im Gedächtnis hängen geblieben…
    Worin ich dir allerdings widersprechen würde, ist dass Ferraras Katholizismus „nie aufgesetzt“ wird. Zumindest bei „Bad Lieutenant“ finde ich diese… nennen wir es mal „Beschäftigung mit religionsphilosophischen Aspekten“ tatsächlich aufgesetzt, unpassend, ablenkend und grenzwertig lächerlich.
    Aber lange Rede kurzer Sinn: dein Text macht Lust auf mehr! Besonders „The Gladiator“, was nicht an dem Star-Wars-Vergleich liegt, sondern an den Sätzen: „In einer ewig langen Sequenz fährt er einfach nur im Auto durch die Nacht. Es ist seine Art, die Trauer zu verarbeiten.“
    „9 Lives Of The Wet Pussy“ :-D… nun ja: mit sehr viel Fantasie klingen irgendwie alle Titel von Ferraras Filmen wie wiederverwertete Porno-Titel…

  2. Zu aller erst einmal ist Ferrara nicht Scorseses kleiner Halbbruder. Buuuh. Die gehören zwar beider zur „katholische[n] New Yorker Hotelbibel-Verkäufer-Clique des US-Kinos“ (wieder Dominik Graf), aber sonst haben die ja wohl nichts gemein. Vor allem das klein sehe ich als persönliche Beleidigung, da Ferrara der Große ist. Ein Wahnsinniger und Wilder. Vielleicht ein raubeiniger Proll, der von außen lächerlich aussehen kann, aber der instinktiv seinen Schmerz und seine Seele auf die Leinwand bannt. Scorsese weiß zu oft was er macht und was er will, weshalb er viel zu oft nur verwaltet, was er zu sagen hat. Mich läßt er jedenfalls oft kalt. Dann lieber diese Filme, mit ihrem inherenten Wahnsinn, der keinen Wahnsinn behandelt, der für viele das ästhetische Äquvalent zu Vokuhila und Schnurrbart sind, aber mich packt er. Und ich weiß, dass es nicht so wörtlich zu sehen ist, aber „Beschäftigung mit religionsphilosophischen Aspekten“ geht ja so meilenweit an dem vorbei, was St. John und Ferrara machen und zeigen. BAD LIEUTENANT zum Beispiel. Die dünne Linie, die Harvey Keitel vom BLANKEN Entsetzen trennt, dass was das letzte Fitzelchen Hoffnung für sein komplett unwahrscheinliches, illusionäres Seelenheil ist, ist der Katholizismus, der in deinen Augen lächerlich und unpassend ist. Von außen ist es das auch, aber für Harvey Keitel ist es alles. Denn er betrachtet nicht. Er ist in einem Malström der eigenen Widerlichkeit gefangen und hofft, hofft und glaubt, weil es seine einzige Chance ist, dass die letzte kleine, hauchdünne Leine nicht reißt, die ihn noch mit soetwas wie geistiger Gesundheit und Seelenheil verbindet.
    So genug echauffiert. Das Wort zum Sonntag sprach Robert Wagner. :)
    Witzigerweise plane ich als nächstes einen Text zu just: „Tchao pantin“. Eigentlich müsste ich noch ZIEMLICH BESTE FREUNDE dazu sehen, damit ich sie vergleichen kann. Mal sehen. :D

  3. Dank deines schönen Essays habe ich mal wieder großen Appetit auf einen der Filme Ferraras bekommen, und mir die deutsche DVD von FEAR CITY von einem Freund ausgeliehen. Erst mein Vierter Film von Ferrara, und sicherlich kein im herkömmlichen Sinn gelungener, runder oder gar gekonnter. Man kann deutlich merken, dass obwohl Ferrara hier mehr Budget und viele Profis um sich herum hatte, einiges noch sehr amateurhaft wirkt, und sich atemberaubende Sequenzen mit holprigen vermischen. Das erinnerte mich – auch aufgrund der Erwähnung von Scorsese hier – stark an meine Erstsichtung von MEAN STREETS letztes Jahr, der auch ein genuiner Amateurfilm ist, also ein Filmliebhaberfilm von jemandem der übt, experimentiert, seinen Stil sucht. Sehr uneben und holprig, und natürlich hat MEAN STREETS nicht den kommerziellen Sinn, die finanzielle Unterstützung und die finanziellen Interessen von FEAR CITY, aber er behandelt sehr ähnliche Thematiken. Wobei MEAN STREETS mir eher ein jugendlicher Film scheint, FEAR CITY aber schon alle Probleme des Entwachsenen/Erwachsenen zeigt. Beide romantisieren auch sehr.

    Aber ich muss dir zustimmen. Ginge es um Scorsese oder Ferrara, würde ich unumwunden Ferrara wählen. Ist mir persönlich näher, das unaufgeräumte, wilde, das ungelöste Konfliktpotential das du beschreibst. Scorsese erscheint da tatsächlich viel braver und bürgerlicher. Eben eher der Blick von außen, der Blick eines Außenseiters, während ich bei Ferrara eher eine Identifikation mit dem beschriebenen Milieu sehe. Und FEAR CITY ist für mich trotz seiner zahlreichen Schwächen und Ungereimtheiten (ich mutmaße nach der Sichtung, dass der Film auch sehr zerstückelt worden sein muss) wesentlich interessanter und inspirierter als MEAN STREETS. Vielleicht ist das aber auch nur meine Vorlibe für die 80er, die Kälte und das wärmende Neonlicht, dass du so treffend beschreibst.

    Aber genug zu Scorsese, und zurück zum Meister: Alles was du in deinem Essay ausdrückst habe ich in FEAR CITY auch für mich wiedergefunden. Am besten gefallen hat mir dabei Tom Berengers brütende und schweigsame Darstellung. Und einfach Darstellungen des Alltags: In die Bar gehen, Leute sehen, beobachten. Ganz großes Kino. Das Leiden an sich selbst. Schwierig zu beschreiben dieses Suhlen im Selbsthass und das dennoch vorhandene große Interesse an der Außenwelt, das dennoch eine Spiegelung darstellt.

    Aber nochmal: Dein Satz aus dem oberen Kommentar fasst für mich im umgekehrten Sinn die Qualitäten von Ferraras Blick und Interesse zusammen: „Scorsese weiß zu oft was er macht und was er will, weshalb er viel zu oft nur verwaltet, was er zu sagen hat.“

    Als nächstes zieh ich vielleicht die deutsche DVD von CHINA GIRL aus meinem Regal. :-D

  4. Schön das er dir gefallen hat. Und es gibt sicherlich einen Grund, warum MEAN STREETS mein liebster Scorsese ist. :)

    Über CHINA GIRL wollt ich ja eigentlich auch noch was in dem Text schreiben, aber mir ist dann die Puste ausgegangen und ich wollte es nicht noch länger machen. Für den Leser und für mich. Ist aber unfassbar Hochglanz und vielleicht der aufgeräumteste, den er je gemacht hat. Aber nicht im negativen, der ist so wahnsinnig überzogen hochglanz und zudem überdreht in seinem Licht und seinen Farben, dass es fast schon geschmierter Hochglanz ist. Oder so.

    Ich stürz mich aber demnächst mal auf seine letzten 10 Jahre. Da kenne ich noch gar nichts und mir schwant auch nicht umbedingt bestes. Aber spannend wird es allemal. :)

  5. Ach ja. Ich glaube auch du solltest dir unbedingt THE GLADIATOR anschauen. Da gibt es auch eine deutsche DVD, die natürlich qualitativ unterste Schublade ist, aber das passt ja zum Film. Hab ich vor ein paar Monaten sogar recht günstig noch erstehen können. Denke jedenfalls, dass der dir sehr gefallen könnte. Sehr reduziert und gerade am alltäglichen interessiert. Zudem seltsam sklavisch 80er Genreklischees folgend (ohne großes Budget), aber dabei so eigenbrödlerisch und anders als die Anderen. Schwer zu sagen ohne noch weiter auszuholen … und außerdem ist es eh besser zu sehen. War zumindest sehr überrascht, was da auf mich stieß.

  6. THE GLADIATOR klang jetzt für mich aus dem gesamten Ferraraschen Oevre tatsächlich mit am Interessantesten. ;)

    Ich vermute ja, dass die 90er die Dekade sind, die mir am ehesten Zusagen könnte. Die beiden Meisterwerke BAD LIEUTENANT und THE ADDICTION bestärkten mich bisher auch in dieser Annahme. Aus den 00er Jahren kenne ich nur GO GO TALES, den unfassbar dröge fand. Aber Komödien sind ja immer so eine Sache. Da bin ich oft sehr wählerisch.

    Dann bin ich jedenfalls gespannt auf CHINA GIRL! Wenn der diese Hochglanzästhetik der 80er benutzt könnte das sehr spannend werden – Ferrara meets Studio. Oder so. WEST SIDE STORY ohne Musical-Einlagen? Mal sehen.

    Interessant, dass dir MEAN STREETS so gefällt. Bei meiner Erstsichtung letztes Jahr war ich doch eher enttäuscht von dem Film. Rauh und ungeschliffen ja, aber dann halt dennoch ein typischer Scorsese – vielleicht finde ich ja in den noch früheren Arbeiten, z.B. BOXCAR BERTHA dass was ich suche. Im direkten Vergleich gefällt mir jedenfalls der spätere perfektere/glattpolierte Scorsese besser. Aber dennoch. Habe bisher 13 seiner Filme gesehen, und kann außer der Tatsache, dass sie gut gemacht sind, unterhalten, und man sie sich auch ein zweites mal gerne anschauen kann, nicht viel mehr sagen. Eigentlich ist das ja schon viel des Lobes, und er ist ein guter Regisseur, aber ich kann da nicht so viel für mich rausholen. Vielleicht habe ich aber bisher einfach noch nicht den richtigen Zugang gefunden. Und manche der Filme habe ich schon länger nicht mehr gesehen.

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