Rache, Durst und der Antichrist

Gestern wurde die Filmauswahl des diesjährigen Festivals in Cannes bekannt gegeben und zum ersten Mal bin ich extrem neidisch auf diejenigen, die das Event besuchen können. Allein der Blick auf den Wettbewerb macht zumindest meinen Cineastenmund wässrig und das nicht einmal nur wegen Johnnie To.

Von Alain Resnais über den unvermeidlichen Haneke zu den neuen Filmen von Park Chan-Wook, Quentin Tarantino, Ang Lee, Pedro Almodovar usw. versammeln sich vom 13. bis zum 24. Mai die Größen der internationalen Kinoszene an der Côte d’Azur. Und das sind nur die Namen, die den Wettbewerb bevölkern. Filme von Terry Gilliam, Bong Joon-Ho (“The Host”) und Pen-Ek Ratanaruang (“Last Life in the Universe”) sind in anderen Kategorien auch noch zu finden.

Hier die Liste der Beiträge für den Wettbewerb um die Goldene Palme:

Bright Star, Director: Jane Campion

Spring Fever, Director: Lou Ye

Antichrist, Director: Lars von Trier

Enter the Void, Director: Gaspar Noe

Face, Director: Tsai Ming-Liang

Les herbes folles, Director: Alain Resnais

In the Beginning, Director: Xavier Giannoli

A Prophet, Director: Jacques Audiard

The White Ribbon, Director: Michael Haneke

Vengeance, Director: Johnnie To

The Time That Remains, Director: Elia Suleiman

Vincere, Director: Marco Bellocchio

Kinatay, Director: Brillante Mendoza

Thirst, Director: Park Chan-Wook

Broken Embraces, Director: Pedro Almodovar

Map of the Sounds of Tokyo, Director: Isabel Coixet

Fish Tank, Director: Andrea Arnold

Looking for Eric, Director: Ken Loach

Inglourious Basterds, Director: Quentin Tarantino

Taking Woodstock, Director: Ang Lee

Die Filme in den anderen Kategorien findet man hier.

Nur ein Sommer (D/CH 2008)

Von der Platte in die Berghütte. Einen härteren Kontrast in Sachen Wohnumgebung könnte man sich zwar kaum vorstellen, doch Regisseurin Tamara Staudt verzichtet – anders als es häufig ihre Kollegen tun – glücklicherweise auf die Darstellung der Trabantenstädte als Betonhölle. Die vertraute Heimat der arbeitslosen Heldin Eva (Anna Loos) ist stets in warmes Sonnenlicht getaucht und eigentlich ganz hübsch. Wären da nicht die Abrissmaßnahmen nebenan.

Eva, eine 35-Jährige mit einem befremdlich gleichaltrig wirkenden Sohn und einem wesentlich jüngeren Freund, will endlich wieder selbst Geld verdienen. Das Angebot der Arbeitsagentur, sich als Melkerin für einen Sommer in der Schweiz zu verdingen, nimmt sie daher ohne großes Zögern an. Konfrontiert mit dem schweigsamen Käsemacher Daniel (Stefan Gubser) und einer Schar Milchkühe auf einer Alm irgendwo im nirgendwo der Alpen, findet Eva zu sich selbst, lernt die Liebe ihres Lebens und den Weg aus der Arbeitslosigkeit kennen.

Solche oder ähnliche Erwartungen stellt man zumindest an diese moderne Heimatkomödie, doch mehr als ein Teil der Entwicklungen anzureißen, gelingt dem Film nicht. Hier ein bisschen Komödie über kauzige Bauern, dort ein bisschen Selbstfindungsdrama über eine Frau mit einem Hang zur Bindungsangst, von der aber jeder „ein Kind haben will”. Am Ende ist da nicht mehr als die große belanglose Leere und ein paar nette Episoden.

Überzeugend ist Nur ein Sommer v.a. als Komödie, etwa als der gutaussehende Almnachbar Mehmed (Oliver Zgorelec) an Eva Gefallen findet und der ansonsten mürrische Daniel die Eifersucht für sich entdeckt. Vor dem Hintergrund der schroffen, nichtsdestotrotz schönen Landschaftsaufnahmen sorgt allenfalls das Zusammenspiel so unterschiedlicher Figuren – man möchte fast sagen „Kulturen” – für Unterhaltung. Verbunden wird das ganze mit einem genauen Blick für den Arbeitsalltag und die Käseherstellung. Ein uriges Gefühl vermittelt „Nur ein Sommer”, so dass man den Käse fast riechen, das Holz unter den Füßen knarren hören kann.

Dem unrhythmisch vor sich hin plätschernden Film kommt es aber leider nicht zu Gute, dass der Hauptdarstellerin jegliche Emotionalität abgeht. Die Idee, eine Berliner Schnauze auf eine Schweizer Alm loszulassen, mag zwar für ein paar Lacher sorgen. Doch wenn das Drama anklopft, bleibt Loos ausdruckslos. Selten wurde ein durchaus mit Potential versehener Film derart von den mehr als nur limitierten Fähigkeiten seiner Hauptdarstellerin sabotiert.

Auch erzählerisch kann der Film diese Schwäche nicht ausgleichen. Vor und hinter der Kamera trifft damit Unvermögen auf Unvermögen und wieder einmal fragt man sich, warum die eklatanten Mängel des  Drehbuchs nicht schon bei der Finanzierung aufgefallen sind. So ist Staudt nichts halbes und nichts ganzes gelungen, denn eine Idee allein reicht nicht. Es ist eben „nur” ein Sommer.

In einer gekürzten Fassung erschienen in der interkulturellen Hochschulzeitschrift Unique Jena.

[Mein Dank geht an den Schillerhof für die Akkreditierung.]

Frame: Dir gehört die Zukunft

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Ausgerechnet in einer heruntergekommenen Schule finden sie Unterkunft. Ein kleines Reh hat sich in das verstaubte, von der Zeit vergessene Innere verirrt, verschwindet wie die Jugend, die mit “Baby Diego” zu Beginn sprichwörtlich gestorben ist. Durch das zerbrochene Fenster* der Blick auf die letzte Hoffnung. Die Scherben fokussieren ihn, trennen zugleich die menschlichen und sächlichen Überreste der grauen Vergangenheit, trennen Theo und Miriam von der Hoffnung, die im Sonnenlicht auf einer seit Jahren unbenutzten Schaukel erstrahlt.

Theo und Miriam werden die Ruinen im Grunde nie verlassen, sie bleiben Teil der Nacht, der Dunkelheit, welche nicht einfach über die Gesellschaft gekommen ist, sie wurde von ihr zur Tür herein gebeten. Die Frage, ob es einen Morgen gibt für die Menschheit, stellt der dystopische Film. Ein Blick aus dem Fenster gibt die Antwort: Ja.

Frame: Children of Men (USA/GB/J 2006); Regie: Alfonso Cuarón


*Alfono Cuarón hegt eine ziemlich offensichtliche Vorliebe für Fenstersymbolik und pflegt diese sogar in Blockbusterware wie “Harry Potter und der Gefangene von Azkaban”.

So sind wir: Martial Arts-Granaten

Heute wurden die Hong Kong Film Awards verliehen und auch wenn die Verleihung anscheinend ihren Zenit schon hinter sich hat, sind die Ergebnisse nichtsdestotrotz relevant für die vor sich hin schrumpfende Filmindustrie. Gute Filmen, die es zu belohnen gilt, kommen ja immer noch aus der Sonderverwaltungszone. Die 28. HK Film Awards boten jedenfalls eine hübsche Mischung aus Überraschung und Genugtuung.

Favoritin des Abends war New Wave-Größe Ann Hui, die schon letztes Jahr mit “The Postmodern Life of My Aunt” vertreten war und bei der nächsten Verleihung wohl mit “Night and Fog” antritt. The Way We Are heißt ihr diesjähriger Wettbewerbsbeitrag, der in allen wichtigen Kategorien gewonnen hat. Außer beim Besten Film. Der ging seltsamerweise an Wilson Yips Martial Arts-Epos Ip Man über den Lehrmeister von Bruce Lee. Nach “The Warlords” wurde also wieder ein großer, vom Festland koproduzierter Blockbuster zum Sieger gekürt. Ein zweiter Teil ist schon geplant.

Wesentlich “genugtuender” war da der Sieg von Nick Cheung (“Exiled”) als Bester Hauptdarsteller für “The Beast Stalker”. Mit Cheung ging es mir anfangs ähnlich wie mit Andy Lau: Ich konnte ihn ü b e r h a u p t nicht leiden, geschweige denn sehen. Nach und nach hat sich der zunächst hölzerne Mime mit markanten Nebenrollen aber nicht nur in mein Zuschauerherz gespielt. Der einst als billige Kopie von Stephen Chow verschriene Nick Cheung ist nun endlich ein ordentlicher Charakterdarsteller, der bestimmt auch in den nächsten Jahren nominiert werden wird.

In Dante Lams sehenswertem Krimi The Beast Stalker hat er mit seiner vielschichtigen Darstellung den Beweis dafür abgeliefert und lässt einen selbst die schrecklichen Heulszenen von Nicholas Tse vergessen.

Ein Auszug der Gewinner:

Best Film
The Way We Are
Red Cliff [Kritik]
CJ 7
Painted Skin
Ip Man

Best Director
Ann Hui On Wah (The Way We Are)
Johnnie To Kei Fung (Sparrow) [Kritik]
John Woo (Red Cliff)
Benny Chan (Connected)
Yip Wai Shun (Ip Man)

Best Screenplay
Susan Chan Suk Yin, Sylvia Chang, Mathias Woo (Run Papa Run)
Lou Shiu Wa (The Way We Are)
Gordon Chan Ka Seung, Lau Ho Leung & Kwong Man Wai (Painted Skin)
Jack Ng & Dante Lam (The Beast Stalker)
Ivy Ho (Claustrophobia)

Best Actor
Louis Koo (Run Papa Run)
Simon Yam (Sparrow)
Tony Leung Chiu Wai (Red Cliff)
Nick Cheung Ka Fai (The Beast Stalker) [Kritik wird folgen]
Donnie Yen (Ip Man)

Best Actress
Paw Hee Ching (The Way We Are)
Prudence Liew (True Women For Sale)
Barbie Hsu (Connected)
Zhou Xun (Painted Skin)
Karena Lam (Claustrophobia)

Best Supporting Actor
Zhang Feng Yi (Red Cliff)
Stephen Chow (CJ 7)
Liu Kai Chi (The Beast Stalker)
Lam Ka Tung (Ip Man)
Fan Sui Wong (Ip Man)

Best Supporting Actress
Nora Miao (Run Papa Run)
Chan Lai Wun (The Way We Are)
Zhao Wei (Red Cliff)
Race Wong (True Women For Sale)
Sun Li (Painted Skin)

Best New Performer
Monica Mok (Ocean Flame)
Zhang Yu Qi (All About Women)
Juno Leung (The Way We Are)
Lin Chi Ling (Red Cliff)
Xu Jiao (CJ 7)

Die restlichen Gewinner findet man hier. Eine Fotogalerie zur Show gibt’s bei xinhuanet.

Nummer 5 oder 3? Ein neuer Potter Trailer eben!

Bei den ganzen Trailern für den sechsten Teil der Reihe nach den Bestsellern von J.K. Rowling den Überblick zu behalten, fällt mir fast so schwer, wie nach vier Trailerposts zum Film noch einen einfallsreichen Einführungstext aus dem Hut zu zaubern. An dieser Stelle soll der Hinweis genügen, dass Harry Potter und der Halbblutprinz am 16. Juli in den deutschen Kinos startet.

(via)

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