Trailer für Drug War von Johnnie To

Mit seinen letzten RomComs hat sich Johnnie To bereits aufs chinesische Festland gewagt. Nun folgt mit Drug War der Krimi-Einstand in der Volksrepublik. Der neue Film, von Wai Ka-Fai und Yau Nai-Hoi (bzw. dem Milkyway Creative Team) geschrieben, dürfte schon deswegen als test case für Aufmerksamkeit sorgen, gilt es doch, die wachen Augen der SARFT zu passieren und dabei gritty und irgendwie relevant zu bleiben. Von den internationalen Fan(boys) ganz zu schweigen. So lange die Bösen ihre Bestrafung erhalten, müsste das auch hinhauen. Eine Alternative wäre ein separater HK-Cut. In der Regel werden Hongkong-Filme, wie zuletzt der Milkyway-Streifen Punished, notfalls mit einem den Zensoren genehmen Ende versehen, um im Mainland zu laufen. Drug War allerdings ist eine festlandchinesische Produktion.

Neben Blind Detective ist Drug War die zweite Regiearbeit, an der Johnnie To dieses Jahr werkelt. Ersterer, eine Hongkong-Produktion, vereint Andy Lau und Sammi Cheng wieder. Drug War wiederum kommt mit den Milkyway-Experten Louis Koo, Sun Hong-Lei, Michelle Ye, Lam Ka-Tung, Cheung Siu-Fai (?) und natürlich Lam Suet aus.

Nun gibt’s jedenfalls einen ordentlichen (noch nicht englisch untertitelten Trailer) für Drug War, der ein bisschen Election-Atmosphäre aufkommen lässt.

Die Eroberung der Stadt – Motorway (HK 2012)

Motorway FilmIn seinen berauschenden Momenten wirkt Motorway wie ein The Mission auf Rädern. Man kann den ästhetischen Stammbaum des Milkyway-House Styles über die neue Regiearbeit von Cheang Pou-Soi nahtlos zu seiner ersten Perfektionierung zurückverfolgen, zur Kurosawa-Hommage, welche die letzten 180 Sekunden von “Sanjuro” auf 81 Minuten ausdehnte. Ähnlich präzise arbeitet Motorway, nur eben mit Autos statt Pistolen, einem Parkhaus statt einer Mall und einem Protagonisten, der mehr den hitzköpfigen Helden aus Cheangs früheren Filmen gleicht als den späten Milkyway-Killern. Shawn Yue kehrt nach “Shamo” zurück in dessen Männerwelt und gibt den arroganten Rookie, der diesmal nicht den sachgerechten Einsatz seiner Fäuste, sondern den seines Automobils erlernt. Die Bürde der Zeit, die soviele Milkyway-Professionals in den Untergang zu treiben droht, bleibt Yues Cop erspart und vielleicht ist es diese Leichtigkeit, welche Fans des Hongkonger Produktionshauses sowie zufällig darüber stolpernde “Drive”-Bewunderer enttäuschen wird. “Motorway”, wie “The Mission” die Beobachtung eines Lernprozesses, entsagt dem Fatalismus, den Johnnie To in “Exiled” und “Vengeance” zur Maxime all jener erklärt hatte, welche besagte Last noch wahrzunehmen im Stande sind. Eine Skorpionjacke sucht man hier außerdem vergebens.

Die Fahrer (so der Originaltitel ??) liefern sich in Motorway ein Gefecht der engen Kurven, desorientierenden Rauchwolken und plötzlichen Bremsmanöver. Der wie so oft vom Festland stammende Eindringling (Guo Xiaodong) kehrt zurück nach Hongkong, um seinen Kollegen aus dem Gefängnis zu befreien. Eine Einstellung – eine hochgelegene Terrasse, feine Kleidung, der weite Himmel – genügt, um klarzustellen, dass er es nicht des Geldes wegen tut.  Zunächst unwissentlich werden die Cops in sein Spiel gezogen. Dank einer strategischen Perfektion, die Accident würdig wäre, nimmt der Getaway Driver Hongkong in seine Gewalt, bestimmt mit seinem Auto wie der Bleistift eines Kartographen über die Wege durch die Häuserschluchten, die Routen der Verfolgung, die prinzipielle Erfahrbarkeit der Stadt. Seine Lockversuche ziehen die Cops in Schwärmen an. Der Rookie verbeißt sich in den Köder und das Kräftemessen nimmt seinen Lauf. Es ist der Versuch, den an sich schon schwer fassbaren Raum Hongkong wieder unter Kontrolle zu bringen. Um die Herausforderung zu meistern, gilt es nicht, das schnellere Auto zu fahren oder die geheime Abkürzung zu finden. Der Gegner muss innerhalb seines eigenen Regelkanons geschlagen werden, wodurch sich “Motorway” wiederum klar im Milkyway-Universum positioniert. Der Getaway-Driver gehört zu den Ehrenvollen im jiang hu. Er ist nicht Simon Yams Gangsterboss in “Vengeance”, der seine Armee auf drei Killer hetzt. Mit den Bodyguards aus “The Mission”, die während einer Schießerei die Fähigkeiten ihres Gegners bestaunen und diesem anschließend einen Tee servieren, teilen diese Konkurrenten dagegen eine entfernte Verwandtschaft.

Obwohl in Motorway die Beziehung der beiden Spieler dramaturgisch untermauert wird und sich deswegen eine Dreiecksgeschichte irgendwo zwischen “Karate Kid” und “Top Gun” entspinnt, schüttelt das Duell den Charakter eines fachmännischen Wettbewerbs nie ab. Die schlichtweg außergewöhnlich choreographierten Set Pieces auf dem vom Neonlicht beschienenen Asphalt der Metropole generieren aus diesem extrem analytischen Blick eine solche physische Spannung, dass selbst der Stillstand der Motoren die Bilder vor Energie kochen lässt. Als höchstes Ziel wird die sinnliche Verschmelzung mit der Maschine proklamiert (der drive). Wenn die Hand langsam über den Lack streicht, die entfernten Vibrationen eines Gefährts die Haut sehnsüchtig erzittern lassen oder die roten Bremslichter des Jägers durch den Rauch der Abgase verschwinden, dann kommt Motorway ebenda an. Cheang Pou-Soi hat einen Film gedreht, der seine audiovisuellen Pferdestärken nicht aus dem Genre-üblichen Geschwindigkeitsrausch bezieht. Zwischen höchster Anspannung und präziser Entladung tragen die Fahrer einen Kampf um die Straßen aus, der sie gleichermaßen in der wuxia-Tradition des Heroic Bloodshed und dessen unsentimentaler Bereinigung Ende der 90er Jahre verortet. Das optimistische Abenteuer eines jungen Großstädters, der primär sich selbst überwinden muss, fühlt sich nichtsdestotrotz zutiefst wohl in der Hongkonger Gegenwart.

Images speak louder than words – Tony Scott (1944-2012)

Tony Scott am Set von Man on Fire

Am Sonntag hat sich Tony Scott das Leben genommen. Über die Motive des 68-jährigen dürfen die Yellow Press und Nikki Finke spekulieren. Eine kleine Hommage habe ich an anderer Stelle geschrieben und ein halbseidenes Ranking seiner Filme findet man in meiner mp-Liste.

Zum Weiterlesen und -sehen:

Kritiken zu Domino und Unstoppable; eine Sammlung von directed by-Screenshots; Trailer und eine Auswahl von Kurzfilmen (ergänzend dazu sein erster Film, jüngere Werbespots und sein BMW-Kurzfilm Beat the Devil; Tony Scott – Director).

Die guten Nachrufe sind leider rar, zumindest diejenigen, welche über den Top Gun-Regisseur hinauskommen (Glenn Kenny, Manohla Dargis). Aber vielleicht schreiben Daniel Kasman oder die Ferroni Brigade (hoffentlich ohne Lav Diaz-Zitat) etwas über Tony Scott. Im mubi-Forum hat Daniel Kasman nochmal auf die einschlägigen Beiträge bei mubi verwiesen:

What is the 21st Century?: The Modern Director, Pt. 1

Ein wunderschöner Frame aus Déjà vu

Reverses #2: Love Folds Space and Time

“The Taking of Pelham 1 2 3” (Scott, USA)

You Can’t Be Neutral on a Moving Train: Tony Scott’s “Unstoppable”

Triangulating the Rust Belt: Notes on Tony Scott’s “Unstoppable”

Dazu Ignatiy Vishnevetsky über Scott’s Metaphysical Romances, Pt. 1 und Pt. 2.

Update: I.V. hat bei mubi einen längeren Text zum Thema veröffentlicht: Smearing the Senses: Tony Scott, Action Painter

They’re Hollywood movies, but they don’t work the way Hollywood movies—or any movies—are expected to work; therefore, they’re assumed to be broken.

Die rote Kappe vermisse ich jetzt schon.





Kino der Expositionen – The Dark Knight Rises (USA/GB 2012)

The Dark Knight Rises PosterFür manche dürfte es eine Befreiung sein, viele aber sehen mit dem Kinostart von The Dark Knight Rises das Ende einer Ära kommen, die die Betrachtung von Blockbustern und Comicverfilmungen verändert hat. In Ansätzen seit 2005 (Batman Begins), mit großen Schritten seit 2008 (The Dark Knight), hat der Batman-Reboot sich vom Stigma der sinnentleerten Wiederholung ebenso freigemacht, wie von den nerdigen Exzentritäten, die dem Genre normalerweise die Anerkennung der Kritiker verwehren. Der Siegeszug des verkleideten Vigilanten im Mainstream dürfte mit “The Dark Knight Rises” seinen Höhepunkt feiern, insbesondere wenn im Winter die Oscar-Saison ins Rollen kommt. Nach den Entscheidungen der vergangenen Jahre (The Artist, The King’s Speech, The Hurt Locker, Slumdog Millionaire) wäre es vielleicht haarsträubend, nicht aber verwunderlich, dass die Academy eine große Abschiedsfeier für die Warner-Trilogie bereithält. Dann würde viel goldenes Konfetti die gegenseitigen Schulterklopfer umspielen, ob der Einsicht, dass Hollywood noch zu großem Qualitätskino fähig ist. Einmal unabhängig von dem Reflex, sich bei dieser Vorstellung einen quicklebendigen Francois Truffaut herbei zu wünschen, ist es wohl unbestreitbar, dass die jüngeren Batman- und andere Filme des Regisseurs die Vorstellung von anspruchsvollem Blockbusterkino in den letzten Jahren mehr geprägt haben und prägen werden als jedes Konkurrenzprodukt. Da kann der Dunkle Ritter noch so stümperhaft durch sein nur scheinbar ambitioniertes Drehbuch torkeln. Das tut er in The Dark Knight Rises nämlich, als hätte er beim Anblick des Einspielergebnisses von “Inception” Augenlicht und Hirntätigkeit eingebüßt.

Nun also das große Finale. Ganz Gotham steht auf dem Spiel, weil ein affektiert daherredender Bodybuilder die Stadt durch eine Weapon of Mass Destruction in Schach hält und Bruce Wayne/Batman in den letzten Jahren sein Fitness-Training hat schleifen lassen. Als Pfeffer in der hyperrealistischen Suppe fungieren die Verweise auf #OccupyWallStreet, eine Bewegung, die hier auf wundersame Weise mit der französischen Revolution, der Pariser Commune und dem Stalinismus der 30er Jahre verschmilzt. Bedauerlicherweise fehlt der Mut, diese belustigende politische Synthese bis zum Ende durchzuziehen. Das, was gewiefte Kritiker als Subtext bezeichnen, bleibt nichtsdestotrotz der einzige Reiz dieser Comic-Verfilmung, die in Überlänge versucht, ihre Herkunft zu verleugnen. Entschlackt von den halbgaren, zeitgeschichtlichen Parallelen sticht ein Wort-für-Wort verfilmtes Drehbuch hervor, das seinen Zuschauern nichts zutraut und jeden Sachverhalt in meist dreifacher Ausführung aus dem teils verdeckten Mund teils talentierter Darsteller flutschen lässt.

Nun also das große Finale. Das Prestige der neuen Batman-Reihe steht zu keinem Zeitpunkt auf dem Spiel. Dafür wurden in den letzten Jahren zu viele weniger erfolgreiche Superheldenfilme gedreht, die augenfälliger hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. “The Dark Knight Rises” ist trotzdem eine der schlechtesten unter den Comic-Verfilmungen der letzten Jahre. Das Spektakel, wenn man die schwerfälligen Boxkämpfe so nennen will, wird mit der spätestens seit “Inception” erwartbaren Konfusion und dem fehlenden Gespür für die Wahrnehmung des Zuschauers inszeniert. Überhaupt: der Zuschauer, das unbekannte Wesen. Das scheint der Leitspruch dieses Werks, das dem Beobachter alles erleichtern will und ihn mit erdrückender Langeweile alles schwerer macht. 164 Minuten lang wird das Offensichtliche geheiligt. Dabei scheint sich jede Sekunde zu fein, um mit voller Inbrunst für ihren Glauben einzustehen. Ein Star-Ensemble, aus dem einzig Anne Hathaways Catwoman heraussticht (wenn sie nicht Catwoman ist), kaschiert die handwerklichen Mängel, unfreiwillig komischen Metaphern und klimaktischen Zusammenbrüche in Sachen Figurenpsychologie, während das Donnergewölk von einem Score eine epische Bedeutsamkeit vorgaukelt. Für eben diese findet The Dark Knight Rises jedoch keine visuelle Ausdrucksform, was in diesem Ausmaß selbst “The Dark Knight” nicht anzulasten war.

Vermögen die inszenatorischen Mängel der Blockbuster Selling Points nach “The Dark Knight” und “Inception” nicht mehr zu überraschen, versetzt die radikale Abkehr von der visuellen Geschichtenerzählung, die im Abschluss der neuen – sicher bald alten – Batman-Trilogie vollzogen wird, in beträchtliches Erstaunen. Der unaufhaltsame Absturz des Dunklen Ritters mag, pessimistisch betrachtet, als stellvertretend für ein Blockbuster-Kino gelten, dem jegliches Vertrauen in seine Konsumenten ausgetrieben wurde. Enervierend an The Dark Knight Rises ist, das er sich, anders als die üblichen Sündenböcke sommerlichen Eskapismus, hinter einer aufgeblasenen Seriosität versteckt.


Einen Überblick der Kritiken zu “The Dark Knight Rises” gibt es bei Film-Zeit.de.