The Essential 100 und andere Listen

Bevor hier im Blog ein paar Jahreslisten der Autoren gepostet werden, gilt es nochmal, auf andere  Bestenlisten zu blicken. Wer sich zum neuen Jahr ein paar filmische Vorsätze machen möchte, findet hier durchaus Inspiration.

Sight & Sound z.B. hat die zwölf Filme des Jahres gewählt:

1 The Social Network
2 Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives
3 Another Year
4 Carlos
5 The Arbor
6 Winter’s Bone / I Am Love
8 The Autobiography of Nicolae Ceausescu / Film socialisme / Nostalgia for the Light / Poetry / A Prophet


Film Comment hat gar eine Liste aus 50 Filmen erstellt. Die Top Ten:

1. Carlos, Olivier Assayas
2. The Social Network, David Fincher
3. White Material, Claire Denis
4. The Ghost Writer, Roman Polanski
5. A Prophet, Jacques Audiard
6. Winter’s Bone, Debra Granik
7. Inside Job, Charles Ferguson
8. Wild Grass, Alain Resnais
9. Everyone Else, Maren Ade
10. Greenberg, Noah Baumbach


Das einstige Flaggschiff des guten Filmgeschmacks, die Cahiers du Cinéma, hat es sich ebenfalls nicht nehmen lassen, die zehn besten Filme des Jahres zu wählen (mit Berücksichtigung des französischen Starttermins):

1. Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives, Apichatpong Weerasethakul
2. Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans, Werner Herzog
3. Film Socialisme, Jean-Luc Godard
4. Toy Story 3, Lee Unkrich
5. Fantastic Mr. Fox, Wes Anderson
6. A Serious Man, Joel & Ethan Coen
7. To Die Like a Man, João Pedro Rodrigues
8. The Social Network, David Fincher
9. Chouga (aka Ainour), Darezhan Omirbayev
10. Mother, Bong Joon-ho


All jenen, für die die IMDb Top 250 keine Herausforderung mehr ist, kann ich die Liste von den Mannen vom Toronto International Film Festival empfehlen. Hier kann man sich ordentlich abarbeiten und hat gleichzeitig ein hübsche Vorlage, um in der Zukunft Bildungslücken zu schließen. Ich habe mal die 63 von mir gesehenen Filme blau markiert.

This list represents the merging of one 100 film list as determined by an expert panel of TIFF curators with one 100 film list as determined by TIFF stakeholders.

1 THE PASSION OF JOAN OF ARC (Carl Theodor Dreyer)

2 CITIZEN KANE (Orson Welles)

3 L’AVVENTURA (Michelangelo Antonioni)

4 THE GODFATHER (Francis Ford Coppola)

5 PICKPOCKET (Robert Bresson)

6 SEVEN SAMURAI (Akira Kurosawa)

7 PATHER PANCHALI (Satyajit Ray)

8 CASABLANCA (Michael Curtiz)

9 MAN WITH A MOVIE CAMERA (Dziga Vertov)

10 BICYCLE THIEVES (Vittorio De Sica)

11 ALI: FEAR EATS THE SOUL (Rainer Werner Fassbinder)

12 8 ½ (Federico Fellini)

13 BATTLESHIP POTEMKIN (Sergei Eisenstein)

14 RASHOMON (Akira Kurosawa)

15 TOKYO STORY (Yasujiro Ozu)

16 THE 400 BLOWS (François Truffaut)

17 UGETSU (Kenji Mizoguchi)

18 BREATHLESS (Jean-Luc Godard)

19 L’ATALANTE (Jean Vigo)

20 CINEMA PARADISO (Giuseppe Tornatore)

21 LA GRANDE ILLUSION (Jean Renoir)

22 LAWRENCE OF ARABIA (David Lean)

23 PERSONA (Ingmar Bergman)

24 GONE WITH THE WIND (Victor Fleming)

25 SUNRISE (F.W. Murnau)

26 2001: A SPACE ODYSSEY (Stanley Kubrick)

27 VOYAGE IN ITALY (Roberto Rossellini)

28 AMÉLIE (Jean-Pierre Jeunet)

29 CITY LIGHTS (Charlie Chaplin)

30 STAR WARS (George Lucas)

31 SHERLOCK JR. (Buster Keaton)

32 RULES OF THE GAME (Jean Renoir)

33 THE LEOPARD (Luchino Visconti)

34 LA DOLCE VITA (Federico Fellini)

35 L’ARRIVÉE D’UN TRAIN À LA CIOTAT (Frères Lumiere)

36 THE WIZARD OF OZ (Victor Fleming)

37 LA JETÉE (Chris Marker)

38 VERTIGO (Alfred Hitchcock)

39 NIGHT AND FOG (Alain Resnais)

40 PULP FICTION (Quentin Tarantino)

41 THE SEARCHERS (John Ford)

42 SLUMDOG MILLIONAIRE (Danny Boyle)

43 THE CONFORMIST (Bernardo Bertolucci)

44 CITY OF GOD (Fernando Meirelles)

45 TAXI DRIVER (Martin Scorsese)

46 APOCALYPSE NOW (Francis Ford Coppola)

47 SALÓ, OR THE 120 DAYS OF SODOM (Pier Paolo Pasolini)

48 THE SEVENTH SEAL (Ingmar Bergma)

49 LE VOYAGE DANS LA LUNE (Georges Méliès)

50 METROPOLIS (Fritz Lang)

51 THE BATTLE OF ALGIERS (Gillo Pontecorvo)

52 IN THE MOOD FOR LOVE (Wong Kar Wai)

53 VIRIDIANA (Luis Buñuel)

54 LIFE IS BEAUTIFUL (Roberto Benigni)

55 THE SORROW AND THE PITY (Marcel Ophüls)

56 PAN’S LABYRINTH (Guillermo del Toro)

57 THE EARRINGS OF MADAME DE… (Max Ophüls)

58 BLADE RUNNER (Ridley Scott)

59 THROUGH THE OLIVE TREES (Abbas Kiarostami)

60 LES ENFANTS DU PARADIS (Marcel Carné)

61 BRINGING UP BABY (Howard Hawks)

62 SINGIN‘ IN THE RAIN (Stanley Donen)

63 JOHNNY GUITAR (Nicholas Ray)

64 A CLOCKWORK ORANGE (Stanley Kubrick)

65 MEMORIES OF UNDERDEVELOPMENT (Tomás Gutiérrez Alea)

66 M (Fritz Lang)

67 SCORPIO RISING (Kenneth Anger)

68 PSYCHO (Alfred Hitchcock)

69 DUST IN THE WIND (Hou Hsiao-Hsien)

70 SCHINDLER’S LIST (Steven Spielberg)

71 NASHVILLE (Robert Altman)

72 CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON (Ang Lee)

73 WAVELENGTH (Michael Snow)

74 JULES ET JIM (François Truffaut)

75 CHRONIQUE D’UN ÉTÉ (Edgar Morin and Jean Rouch)

76 THE LIVES OF OTHERS (Florian Henckel von Donnersmarck)

77 GREED (Erich von Stroheim)

78 SOME LIKE IT HOT (Billy Wilder)

79 JAWS (Steven Spielberg)

80 ANNIE HALL (Woody Allen)

81 THE BIRTH OF A NATION (D.W. Griffith)

82 CHUNGKING EXPRESS (Wong Kar Wai)

83 LA NOIRE DE… (Ousmane Sembene)

84 RAGING BULL (Martin Scorsese)

85 THE MALTESE FALCON (John Huston)

86 CHINATOWN (Roman Polanski)

87 ANDREI RUBLEV (Andrei Tarkovsky)

88 WINGS OF DESIRE (Wim Wenders)

89 VIDEODROME (David Cronenberg)

90 WRITTEN ON THE WIND (Douglas Sirk)

91 THE THIRD MAN (Carol Reed)

92 BLUE VELVET (David Lynch)

93 THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY (Sergio Leone)

94 BREAKING THE WAVES (Lars von Trier)

95 A NOS AMOURS (Maurice Pialat)

96 CLEO DE 5 A 7 (Agnès Varda)

97 ALL ABOUT MY MOTHER (Pedro Almodóvar)

98 EARTH (Aleksandr Dovzhenko)

99 OLDBOY (Park Chan-wook)

100 PLAYTIME (Jacques Tati)

(via)

Weihnachtsfilm-Blogathon 2010

Drüben bei Butt-kicking Babes hat Rochus Wolff vor einer Weile einen Weihnachtsfilm Blogathon gestartet. Da es viel zu wenig Blogathons im deutschsprachigen Filmblog-Bereich gibt, fand ich die Idee super, hatte aber ein Problem: Wie über Weihnachtsfilme schreiben, wenn man diese nicht bewusst guckt?
Im Hintergrund läuft vielleicht mal die Muppets-Weihnachtsgeschichte im Fernsehen oder dessen Äquivalent für die neuen Bundesländer, „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, aber die klassischen Weihnachtsfilme haben mich noch nie interessiert. Weihnachten verbinde ich v.a. mit dem familiären Ausflug in die Videothek, bei dem jedes Jahr die Filme für die Feiertage ausgesucht werden. Und die trugen im vergangenen Jahrzehnt unweihnachtliche Namen wie „The Dark Knight“, „Gladiator“ oder „Zoolander“.

Auf der verzweifelten Suche nach Inspiration habe ich schließlich meine DVD-Sammlung überflogen und bin auf einen waschechten Weihnachtsfilm gestoßen: Stirb Langsam von John McTiernan.

Bis Mitternacht läuft der Blogathon noch. Nähere Infos dazu und zur Verlosung gibt es hier.


Stirb Langsam ist ein Weihnachtsfilm, weil er am Weihnachtsabend spielt. So einfach ist das. „Stirb Langsam“ ist aber auch einer der besten Actionfilme aller Zeiten, was nicht zuletzt an der darin stattfindenden Dekonstruktion des Actionhelden der achtziger Jahre liegt. Was „Stirb Langsam“ letztendlich zu einem wirklich guten Weihnachtsfilm macht, ist, dass diese beiden Feststellungen unmittelbar miteinander verknüpft sind. Eine kurze Beweisführung an Hand der Title Sequence:

(1) Eine Anmerkung vorweg: „Stirb langsam“ ist über weite Strecken unglaublich effizient inszeniert.

(2) Das Flugzeug landet im Abendrot von L.A. Ein Fremder kommt in die Stadt. Er gehört nicht hierher, was u.a. darauf zurück zu führen ist, dass L.A. eine absurde Wahl ist, um Weihnachten zu feiern. Dazu später mehr.

(3) Der stranger in a strange land wird von Bruce Willis gespielt, ist verheiratet, leidet an Flugangst…

(4) …und arbeitet als Cop.

(5) Vielleicht für einen Kindergeburtstag,…

(6) …auf jeden Fall ein fabelhaftes Bild. Der Held mit einem riesengroßen Teddybär und einer Kippe. Er ist kein Familientyp, hat aber eine. Beziehungsprobleme tauchen am Horizont auf…

(7) …und das zu Weihnachten! Eine kleine Plansequenz im Nakatomi Plaza führt Handlungsort und -zeit ein, inkl. der Hauptdarstellerin, die gleich den Fahrstuhl verlässt…

(8) …und  – wie wir in einer einzigen Einstellung erfahren – die Ehefrau der Hauptfigur spielt. Es gibt Probleme in dieser Ehe. Das ist nun offensichtlich, auch dank des Framings, in dem die Fotos in folgender Reihenfolge gezeigt werden: zunächst die Mutter mit ihren Kindern, dann die Kinder im Porträt, dann erst die ganze Familie. Das Foto spielt später eine wichtige Rolle, denn „Stirb Langsam“ ist ein Film über zwei Eheleute, die durch eine äußere Bedrohung gezwungen werden, sich zu einander zu bekennen. Weihnachten ist schließlich das Fest der Familie!

(9) Ein ironischer Einschub mit dem Kommentar „California!“. Die wandelnde Muckibude mit Arni-Bizeps ähnelt eher den übermächtigen Terroristen als dem verletzlichen Helden. Das ist kein Zufall.

(10) Argyle hat nur eine Funktion in diesem Film: John McClane muss ihm über den Zustand seiner Ehe berichten, d.h. warum er aus New York nach L.A. gekommen ist. Da Argyle mit Ende der Exposition nutzlos geworden ist, wird er als launiges comic relief in die Tiefgarage verbannt.

(11) Der Handlungsort ist erreicht, die Title Sequence ist vorbei.

(12) Der Held wird in der Title Sequence auf ungewöhnliche Weise charakterisiert. Es geht hier nicht darum, seine Stärken zu zeigen, sondern eher im Gegenteil: Der an Flugangst leidende McClane kommt an einen Ort, an dem er (und das Weihnachtsfest) fehl am Platz ist. Das blutrote L.A. ist immerhin eine Stadt der Oberflächlichkeit, der Sünde (Koks) und der drohenden Scheidung auf Grund der Unabhängigkeit der Frau (in ihrem Job).

(13) Der Rest des Films dreht sich deshalb um die Wiederherstellung der Familie und damit des traditionellen Weihnachtsfests, ausgelöst durch  einen Impuls von außen (die Terroristen). Das gelingt. Am Ende schneit es sogar (wenn es auch nur Papierfetzen sind) und ein echtes Weihnachtslied erklingt aus dem Off. Die Familie ist (für kurze Zeit) wieder intakt und mit ihr das Weihnachtsfest.

lost.minds – catch up on everything

Ein kleines Musikvideo für die hervorragende (und nette) Band lost.minds aus Jena/Berlin. Dank Wolkenbruch und Generatorenausfall im dritten Anlauf ganz klassisch gedreht auf MiniDV mit einer Panasonic DVX-100BE und viel Ausdauer von Seiten des Hauptdarstellers. Nach dem Motto: HD ist für Pussies (oder Leute, die HD-Kameras besitzen).

Mein Dank geht an die Academy, die freundlichen Helferlein beim Dreh und Nobono-Norman, Schnittmeister und Kaffeespender vom Dienst.

Was die anderen schreiben: Inception

Inception ist zweifellos der derzeit am meisten diskutierte Film, was wohl darauf zurückzuführen  ist, dass es keine Konkurrenz gibt. Im weitgehend langweiligen Kinosommer 2010 ist der neue Nolan der leuchtende Messias unter dem Mainstream-Einheitsbrei. Unterschiedliche Meinungen zum Film wurden hier im Blog bereits gepostet. Der Kinostart liegt nun etwas mehr als zwei Wochen zurück. Es ist daher an der Zeit, einen Blick auf die Rezeption des Filmes zu werfen. Dabei sei die „etablierte Presse“ außen vor gelassen. Wer sich einen Überblick über die Einschätzungen von SZ, Zeit und Co. verschaffen will, sei auf Film-Zeit verwiesen. Hier ist zuallererst die Blogosphäre von Interesse.

Entgegen der recht eindeutigen 87%, die „Inception“ derzeit bei RottenTomatoes für sich verbuchen kann, sind die  deutschsprachigen Filmblogs* alles andere als einer Meinung. Abgesehen von den obligatorischen 10/10-Verbeugungen und den 3/10-Verrissen, wird „Inception“ auch von jenen, die Christopher Nolans Ehre verteidigen, kritisch beäugt. So bescheinigt Dr. Borstel dem Film die „rundum gute Unterhaltung“, merkt jedoch im selben Text an: „[…]Inception mag vielleicht komplex sein, seine angebliche Intelligenz suggeriert er aber bloß“. Ein ähnliches Fazit wird auch bei CineKie gezogen. Auffällig ist das häufig zu Rate gezogene Argument, für einen Blockbuster sei „Inception“ doch erstaunlich anspruchsvoll, was wiederum mehr über den derzeitigen Stand amerikanischer Filmkunst ausdrückt als über den Film selbst. Ijon Tichy, Raumpilot von Film-Rezensionen.de, sieht den Film beispielsweise als „bestmöglichste Verschmelzung“ von „Kommerz- und Autorenkino“:

Dass diese trotzdem in Scharen in die Kinos strömen und nicht gleich sofort wieder scharenweise rausgehen liegt daran, dass er den Popcorn-Zuschauer behutsam in der ersten Hälfte des Films mit seinem nicht konsequent logischen Universum vertraut macht. Danach muss jeder selbst schauen, wie mit dem Konstrukt aus Realität und Traum zurechtkommt.

Nicht nur Gratwanderung zwischen Kunst- und Kommerz ist „Inception“ für Timo K. Vielmehr verliere mit Nolans Traum-Thriller „hoffentlich der Sommer-Blockbuster seine Unschuld“. Ein „konventionell aufgebautes Heist-Movie“ sei der Film im Grunde.

Und doch gelingt es ihm aus dem Konglomerat verschiedenster Elemente und Motive anderer Werke etwas völlig Eigenwilliges zu kreieren, wo lediglich die Bedingungen gegen den Strich gebürstet werden. So wird in „Inception“ nichts gestohlen, sondern eingepflanzt, nicht in andere Länder gereist, sondern in andere Traumebenen, nicht vor der Polizei geflüchtet, sondern vor den Abwehrmechanismen des Unterbewusstseins.

Den 9/10 Punkten Timos fügt Judge noch einen hinzu. Voll des Lobes bezeichnet er den Film als „absolutes Meisterwerk“. Natürlich hat nicht jeder dermaßen positive Eindrücke aus der Kinovorstellung von Nolans neuem Hit mitgenommen. Hart ins Gericht geht Flo Lieb, was sich u.a. in den 33 Kommentaren niederschlägt, welche seine Kritik schmücken. Als einer der wenigen Blogger ist er mit DiCaprios Leistung alles andere als zufrieden, beschwert sich über dessen einseitige Mimik (endlich erkennt es einer! [subjektive Anm. d. Verf.]), die man so oder so ähnlich bereits in vielen anderen Filmen zu sehen bekam. Ausgehend von den (Nicht-)Einflüssen C.G. Jungs und Sigmund Freuds auf Nolans Traumkonstruktion, kann Flo die vielerorts gefeierte Intelligenz des Filmes nur in geringem Maße entdecken:

Allein die Tatsache, dass die Idee der Firmenauflösung direkt als solche in Fishers Unterbewusstsein etabliert wird, entfernt sich von Freud und Jung und ist ein müder Versuch anzudeuten, dass Fisher sie in die Tat umsetzen wird. Als ob jeder, der im Traum einen Wagen kauft, am nächsten Tag zum Autohändler fährt. Wären Träume so offensichtlich wie „Lös die Firma deines Vaters auf“, hätte es der Traumdeutungen von Freud und Jung überhaupt nicht bedurft. Hinzu kommt, dass obschon mit Ariadne eine Figur ausschließlich als Statthalter des Zuschauers erschaffen wird, Nolan viel erzählt, aber nichts wirklich erklärt. […] Nichts in Nolans Traumkonstruktionen hat Hand und Fuß und selbst die angebliche „reale“ Welt ist voller Unsinnigkeiten.

Anthony Capristo verweist auf einen zentralen Kritikpunkt, wenn er schreibt:

Christopher Nolans nüchterne, geradezu lieblose Bebilderung eines surrealistischen Sujets ist die visuelle Antithese zur Dialektik eines Traums. Geradezu widersprüchlich, wenn man konstatiert, dass der Brite inszenatorisch nie besser war.

In der Mehrzahl scheiden sich die Bloggergeister an Nolans Herangehensweise an Träume im allgemeinen. Verspielt der Film sein Potential, indem er die surrealen Dimensionen des Unbewussten zurückschraubt oder rechtfertigt der Plot die Notwendigkeit des Realismus? Diese Frage ebenfalls anreißend, geht Christoph Wirsching in seinem veritablen Verriss noch einen Schritt weiter und erkennt in dem Film ein „erzkonservative[s], in seinen chauvinistischen Implikationen auch durchaus fragwürdige[s] Schuld- und Sühne-Drama aus der untersten, schimmeligsten Saccharin-Schublade“.

Um eine allseits beliebte Floskel heranzuziehen: An „Inception“ scheiden sich die Geister. Ungeachtet, zu welcher Fraktion man gehört, ob man ein großes Meisterwerk zu sehen bekommen hat, einen zumindest intelligenten Blockbuster oder ein aufgeblasenes Nichts, muss man Nolan zumindest zu Gute halten, dass er etwas Schwung in die Bloggerwelt gebracht hat.

Gegen Ende dieses kurzen Überblicks seien hier ein paar Texte empfohlen, die im Spannungsfeld zwischen Interpretation und Kritik liegen und womöglich neue Einsichten in Nolans Verwirrspiel gewähren. Auf SPOILER sollte man gefasst sein:

  • „Interpretationen und Spekulationen“ von Elisabeth Maurer
  • Ein Zwiegespräch von David Bordwell und Kristin Thompson, welches sich um die Narration und Figurenzeichnung des Filmes dreht
  • „Everything you wanted to know about ‚Inception'“ findet man bei Salon.com
  • Jim Emersons Blog bietet eine wachsende Anzahl von Artikeln (und hunderten Kommentaren) zum Film, die zugleich hilfreiche Linksammlungen beherbergen
  • Über Emerson wurde ich auf einen hervorragenden Artikel aufmerksam, der „Inception“ mit der Struktur von Videospielen und „The Matrix“ vergleicht: „Inception’s Usability Problem“

*Update 16/8*

  • Doug Dibbern vergleicht „Inception“ mit Anthony Manns „The Heroes of Telemark“, der wohl Pate für die verschneite Actionsequenz im dritten Traumlevel stand.

But if I had to choose, I’d choose functionalism over frillery, restraint over ostentation, Kirk Douglas’s monumental chin over Leonardo DiCaprio’s anguished forehead, Norway over dreamscapes, and a well-told story over pop-philosophy.

*Update 01/9*

Hinter den Sieben Bergen wird „Inception“ in einer ausführlichen Kritik mit nur 55% bedacht und die Asexualität hervorgehoben, die Nolans Traumkonzept zu Grunde liegt:

Die ganze Bande schiebt klaglos über Wochen ihren trostlosen Traumagentendienst und entwickelt nicht den leisesten Anflug eines hetero-, homo- oder anderswie sexuell codierten Begehrens.
Sexuell stehen sie auf einer Stufe mit Agent Smith aus „Matrix“, einem Handlanger der Maschinen. (Das kommt ja auch hin, könnten böse Zungen behaupten, sind diese Figuren doch nichts als die konventionskompatiblen Schatten in der Matrix der amerikanischen Filmindustrie).


*Naturgemäß konnten hier nicht alle deutschsprachigen Filmblogs berücksichtigt werden. Falls sich ein Autor an einem längeren Zitat aus seinem Text stört, möge er sich bitte bei mir melden.

Für weitere Hinweise zu deutsch- oder englischsprachigen Interpretationen des Filmes wäre ich dankbar. Für unbedingt lesenswerte, aber hier fehlende Kritiken, gilt dies natürlich auch.

gelb! #8 [Sebastian Thiers]

Alles hat eine Ende, insbesondere Campus TV-Rubriken, welche von Studenten ins Leben gerufen wurden, die sich nach der Arbeitslosigkeit (lies: dem Studienende) sehnen. Auf Grund des nahenden magistri-Schicksals vor und hinter den Kulissen erreicht nun auch gelb! die unvermeidliche Zielgerade. Doch bevor wir den Löffel abgeben, gibt’s noch einmal ein besonderes Highlight. Für alle gelb!-Neulinge: In regelmäßigen Abständen haben wir (Norman von Nobono und meine Wenigkeit) seit Juni letzten Jahres Künstler aus Jena und Umgebung porträtiert. Dabei kam uns vom feingeistigen Bildhauer bis zur Metal-Band alles vor die Linse, was den Drehtermin nicht rechtzeitig absagen konnte.

Im Rahmen der achten und letzten Folge haben wir den Schauspieler Sebastian Thiers bei einer Probe besucht. Aufhänger ist das Open Air-Spektakel Die Nibelungen – Lockruf des Goldes, welches ab dem 7. Juli mehrmals auf dem Theatervorplatz in Jena zu sehen sein wird. Sebastian gibt darin den Siegfried und hat uns von seinen Werdegang und dem Alltag eines Schauspielers erzählt.

Mir bleibt nur noch, allen teilnehmenden Künstlern, dem Schnittmeister und Moderator Norman, sowie natürlich den Zuschauern zu danken! Viel Spaß mit der letzten Folge von gelb!

A video used to be embedded here but the service that it was hosted on has shut down.