Exground Shorts (1)

Eigentlich wollte ich gestern Abend „Moon“ von Duncan Jones anschauen, hauptsächlich weil alle Welt den Film so fantastisch findet und ich ihn auch so fantastisch finden möchte. Auf Grund diverser Verspätungen im Ablaufplan kam es jedoch nicht dazu. Nach der Vorstellung der Doku „Die Anwälte – Ein deutsche Geschichte“ über Otto Schily, Horst Mahler und Hans-Christian Ströbele gab es nämlich noch eine Diskussion mit der Regisseurin, in der sie u.a. berichtete, wie schwierig es war, die drei genannten Herren zur Teilnahme an dem Film zu bewegen. Allein für Schily hat sie zwei Jahre gebraucht.

Wie dem auch sei, traurig bin ich jedenfalls nicht darüber, dass mir „Moon“ entgangen ist, da „Die Anwälte“ einen überraschend tiefen Einblick in die Lebensläufe und Persönlichkeiten der drei Selbstdarsteller gibt. Als Vorfilm lief passenderweise der folgende, anscheinend bei Extra-3 entstandene, Kurzfilm mit dem Titel „Der Baader-Meinhof Komplett“.

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Exground Filmfest 2009 (1)

Die Internetflaute ist überstanden, Wiesbaden versinkt im Regen und der vierte Tag des 22. Exground Filmfests ist angebrochen. Auf vier Spielstätten verteilt, darunter die prachtvolle Caligari-Filmbühne und das gemütliche Alpha Kino, ergründen verschiedene Reihen das Weltkino der Marke „unabhängig“. Als Highlights haben sich bisher herausgestellt die Youth Days, American Independents und wie auch letztes Jahr die News from Asia. Den Länderschwerpunkt kann Schweden für sich beanspruchen.


Freitag:

I Sell the Dead (USA 2008)

Das Spielfilmdebüt von Glenn McQuaid lief ja bereits beim Fantasy Filmfest. Doch auch die zweite Sichtung ließ den Eindruck nicht verschwinden, dass es sich hier um einen mühsam auf Spielfilmlänge ausgedehnten Kurzfilm handelt. Die mit allerhand Potenzial ausgestattete Prämisse – eine Art Hammer-Horrorkomödie über zwei Leichenfledderer – wird nicht voll ausgeschöpft. Stattdessen krankt der Film an seiner espisodenhaften Struktur, dem oftmals fehlenden Timing und ermüdenden, v.a. Zeit schindenden Dialogen. Nach dem FFF war meine Haltung noch etwas positiver, wie man hier nachlesen kann.

Samstag:

Moruk / Jedem das Seine / Fliegen (D 2009)

Neues aus Deutschland heißt eine Reihe, in deren Rahmen am Samstag drei mittellange Kurzfilme gezeigt wurden, die sich alle auf sehr unterschiedliche Weise mit Deutschland als Einwanderungsland auseinandersetzen. So erzählt „Moruk“ von Serdal Karaca ausschnitthaft aus dem Leben der beiden unterschiedlichen Jungs Hakan und Murat, die unentschieden vor dem Weg in die Erwachsenenwelt stehen, unsicher darüber, ob sie überhaupt einen Schritt weiter gehen wollen. So vertreiben sie ihre Zeit mit Warten, Kiffen, Spaß haben. Ihnen dabei zuzuschauen macht ungeheuer Spaß, doch unter der witzelnden Schale der beiden steckt die Unsicherheit über das „wohin“; eine Frage, deren Antwort Regisseur Karaca subtil und ohne Zeigefinger aus seinen Schwarweißbildern herauspellt, ohne seinen Humor zu verlieren.

Weniger gelungen, weil allzu offensichtlich in seiner belehrenden Herangehensweise ist da „Jedem das Seine“, dessen Titel eigentlich schon selbsterklärend ist. Zwei Brüder werden in einem Verhöhrzimmer mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Der eine ist Polizist, der andere soll eine Frau zusammengeschlagen haben. Aus dieser Konstellation, die alle Anlagen zum Kammerspiel mitbringt, entsteht stattdessen ein groß angelegtes Drama auf kleinem Raum, das all zu viel für den Zuschauer ausbuchstabiert, ohne dass die Figuren eine für die Spielzeit angemessene Wandlung vollziehen. Hinterher ist man leider so klug als wie zuvor.

Ganz anders funktioniert da „Fliegen“, der zwanzig Minuten kürzer und mit hohem Durchschnittstempo eine einfache Episode so intensiv zu erzählen vermag, dass die Konkurrenz gelb vor Neid anlaufen sollte. Auf ihrem Dachboden versteckt darin die Studentin Sarah (Sandra Hüller) den von der Abschiebung bedrohten Dima (Jakob Matschenz). Sie braucht ihn für ein Filmprojekt über junge Ausländer, er braucht sie, weil ihm keine andere Heimat geblieben ist. In kurzer Zeit entwickelt Regisseur Piotr J. Lewandowski daraus die Miniatur einer großen Tragödie, die sich das an dieser Stelle häufig gemiedene Prädikat „besonders authentisch“ mehr als verdient hat.

Humpday (USA 2009)

Zwei heterosexuelle Kumpels wollen sich für ein Kunstporno-Festival beim Sex filmen. Was wie der Aufhänger für eine platte Komödie klingen mag, nimmt Lynn Shelton zum Anlass, einen unglaublich unterhaltsamen Film über die ungeahnte Dynamik einer Männer-Freundschaft zu zaubern, ohne den lockenden Klischees zu erliegen. Ein an der Grenze zur Perfektion wandelnder „Hangover“ für die Arthouse-Crowd. Toll.

Captain Berlin versus Hitler (D 2009)

1973 muss der erste (und letzte?) deutsche Superheld Captain Berlin gegen das wiederbelebte Gehirn Hitlers, dessen SS-Gehilfin Dr. Ilse von Blitzen (!) und den sprichwörtlich roten Dracula antreten. Genug Stoff, mit dem Jörg Buttgereit in seinem Theaterstück einen bunten Trash- und Stilmix generiert, irgendwo zwischen Theater, Film und Comic. Nach Jahren langweiliger Theater-Abfilmungen kaum zu glauben, wie viel hier aus dem Geschehen auf der Bühne gemacht wurde. Dabei werden die nachträglich hinzugefügten, deutlich von Tarantinos und Rodriguez‘ „Grindhouse“-Experiment inspirierten, Elemente nahtlos mit der Aufführung verschweißt.

Sonntag:

Forbidden Fruit (Fin 2009)

Zwei Teenager aus einer erzkonservativen christlichen Gemeinschaft gehen in die große Stadt, um das Leben kennenzulernen. Was zum belehrenden Manifest gegen die im Film gezeigte Religionsgemeinschaft hätte werden können, bleibt zwar nicht unkritisch, ist sich glücklicherweise aber der Komplexität seines Themas bewusst. Maria und Raakel werden nicht ohne weiteres in tanzende, weltoffene Teenies verwandelt. So einfach ist die Welt eben nicht. Stattdessen plagen sie Glaubenskrisen und die Erkenntnis, dass im freizügigen Leben abseits ihrer abgeschotteten Herkunft das Scheitern mit inbegriffen sein kann. Im wesentlichen ist „Forbidden Fruit“ jedoch ein Film über die Qualen und Segnungen der Pubertät und des Erwachsenwerdens, die eben jeder auf seine Weise bestreiten muss.

Below Sea Level (USA/I 2009)

Jeder hat eine Geschichte zu erzählen in „Below Sea Level“ und meistens sind es Geschichten von Schicksalsschlägen und der Herausforderung, sich hinterher wieder aufzuraffen und nicht allen ist das gelungen. Sie leben in der Wüste südöstlich von Los Angeles. Alte Busse, Campingwagen, Autos, Zelte sind ihr Zuhause in dieser menschenfeindlichen Umgebung. Vier Jahre lebte Gianfranco Rosi unter diesen Exilanten der Zivilisation und man merkt dem Film an, dass diese ein großes Vertrauen zum Regisseur gefasst haben müssen. Tag und Nacht begleitet Rosi den Alltag der Obdachlosen, deren Kampf ums Überleben man in ihren verwitterten Gesichtern ablesen kann. 129 Fuß unter dem Meeresspiegel sind ihre Unterkünfte gelegen und man kann Rosi nur dankbar sein, dass er abgetaucht ist, um ihre Geschichten einzusammeln.

Antique (ROK 2009)

„This Film is all over the place“ würde man im Englischen sagen, denn „Antique“ ist ein Musterbeispiel all dessen, was am koreanischen Kino nerven und gefallen kann. Wie eine Komödie fängt der Film über die charmanten Eskapaden in einer Konditorei an, um dann noch ein weiteres, nicht gerade nahe liegendes Genre (Tipp: es hat mit Serienkillern zu tun) mit in die knapp 110 Minuten Laufzeit zu quetschen. All das wird mit einer vor Fantasie übersprudelnden Geschwindigkeit erzählt, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben. Strange.

Kontrapunkt: Das Exground Filmfest in Wiesbaden

Nachdem ich mit meinen Kommentaren schon einige Male Spuren auf diesem Blog hinterlassen habe, hatte die Inhaberin endlich ein Einsehen und gab mir diesen Platz für meine knappen Ergüsse zu Filmen jeglicher Art. Sollten meine Gedanken über einige wenige ironische Spitzen und Bemerkungen hinaus in ausladender Kritikform gebündelt sein, werde ich sie auch weiterhin wie bisher entweder in der OFDb oder auf MovieMaze veröffentlichen, damit ich zumindest hier niemanden damit langweile.

Da wären wir auch schon bei einer kurzen Vorstellung meinerseits. 23-jähriger, eher arbeitsunwilliger Student der Medienwissenschaft mit Namen Lutz Granert, engagierter Redakteur bei einer Hochschulzeitschrift, Filmliebhaber mit Hang zum Senfdazugeben und tollkühner Subjektiv-Bewerter treffen es wohl am besten. Filme sind mein Hobby und das – so hoffe ich – wird man meinen kurzen Kritiken in Expressform auch anmerken. Wenn nicht (oder wenn ganz besonders): sagen und ich mach’s besser/schlechter.

Doch genug des Geplänkels und Vorhang auf für mein Reich im Reich von the gaffer: den Kontrapunkt.


Exground Filmfest Wiesbaden 2008

Wie auch die hiesige Blogbetreiberin ließ ich mich am vergangenen Wochenende von Freitag bis Sonntag nach Wiesbaden zum Exground Filmfest begeben. Ließ deshalb, weil ich nicht selber mit dem Auto fahren musste (danke, Christoph!).

Zwei Stunden im Stau auf der Autobahn ließen unser pünktliches Erscheinen zu Sparrow von the gaffers Regie-Liebling Johnnie To in Gefahr geraten, doch glücklicherweise schafften wir es gerade noch rechtzeitig zur – und das muss ich so undifferenziert sagen – schlicht tollen Caligari-Filmbühne; einem Kino, so wie es sein muss: groß, geräumig, viel Platz, Einrichtungs-Augenschmaus. Die eher gewöhnungsbedürftige Wiesbadener Einbahnstraßen-Manie in der Innenstadt vermochte es – neben des Beinaheausbruchs von Gehirnkrebs beim Mitsingen extrem mäßiger Popsongs zuvor – auch nicht, uns davon abzuhalten.

Sparrow (HK 2008):

Charmante Hongkonger Gauner-Romantikkomödie mit einer sehr brutalen Entgleisung in der sonst eher konventionellen Inszenierung, die jedoch aufgrund der physischen Folgen für die Protagonisten (Gipsverbände) als humoristisches Highlight herhält. Eine schön mit Zeitlupen stilisierte Trickdiebe-Duellszene im Regen lenkt davon ab, dass man alles in allem zwar solide, aber nicht überragende Unterhaltung präsentiert bekommt.

Nach dem Ende dieses Films schlossen sich etwa morgens halb 1 genau 13 Kurzfilme an, von denen mir folgende im Gedächtnis geblieben sind:

Plot Point: Interessanter Experimentalfilm um die Wirkung, die beklemmende Musik u.a. aus Michael Manns „Heat“ auf eine Großstadtszenerie von New York und deren belebte Innenstadt ausüben kann. Originell, mutig, aber auch letztendlich etwas fragwürdig.

Dreams and Desires – Family Ties: Ganz nett animierter, aber in Sachen Inhalt und Humorverständnis grottiger Animationsfilm um eine Frau mit Digitalkamera auf einer Hochzeit. Nicht der schlechteste Film aller Zeiten, aber das auch nur, weil es noch Uwe Boll gibt und man in einer Sequenz sieht, wie ein Hund kackt, was evident für das Niveau dieser Beleidigung aus dem Vereinigten Königreich für den westeuropäischen Verstand ist.

Kwiz: Ein bei einer Lauflänge von 5 Minuten ziemlich prägnanter belgischer Kurzfilm, der seine Idee eines Klassik-Klingelton-Erraten-Duells im Wartezimmer zwischen zwei Frauen konsequent fortführt und gleichsam mit einer beachtenswerten Eskalationslogik, die ironisch gebrochen wird, zum Schmunzeln anregt. Auf das Nötigste beschränkt, ist Kwiz nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Essenz, die für eine brillante Kurz-Komödie benötigt wird: Zwei skurrile Figuren, eine tolle Idee und eine hochgradig köstliche Pointe.

Lightborne (Alumbramiento): Sehr intensiver und deswegen verstörender spanischer Film um eine Todkranke und den Umgang von deren Nachkommen mit dieser Situation. Tief bewegend, buchstäblich todernst, toll gespielt, bleischwer und anspruchsvoll, aber am Ende leider etwas planlos.

Nach einigen weiteren, aber nicht so deutlich im Gedächtnis gebliebenen Kurzfilmen, zu denen ich das ein oder andere überteuerte Bier aus der Kino-Bar genoss, ging es morgens gegen halb 4 noch zum Dönermann um die Ecke, wo wir noch diverse türkische Spezialitäten in unsere knurrenden Mägen hineinstopften, bis schließlich kurz vor 5 in unserem Einzel-Hotelzimmer, welches wir – Schlafsäcke machten es möglich – zu viert bewohnten, die Lichter ausgingen.

Kurzes Innehalten, Nachtruhe.

Nächster Morgen, will heißen Mittag, Samstag: Aufstehen, Frühstücken im „Café Extrablatt“ und dann nach kurzer Stadtbesichtigung wieder ins Kino. Dieses Mal zu The King of Ping Pong.

The King of Ping Pong (S 2008):

Eine wirklich sehr eigenwillige, um nicht zu sagen seltsame – ja wie soll man das nennen? – Adoleszenzdramödie, die mit stets unheilvoller, übermäßig dramatischer Musikuntermalung verstört und mit einem Nichts an Handlung irritiert. Es geht irgendwie um einen etwas beleibteren Jugendlichen (ja, Erinnerungen an die eigene Kindheit werden wach), der mit seiner familiären und schulischen Situation nicht zurechtkommt. Nur im Ping Pong hat er etwas drauf… Bin dann irgendwann im Kino eingepennt (nur 4 Stunden Schlaf in der Nacht machten sich bemerkbar), fand diesen sperrigen, aber narrativ hoch interessanten, zuweilen auch etwas langweiligen Film aus Schweden aber trotzdem irgendwie faszinierend.

20.00 Uhr schloss sich eine Kurzfilmsichtung der etwas anderen Art an: „A Wall is a Screen“. Naja, the gaffer höchstselbst (verdammter Chef!) hat ja schon alles dazu gesagt.

Es schloss sich um 22.15 Uhr die Dokumenatation 9to5 – Days in Porn vom deutschen Filmemacher Jens Hoffmann an, der zwar etwas oberflächlich, aber auch sehr interessant geriet, wobei ich an dieser Stelle mal ganz selbstlos auf meine  ausführliche Kritik dazu verweisen möchte. Nach Filmende schloss sich eine sehr aufschlussreiche, aber durch unzählige Fragen auch ermüdende Diskussion mit Jens Hoffmann und Produzentin Cleonice Comino an, in welcher die Probleme bei der Finanzierung des Films ebenso wie der Produktionsprozess erläutert worden.

Mit einer halbstündigen Verspätung und ewigem DVD-Verlosungs-Gehader (also etwas Punkt 1 Uhr morgens) schloss sich dann eine extrem krasse japanische Trash-Granate namens The Machine Girl an.

The Machine Girl (USA/J 2008):

Extrem brutaler und blutiger Splatter-Spaß, bei dem mit Blut-Fontänen nicht gespart wurde. Die Dialoge sind dünn, die Hauptfigur – der nach der Ermordung ihres Bruders von den gleichen bösen Typen der Arm abgehackt wurde – auch und der Film unterhielt mit seinen unverblümten Hang zum Trash. Das Gegröle der Menge hinter mir im Caligari-Kinosaal hielt mich während der durchaus vorhandenen ruhigeren Szenen vom Einnicken ab.

Gegen 3 war dann aber auch (endlich) Schluss und es ging ab in die Schlafsack-Heia, in der ich einmal mehr nicht wirklich gut und lange schlafen konnte. Am nächsten Tag ging´s dann zum Mittagsfrühstück erst in den Starbucks (verdammte Schleichwerbung) und dann wiederum zum Dönermann unseres Vertrauens. Die Rückfahrt verlief mit Ausnahme einer defekten Sprühanlage (oder wie heißt das Ding?) an der Frontscheibe des Autos und gewagten Experimenten mit Wasserflaschen, die als Ersatz bei 120 darauf entleert wurden, ohne Zwischenfälle.

Fazit: Ziemlich geiles Festival, gerne wieder, aber irgendwie ist Einiges an Geld dabei draufgegangen. Ja, the gaffer wird jetzt sagen, dass ich nur meckern kann. Endlich bin ich zwecks eines Filmfestes mal aus Jena herausgekommen, obwohl Cellu l’art, das hiesige Kurzfilmfestival hier noch mal in aller Form gelobhudelt werden darf!


Zum Weiterlesen:

Ein weiterer Festivalbericht von the gaffer.

Schlaflos in Wiesbaden

ExgroundMit dem Lupo gings aus dem beschaulichen Jena ins hessische Wiesbaden, um wenigstens das letzte Festivalwochenende des 21. Exground Filmfests abzupassen. Das hieß sechs Stunden Arbeit, danach rund drei Stunden (geplante) Fahrzeit in die hessische Landeshauptstadt, um den Rest des Tages voll auszunutzen.

Der befürchtete Winterausbruch blieb der Running Joke, verschneite Straßen die Ausnahme. Da fuhren wir nun mit dem Winterchaos im Hinterkopf, freuten uns über die Ruhe auf der Autobahn, sahen aus der Ferne schon die Skyline Frankfurts.

Und das Auto blieb stehen. Geschlagene zwei Stunden hielten Kekse und eine Summer of Love-Kassette uns Cineasten über Wasser, wenn nicht gerade ein abgestandener „Deine Mutter“-Witz die Zeit versüßte. Das Ziel: Endlich Einchecken im Hotel, 22:15 Uhr Sparrow von Jonnie To im Caligari anschauen.

Nach zwei Stunden Stehparty schienen alle Hoffnungen auf rechtzeitige Ankunft und den Kinobesuch zerstört, als das Auto doch noch zu rollen begann, der Horizont nicht mehr durch den ewig gleichen knallgelben Reisebus beschnitten wurde.

Weiter ging es im Eiltempo, bis sich Wiesbaden schließlich als Einbahnstraßenhölle offenbarte und der Lupo samt Insassen einigermaßen verwirrt durch die Innenstadt kurvte, jede nur denkbare Verkehrsregel aus purer Verzweiflung missachtend. Einzig die Liebe zum Kino war Schuld. Und womöglich auch der Wunsch nach einer warmen Unterkunft, um den tauben Beinen etwas Bewegung zu verschaffen.

Dann war es plötzlich da, das Hotel, ohne Navi, ohne ordentlichen Stadtplan, ungeachtet aller Steine, welche die Straßenverkehrsordnung uns in den Weg gelegt hatte. Nach fünf Stunden Unbeweglichkeit und unzähligen mitgesungenen, quälenden Popsongs standen wir vor der Caligari Filmbühne. Anstatt uns – wieder jeder normale Mensch – erst einmal etwas zu essen zu holen, reichte ein Bierchen, um die nächsten vier Stunden im Kino zu überstehen.

Einen Johnnie To-Film im Kinos zu sehen, selbst wenn es nicht sein bester ist, lässt alle Beschwerden verschwinden. KinoSparrow, diese federleichte Gaunerkomödie, die in einer Welt ohne Sorgen zu existieren scheint, genossen wir in einem angenehm weichen Kinosessel mit ungeahnter Beinfreiheit, so dass sich am Ende die Mühe gelohnt hatte und die absolute Zufriedenheit Einzug hielt.

Wie das Kinoerlebnis einmal war vor dem Aufkommen der Uniformität der Multiplexe, dieses Flair vermittelt das Caligari. Es war der perfekte Ort für das Exground Filmfest, dass vom 14.11. bis zum 23.11 seinen 21. Geburtstag feierte. Neben dem Schwerpunktthema Spanien bot die ehrenamtlich agierende Festivalorganisation u.a. die Reihe „News from Asia“, eine Auswahl an Dokumentationen und die „Youth Days“.

Auch dem Kurzfilm wurde reichlich Platz eingeräumt, schließlich sollte am Sonntag die Preisverleihung des Deutschen Kurzfilmwettbewerbes stattfinden. Einen  Überblick über das aktuelle europäische Geschehen bot der im Anschluss von Sparrow gezeigte Programmblock Short Matters. Dreizehn Filme, alle 2007 für den europäischen Kurzfilmpreis nominiert, wurden hier präsentiert. Das hieß, skurrile Momente der Sprachverwirrung in Tokyo Jim wechselten sich mit einigermaßen prätentiösem Getue in Dad ab.

Die Highlights: Simon Ellis‘ Soft, 14 eindringliche Minuten über die außer Rand und Band geratende Jugend Großbritanniens und einen Vater, der seinem gepiesackten Sohn die eigene Schwäche eingestehen muss; Tommy von Ole Giaver, in dem sich eine zufällige Wanderbegegnung zum unangenehmen Psychospiel wandelt und Plot Point. Nicolas Provosts Experimentalfilm ist zunächst etwas langatmig, bis man hinter das Konzept steigt. Dokumentaraufnahmen von New Yorks Nachtleben werden durch einige clever gesetzte Soundeffekte und spannende Musik ergänzt. Aus den alltäglichen Bildern ensteht plötzlich die bedrohliche Atmosphäre eines Thrillers und wider besseren Wissens erwartet man eine Katastrophe.

Eduardo Chapero-Jacksons Alumbramiento versammelte schließlich die Qualität eines ganzen Spielfilms in nur 15 Minuten. Der Gewinner des europäischen Filmpreises für den besten Kurzfilme erzählte mit Hilfe überragender Schauspieler vom Sterben und den Belastungen, welche die Angehörigen auf sich nehmen.

Nach einer kurzen Nacht auf dem harten Boden des Hotelzimmers – der Nachteil, wenn man nur für eine Person bucht – und dem Irrweg durch die Innenstadt auf der Suche nach einer Sparkasse – der Nachteil, wenn man aus den Neuen Bundesländern kommt – hieß es am Samstag, den schwedischen Film The King of Ping Pong anzuschauen.

Jens Jonssons Genremix aus Jugendrama, Thriller und schrulliger Komödie wusste in jeder Hinsicht zu überraschen. Auch wenn der titelgebende Sport im Film etwas zu kurz kommt, konnten v.a. die Jungschauspieler sich gegen die überstilisierte, unterkühlte Kulisse behaupten und dem Film lebensechte Gefühle einhauchen.

Abends wurde die Innenstadt Wiesbadens zum Kinosaal umfunktioniert. Das Hamburger Projekt A Wall Is A Screen lud zur Wanderung von einem an die Häuserwände projizierten Kurzfilm zum nächsten durch die Stadt ein. Abgesehen von der Eiseskälte ein einzigartiges Erlebnis, bei dem der öffentliche Raum z.T. in direkter Beziehung zum gezeigten Film stand. So wurde Cows With Guns nicht zufällig neben einem McDonalds-Restaurant gezeigt, zum Vergnügen aller Zuschauer.

Die Rückkehr in den warmen Kinosaal verhieß kurz vor Elf eine Doku über die Pornoindustrie in den USA. Kein Wunder also, dass der Saal zur Vorstellung von 9 to 5: Days in Porn gut gefüllt war. Im Nachhinein kam der Film von Jens Hoffmann nicht über einen sporadischen Überblick mit einigen komischen Episoden hinaus. Zu viele Akteure – neun Darsteller, Regisseure und Produzenten – ließen den kritischen Tiefgang und damit neue Erkenntnisse vermissen.

Tiefschürfende Erkenntnisse oder auch nur eine sinnvolle Story ließ der letzte Film des Abends ganz vermissen, aber das war bei dem herrlichen japanischen Trashfilm The Machine Girl auch nicht anders zu erwarten gewesen.

FutterNachdem ihr Bruder von einer Yakuza-Gang ermordet wurde, schwört die Schülerin Ami Rache. Zum Machine Girl wird sie, als sie an Stelle ihres Armes ein Maschinengewehr erhält.

Splatterorgien sind da natürlich vorprogrammiert. Regisseur Noboru Iguchi scheint sich irgendwann mal Kill Bill angesehen zu haben, um sich dann hinter her zu sagen, dass er da noch eins drauf setzen kann.

Peinlich gekleidete Killerbanden, die ein wenig den Power Rangers ähneln, stellen sich naturgemäß Ami in den Weg, um von ihr auf blutigste und witzigste Weise ins Jenseits geschickt zu werden. The Machine Girl ist ein origineller Trashfilm, wie man sich ihn nur wünschen kann. Als Abschluss der zwei Festivaltage entließ der den Fan des Genres mit einem Lächeln in die kalte Winternacht.

Die Filmauswahl des Festivals erwies sich im Nachhinein als voller Erfolg für die Zuschauer. Qualitative Dichte und thematische Abwechslung lassen das Exground Filmfest zur absoluten Empfehlung für jeden Cineasten werden, der abseits des amerikanischen Mainstreams sein Lichtspielglück sucht. Dem können ein quälender Stau  und der akute Schlafmangel schlicht nichts anhaben.


Zum Weiterlesen:

 

Ein Erfahrungsbericht zum Festival von Luzifus.

Cows With Guns

Gestern noch an Wiesbadener Häuserwände projiziert, heute als Flashvideo auf the gaffer: Cows With Guns. Das Lied stammt von Dana Lyons, die Animation von Bjorn-Magne Stuestol. Mehr zum Exground Filmfest ’08 gibt es in den nächsten Tagen hier zu lesen.

Bis dahin… Anschauen und mitsingen!

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