Wollmilchcast #50 – Fantasy Filmfest & Venedig 2018

Andrew Garfield in Under the Silver Lake

Die Filmfestspiele von Venedig sind vorbei, Toronto läuft noch und in Deutschland zieht das Fantasy Filmfest durch die Lande. Im 50. Wollmilchcast sprechen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich über ausgewählte Filme des FFF und aus dem Programm von Venedig. Zur Sprache kommen Climax von Gaspar Noé, Under the Silver Lake von David Robert Mitchell und die deutsche Entdeckung Luz von Tilmann Singer. Matthias stellt An Evening with Beverly Luff Linn von Greasy Strangler-Regisseur Jim Hosking vor, mit Aubrey Plaza in der Hauptrolle. Aus Venedig berichte ich über Überdosen Weizenmehl, außerdem Dragged Across Concrete von S. Craig Zahler und American Dharma, in dem Errol Morris den selbsternannten rechten Populisten Steve Bannon interviewt. Viel Spaß!(?)
Shownotes:



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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)
Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: Weltkino

Trailer für The Amazing Spider-Man von Mark Webb

Erst tauchte der Trailer als Bootleg-Version im Netz auf, jetzt gibt es dank Movie-List eine offizielle Version in besserer Qualität. The Amazing Spider-Man kommt zwar erst im Juli 2012 in den USA in die Kinos, aber wegen der anstehenden Comic-Con gibt es jetzt schon den längeren Trailer für den Film. Daran ist auch nichts auszusetzen, sind weitgehend nichtssagende Teaser wie jener für „The Dark Knight Rises“ auf Dauer doch etwas langweilig.

Regie führt Mark Webb (500 Days of Summer). Peter Parker wird von Andrew Garfield gespielt, neben dem Emma Stone, Rhys Ifans, Irrfan Khan, Martin Sheen und Sally Field zu sehen sein werden. Wenn ich einen vermisse, dann ist es J.K. Simmons. Der Trailer für The Amazing Spider-Man deutet die bodenständige Herangehensweise dieses Reboots an, wobei zu hoffen ist, dass hier keine Nolan-Hommage auf uns zu rollt.

(via The Film Stage)

The Social Network (USA 2010)

Justin Timberlake hat die dankbarste Rolle in The Social Network. Als Napster-Erfinder Sean Parker stolziert er herum wie ein Paradiesvogel im grauen Programmierer-Alltag. Ein Lebemann ist er, den man nur einmal ansehen muss, um zu wissen, warum es ihm nach Ruhm und Reichtum giert. Parker schleppt die Frauen reihenweise ab. Selbst wenn er pleite ist, geht er noch in die teuersten Clubs. Zum Größenwahn gesellen sich bei ihm ganz traditionell Paranoia, Drogen, Exzesse aller Art. Sean Parker ist damit das genaue Gegenteil von Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg). Ebenso wie Eduardo Saverin (Andrew Garfield), die Winklevoss-Brüder (Armie Hammer x2) und wohl noch viele andere wird Parker auf der Strecke bleiben. Überholt von einem, dessen Motive komplexer sind, dessen Sättigungsgrad selbst nach Ende der 120 Minuten nicht in Sichtweite ist. Mark Zuckerberg kommt nicht aus prestigeträchtigem Hause wie die Zwillinge Winklevoss, er ist weder so umgänglich wie Eduardo Savarin, noch so exzentrisch wie Parker. Auf den ersten Blick steht einem da ein leeres Blatt Papier gegenüber, mit einem eigensinnigen Blick, ja, aber einer emotionslosen Fassade. Googelt man Bilder des realen Mr. Zuckerberg sieht man immer dieses breit grinsende Jungengesicht, welches sich problemlos in die eigene Freundesliste einreihen könnte. In David Finchers „Facebook-Film“ wird man von diesem verschont. Auf eine Freundschaft mit Zuckerberg möchte man danach im Übrigen verzichten.

Doch Freundschaft ist relativ, darauf verweist schon die Tagline von „The Social Network“. 500 Millionen Freunde – das ist eine Zahl, die den Wahn der Freundschaftseinladungen, der allseitigen Vernetzung mit Grundschulantagonisten, Grüßbekanntschaften und tausende von Meilen entfernten Berühmtheiten überspitzt. Ich habe dreihundert Freunde, aber sie dreihundertfünfzig, er vierhundert und Mark, der Mark hat Fünfhundertmillionen – und gleichzeitig keinen einzigen am Ende des Tages, am Ende des Aufstieges, der Gerichtsprozesse, des Vermögenswertes von 6,9 Milliarden Dollar. Das macht 13,8 Dollar pro Facebook-User, keine große Zahl für einen Menschen. Wer trauert schon 13,8 Dollar nach oder – umgerechnet – rund 10 Euro. 10 Euro kann man verschmerzen. Verrechnet man nun Zuckerbergs reale Sozialkontakte in „The Social Network“ mit ihrem derzeitigen Facebook-Wert, kommt man auf einen Verlust – innerhalb von 120 Minuten Laufzeit/ein paar Jahren (nur die „engen Freunde“) – von unter hundert Dollar. Das ist nichts.

Geld aber ist nicht der Antrieb von Zuckerberg. So wenig man der äußeren Erscheinung von Bill Gates die Milliarden anmerkt, so wenig ist das beim Facebook-Gründer der Fall. Zuckerberg sehnt sich nach Aufmerksamkeit, aber nicht die von der menschlichen Sorte. Es ist die abstrakte Variante, die welche durch „Beziehungen“ entsteht, nicht in Beziehungen. Letztere sind schließlich viel zu kompliziert und verlangen ein Mindestmaß an Empathie. Deswegen will er in einen der Final Clubs in Harvard. Deswegen ersetzt in der ersten Szene des Films, der ersten und finalen Verletzung, im Rosebud-Moment sozusagen, deswegen ersetzt in diesem Moment, als sich seine Freundin von ihm im Streit trennt, der Wunsch nach „Beziehungen“ vollständig den nach Beziehungen.

Zwei Szenen eröffnen „The Social Network“ und bereiten auf das vor, was da kommen möge, beinhalten bereits alle wichtigen Elemente der charakterlichen Entwicklung und ihrer formalen wie inhaltlichen Ausgestaltung. Mark sitzt mit seiner Freundin in einem Pub. Das Dialogfeuer beginnt, welches erst kurz vor Ende des Films verstummen wird. Es geht um die Final Clubs und darum, dass selbst dieser Tisch im Pub „Beziehungen“ zu verdanken ist. In wenigen Minuten werden Marks Prioritäten offenbar, die ihn blind gegenüber den Gefühlen anderer werden lassen. Doch andererseits: Häufig scheint er zu blinzeln, scheint er das emotionale Trampeltier absichtlich hervorgeholt zu haben, um dem tiefbeleidigten Trotz eines Fünfjährigen freien Lauf zu lassen. Dann die Titelsequenz: eine unspektakuläre eigentlich. Mark läuft abends über den Havard-Campus nach Hause. Seine Freundin hat gerade mit ihm Schluss gemacht. Er ist ganz allein unter all den Kommilitonen. Mittendrin und doch nur dabei. Mark geht nach Hause, um den ersten Schritt in Richtung Facebook zu tun und am Ende des Weges werden all die Leute, an denen er unbehelligt vorbei gegangen ist, die ihn keines Blickes gewürdigt haben, wohl in seiner Freundesliste stehen. Die Frage, die David Fincher und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin aufwerfen, ist ganz einfach: Wird die 500-Millionen-Freundesliste den abendlichen Weg nach Hause weniger einsam machen?

„The Social Network“ ist vieles, aber am wenigsten verdient er den Titel „Facebook-Film“. Mit „Citizen Kane“ wird er schon verglichen, der auch vielmehr als nur ein William Randolph Hearst-Film ist. So tief in die Filmgeschichte soll hier nicht gegriffen werden. Nur kurz: Kane ist Sean Parker ähnlicher als Mark Zuckerberg. Zurück zu Fincher: „The Social Network“ zeigt seinen Regisseur in bisher ungekannter Zurückhaltung. Nur wenige Spielereien blitzen hier und da auf, bei einem Ruderwettkampf etwa, stattdessen hat sich Fincher dem Drehbuch verschrieben. Und was für ein Drehbuch das ist! Drei Zeitebenen – die Entwicklung von Facebook parallelisiert mit zwei späteren Prozessen gegen das Mastermind dahinter – unvermittelt, allerdings virtuos zusammengeschnitten. Eine Vielzahl von Figuren quasselt zwei Stunden lang höchst pointiert über Rechtslagen, Harvard-Interna und Algorithmen. Dazu der minimalistische Trent Reznor-Sound, so unterkühlt wie der Protagonist, so leer wie die hedonistisch vor sich hin feiernde Generation in den Final Clubs und den Discos der 00er Jahre. Denn „The Social Network“ ist nicht der „Facebook-Film“, „The Social Network“ ist ein Bild der Zeit und Mark Zuckerberg ein Produkt derselben. Mark Zuckerberg ist modern, Sean Parker längst ein verstaubter Klassiker.

Trailer: The Social Network

Der überambitionierte „Benjamin Button“ war eine große Enttäuschung, doch David Fincher lässt sich davon nicht einschüchtern. Auf einer ähnlichen Ebene, was die Ambitionen betrifft, wagt er sich nun an die Geschichte des sozialen Netzwerkes Facebook. Mehr noch als der leicht durchwachsene erste Trailer, sprechen jedoch Cast und Crew für den Film. Jesse Eisenberg gibt den Mitbegründer Mark Zuckerberg, der neue Spiderman Andrew Garfield („Red Riding“) seinen Konkurrenten. Justin Timberlake und Joseph Mazzello sind ebenfalls dabei. The Social Network startet in Deutschland am 7. Oktober. Die Zielgruppe besteht grob geschätzt aus 400 Millionen UsernMenschen. Interessant wird sicherlich, die Frage, ob und wie Finchers Ästhetik durch sein Thema beeinflusst wird.

Bis dahin kann man sich schon mal den Trailer ansehen oder das hervorragende Teaser Poster.

Yorkshire Noir

Straßenbahnen sind schon etwas schönes. Wenn sich nicht gerade die studentische Masse darin gegenseitig zu zerquetschen versucht. Doch zurück zum Thema: Straßenbahnen sind etwas schönes, weil sie einem die Gelegenheit bieten, Dinge zu tun, zu denen man im Trubel des Alltags manchmal keine Zeit findet. Anderen Menschen auf die Füße treten beispielsweise oder in (relativer) Ruhe ein Buch lesen. Mit letzterem überbrücke ich tagtäglich die 15 Minuten vom Trabantenviertel in die Innenstadt und dieser Gewohnheit ist es auch zu verdanken, dass ich David Peace‘ Krimi „1974“ gestern zu Ende gelesen habe. Um es kurz zusammenzufassen: Da braucht man keinen Kaffee mehr. „1974“ ist der erste Teil des „Red Riding“-Quartetts, mit dem Peace das Subgenre des Yorkshire Noir in der Literatur begründet hat und ja, nachdem Lesegenuss wird einem jede Romantisierung des englischen Nordens ausgetrieben, was u.a. an der ausufernden Gewalt und der vollkommenen Abwesenheit von Identifikationsfiguren liegt. Yorkshire, das suggeriert Peace, ist ein Höllenloch, in dem die Polizei korrupt, die Journalisten egoistische Trinker und die Reichen perverse Sadisten sind. Peace‘ Romane mögen nicht gerade der Stoff für gemütliche Fernsehabende sein, doch das hat den britischen Sender Channel 4 nicht davon abgehalten, das Quartett – zur Trilogie gerafft – zu verfilmen. 19741980 und 1983 heißen die Filme. Inszeniert wurden sie von drei renommierten Regisseuren, einer davon Oscarpreisträger James Marsh („Man on Wire“). Vor der Kamera sind Veteranen wie Paddy Considine, David Morrissey und Sean Bean zu sehen. Andrew Garfield („Boy A“) gibt im ersten Teil den jungen Journalisten Eddie, der hinter einigen Fällen vermisster Kinder eine große Story wittert.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel noch: Die Filmtrilogie ist in UK bereits auf DVD erschienen und hat zahlreiche gute Kritiken gesammelt. Nachdem die Filme bei ein paar Festivals für Furore sorgten, wurde sofort ein amerikanisches Remake angekündigt, Ridley Scott soll als Regisseur, Steven Zaillian als Drehbuchautor dahinter stehen. Während Kenner der Story sich also darüber wundern, wie ein Spielfilm diese spezifisch (nord-)englische Geschichte ins Hollywood-Gewand verwandeln soll, kann man unten den Trailer für das Original betrachten.

(via)

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