The Knick – Method and Madness (USA 2014)

The Knick
(c) Cinemax

„It seems we are still lacking.“

Das Pumpen. Das Sprudeln. Das leise Quietschen des Absauggeräts, wenn in The Knick der zweite Patient vorgeführt wird. Verebbt das digitale Dröhnen von Cliff Martinez‘ Score, erobern sehr zeitgenössische, analoge Geräusche die Tonspur, eben das Pumpen, das hastige Kurbeln, welches eins, zwei, drei Gläser Blut aus dem Körper leitet. 100 Sekunden ziehen vorbei, das Skalpell führt den Kaiserschnitt aus, Hände wühlen im Bauch der Schwangeren, und immer wird gekurbelt, gesaugt, angetrieben, werden Plätze getauscht, vorgegebene Positionen eingenommen, ein durchchoreographierter Heist am Körper, der aller Übung zum Trotz schiefgeht. Zum zwölften Mal.

Der erste Patient in The Knick heißt John W. Thackery. Dem Vernehmen nach wurde er durch  William Stewart Halsted inspiriert. Halsted, einer der Gründungsprofessoren des Johns Hopkins Hospitals, wurde durch anästhetische Experimente mit Kokain suchtkrank. In The Knick wird die Trope des „kranken Mediziners“ ebenfalls, aber im Detail abweichend, durch die Verheißung neuer Erkenntnisse hergeleitet. Da lockt Mentor J.M. Christiansen seinen Lehrling aus dem seligen Schlaf. Thackery folgt Christiansen und der Ampulle Kokain in die Nacht, verspricht ihm der Zaubertrank doch übermenschliche Kräfte.

Entsprechend kokettiert die erste Szene der Episode mit dem Gegensatz des göttlichen Weißes der Schuhe und des höllischen Rots der Opiumhöhle. „Your god always wins“, schmettert Thackery den Trauernden entgegen, nachdem der zwölfte Eingriff daneben gegangen ist und eine Kugel Christiansen die Lebenslichter ausgehaucht hat. Am liebsten möchte man Camus bemühen, wenn der Arzt zwischen Methode und Wahnsinn als Sysyphos gezeichnet wird, der seine Schlacht im chirurgischen Amphitheater im vollen Bewusstsein der schließlichen Niederlage antritt. „We live in a time of endless possibility“: Auch die Götter in Weiß liegen in The Knick in Ketten, nur lassen die Glieder nach jedem gelungenen Eingriff ein bisschen mehr Spielraum zu.

The Knick
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Abgegriffene Genremotive bilden das Fundament der ersten Episode von The Knick, und vielleicht wäre dieser Pilot in den Händen eines anderen Teams zu Emergency Room: The Early Days geworden (nicht dass dies notwendigerweise etwas Schlechtes wäre). Die Nonne als antagonistische Veteranin des selbstzerstörerischen Einzelgängers im eigenen Krankenbett, der dem Jungspund an seinem ersten Tag herablassend begegnet: Plotelemente, die andere Krankenhausserien zur Genüge abgegrast haben.

Im Prinzip stehen Arzt und Serie mit dem einen von Nadeln zerstochenen Fuß in der alten Welt voller Gaslampen, Pferdewagen und soapiger Figuren-Schablonen; mit dem anderen im Schein elektrischen Lichts, umgeben von Straßenbahnen und geleitet von der dokumentarischen Fixierung auf Abläufe. Seinem Wesen nach ein Medical Drama auf einem Premium-Kabelkanal, hat The Knick in dieser ersten Folge dann doch mehr gemeinsam mit Steven Soderberghs Che-Zweiteiler, The Girlfriend Experience und dem themenverwandten Contagion als mit St. Elsewhere, Chicago Hope und House.

The Knick
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An der Seite von Thackery, dem pragmatischen Revolutionär im New Yorker Knickerbocker Hospital, beobachtet die Kamera in den besten Szenen Puzzleteile, die zu einer Ahnung von der irritierenden Gleichzeitigkeit zweier Epochen verleiten. Handschuhe trugen die Entdecker am OP-Tisch schon vorher, auf den ersten schwarzen Arzt mussten New Yorker Krankenhäuser weitere 20 Jahre warten. Die vier Ziffern zu Beginn von The Knick suggerieren einen stabilen zeitlichen Kontext, der bereits von den ersten Tönen des Scores aufgeweicht wird.

Wiederholt ergeben sich in der Episode Schwellenmomente, in denen ein im Vergehen begriffenes Zeitalter und ein vordrängendes ineinander übergehen, etwa bei den gleichermaßen fortschrittlichen wie altertümlich groben Prozeduren im Operationssaal oder dem kurzen, beiderseitigen Innehalten, als Algernon Edwards im Kohlekeller an einem schwarzen Arbeiter vorbeigeht.

The Knick
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Dass sich The Knick nahtlos ins jüngere Kinowerk des Frührentners fügt, mag auch Cliff Martinez, Howard Cummings (Production Designer), Larry Blake (Sound Editor) und anderen zu verdanken sein, allesamt langjährige Weggefährten des Regisseurs, Kameramanns und Editors Steven Soderbergh. Wie in Contagion wird mit jeder Fokusverschiebung die Haut – schwitzig und rot, faulig und entzündet oder müde und ledern – abgetastet. Weniger pedantisch als in Che, wo jeder Huster und jeder Handschlag das Tagwerk des Guerilleros beschrieb, aber mit dem gleichen Impetus wird der „Zirkus“ erkundet.

Oder die Kamera verlässt das Hospital und spürt der Patientenverwertungskette nach: von den ausgebeuteten Einwanderern zum korrupten Gesundheitsinspektor über die Baseball schwingende Ambulanz, runter zum Kohleverkäufer und mit dem Superintendent des Hospitals wieder hinauf zu dessen um Defizite besorgte Gönner. Nicht nur das digitale Brummen lässt The Knick aus der tröstenden Distanz eines Period Pieces herausfallen.

The Knick
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Duplicity (USA/D 2009)

Tony Gilroy ist fraglos der Filmemacher des Zeitalters der Wirtschaftskrise. Fasziniert ist er von abstrakten Mächten, gegen deren unsichtbare Strukturen der Einzelne sich verzweifelt zu erwehren versucht. So hat Gilroy nach diesem Muster den Anwaltsfilm á la John Grisham ad absurdum geführt („Im Auftrag des Teufels“, Drehbuch) und den Agentenfilm grundrenoviert (die drei „Bourne“-Filme, Drehbuch). Mit seiner ersten Regiearbeit setzte er schließlich der Abstumpfung des modernen Großstadtmenschen mit überdurchschnittlichem Einkommen ein Denkmal („Michael Clayton“). Dabei sind Gilroys Helden keineswegs Idealisten, die für ihre Prinzipien gegen die Übermacht in den Kampf ziehen wie David gegen Goliath. Kevin Lomax, Jason Bourne und Michael Clayton sind Mittäter, willfährige Rädchen im Getriebe unmoralischer Gefüge, deren Verästelungen in Gänze zu überblicken, aussichtslos erscheint. Irgendwann erreichen diese Figuren ihren breaking point, doch bis dahin schließt die Liste der Missetaten diese Männer eigentlich schon von der Thronbesteigung zum Helden Hollywood’scher Prägung aus. Duplicity, Gilroys zweite Regiearbeit, ist nun ohne Zweifel seine reduzierteste Modulation des corporate heroes, welcher sich dem Konzern (/dem Geheimdienst/der Kanzlei…) – seinem beruflichem Heim – widersetzt und zu dessen Stolperstein werden will.

„Duplicity“ entbehrt jeder Unterscheidung zwischen Moral und Amoralität und ist in seiner Haltung am ehesten vergleichbar mit Soderberghs „Ocean’s“-Filmen, vor allem Dingen deren dritten Teil. Denn wie in den Gaunerkomödien auch ist in Gilroys Zweitling alles nur ein Spiel. Ray (Clive Owen) und Claire (Julia Roberts) heißen die Spieler, die zwei Konzerne hinters Licht führen und mit Millionen davonkommen wollen. Dabei handelt es sich nicht um böse Kapitalisten, welche den armen kleinen Bürgern unrechtmäßig das Geld aus der Tasche ziehen und nun ihr Fett wegkriegen. Nein, die Sache ist um einiges komplizierter; oder viel einfacher. Die Frage, womit Equikrom und Burkett & Randle nun genau ihr Geld verdienen, besitzt allenfalls den Status eines running gags. Sanitärprodukte, Windeln und Lotionen vielleicht, doch wen interessiert das überhaupt? Wer kann in den heutigen Zeiten noch die vielfältigen Einsatzgebiete solcher privatwirtschaftlichen Mächte durchschauen? Niemand. Das scheint sich Gilroy gedacht zu haben und schrieb einen Agentenfilm, in dem nichtssagende Konzerne die Staatsmacht ersetzt haben, welche einander ausgeklügelte Kriege mit Hilfe von ultrageheimen Abteilungen für Produktspionage liefern. Claire und Ray stecken da mittendrin. Eigentlich müssten sie die James Bonds und Jason Bournes des Filmes sein, doch dafür fehlt eine entscheidende Zutat: Man kann es vielleicht als Relevanz bezeichnen. Der Beruf, den Claire und Ray ausüben ist letztendlich ohne jede Bedeutung. Zumindest wenn man ihn nach konventionellen Maßstäben der Narration von Agentenfilmen beurteilt. Die beiden sind schließlich weder in den Kampf von Gut gegen Böse verstrickt, noch müssen sie ihre eigene Haut retten.

Claire und Ray könnten ihre Jobs bis ans Lebensende ausführen; ein ums andere Mal von ihren Kindern und Kindeskindern gefragt werden, was sie da eigentlich genau tun; ein ums andere Mal dieselbe Antwort geben; ein ums andere Mal verwirrte Blicke als Reaktion erhalten. Claire und Ray sind keine Astronauten, Feuerwehrmänner oder -frauen. Sie sind eben keine Helden, denn in der hübschen Hochglanz-Urbanität, in der sich „Duplicity“ abspielt, gibt es keine Helden. Selbst Agenten sind zu demystifizierten Wesen geworden, deren  komplizierte Pläne, High Tech-Gadgets und Versteckspiele sich ewig im Kreis drehen. Sie und damit auch Claire und Ray und Equikrom und Burkett & Randle drehen sich um ein einziges, großes Nichts; eine überteuerte Verhaltenstherapie, um die Stunden zu füllen, deren konkreter Wert aber irgendwann einmal verloren gegangen ist. Tony Gilroy beschreibt das Spiel der großen Konzerne als Perpetuum Mobile, das beständig in der Ecke vor sich hin tuckert, während das wahre Leben sich irgendwo anders abspielt. Ein lächerliches Spiel ist das also und Claire und Ray stecken, wie gesagt, mittendrin. Auch wenn sie denken, sie seien schlauer als alle anderen.

10 Jahre // 15 Favoriten (3)

Im letzten Teil meines Dekaden-Specials geht’s etwas mainstreamiger (lies: amerikanischer) zu, als in den anderen beiden. Wer sich einen Überblick verschaffen will über die Konkurrenz, kann sich meine MyMovies Liste der gesehenen Filme bei der IMDb ansehen, die natürlich allerdings nicht vollständig ist. Was hat die Zusammenstellung der Liste mir gebracht? Vor allem eine Konfrontation mit all den Filmen, die ich noch nicht gesehen habe. Die von Apichatpong Weerasethakul („Syndromes and a Century“) und den Gebrüdern Dardenne („Lornas Schweigen“) beispielsweise. Aber gerade deswegen macht man Listen, liest die Listen anderer Leute und diskutiert darüber.


Children of Men (J/USA/GB 2005)

Die besten Dystopien erschüttern uns in Mark und Bein, zeichnen das Bild einer Zukunft, die wir keinesfalls erleben wollen und verweisen so auf die gefährlichen Wurzeln, welche dafür in der Gegenwart gelegt werden. In einem mit einigen Dystopien versehenen Jahrzehnt, stellte Alfonso Cuaróns „Children of Men“ zweifellos den Höhepunkt dar. Denn keiner der anderen Genre-Beiträge wie „V wie Vendetta“ oder „Equilibrium“ vermochte es, eine vergleichbare Verzweiflung und Aussichtslosigkeit angesichts der Zustände in unserer Zukunft zu suggerieren. Dabei bedient sich Cuarón in erster Linie nicht einmal bei dem bekannten Motiv des Überwachungsstaates, wie es so viele andere seit Samjatins „Wir“ getan haben. Nichts weniger als das drohende Aussterben der Menschheit hat die Gesellschaft in ein Chaos gestürzt, wie es nur durch das latente Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Daseins entstehen kann. Wenn nach uns nichts mehr kommt, warum noch dem Handeln Grenzen setzen? Terroristen jeder Couleur, ein drohender Aufstand im Inneren und ein rücksichtsloser Polizeistaat am Rande des Kollaps… Vor dem Hintergrund dieser Kulisse fällt es ausgerechnet dem resignierten Theo (Clive Owen) zu, das schwach glimmende Licht er Hoffnung vor dem Verlöschen zu bewahren.

Die allseitige Bedrohung in dieser Welt, in der keine Kinder mehr geboren werden, setzt Cuarón mit beachtlicher Selbstsicherheit bei der Wahl der stilistischen Mittel (u.a. die berühmten Plansequenzen) um, ohne der Gefahr zu erliegen, sich in selbstverliebten Spielereien zu sulen.

Ratatouille (USA 2007)

Gut zu essen, das ist eine wunderbare Angelegenheit. Die komplexe Gewürz-mischung einer Sauce auf der Zunge zergehen lassen. Die Geschmacks-explosionen im Gaumen nachverfolgen, genießen, ihre Ingredienzen erahnen. Wenn der Widerstreit scheinbar nicht kombinierbarer Sinneseindrücke im Mund beigelegt, der Genießende eines besseren belehrt wird, findet dieser sich schon bald im siebten Himmel wieder. Gutes Essen gehört zu den schönen Seiten des Lebens und der Akt des (liebevollen) Kochens übrigens auch. Nicht die sklavische Verehrung von Rezepten, sondern die instinktive Mischung, die abwegigen Eingebungen. Deswegen ist Kochen die vergänglichste aller Künste und seine Freuden – sowohl auf Seiten des Künstlers als auch des Konsumenten – unheimlich schwer medial ausdrückbar. Zumindest solange es kein Geruchs-/Geschmackskino gibt. Dass nun ausgerechnet Pixar einer der besten Filme über das Thema gelungen ist, kann aus heutiger Sicht kaum überraschen. Die können ja so gut wie alles. Wenn es um die Aufnahme in Bestenlisten geht, hatte „Ratatouille“ in den letzten zehn Jahren viel Konkurrenz aus dem eigenen Stall. „Wall-E“ mag (anfänglich) radikaler sein, „Die Unglaublichen“ bieten mehr Unterhaltung und „Oben“ ist ein einziger Stich ins Herz. Doch „Ratatouille“ ragt mit einer nahezu perfekten und v.a. gleichmäßig hochwertigen Erzählung heraus und kreiert aus einfachen Zutaten eine unerwartete Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Kunst für Mensch und Ratte. Classical Hollywood Cinema eben, wie es kaum noch zu finden ist. Hauptsächlich aber macht „Ratatouille“ eines: Appetit.

Zodiac (USA 2007)

Die Urkatastrophe des Serienkiller-Motivs ist bekanntlich Jack the Ripper und was hat ihn dazu gemacht? Nicht die Brutalität. Nicht die Kaltblütigkeit. Nicht die Opfer. Nicht der Ort. Whitechapel gehört zu den Zutaten genau wie die Prostituierten, die ihm zum Opfer gefallen sind, doch Jack the Ripper ist aus einem einzigen Grund zum Mythos geworden: Bis heute ist seine Identität unklar, denn er wurde nie gefasst. Darin gleicht ihm der Zodiac-Killer, dessen Verfolgung David Fincher seinen zweiten Ausflug in das Genre widmet. Hinzu kommen die Briefe und mit ihnen die seltsame Symbiose zwischen Killer und Presse, die problematische Kanonisierung der Opfer und damit letztlich die Ungewissheit. Gab es den Zodiac-Killer überhaupt? War es ein Täter, waren es mehrere? Fragen über Fragen, die Robert Graysmiths (Jake Gyllenhaal) Obsession füttern. Der Karikaturist und spätere Buchautor bewegt sich zunächst an der Peripherie der Ereignisse, müssten die eigentlichen Helden des Serienkillerfilms in diesem Fall doch der Inspektor David Toschi (Mark Ruffalo) oder der waghalsige Journalist Paul Avery (Robert Downey Jr.) sein. Graysmith avanciert jedoch bald zum Pendant all jener Ripperologen, deren Suche nach dem Mörder auch die Zeit nichts anhaben konnte. Das Genre auf seine Wurzeln zurückführend, zeichnet Fincher gleichzeitig ein stellenweise erschütterndes Bild der Taten und ihrer Auswirkungen auf San Francisco. Weniger reißerisch als viele Genrebeiträge (auch sein eigener „Sieben“), aber dafür eben ganz nah. Ein einfaches Picknick am See wird danach nie wieder dasselbe sein.

Che – Revolución & Guerilla (F/E/USA 2008)

Wäre „Ocean’s Eleven“ ein ernsthafter Arthouse-Film, würde er wahrscheinlich so ähnlich aussehen wie „Che“. Ein Film über professionelle Räuber, der von der Zusammenstellung des Teams bis zum Gelingen des Coups jeden Schritt minutiös nachzeichnet, eben weil Soderbergh, der Analytiker, dafür verantwortlich zeichnet. Was also war zu erwarten, als sich der Mann mit der abwechslungsreichen Filmografie daran machte, Che Guevara auf der Leinwand zu begegnen? Kein Biopic, denn „Che“ gehört  nicht zur „Erin Brokovich“-Sorte, sondern  entspringt vielmehr dem augenscheinlich entfremdenden „The Good German“-Soderbergh, der die Marketingabteilung des jeweiligen Studios gerne vor unlösbare Aufgaben stellt. Zum Ausklang eines Jahrzehnts, das von einem ganzen Biopic-Hype überfallen wurde, stellte sich Soderbergh gegen den Strom und lieferte statt der Aufarbeitung des Lebens einer Legende die Analyse zweier revolutionärer Kämpfe. Damit ist „Che“ eine der ungewöhnlichsten Annäherungsweisen an eine historische Persönlichkeit, da der filmische Doppelschlag sich der klassischen Narrativisierung des Lebensweges widersetzt. Es ist wohl einer der abgeklärtesten Blicke auf eine Legende, den man in Filmform finden kann. „In seinem Zweiteiler wühlt sich Soderbergh durch die Barrieren, welche die Mythenbildung mit sich bringt, um eine vielleicht nicht neue, aber vormals verschüttete Sicht auf Guevara zu gewähren. Er nähert sich dem Selbstbild eines Soldaten an, eines argentinischen Arztes, der in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Revolutionär wurde und als solcher 1967 in Bolivien starb. „Guerilla“ beweist, dass Soderbergh der perfekte Regisseur für diesen Job ist.“

Inglourious Basterds (USA/D 2009)

Mein persönliches Kinoereignis des Jahres. Nicht nur wegen Christoph Waltz und Mélanie Laurent. Nicht nur wegen des „Es war einmal…“ und der Konsequenz, mit der Quentin Tarantino diese Idee bis zum Ende führt. Nicht nur wegen großartiger Bilder, wie dem in Flammen aufgehenden Riesengesicht, der Aschenputtel-Szene und den zwei Männern, die sich in einer Holzhütte gegenüber sitzen und reden. Was als Nazi-Klopperei in den Trailern verkauft wurde, entpuppt sich als Tarantinos bei weitem ehrgeizigstes Projekt. In jeder Sequenz, jeder Einstellung spürt man seine Ambition, ein Werk epischer Proportionen auf die Leinwand zu bannen und es ist ihm gelungen. „Inglourious Basterds“ beweist, dass sich der einstige Posterboy der Postmoderne längst in eigenen Sphären mit einem unüberschaubaren System der (Selbst-)Referenzialität bewegt. Tarantinos Sprache – seine narrativen und metaphorischen Codes – ist das Kino und wo andere seiner Werke sich in Richtung semiotischer Spielereien, deren Strukturen interessanter sind, als die vermeintlichen Lebewesen, die sie verkörperten, bewegten, ist „Inglourious Basterds“ nicht „nur“ ein Film, sondern totales Kino geworden. Eines, das Gehirn ebenso anspricht wie das Herz. Ein wunderbares Werk, das dem amerikanischen und italienischen Western ebenso viel zu verdanken hat, wie der BRD-Trilogie Fassbinders und damit mal eben kinematografisch den Atlantik zu überspannen weiß.

Frame: Dir gehört die Zukunft

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Ausgerechnet in einer heruntergekommenen Schule finden sie Unterkunft. Ein kleines Reh hat sich in das verstaubte, von der Zeit vergessene Innere verirrt, verschwindet wie die Jugend, die mit „Baby Diego“ zu Beginn sprichwörtlich gestorben ist. Durch das zerbrochene Fenster* der Blick auf die letzte Hoffnung. Die Scherben fokussieren ihn, trennen zugleich die menschlichen und sächlichen Überreste der grauen Vergangenheit, trennen Theo und Miriam von der Hoffnung, die im Sonnenlicht auf einer seit Jahren unbenutzten Schaukel erstrahlt.

Theo und Miriam werden die Ruinen im Grunde nie verlassen, sie bleiben Teil der Nacht, der Dunkelheit, welche nicht einfach über die Gesellschaft gekommen ist, sie wurde von ihr zur Tür herein gebeten. Die Frage, ob es einen Morgen gibt für die Menschheit, stellt der dystopische Film. Ein Blick aus dem Fenster gibt die Antwort: Ja.

Frame: Children of Men (USA/GB/J 2006); Regie: Alfonso Cuarón


*Alfono Cuarón hegt eine ziemlich offensichtliche Vorliebe für Fenstersymbolik und pflegt diese sogar in Blockbusterware wie „Harry Potter und der Gefangene von Azkaban“.

Trailer: Duplicity

A.O. Scott hat den neuen Film von Tony Gilroy („Michael Clayton“) neulich mit einer ziemlich positiven Kritik geehrt und auch wenn die NY Times-Kritiken oft genug streitbar sind, verheißen seine lobenden Worte doch genau das, was auch der Trailer verspricht: „However you describe it, “Duplicity” is superior entertainment, the most elegantly pleasurable movie of its kind to come around in a very long time.“

Clive Owen spielt übrigens auch mit. Das reicht mir ehrlich gesagt als Grund für den Kinobesuch, auch wenn der Film wahrscheinlich ohne todbringende Möhre auskommen wird. Dafür sind „Shoot ‚Em Up“- Bösewicht Paul Giamatti und „I am Shiva, the god of death „- Tom Wilkinson mit von der Partie. Und Julia Roberts.

„Duplicity“ startet am 26. März in Deutschland. Den Trailer gibt’s in verschiedenen Ausführungen auch bei MovieMaze.

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