Wollmilchcast #37 – Unsane und die Filme von Steven Soderbergh

Unsane Poster-Motiv mit Claire Foy

Der medizinisch-industrielle Komplex lässt Steven Soderbergh einfach nicht los. In Unsane (a.k.a. dem „iPhone-Thriller“) schickt er Claire Foy in die Fänge eines Stalkers und einer privaten Klinik. Matthias von Das Filmfeuilleton und ich nehmen den Low Budget-Film zum Anlass, um auf die Experimentierfreude in der Karriere des Regisseurs zurückzublicken. Wir fragen uns, ob Soderbergh als Auteur taugt, streiten über den vergessenen dritten Teil der Ocean’s Trilogie und stellen zum Schluss unsere Top 5 der besten Filme von Steven Soderbergh zusammen. Viel Spaß!
Shownotes:

  • 00:00:50 – Unsane (!Spoiler!)
  • 00:38:50 – Die experimentelle Dauerkrise des Steven Soderbergh
  • 01:10:00 – Unser Top 5 der besten Filme des Steven Soderbergh
  • 01:36:20 – Verabschiedung

Hört euch die neue Wollmilchcast-Folge an:
Bei Audiomack oder hier im Blog:

@Beeeblebrox
@gafferlein
Der Wollmilchcast als Feed und bei iTunes.


 
 

Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)
Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: 20th Century Fox

A funny thing happened on the way to the Top Ten 2011

Film Top Ten 2011

Etwas verspätet kommt der folgende kleine Jahresrückblick schon. Einmal mehr habe ich zu wenige Filme in den letzten zwölf Monaten gesehen, insbesondere wenn es um jene mit deutschem Kinostart zwischen dem 1.01.2011 und dem 31.12.2011 geht. Im Rahmen des großen Jahresrückblicks der moviepilot-Redaktion habe ich bereits meine Top 7 der Filme unters Volk gebracht, die letztes Jahr einen deutschen Kino- oder DVD-Start hatten. Da ich an dieser Stelle nicht doppelt moppeln möchte, gibt es unten eine Liste meiner liebsten Filme 2011, inklusive Kinostarts, Festivalpremieren und vorteilhaften PVs. Der Einheitlichkeit halber, werden alle Filme unter ihren englischen Titeln geführt. Viel Spaß beim Stöbern und auf mehr Filme im neuen Jahr!

PS.: Wer Angst vor Überraschungen hat, kann sich meinen Jahresrückblick 2012 durchlesen.

Meine 7 Lieblingsszenen 2011:

– George Smiley steht in einem leeren Raum, wartet auf Besuch, lutscht ein Minzbonbon in Tinker Tailor Soldier Spy.

– Ein Affe spricht sein erstes Wort in Rise of the Planet of the Apes.

– Zwei Männer stehen in einer Warteschlange, einer hebt etwas auf und gibt es dem anderen in Contagion

– Captain Haddock  erzählt in der Wüste von einem feuchten Abenteuer seines Vorfahren in Die Abenteuer von Tim und Struppi.

– Eine Überblendung vereint Sterne und Erde in Dad.

– Der Urknall in der Interpretation von Terrence Malick in The Tree of Life.

– Ein einzelner Baum, mitten in der Steppe in Meek’s Cutoff.

Die 5 besten Filme, die ich 2011 zum ersten Mal gesehen habe:

Uncle Boonmee who can recall his past lives

Imitation of Life

Wild Grass

The Blade

Buchanan Rides Alone

Meine Entdeckung des Jahres:

Satoshi Kon

Der Trailer des Jahres:

Prometheus/The Girl With The Dragon Tattoo

Die Enttäuschung des Jahres:

Meine Giallo-Retrospektive. Der nächste Versuch vielleicht in zehn Jahren.

Meine persönliche Top Ten des Jahres 2011:

10 Hanna

09 The Tree of Life

08 Vampire

07 The Day He Arrives

06 Fenster zum Sommer

05 Drive

04 Contagion

03 Meek’s Cutoff

02 Tinker Tailor Soldier Spy

01 The Turin Horse

Contagion (USA/UAE 2011)

Contagion Poster

Am Anfang steht der Betrug. Ein Telefongespräch am Flughafen, bevor Beth (Gwyneth Paltrow) ins Flugzeug steigt, um zu ihrem Ehemann Mitch (Matt Damon) zurück zu kehren und eine tödliche Krankheit in ihr Heim zu tragen. Es ist einer dieser typischen Soderbergh-Momente, der es gleich zu Beginn erschwert, den leichten Weg zu wählen. Es ist einer von vielen in Contagion, einem Virenthriller samt Star-Ensemble, welcher das von Krämpfen verzerrte Gesicht von Gwyneth Paltrow dazu nutzt, um eines von vornherein klar zu stellen: Alles ist möglich. War in Wolfgang Petersens „Outbreak“ das Star-Gesicht des Dustin Hoffman noch die letzte Zuflucht des Zuschauers, die sichere Bank im totalen Chaos, das beruhigende „Alles wird gut“, instrumentalisiert Steven Soderbergh seine Paltrows, Damons, Winslets etc., um das zu tun, was er am besten kann: den Zuschauern den Boden unter den Füßen wegzureißen. Typisch für den Regisseur ist jedoch auch die Besonnenheit, welche Contagion vor dem Abdriften in dystopischen Survival-Horror bewahrt, der sich für gewöhnlich aus lauter Einfallslosigkeit in den Pessimismus flüchtet. Contagion analysiert, wie Gesellschaft in der Krise funktioniert oder eben nicht funktioniert und macht dabei keine Gefangenen.

Spätestens seit dem brillanten „Che“-Zweiteiler zeigt sich Soderberghs Filmografie fasziniert von alltäglichen Ritualen als Kit, der Gemeinschaften und Individuen beisammen hält. Da war der Revolutionär, der seine neuen Unterstützer einzeln mit Handschlag begrüßt, immer und immer wieder und ganz ähnlich seinem eigenen „Job“ nachgeht, nämlich zu revolutionieren, um des Revolutionierens willen, immer und immer wieder, wie auch Matt Damon pathologisch Geschichten erzählt in „Der Informant“ und Sasha Grey ihre Kunden mit der „Girlfriend Experience“ versorgt. Contagion greift jene Motive auf und färbt die Rituale gewissermaßen ein, damit sie unter dem Mikroskop der Kamera stärker hervortreten, nur eben nicht rot oder blau, sondern mit einem Virus. So bekommt nach der mit Zuckungen am Boden liegenden Paltrow jeder Handschlag, jede hilfreiche Geste eine negative Konnotation. „Contagion“ interessiert sich mit vielen pointiert eingesetzten Detailaufnahmen dafür, was passiert, wenn der Kit zur Bedrohung verkommt, wenn Individuen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Dabei wird die Zerrüttung des gesellschaftlichen Zusammenhalts geruhsam und Schritt für Schritt verfolgt, vom ersten Handyvideo eines Sterbenden bis hin zu Hamsterkäufen, Massenpaniken und Gewaltverbrechen.

Der Soderbergh’sche Heldentypus der vorangegangenen Werke findet hier seine Entsprechung in den Figuren von Laurence Fishburne, Kate Winslet und Jennifer Ehle. Fisburne mit seinem Dr. Cheever gibt den ruhigen Vertreter der amerikanischen Gesundheitsbehörde, so einen Unbestechlichen, den man sich in alle bürokratischen Instanzen wünscht, wenn es darauf ankommt. Selbiges gilt für Winslets Figur, die von Ausbruchsort zu Ausbruchsort reist, ohne dass sie oder der Film große Reden über ihr Engagement schwingen. Es ist ihr Job und sie macht ihn. Dr. Ally Hextall (Jennifer Ehle) wiederum erforscht das Virus mit wissenschaftlicher Leidenschaft im Labor. Hier zeigt sich Soderberghs dokumentarisches Auge am deutlichsten und schönsten, wenn er etwa selbstvergessen beobachtet, wie die Laboranzüge aufgeblasen und sonstige Schutzmaßnahmen vorbereitet werden.

Verteilt über den ganzen Globus und mit einem ungewöhnlich großen, weil gleichberechtigtem Ensemble verfolgt Contagion den Ausbruch und die Eskalation einer fiktiven Pandämie, ohne sich dabei auch nur einen Moment zu verzetteln. Zwar entpuppt sich nicht jeder Handlungsstrang als vollends gelungen. Jener von Marion Cotillards WHO-Vertreterin gerät in der zweiten Hälfte so überflüssig, dass der Film selbst ihn vergisst. Dennoch ist Contagion ein ungemein stark kontrollierter Film über den Kontrollverlust und eine der rationalsten Auseinandersetzungen mit der Hysterie, die man überhaupt im Kino zu Gesicht bekommen kann. Zudem werden geschickt die kleinen Tragödien in der Großen verwoben, so dass das menschliche Element innerhalb der gesellschaftlichen Krise nicht zu kurz kommt. Am Ende – so die These – ist es schließlich das kleine, das alltägliche Ritual, das unsere Welt im Innersten zusammenhält.


Zum Weiterlesen:
Übersicht der Kritiken für Contagion bei Film-Zeit.de.

Trailer für Contagion von Steven Soderbergh

Einen Doppelschlag hat Steven Soderbergh in den nächsten Monaten für uns vorbereitet. Neben seinem Actionthriller Haywire, dessen Artwork ich vor einer Weile gepostet habe, kommt auch Contagion in die Kinos. Dessen beeindruckende Besetzungsliste habe ich der Einfachheit halber von Twitch kopiert: Matt Damon, Marion Cotillard, Kate Winslet, Gwyneth Paltrow, Bryan Cranston, Jude Law, Laurence Fishburne, Jennifer Ehle, John Hawkes, Elliott Gould und Demetri Martin. Sogar Keith Mars spielt mit! Contagion läuft zur besten Viren-, äh, Kinozeit in den deutschen Lichtspielhäusern an, nämlich am 24. Dezember. „Haywire“ folgt zumindest in den USA im Januar.