Contagion (USA/UAE 2011)

Contagion Poster

Am Anfang steht der Betrug. Ein Telefongespräch am Flughafen, bevor Beth (Gwyneth Paltrow) ins Flugzeug steigt, um zu ihrem Ehemann Mitch (Matt Damon) zurück zu kehren und eine tödliche Krankheit in ihr Heim zu tragen. Es ist einer dieser typischen Soderbergh-Momente, der es gleich zu Beginn erschwert, den leichten Weg zu wählen. Es ist einer von vielen in Contagion, einem Virenthriller samt Star-Ensemble, welcher das von Krämpfen verzerrte Gesicht von Gwyneth Paltrow dazu nutzt, um eines von vornherein klar zu stellen: Alles ist möglich. War in Wolfgang Petersens „Outbreak“ das Star-Gesicht des Dustin Hoffman noch die letzte Zuflucht des Zuschauers, die sichere Bank im totalen Chaos, das beruhigende „Alles wird gut“, instrumentalisiert Steven Soderbergh seine Paltrows, Damons, Winslets etc., um das zu tun, was er am besten kann: den Zuschauern den Boden unter den Füßen wegzureißen. Typisch für den Regisseur ist jedoch auch die Besonnenheit, welche Contagion vor dem Abdriften in dystopischen Survival-Horror bewahrt, der sich für gewöhnlich aus lauter Einfallslosigkeit in den Pessimismus flüchtet. Contagion analysiert, wie Gesellschaft in der Krise funktioniert oder eben nicht funktioniert und macht dabei keine Gefangenen.

Spätestens seit dem brillanten „Che“-Zweiteiler zeigt sich Soderberghs Filmografie fasziniert von alltäglichen Ritualen als Kit, der Gemeinschaften und Individuen beisammen hält. Da war der Revolutionär, der seine neuen Unterstützer einzeln mit Handschlag begrüßt, immer und immer wieder und ganz ähnlich seinem eigenen „Job“ nachgeht, nämlich zu revolutionieren, um des Revolutionierens willen, immer und immer wieder, wie auch Matt Damon pathologisch Geschichten erzählt in „Der Informant“ und Sasha Grey ihre Kunden mit der „Girlfriend Experience“ versorgt. Contagion greift jene Motive auf und färbt die Rituale gewissermaßen ein, damit sie unter dem Mikroskop der Kamera stärker hervortreten, nur eben nicht rot oder blau, sondern mit einem Virus. So bekommt nach der mit Zuckungen am Boden liegenden Paltrow jeder Handschlag, jede hilfreiche Geste eine negative Konnotation. „Contagion“ interessiert sich mit vielen pointiert eingesetzten Detailaufnahmen dafür, was passiert, wenn der Kit zur Bedrohung verkommt, wenn Individuen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Dabei wird die Zerrüttung des gesellschaftlichen Zusammenhalts geruhsam und Schritt für Schritt verfolgt, vom ersten Handyvideo eines Sterbenden bis hin zu Hamsterkäufen, Massenpaniken und Gewaltverbrechen.

Der Soderbergh’sche Heldentypus der vorangegangenen Werke findet hier seine Entsprechung in den Figuren von Laurence Fishburne, Kate Winslet und Jennifer Ehle. Fisburne mit seinem Dr. Cheever gibt den ruhigen Vertreter der amerikanischen Gesundheitsbehörde, so einen Unbestechlichen, den man sich in alle bürokratischen Instanzen wünscht, wenn es darauf ankommt. Selbiges gilt für Winslets Figur, die von Ausbruchsort zu Ausbruchsort reist, ohne dass sie oder der Film große Reden über ihr Engagement schwingen. Es ist ihr Job und sie macht ihn. Dr. Ally Hextall (Jennifer Ehle) wiederum erforscht das Virus mit wissenschaftlicher Leidenschaft im Labor. Hier zeigt sich Soderberghs dokumentarisches Auge am deutlichsten und schönsten, wenn er etwa selbstvergessen beobachtet, wie die Laboranzüge aufgeblasen und sonstige Schutzmaßnahmen vorbereitet werden.

Verteilt über den ganzen Globus und mit einem ungewöhnlich großen, weil gleichberechtigtem Ensemble verfolgt Contagion den Ausbruch und die Eskalation einer fiktiven Pandämie, ohne sich dabei auch nur einen Moment zu verzetteln. Zwar entpuppt sich nicht jeder Handlungsstrang als vollends gelungen. Jener von Marion Cotillards WHO-Vertreterin gerät in der zweiten Hälfte so überflüssig, dass der Film selbst ihn vergisst. Dennoch ist Contagion ein ungemein stark kontrollierter Film über den Kontrollverlust und eine der rationalsten Auseinandersetzungen mit der Hysterie, die man überhaupt im Kino zu Gesicht bekommen kann. Zudem werden geschickt die kleinen Tragödien in der Großen verwoben, so dass das menschliche Element innerhalb der gesellschaftlichen Krise nicht zu kurz kommt. Am Ende – so die These – ist es schließlich das kleine, das alltägliche Ritual, das unsere Welt im Innersten zusammenhält.


Zum Weiterlesen:

Übersicht der Kritiken für Contagion bei Film-Zeit.de.

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Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

5 Antworten auf „Contagion (USA/UAE 2011)“

  1. Hört sich soweit sehr interessant an – wenn man bedenkt dass ich von dem Film im Vorfeld irgendwie gar nichts mitbekommen habe. Schein aber kein „typischer“ Virenthriller zu sein, die mich nämlich in der Regel gar nicht so reizen.

  2. @Xander:
    Soderbergh und „typisch“ schließt sich schon mal gegenseitig aus.

    Mich interessiert der Film auch nach dem für meinen Geschmack etwas zu reißerischem Trailer sehr. Nicht um der Rituale willen (mich würde – btw – mal diese Beobachtung hinsichtlich der Durchdeklinierung an anderen Soderbergh-Filmen als „Che“ interessieren), sondern weil ich insbesondere Soderbergh einen innovativen Zugang zum Thema zutraue.

  3. Ich habe „Contagion“ ziemlich enttäuschend gefunden (höchstens 2,5 von 5 Sternen)

    Für einen Katastrophenfilm ist er viel zu lahm.
    Für einen „Virenthriller“ baut er so gut wie keine Spannung auf.
    Für ein potentiell echtes Familiendrama ist der Film viel zu unfokussiert (viel zu viele überflüssige Nebenfiguren).
    Für ein charakterzentriertes Drama sind die Figuren viel zu hohl.
    Kann sein, dass der Film tatsächlich eine Studie über „alltägliche Rituale als Kit des gesellschaftlichen Zusammenhalts“ ist, aber selbst diese Spur verfolgt „Contagion“ nicht wirklich konsequent. In diesem Fall gehe ich außerdem lieber in die Soziologie-Abteilung der nächsten Unibibo als ins Kino.

    Ich verlange ja nicht von Soderbergh, dass er eine „Schublade“ wählt, aber als Zuschauer hatte ich das Gefühl, dass er nicht weiß, wohin er eigentlich gehen will. Eine „Schwerpunktsetzung“ hätte ich mir auf jeden Fall gewünscht.
    Der Handlungsstrang mit Marion Cotillard zum Beispiel führt tatsächlich nirgendwo hin (und verschenkt damit viel zu viel Filmzeit). Auch der Handlungsstrang mit dem „Blogger-als-verkappter-Teaparty-Aktivist“ (Jude Law) ist größtenteils überflüssig und kaum gewinnbringend.

    SPOILER SPOILER SPOILER – ANFANG

    Auch Kate Winslets Figur scheint überhaupt keine Funktion zu haben, abgesehen von: „Guckt her, ich habe den Mut, noch eine weitere Figur sterben zu lassen!“.

    SPOILER SPOILER SPOILER – ENDE

    Überhaupt ist Soderbergh kurz vor Drehbeginn anscheinend im Supermarkt auf das Schnäppchen „3 Filmfiguren zum Preis von 1“ gestoßen und hat genug eingekauft, um damit eine 15-episodige Serie zu füllen. In einem solchen Format hätte er die ganzen Handlungsstränge auch ruhiger und viel gemächlicher angehen können.

    Außerdem gibt es Momente, in denen Soderbergh anscheinend dem Medium Film nicht traut: wenn Kate Winslet sich über eine Minute (zwei Minuten) lang mit Stift an das Whiteboard stellen muss, um mit Schaubildern zu erklären, wie sich das Virus ausbreitet, dann wird aus einem Kinofilm ein Lehrvortrag. Auch die ganzen Zwischentitel (Tag soundsoviel, Stadt X mit soundsoviel Einwohnern, Stadt X ohne Einwohnerzahl, Behörde Z in X) irritieren irgendwann und zeugen von einer gewissen Hilflosigkeit, Sachverhalte mit nur mit dem Medium Film darzustellen.

    Letzteres ist insofern schade, als dass der Film viele kleine sehr starke Momente hat, die mit ökonomischen Mitteln große Wirkung erzeugen. Nur durch die Bewegung der Kamera verfolgen wir in einer der Eingangssequenzen den (eigentlich unsichtbaren) Weg der Viren und werden im Gegensatz zu den noch ahnungslosen Figuren in einen paranoiden Zustand versetzt: noch nie sah ein Touchpad so dermaßen bedrohlich aus! Solcher Momente gibt es einige im Film, doch sie dauern leider meist nicht lange und ergeben selbst zusammenaddiert kein Ganzes.
    Und auch wenn viele Figuren überflüssig sind: das Schauspielerensemble ist großartig. Es hat richtig Spaß gemacht, den Darstellungen Fishburnes und Winslets zu sehen, besonders auch in gemeinsamen Szenen!

    Was ebenfalls für den Film spricht:
    Auf jeden Fall ist meine Soderbergh-Neugier grundsätzlich geweckt. Nach der Sichtung von „Out of Sight“ gestern (4 von 5 Sternen) habe gemerkt, dass er tatsächlich mehr kann als Remakes und Sequels von Remakes und Sequels von Sequels von Remakes zu drehen. Heute noch „Kafka“, morgen dann die ganze Welt ;-)

    Was auch für den Film spricht zum zweiten:
    Vielleicht schreibe ich soviel, weil es der erste Film aus der Rubrik „Kritik“ ist, den ich seit meiner Mitarbeit beim Blog überhaupt kenne. Vielleicht bereue ich es aber auch im Nachhinein, dass ich keinen „Diary of the Dave – 24/10/2011“ verfasst habe. Aber vielleicht liegt es auch daran: ich mag den Film nicht, aber offensichtlich ist er mir trotzdem nicht egal!

  4. Der Film hat mich so gar nicht gejuckt, da ich, obschon ich die lügenden Sex-Videos sehr mochte (und auch diesen einzigen erträglichen J.Lo-Film), von Soderbergh nicht sonderlich viel halte (was er sich primär natürlich seiner grausigen Casino-Heists verdankt). Zwar kannte ich bereits die komplette Handlung, aber da der Film durchweg positiv rezipiert wurde bzw. speziell bei RLM gut wegkam und auch hier gute Worte über ihn verloren wurden, hab ich ihn nun doch gesichtet – und war positiv überrascht. War nämlich gar nicht scheiße oder langweilig, dafür wenig effekthascherisch und nüchtern, mal was anderes (wie von den RLM-Jungs richtig bemerkt). Insofern ein „Dank“ an Jenny, denn obschon ich mit dir eher selten einer Meinung bin – zum Beispiel auch was CHE angeht -, wurde ich was CONTAGION betrifft nicht enttäuscht, daher: *freude*.

  5. Auch mein Senf: Einer meinen Top 4 bisher dieses Jahr und ich finde dieses Jahr schon das stärkste seit langem, aber nur so nebenbei. Ein zauberhafter Film. Geradezu mathematisch, kurz vor authistisch, nur dass er noch warm und voller Gefühl ist. Nicht mit übertriebenen, plotgetriebenen Emotionswällen, sondern still, ruhig. Weil er sich auf Momente verläßt. Wenn zum Beispiel im Flughafen der eine dem anderen die runtergefallenen Papiere aufhebt, ist das so warm wie Weihnachtsfilme immer sein wollen, aber meist nur im Kitsch untergehen, weil sie vielleicht keine Sicherheit und kein Vertrauen in ihr Mitgefühl haben, sich deshalb mit Emotionen wappmen und sie einem ins Gesicht klatschen, damit wir es ja wissen, dass dieser Film voll Liebe ist. Ein wunderbares Film, der sein Medium transzendiert und es nicht mit übermäßiger Zurschaustellung nutz, sondern mit Vertrauen und Hingabe. Der gerne auch Versatzstücke aus Horror-, Sci-Fi- und Spike Lee-Filmen einbaut … für einzelne Bilder. Ich bin traurig … auch weil er viel nicht noch 5 Stunden weiterging :) und Jude Laws Zahn war eine der meisterlichsten Schauspielleistungen des neuen Jahrhunderts, auch wenn sie etwas … naja „das Böse ist häßlich“ war.

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