#209 – Titanic von James Cameron (Moderne Blockbuster)

Nach der Alien-Invasion in Independence Day steht im Wollmilchcast die nächste Katastrophe an. Denn in unserer Reihe über moderne Blockbuster, also die Blockbuster-Ära ab den 90er Jahren, machen wir bei einem Eisberg im Nordatlantik halt.  Warum Titanic (1997) von James Cameron  womöglich der letzte seiner Art ist, weshalb Rose wie ein Brachiosaurus inszeniert wird und wie Authentizität und Fiktion in dem ehemals erfolgreichsten Film aller Zeiten vermengt werden, diskutieren wir in dieser Folge. Viel Spaß!


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Contagion (USA/UAE 2011)

Contagion Poster

Am Anfang steht der Betrug. Ein Telefongespräch am Flughafen, bevor Beth (Gwyneth Paltrow) ins Flugzeug steigt, um zu ihrem Ehemann Mitch (Matt Damon) zurück zu kehren und eine tödliche Krankheit in ihr Heim zu tragen. Es ist einer dieser typischen Soderbergh-Momente, der es gleich zu Beginn erschwert, den leichten Weg zu wählen. Es ist einer von vielen in Contagion, einem Virenthriller samt Star-Ensemble, welcher das von Krämpfen verzerrte Gesicht von Gwyneth Paltrow dazu nutzt, um eines von vornherein klar zu stellen: Alles ist möglich. War in Wolfgang Petersens “Outbreak” das Star-Gesicht des Dustin Hoffman noch die letzte Zuflucht des Zuschauers, die sichere Bank im totalen Chaos, das beruhigende “Alles wird gut”, instrumentalisiert Steven Soderbergh seine Paltrows, Damons, Winslets etc., um das zu tun, was er am besten kann: den Zuschauern den Boden unter den Füßen wegzureißen. Typisch für den Regisseur ist jedoch auch die Besonnenheit, welche Contagion vor dem Abdriften in dystopischen Survival-Horror bewahrt, der sich für gewöhnlich aus lauter Einfallslosigkeit in den Pessimismus flüchtet. Contagion analysiert, wie Gesellschaft in der Krise funktioniert oder eben nicht funktioniert und macht dabei keine Gefangenen.

Spätestens seit dem brillanten “Che”-Zweiteiler zeigt sich Soderberghs Filmografie fasziniert von alltäglichen Ritualen als Kit, der Gemeinschaften und Individuen beisammen hält. Da war der Revolutionär, der seine neuen Unterstützer einzeln mit Handschlag begrüßt, immer und immer wieder und ganz ähnlich seinem eigenen “Job” nachgeht, nämlich zu revolutionieren, um des Revolutionierens willen, immer und immer wieder, wie auch Matt Damon pathologisch Geschichten erzählt in “Der Informant” und Sasha Grey ihre Kunden mit der “Girlfriend Experience” versorgt. Contagion greift jene Motive auf und färbt die Rituale gewissermaßen ein, damit sie unter dem Mikroskop der Kamera stärker hervortreten, nur eben nicht rot oder blau, sondern mit einem Virus. So bekommt nach der mit Zuckungen am Boden liegenden Paltrow jeder Handschlag, jede hilfreiche Geste eine negative Konnotation. “Contagion” interessiert sich mit vielen pointiert eingesetzten Detailaufnahmen dafür, was passiert, wenn der Kit zur Bedrohung verkommt, wenn Individuen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Dabei wird die Zerrüttung des gesellschaftlichen Zusammenhalts geruhsam und Schritt für Schritt verfolgt, vom ersten Handyvideo eines Sterbenden bis hin zu Hamsterkäufen, Massenpaniken und Gewaltverbrechen.

Der Soderbergh’sche Heldentypus der vorangegangenen Werke findet hier seine Entsprechung in den Figuren von Laurence Fishburne, Kate Winslet und Jennifer Ehle. Fisburne mit seinem Dr. Cheever gibt den ruhigen Vertreter der amerikanischen Gesundheitsbehörde, so einen Unbestechlichen, den man sich in alle bürokratischen Instanzen wünscht, wenn es darauf ankommt. Selbiges gilt für Winslets Figur, die von Ausbruchsort zu Ausbruchsort reist, ohne dass sie oder der Film große Reden über ihr Engagement schwingen. Es ist ihr Job und sie macht ihn. Dr. Ally Hextall (Jennifer Ehle) wiederum erforscht das Virus mit wissenschaftlicher Leidenschaft im Labor. Hier zeigt sich Soderberghs dokumentarisches Auge am deutlichsten und schönsten, wenn er etwa selbstvergessen beobachtet, wie die Laboranzüge aufgeblasen und sonstige Schutzmaßnahmen vorbereitet werden.

Verteilt über den ganzen Globus und mit einem ungewöhnlich großen, weil gleichberechtigtem Ensemble verfolgt Contagion den Ausbruch und die Eskalation einer fiktiven Pandämie, ohne sich dabei auch nur einen Moment zu verzetteln. Zwar entpuppt sich nicht jeder Handlungsstrang als vollends gelungen. Jener von Marion Cotillards WHO-Vertreterin gerät in der zweiten Hälfte so überflüssig, dass der Film selbst ihn vergisst. Dennoch ist Contagion ein ungemein stark kontrollierter Film über den Kontrollverlust und eine der rationalsten Auseinandersetzungen mit der Hysterie, die man überhaupt im Kino zu Gesicht bekommen kann. Zudem werden geschickt die kleinen Tragödien in der Großen verwoben, so dass das menschliche Element innerhalb der gesellschaftlichen Krise nicht zu kurz kommt. Am Ende – so die These – ist es schließlich das kleine, das alltägliche Ritual, das unsere Welt im Innersten zusammenhält.


Zum Weiterlesen:
Übersicht der Kritiken für Contagion bei Film-Zeit.de.

Kontrapunkt: Herzschmerz

Die „Romantische Komödie“, kurz: RomCom, weißt einige Merkmale auf, die beinahe jeden Vertreter des Genres vorhersehbar werden lässt: Ein ungleiches, sich zunächst ablehnend gegenüberstehendes Paar bestehend aus einer extro- und einer introvertierten Person findet zusammen und wird am Ende mit einem sich aus der Charakterzeichnung der Figuren ergebenden Konflikt konfrontiert, welcher diese Verbindung wieder infrage stellt. Hab ich Recht? Bei diesen drei Filmen ganz sicher.

Die Standesbeamtin (CH 2009)

Oder: obiges Schema in der Schweiz. Rahel (Marie Leuenberger) arbeitet als Standesbeamtin in der Alpenrepublik und ist unzufrieden mit ihrer Ehe. Als sie den feschen Musiker Ben (Dominique Jann) wieder trifft, mit dem sie eine gemeinsame Band- Vergangenheit verbindet, keimen alte Gefühle von seiner Seite wieder auf. Dumm nur, dass er doch eigentlich der tussigen Schauspielerin Tinka (Oriana Schrage) das Ja-Wort geben will – organisiert von Rahel. Abgesehen von spärlich eingesetzter Situationskomik ist diese Beziehungsdramödie in Schwizerdütsch eher ernster Natur – und schwerfällig. Mit zahlreichen Konflikten gesäumt (Auftritt des Sohnes auf dem Flohmarkt, Fremdgehen von Rahels Ehemann) strahlt das klebrige Happy End im Sonnenuntergang umso mehr. Wer noch nicht genug hat von meinem Gemecker: klick.

Die nackte Wahrheit (USA 2009)

Kein Larry Flynt, dafür aber Gerard Butler, der als Macho-Moderator mit titelgebender Sendung die Quoten retten und der Produzentinnen- Emanze Katherine Heigl beibringen soll, wie Männer ticken, damit die auch mal wieder einen abbekommt. Ein Haufen von schmutzigen Sprüchen und urkomischen Situationen (missglückte Katzenrettung, vibrierender Slip) ist also dank des Mutes von Frau Heigl zur Peinlichkeit vorprogrammiert. Dieses Konzept unterhält trotz mangelnden Tiefgangs ganz gut, bis der Film von jetzt auf gleich einen Schlenker von rüder und ehrlicher Geschlechter-Komödie mit wahrhaftigen Erkenntnissen (Männer wollen nur Sex; Nie kritisieren! Hin und wieder zappeln lassen!) zu kuscheligem und wenig pointiertem Liebesfilm vollzieht, wenn der Macho plötzlich doch Gefühle hat, was ihn in der Belanglosigkeit versickern lässt.

Auf die stürmische Art (USA 1999)

Mal wieder ein deutscher Titel, der einen Preis verdient für die dümmste Übersetzung. Der schüchterne und biedere Klappentexter Ben (blass wie immer: Ben Affleck) ist nach einem Flugzeugcrash gezwungen, von seinem Junggesellenabschied über den Landweg zu seiner Hochzeit zu reisen. Doch eine Reihe widriger Umstände sorgen neben der zufälligen Anwesenheit der durchgeknallten Sarah (wie immer gut: Sandra Bullock) dafür, dass er über seine Hochzeitspläne noch mal nachdenkt. Interessanter als der Handlungsverlauf ist dabei jedoch das Visuelle des Films, das mit zahlreichen Blenden, hoher Farbsättigung und Kamerapositionen fernab der Horizontalen nahezu videoclipartig daherkommt. Dieser Formalismus steht zwar der Identifikation mit den Figuren im Weg, vermag aber Originalität zu versprühen. Dies kann man von dem mäßig witzigen Film (immer wieder hagelt es Kommentare gegen die Ehe) mit seiner wenig plausiblen Wendung zum Anders-als-erwartet-Happy End nicht behaupten.

Geht zwar nicht als RomCom durch, passt aber trotzdem zu „Herzschmerz“:

Heavenly Creatures (GB/D/NZ 1994)

Als Pauline (Melanie Lynskey) die zugezogene Juliet Hulme (Kate Winslet in ihrer ersten Rolle) kennenlernt, verbindet sie fortan eine intensive Freundschaft. Sie träumen sich in ihre mittelalterlich angehauchte, perfekte Welt, in der sie zusammen über aus Ton geformte Figuren regieren. Als die Eltern zur Unterbindung der lesbischen Züge der Freundschaft die beiden Mädchen trennen wollen, kommt es zu einer Gewalttat. Noch schlimmer als die hysterische Inszenierung vom späteren Ork-Dompteur Peter Jackson mit ausschweifenden Traumsequenzen und die kitschigen Dialoge sind einzig die beiden Hauptdarstellerinnen. Insbesondere geht dem Zuschauer Melanie Lynskey mit ihrem finsteren Blick und permanenter, pubertärer Angepisstheit tierisch auf die Nerven, während ihr darin die für ihre Rolle zu alt wirkende Kate Winslet in ihrem affektiven Spiel als Besserwisserin mit extremen Stimmungsschwankungen ebenbürtig ist. Ein visuell zum Teil überladener Film über eine wahre Geschichte, der nur Kopfschmerzen verursacht.

Kurtz & Knapp VII

Der Vorleser (USA/D 2008)

Ohne Kate ein Film, der keine Oscarnominierung verdient hätte. David Kross ließ sich von seiner Filmpartnerin offensichtlich nicht einschüchtern und bietet der souverän – aber auch nicht mehr – aufspielenden Britin unangestrengt Paroli. Jenseits vom Schulddiskurs sucht man jedoch vergeblich nach Tiefe in dem wandelnden Alterunterschied, der sich Beziehung nennt. Verantwortlich dafür sind jedoch weder Kross noch Kate Winslet und nicht einmal Ralph Fiennes, der als “Kross in alt” recht enttäuschend sein übliches Schtick durchzieht.

Vielmehr will die episodische, aber sonnige erste Hälfte mit der betont düsteren, kammerspielartigen zweiten nicht recht zusammenpassen. Da hilft es auch nicht weiter, dass nahezu alle anderen Figuren (also die deutschsprachige Schauspielelite) nahezu unangetastet vorbei fliegen. Von Daldry hätte ich mehr erwartet.

The Wrestler (USA/F 2008)

Ohne Mickey ein Film… Oder besser: Mickey Rourke ist der Film. Als Randy “The Ram” Robinson ist der Ex-Boxer und Wieder-Schaupieler eine Offenbarung, da stören auch die zuweilen plakativen Wendungen des Plots und Darren Aronofskys – zum Glück zurückhaltende – visuelle Spielereien nicht. Mickey Rourke vereint in seinem gemarterten Körper Herz, Seele, Schweiß und v.a. auch Blut des Films, denn sein Wrestler ruft in Erinnerung, was Method Acting eigentlich heißt. Er treibt diese Kunst gleichzeitig in neue Höhen.

Bei allen Eskapaden, bei allen physischen und psychischen Niederschlägen bewahrt Rourke seinem Randy Würde und Selbstbestimmung, so dass seine Entscheidungen gerade gegen Ende des Films eben nicht nur wie Drehbuchanweisungen wirken. Wo allerdings Randys unterschwellige Sucht nach Schmerz aufhört und Rourkes Tour de Force-Dasein anfängt, das kann und will man am Ende schlicht nicht mehr ausmachen.

Frost/Nixon (USA/GB/F 2008)

A.k.a. “Journalismus – Eine Lehrstunde”. Die Interviews sind legendär und längst auf DVD zu haben, wozu noch ein Film? Weil Peter Morgans Drehbuch Interviewer und Interviewten wie Spiegelbilder gegenüber sitzen lässt. Der oberflächliche Celebrity und der von seinem Land ge(sc)hasste Ex-Präsident, sie beide sind süchtig nach dem strahlenden Licht der Öffentlichkeit, doch am Ende kann es tatsächlich nur einen geben.

Wahrscheinlich war der stets anpassungsfähige Ron Howard genau der richtige, um den an Psychospielchen reichen Stoff der starren Theaterbühne zu entheben und  ihn spannend für die Leinwand aufzubereiten. Zu Diensten ist ihm das sich geradezu perfekt ergänzende Paar Michael Sheen und Frank Langella. Beide tänzeln in ihrem Kampf der Worte geschickt durch den Ring, jeder von ihnen mal Jäger, mal Gejagter. Von Howard hätte ich soviel Spannung nicht erwartet.

Kontrapunkt: Kino pur

Vergangene Woche standen sage und schreibe drei Kinobesuche an, die ich erst einmal setzen lassen musste. Und seltsamerweise waren alle drei Filme mehr oder weniger Softpornos. Vielleicht mag es auch an einer sensationellen Überreaktion meinerseits auf spärlich bekleidete Weiblichkeit liegen, aber nun zu den Objekten der Begierde… äh… Kritik.

Der Vorleser (USA/D 2008)

Kate Winslet als dominante Ex-KZ-Aufseherin, die den schöngeistigen und gut bestückten Schüler David Kross verführt, dann verlässt und später für ihre Verbrechen verurteilt wird, während er um sie, die Liebe seines Lebens, bangt. Dafür erhielt Kate den Oscar, aber David hätte ihn eigentlich auch verdient. Im Kino kam ich bei Anblick von Kates entblößten Körper nicht mehr aus wohligem Seufzen heraus (ich find sie immer noch scharf), die oscarnominierten Kameramänner Roger Deakins und Chris Menges mit extremer softpornoliken Lichtsetzung hatten daran entscheidenden Anteil. Während die erste Hälfte des Films als sinnliche, aber fragile Liebesgeschichte mit schönen Bildern durchgeht, gerät die zweite zusehends zum eher distanzierten Justiz- und Psychodrama, das mit zunehmender Länge kalt lässt. Mag vielleicht auch daran liegen, dass dann Heulsuse Ralph Fiennes mehr Screentime bekommt, als uns lieb sein kann.

The Unborn (USA 2009)

Horrorquark um eine junge Frau (Odette Yustman), die Visionen von einem Terror-Balg hat, der von einem Dämon besessen ist und „geboren” werden will. Inklusive des am Ende vorgenommenen Exorzismus von Rabbi Gary Oldman, der sich doch tatsächlich für diesen Spuk hergab, sollte der bei Genrefilmen wie „The Ring” oder „Rosemary’s Baby” heftig zusammengeklaute Film besser „The Uninspired” heißen.

Aber immerhin ist die äußerst attraktive Hauptdarstellerin, Odette Yustman, einige Male in Unterwäsche zu sehen, die die Vorzüge ihres Unterleibs nur allzu sehr betont – was in schwummrigem Licht total porno wirkt. Den männlichen Zuschauer freut’s, der weibliche kann sich ja an Schnucki Cam Gigandet oder ähnlich schneidigen Typen, aber blassen Charakteren erfreuen. An der Spannungskurve oder Logik jedenfalls nicht, weil die hier fernab mäßiger Gruseleffekte nicht existieren. Mehr (und seriösere Dinge) dazu von mir hier.

Watchmen – Die Wächter (USA 2009)

Man schreibt das Jahr 1985 in einer alternativen Vergangenheit: Präsident Nixon ist noch an der Macht, der Kalte Krieg ist auf dem Höhepunkt und ehemalige Superhelden, die seit einem Gesetzesentwurf verboten sind, werden ermordet. In dieser Situation raufen sich die letzten Helden zusammen, suchen nach dem Mörder und finden Erschreckendes heraus. Die filmische Adaption der Comics von Dave Gibbons und Alan Moore, über die the gaffer mehr sagen kann als ich, ist ein effekttechnisch beeindruckendes Actionspektakel mit der assoziativen Botschaft, dass der Mensch aufgrund der eigenen Schwächen wieder zur Religion finden muss.

Die Bilder sind toll, die komplexe Story macht Sinn, die Musik ist allerdings wild zusammengerührt (Nena, Simon & Garfunkel und Mozarts „Requiem” in erhöhter Geschwindigkeit etc.) und der Film ist nur selten so mitreißend wie in der Vergangenheitsrekonstruktion von Dr. Manhattan. Zudem fragt man sich, was die Sex-Szene von Silk Spectre II und Nite Owl II zum Mondschein in ihrem Allzweckgefährt soll. Ein guter Film, ja, aber nicht das oftmals kolportierte Meisterwerk.