Kontrapunkt: Kino pur

Vergangene Woche standen sage und schreibe drei Kinobesuche an, die ich erst einmal setzen lassen musste. Und seltsamerweise waren alle drei Filme mehr oder weniger Softpornos. Vielleicht mag es auch an einer sensationellen Überreaktion meinerseits auf spärlich bekleidete Weiblichkeit liegen, aber nun zu den Objekten der Begierde… äh… Kritik.

Der Vorleser (USA/D 2008)

Kate Winslet als dominante Ex-KZ-Aufseherin, die den schöngeistigen und gut bestückten Schüler David Kross verführt, dann verlässt und später für ihre Verbrechen verurteilt wird, während er um sie, die Liebe seines Lebens, bangt. Dafür erhielt Kate den Oscar, aber David hätte ihn eigentlich auch verdient. Im Kino kam ich bei Anblick von Kates entblößten Körper nicht mehr aus wohligem Seufzen heraus (ich find sie immer noch scharf), die oscarnominierten Kameramänner Roger Deakins und Chris Menges mit extremer softpornoliken Lichtsetzung hatten daran entscheidenden Anteil. Während die erste Hälfte des Films als sinnliche, aber fragile Liebesgeschichte mit schönen Bildern durchgeht, gerät die zweite zusehends zum eher distanzierten Justiz- und Psychodrama, das mit zunehmender Länge kalt lässt. Mag vielleicht auch daran liegen, dass dann Heulsuse Ralph Fiennes mehr Screentime bekommt, als uns lieb sein kann.

The Unborn (USA 2009)

Horrorquark um eine junge Frau (Odette Yustman), die Visionen von einem Terror-Balg hat, der von einem Dämon besessen ist und „geboren“ werden will. Inklusive des am Ende vorgenommenen Exorzismus von Rabbi Gary Oldman, der sich doch tatsächlich für diesen Spuk hergab, sollte der bei Genrefilmen wie „The Ring“ oder „Rosemary’s Baby“ heftig zusammengeklaute Film besser „The Uninspired“ heißen.

Aber immerhin ist die äußerst attraktive Hauptdarstellerin, Odette Yustman, einige Male in Unterwäsche zu sehen, die die Vorzüge ihres Unterleibs nur allzu sehr betont – was in schwummrigem Licht total porno wirkt. Den männlichen Zuschauer freut’s, der weibliche kann sich ja an Schnucki Cam Gigandet oder ähnlich schneidigen Typen, aber blassen Charakteren erfreuen. An der Spannungskurve oder Logik jedenfalls nicht, weil die hier fernab mäßiger Gruseleffekte nicht existieren. Mehr (und seriösere Dinge) dazu von mir hier.

Watchmen – Die Wächter (USA 2009)

Man schreibt das Jahr 1985 in einer alternativen Vergangenheit: Präsident Nixon ist noch an der Macht, der Kalte Krieg ist auf dem Höhepunkt und ehemalige Superhelden, die seit einem Gesetzesentwurf verboten sind, werden ermordet. In dieser Situation raufen sich die letzten Helden zusammen, suchen nach dem Mörder und finden Erschreckendes heraus. Die filmische Adaption der Comics von Dave Gibbons und Alan Moore, über die the gaffer mehr sagen kann als ich, ist ein effekttechnisch beeindruckendes Actionspektakel mit der assoziativen Botschaft, dass der Mensch aufgrund der eigenen Schwächen wieder zur Religion finden muss.

Die Bilder sind toll, die komplexe Story macht Sinn, die Musik ist allerdings wild zusammengerührt (Nena, Simon & Garfunkel und Mozarts „Requiem“ in erhöhter Geschwindigkeit etc.) und der Film ist nur selten so mitreißend wie in der Vergangenheitsrekonstruktion von Dr. Manhattan. Zudem fragt man sich, was die Sex-Szene von Silk Spectre II und Nite Owl II zum Mondschein in ihrem Allzweckgefährt soll. Ein guter Film, ja, aber nicht das oftmals kolportierte Meisterwerk.

Lutz Granert (30) hat dasselbe studiert wie die Chefin. Die mal nicht ganz ernst gemeinte, mal tiefgründige Rubrik "Kontrapunkt" ist seit November 2008 legendär. Seit April 2012 ist er Chefredakteur beim multimania-Magazin. Bei Twitter kann man ihm folgen.

12 Antworten auf „Kontrapunkt: Kino pur“

  1. „Kate Winslet als dominante Ex-KZ-Aufseherin, die den schöngeistigen und gut bestückten Schüler David Kross verführt“

    Klingt irgendwie wie der Plot eines Bondage-Streifens. Naja, ansonsten habe ich den Vorleser quasi umgekehrt wie du gesehen (ich glaube mein Deutsch entwickelt sich zurück). In der ersten Hälfte geht’s im rasenden Tempo um die Etablierung der Beziehung. Zurück bleibt das Gefühl, aneinandergereihte Episoden gesehen zu haben. Die Beziehung wurde ganz auf ihre Körperlichkeit reduziert (ob das in der Vorlage auch so ist?), weshalb die Sache mit „der großen Liebe“ bei mir nicht ankam. Glaubwürdiger erschienen mir „die großen Schuldgefühle“ als Motiv (von Kross‘ Figur). In der zweiten Hälfte kam der Film dann zum Glück zur Ruhe und das eigentliche Drama wurde angepackt. Vielleicht gefällt mir die Hälfte auch besser, weil ich nicht so auf die entblößte Kate fixiert war wie du.^^

    „der weibliche kann sich ja an Schnucki Cam Gigandet oder ähnlich schneidigen Typen, aber blassen Charakteren erfreuen.“

    Weibliche Zuschauer ohne Geschmack vielleicht… ;-)
    Einen Blick auf Gary Oldmans Scheck hätte ich schon gerne geworfen. Kann mir nicht vorstellen, dass das nur ein Freundschaftsdienst für David S. Goyer war (Autor von The Dark Knight).

    „ist ein effekttechnisch beeindruckendes Actionspektakel mit der assoziativen Botschaft, dass der Mensch aufgrund der eigenen Schwächen wieder zur Religion finden muss.“

    Führ das mal bitte aus. Kommst du wegen Doc Manhattan darauf?

  2. Mag tatsächlich sein, dass ich von Kate abgelenkt war. Aber ganz allgemein muss ich sagen, dass für mich das Liebesdrama in der ersten Hälfte für mich den stärkeren Teil darstellt, der – und ich glaube, da gehen wir konform – allerdings für meinen Geschmack zu schnell abgehandelt wurde. Oder wollte ich noch mehr von Kate sehen? ;-) Wer weiß… Ich würde zudem nicht sagen, dass es bei David Kross im Gerichtssaal nicht primär Schuldgefühle sind, die ihn zermartern, sondern in erster Linie sein Herz, dass aufgrund der Dinge, die da rauskommen Stück für Stück bricht und ihn beziehungsunfähig werden lässt.

    Zu „The Unborn“: Ich würde sagen, da waren schon ein paar Nullen im Spiel. Ich meine jetzt nicht primär (aber auch) David S. Goyer, der total versagte, sondern den Gehaltscheck von Oldman. Und meine Formulierung war auch eher ironisch gemeint. Wenn ich den BRAVO-Chargon um „Schnucki“ und Co. schon beginne, dann ziehe ich ihn auch durch ;-)…

    Zu „Watchmen“: Ohne jetzt – für die weiteren Mitleser – zu spoilern, aber: Ja, dem ist so. Die Menschheit würde sich ohne einen göttlichen/gottgleichen Sündenbock, den sie für ihre eigene Dummheit (Politik) verantwortlich machen kann im Sinne von „Gott gibt’s und Gott nimmt’s, deswegen sind wir jetzt verbunden, indem wir wieder an ihn glauben aber gleichsam verfluchen“ selbst tottal vernichten. So wachsen sie aber in ihrem gemeinsamen Hass gegen einen gemeinsamen „Feind“ zusammen. Das finde ich eine originelle Pointe.

  3. @ lalia:
    Würde ich nur „Der Vorleser“ für sich betrachten, würde ich dir zustimmen können. Aber in „The Unborn“ (wo man nur [ziemlich eng anliegende] Unterwäsche sieht) und in „Watchmen“, wo man einen männlichen Popo im Mondschein sieht, manifestiert sich das amerikanische Prüderie-Klischee in seiner stärksten Form.

  4. Zum „Vorleser“:

    Bin gerade nicht in der Stimmung für viele Worte: Aber ich halte den Film für eine gelungene Adaption des Romans. Was im übrigen auch daran liegen könnte, dass ich den Roman an sich mag. Was zu dem Film zu bemerken ist: Er verlagert die Prioritäten, und zwar weg von Michael (Roman) hin zu Hannah (Film). Das ist ohne Zweifel Wasser auf die Mühlen der Kritiker des Romans, mich hingegegen (als Befürworter) ficht das nicht wirklich an.

    PS: Das Kate durchaus als „scharf“ zu bezeichnen ist (So to say) steht an dieser Stelle mal ausnahmsweise mal nicht zur Debatte… ;-)

  5. @ C.H.:
    Ich kann zum Roman keine Aussagen treffen, da ich ihn nicht gelesen habe. Allerdings hätte ich es mir genau andersherum gewünscht: meiner Ansicht nach gibt die von David Kross verkörperte Figur mehr her als die von Kate. Nur eben schade, dass Ralph Fiennes nicht so wirklich überzeugen konnte. Deswegen hätte ich auch eine Auszeichnung von Kate Winslet (eben aufgr. ihrer dennoch geringen Screentime) mit dem Oscar als Beste NEBENdarstellerin für verdienter gehalten als jene als Beste Haupdtdarstellerin, da sie dies faktisch nicht ist.

  6. Da hast du – ohne den Roman gelesen zu haben – einen wahren Punkt getroffen. Im Roman gibt die Figur des Michael um einiges mehr her. Das das im Film nicht (oder nur eingeschränkt) funktioniert, liegt zum einen an dem Verlust der klaren Ich-Perspektive, die den Roman durchzieht, als auch an den limitierten Fähigkeiten von Kross himself.

    Zu Kate Winslet: Ich persönlich hätte es lieber gesehen wenn sie den Oscar für „Zeiten des Aufruhrs“ bekommen hätte. Nur leider sind die Wege der Academy wenig ergründlich. Und so habe ich mich dennoch für ihre Auszeichnung gefreut (weil sie den Oscar einfach für ihren bisherigen Leistungen verdient hat), auch wenn dieser Oscar doch arg nach Scorsese-Konzrssion riecht… ;-)

  7. @C.H.. Mal eine Frage an den Buchexperten: Kann man bei der Beziehung zwischen den beiden von (mindestens) einseitiger Liebe sprechen? Ist das im Buch so gedacht?

  8. @ C.H::
    Ich finde, dass David Kross seine Figur sehr gut verkörpert. Man nimmt ihn den desillusionierten Liebenden, dessen Herz langsam bricht, noch seeeehr viel eher ab als Ralph Fiennes. Ich sehe da keine schauspielerischen Defizite, kann aber nun keine Aussage darüber treffen, inwiefern sich sein charakter von dem des Buches unterscheidet.

    Auch ich fand übrigens Kate nicht so überragend, wie oft kolportiert wurde, wenn auch der Oscar verdient war. Klar war es bei ihren zahlreichen Nominierungen zuvor aber auch irgendwo ein Zugeständnis ;-). „Zeiten des Aufruhrs“ habe ich aber leider nicht gesehen.

  9. @ the gaffer:

    Interessante Frage. Also in Bezug auf den Film würde ich das Konzept der einseitigen Liebe (also der von Michael) sogar ein Stück weit verneinen. In Bezug auf den Roman sieht das imho anders aus. Das ist nicht zu letzt Resultat der von mir im vorigen angemerkten Verlagerung der Prioritäten. Dadurch, dass der Roman konsequent aus der Ich-Perspektive von Michael geschrieben ist, nimmt man Hannah auch nur durch den Schleier seiner eigenen Sicht war. Das heißt, man kann zu dem Charakter und den Gefühlen Hannahs nichts sagen, was nicht vorher durch Michaels subjektiven Standpunkt gefiltert worden wäre. Im Film jedoch rückt Hannah viel stärker in den Vordergrund, und bekommt gerade auch gegen Ende des Films eigene Handlungselemente in denen Michael nicht auftritt. Dadruch rückt sie dem Zuschauer um einiges näher, als im Roman. Und zu guter letzt, aber da bin ich mir gerade nicht mehr sicher, kommt die Szene in der Hannah nach dem Streit zugibt, das Michael ihr nicht egal ist, im Roman nicht (oder zumindest nicht in der Eindeutigkeit) vor.

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