Wollmilchcast #79 – Der König der Löwen von Jon Favreau

Der König der Löwen von 1994 ist der Millennial-Klassiker unter den Disney-Zeichentrickfilmen. Nun erhält er ein Remake von Iron Man-Regisseur John Favreau. Im Podcast fragen wir uns, ob wir einen Live-Action- oder Animationsfilm vor uns haben, wie die Tierdoku-Optik mit den expressiven Stimmen zusammenpasst und was der neue König der Löwen über die kreative Ausrichtung von Disneys Realfilm-Remakes aussagt. Außerdem reisen wir in einen Sommer von Éric Rohmer und in eine Komödie von Herman Yau, A Home With A View aus Hongkong.

Shownotes:

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The Mission (HK 1999)

Triadenboss Lung hat es satt, dass er einen Attentatsversuch nach dem anderen überstehen muss. Mal ehrlich, wem würde das nicht bitter aufstoßen? Lung jedenfalls zieht die Konsequenzen und besorgt sich fünf Bodyguards: Den aufbrausenden Roy (Francis Ng), den eiskalten Curtis (Anthony Wong), den versierten Scharfschützen Mike (Roy Cheung), den unerfahrenen Shin (Jacky Lui) und den passionierten Erdnusskonsumenten James (Lam Suet).

Was tun Bodyguards so den ganzen Tag? Wenn sie nicht gerade Whitney Houston beim Singen zu hören, warten sie. Sie warten darauf, dass ihr Boss das Haus verlässt. Sie warten darauf, dass er aus dem Büro kommt. Sie warten darauf, dass irgendein Verrückter oder Geschäftskonkurrent aus der Reihe springt und seine Waffe auf ihren Schutzbefohlenen richtet. Der irrsinnige deutsche Untertitel „Ihr Geschäft ist der Tod“ sollte wirklich niemanden in die Irre leiten. Natürlich sterben Menschen in The Mission, aber ein Bodyguard, dessen Geschäft der Tod ist, dürfte sich nicht lange im Business halten.

Genau das wusste auch Regisseur Johnnie To, als er vor fast zehn Jahren diesen Film drehte. Anstatt ein actiongeladenes Shootoutspektakel in die Kinos zu bringen, entschied er sich für einen schicken Ensemblegangsterfilm mit komödiantischen Zügen. Entsprechend der Prämisse verbringen Curtis, Roy und die anderen die meiste Zeit mit Warten. In jedem anderen Film wäre dies in Langeweile, Arthouseintellektualität oder beides in einem ausgeartet. Das passiert natürlich nicht bei Johnnie To.

Das Herumstehen und herumsitzen bringt die einander fremden Figuren zwangsläufig näher. Das geschieht jedoch nicht durch Märchenerzählerdialoge („Ich habe zwei Kinder, einen Hund und vor drei Jahren eine neue Waschmaschine gekauft…“). Diese wortkargen Männer können sich ja nicht die Seele vom Leib labern. Kleine Beiläufigkeiten formen die Gemeinschaft. Da gerät das Spiel mit einem Papierbällchen schon mal zum Highlight des Tages. Kommt dann doch der erwartete Angriff, so ist selbst die unausweichliche Schießerei vom Warten geprägt. Wann verrät der Gegner sein Versteck? Wer macht den ersten Schritt? Tos Inszenierung passt sich dem an. Totalen zeigen oft einen unbewegten, tiefen Raum, in dem die Akteure aufgereiht sind, wie die Eckpunkte einer geometrischen Konstruktion.

Die Reaktionen der fünf Bodyguards sind von Herausforderung zu Herausforderung immer perfekter auf einander abgestimmt. Gegen Ende funktionieren sie wie ein Schweizer Uhrwerk. Ausgerechnet dann macht ein Auftrag sie zu Feinden: Shin hat die Frau des Bosses verführt und soll dafür büßen. Den Auftrag erhält ausgerechnet einer seiner vier Kollegen. Mit etwa 80 Minuten ist The Mission dem unkomplizierten Plot entsprechend kurz, auch wenn man sich am Ende wünscht, der Film würde noch eine Weile in Hongkong verweilen. Getragen wird The Mission von Charakterdarstellern, deren Spiel es sichtlich zu Gute kommt, dass sie sich schon seit Jahren kennen. Es macht ganz einfach Spaß diesen Bodyguards beim Warten zuzusehen.

Überhaupt ist The Mission von einer Leichtigkeit, einer coolen Lässigkeit geprägt, die im Wesentlichen von der Musik und den Darstellern herrührt. Heroic Bloodshed ist das nicht, denn die Helden sind keine heroischen Übermenschen. Realismus sieht auch anders aus. Johnnie To hat stattdessen einen spannenden Gangsterfilm gedreht, der von seinen präzise skizzierten, sympathischen Charakteren lebt und auch die ein oder andere sehenswerte Actionsequenz aufweist. To muss sich nur nicht – im Gegensatz zu anderen Filmemachern – mühsam von einem Schusswechsel zum nächsten hangeln. The Mission ist absolute Perfektion von Anfang bis Ende. Wie ein Schweizer Uhrwerk.

Exiled (HK 2006)

Exiled ist eine Art zweiter Versuch. Johnnie To hat kein Remake seines eigenen Stoffes vorgelegt. Eine Fortsetzung hat er auch nicht gedreht. Man hat dennoch beim Schauen seines früheren Films The Mission (1999) das Gefühl, Exiled wäre nun der zweite Versuch von irgendetwas gewesen. Von irgendeiner Auseinandersetzung mit Männlichkeit, Ehrenkodizes und Schusswaffen. Das lässt sich leicht so daher sagen. Bedenkt man allerdings, dass The Mission ein unbestrittener Meilenstein des Hongkong-Kinos ist, so kann sich ein Regisseur, der in einem Film dermaßen explizit auf ein älteres Werk verweist, durchaus dem Vorwurf des Selbstplagiats aussetzen. Dass Exiled diesem vernichtenden Vorwurf keine Angriffsfläche bietet, liegt v.a. an Tos Vermögen, einen zum zeitlichen Kontext passenden Stilwandel zu vollziehen.

In The Mission spitzte sich die Handlung zu, als Curtis (Anthony Wong) den Auftrag erhielt, den Mann umzubringen, der die Frau seines Bosses verführt hat. An sich wäre das kein Problem, doch in den 60 Minuten davor hat sich zwischen dem Verführer, Curtis und drei anderen nicht unbedeutenden Herren eine Freundschaft entwickelt. Freunde bringt man ja normalerweise nicht eiskalt um. Exiled beginnt nun in einer ähnlichen Situation. Blaze (Anthony Wong) hat den Auftrag erhalten, seinen alten Freund Wo (Nick Cheung) umzubringen, als dieser mit Frau und Kind aus dem ungewollten „Exil“ nach Macau zurückkehrt. Dumm nur, dass auch Tai (Francis Ng) davon erfährt, ebenfalls ein alter Kumpel, der Blaze natürlich aufhalten will. Mit von der Partie sind außerdem Roy Cheung und Lam Suet, die das Quintett vervollständigen. Der Gewissenskonflikt treibt die fünf Freunde unweigerlich in eine Feindschaft mit dem Triadenboss Fay (Simon Yam), seines Zeichens Auftraggeber von Curtis und noch dazu zutiefst unversöhnlicher Laune.

Die Besetzung um Anthony Wong, Francis Ng und Simon Yam, die alle drei zum Besten gehören, was man in Hongkong an Schauspielern bekommen kann, stimmt weitgehend mit der in The Mission überein, auch die Figurentypen haben sich nicht gravierend geändert. Etwas mehr Ruhe scheint allerdings Einzug gehalten zu haben in ihre Welt. Standen die fünf Bodyguards in The Mission noch auf der mittleren Stufe ihrer Gangsterkarriere, mit Aussichten auf besser bezahlte Jobs in der Zukunft, ist Exiled geprägt von einer Atmosphäre des „letzten großen Dings“, dass noch gedreht werden muss, bevor man die Gangsterwelt verlassen und ins selbst gewählte „Exil“ gehen kann. Beginnend beim zeitlichen Kontext der Handlung – der Film spielt am Vorabend der Rückgabe Macaus an China durch Portugal – über verschiedene Deadlines, die im Film gesetzt werden, deutet Exiled ein allgemeines Gefühl einer Epochenwende an.

Dass, was den Film am meisten von The Mission abhebt, ist eben diese unterschwellige Andeutung. Die Ehrvorstellungen der Helden in The Mission wurden auf die Probe gestellt, aber nicht ihre Existenz. Denn Blaze, Tai und Co. haben ausgedient in dieser Welt, in diesem Macau, dass Schritt für Schritt von Boss Fay übernommen werden soll. Diese fünf Männer stehen allein da. Die Zeit hat sie, ihren Lebensstil, ihren Menschentyp überholt.

Der Ehrenkodex ist aber nur ein Teil des Ganzen. To breitet in Exiled vielmehr (s)einen Typ von Maskulinität aus, der geprägt wird von Schusswaffen, deren Nutzung in der Tradition des Heroic Bloodshed Genres steht; dem Gedanken einer Bruderschaft, fast schon einer Schicksalsgemeinschaft, die gegen eine ihr feindlich gesinnte Welt ankämpft und nur auf sich selbst vertrauen kann; und einer filmischen Stilisierung, deren Spannung nicht aus Bewegung entsteht – wie etwa bei John Woo – sondern aus der Langsamkeit, zuweilen Statik, die sich in tiefen Raumkonstruktionen abspielt.

Realismus hat in Exiled nichts zu suchen. To konfrontiert seine Helden nicht mit der Moderne, um dann z.B. zu zeigen, wie sie an ihr scheitern. Stattdessen inszeniert er ein künstliches Macau, dessen Elemente von den Western Leones, den Filmen Kurosawas (speziell Die Sieben Samurai) und Peckinpahs The Wild Bunch stark beeinflusst sind. Die Künstlichkeit macht Exiled zum mythischen Abgesang auf ein maskulines Ideal, das To hier noch einmal ausgiebig zelebriert.

Künstlerischer Einfluss ist bei To aber nicht mit einem filmischen Plagiat gleichzusetzen, denn sein Stil ist am Ende für ihn typisch. Statische Shootouts, bei denen die Kamera nur die Gruppe einfängt, wie sie bewegungslos dasteht und auf ein unsichtbares Ziel schießt, solche Shootouts gab es auch schon in The Mission. Damals, neben all den John Woo-Klonen, war das ein Riesenschritt in der stilistischen Geschichte des Hongkong-Actionfilms gewesen.

In Exiled verläuft die Action noch unübersichtlicher. Der Raum in den vielen Totalen wird v.a. durch die expressive Licht- und Schattengestaltung und die Figurenposition definiert. Selbst wenn die Kamera in ihrem typisch distanzierten Stil einen Schusswechsel innerhalb eines Raumes einfängt, fällt es einem schwer, die Protagonisten und Antagonisten in eine räumliche Beziehung zu setzen. Diese Inszenierung hat seltsamerweise in ihrer Wirkung das völlige Gegenteil von Beast Cops zur Folge. War dort jeder der diffusen Gewaltakte im wahrsten Sinne des Wortes mit einem schmerzhaften Kraftaufwand verbunden, sind die Schusswechsel hier zwar auch unübersichtlich, aber noch immer höchst stilisiert und unrealistisch.

Die Gewalt erinnert in ihrer ausgeglichenen Austragung eher an wuxia-Filme, auch wenn deren Dynamik in Exiled fehlt. Die einzige offensichtliche Gemeinsamkeit mit diesem Genre scheint da noch der ausgiebige Zeitlupeneinsatz zu sein, der gleichzeitig zur Tradition des Heroic Bloodshed gehört. Auffällige Farbfilter verbunden mit dem Kolonialstil der Architektur Macaus heben den Eindruck hervor, die Hongkong-Helden hätten sich in einen Western verlaufen. Man wartet geradezu auf ein paar Pferde oder einen Tumbleweed, der im Bildhintergrund vorbei rollt. Der, auch für den Western typischen, stilisierten Männlichkeit werden zwei starke Frauenfiguren gegenübergestellt. In The Mission waren Frauen an sich nicht mehr als Schatten, die in ihrer Bedeutung hinter den Männern zurückstanden.

Die beiden Frauen in Exiled dagegen werden klar definiert: Die eine durch ihre Mutterrolle, die andere – eine Prostituierte – durch ihre Sexualität und Cleverness. Viele Worte machen sie nicht, aber ihre bedeutende Stellung in der Handlung ist in einer solchen Form in The Mission gar nicht zu finden. Vielleicht ist Exiled indirekt eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die seit der Rückgabe Hongkongs an China stattgefunden haben. Die neue Wirtschaftsmacht hat die alte übernommen. Vielleicht reagiert To auch nur auf die Tatsache, dass das Genre, welches er hier bedient, im Hongkong des neuen Jahrtausends stetig an Bedeutung verloren hat. In einer Welt der Popstars und Romantic Comedies muss das hier gepflegte Ideal zwangsläufig zum Auslaufmodell werden.

Womöglich haben die Umstände keinen anderen Film als diesen zugelassen. Hätte To The Mission heute gedreht, sähe der Film wohl so aus wie Exiled. To hat auf jeden Fall eine notwendige Ergänzung zu The Mission gedreht. Man muss The Mission nicht gesehen haben, um sich an an Exiled zu erfreuen, denn Tos Mischung aus Western-Elementen, Gangsterfilm und Heroic Bloodshed kann durch ihre filmtechnische Perfektion und die créme de la créme der Charakterdarsteller Hongkongs begeistern. Der im besten Sinne kindische Humor, der die Charaktere in The Mission so viel greifbarer gemacht hat, findet sich auch in Exiled wieder und steigert den Sympathiefaktor ungemein. Und in Sachen Coolness sind Francis Ng, Anthony Wong und Simon Yam ja sowieso unschlagbar.