Drei Übergänge in History Is Made at Night von Frank Borzage (USA 1937)

History Is Made At Night
History Is Made at Night

Das Tor zu den Vereinigten Staaten von Amerika ragt hinter dem  Rumänen Georges in Hold Back the Dawn (1941) auf. Er sucht nach einer willigen Amerikanerin auf trunkenem Feiertagsausflug in Mexiko, um sich in die Staaten einzuheiraten. Im Film des ehemaligen Art Directors von De Mille, Regisseur Mitchell Leisen, hat dieses Tor etwas von der verheißungsvollen Schwelle eines Filmstudios, Warner Bros. in Burbank oder M.G.M. in Culver City. Weiße Lettern auf schwarzem Grund, im Bogen lautet das Versprechen: U-N-I-T-E-D-S-T-A-T-E-S. Die Bühne, um sich selbst neu zu erfinden, oder wenigstens den Pass. In der Rahmenhandlung von Ketti Frings, adaptiert von Billy Wilder und Charles Brackett, schleicht sich Georges tatsächlich in ein Filmstudio, um einem Regisseur (gespielt von Leisen) seine wahre Geschichte zu verhökern, die wir danach in einem langen Flashback sehen werden.
Gesegnet mit einem dieser redundanten Wilder-Off-Kommentare, ohne die viele Filme leben könnten, genießt Hold Back the Dawn den Ruf, der Film zu sein, nachdem Wilder genug hatte, der also, nach dem er entschied, seine Drehbücher selbst zu verfilmen. Weil Leisen sich bei der Diskussion über Sinn und Unsinn einer Szene auf die Seite des Stars Charles Boyer geschlagen hatte (er war #TeamUnsinn). Aus dem deutschen Ex-Boxer Kurt Frings, auf dessen wahrer Geschichte die „wahre Geschichte“ basiert, war im Verlauf der Adaption ein rumänischer Gigolo geworden, der mit einem französischen Akzent spricht, ein Hollywood-Migrant. Charles Boyer spielt diesen Rumänen, der in der blutjungen Lehrerin Olivia de Havilland seine Einreisegenehmigung in die U-N-I-T-E-D-S-T-A-T-E-S erkennt und zur Tat schreitet. Eine Rasur, ein sauberer Anzug, der melancholische Hundeblick, eine frühmorgendliche Überrumpelung, in der er ihr erst beim Schlaf zuschaut, um ihr nach Erwachen als romantischer Rattenfänger den Weg zum Standesamt zu säuseln – Georges legt für seine Einreiseerlaubnis seinen besten Charles Boyer auf, wie er in History Is Made at Night, Algiers und Love Affair zum Matinée Idol aufstieg. Bis zur schurkischen Metamorphose dieses Typs des Continental Lovers in Gaslight (1944) sollte es noch dauern.
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Wollmilchcast #48 – The Meg mit Jason Statham

Das Mädchen und der Hai

Wurde Jason Statham fürs Schauspiel im nassen Medium geboren und haben wir es in dem Hai-Blockbuster The Meg bzw. Meg mit Chinese-Baiting zu tun? Das besprechen Matthias von Das Filmfeuilleton und ich im neuen Wollmilchcast. Besonderen Wert legen wir dabei auf die Vita von Hauptdarsteller Statham. Außerdem stellt Matthias den Sundance-Erfolg Thoroughbreds aka Vollblüter mit Anya Taylor-Joy und Olivia Cooke vor und ich wage mich schwachen Herzens an Frank Borzages cinecardiologisches TNT namens History Is Made At Night, in dem sich Charles Boyer als bester Oberkellner der Welt (!) in Jean Arthur verliebt. Kann passieren.
Shownotes:

Hört euch die Wollmilchcast-Folge an:


Der Wollmilchcast bei Twitter: @Beeeblebrox + @gafferlein.
Der Wollmilchcast als Feed und bei iTunes.


Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)
Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: Warner Bros.

Wollmilchcast #36 – Pacific Rim 2: Uprising – Thelma

Pacific Rim Uprising

Fünf für Hollywood-Sequels ungewöhnlich lange Jahre dauerte es, bis Pacific Rim von Guillermo del Toro ein Sequel erhielt. Beinahe pünktlich zum Regie-Oscar des Mexikaners können wir den Vergleich ansetzen. Wie schlagen sich Kaiju und Jaeger unter Führung eines anderen Regisseurs, der hier im Übrigen sein Regiedebüt für einen Kinofilm abgibt. 150 Millionen Dollar und John Boyega stehen Steven S. DeKnight bei Pacific Rim 2: Uprising zur Verfügung. Im Wollmilchcast mit Matthias von Das Filmfeuilleton geht es diesmal um das Sequel, außerdem den neuen übernatürlichen Coming-of-Age-Thriller Thelma von Joachim Trier. Unter den besprochenen Klassikern finden sich zudem A Chinese Ghost Story, der im Rahmen der Retro Splendid Isolation im Kino Arsenal in Berlin gezeigt wurde, sowie die Hemingway-Verfilmung A Farewell to Arms von Frank Borzage.
Shownotes:
00:01:05 – Pacific Rim 2: Uprising (!Spoiler!)
00:36:10 – Thelma
00:55:10 – A Chinese Ghost Story
01:05:55 – A Farewell to Arms (Artikel: Could there be a Hollywood inspiration behind Picasso’s ‚Guernica‘?)
01:17:06 – Verabschiedung
Hört euch die neue Wollmilchcast-Folge an:
Bei Audiomack oder hier im Blog:

@Beeeblebrox
@gafferlein
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Intro und Outro: Kai Engel – Slum Canto (aus dem Album Sustains)
Nutzung im Rahmen der CC BY 4.0-Lizenz. (Homepage des Künstlers)
Copyright Titelbild: Universal

20 Filme, die zusammen in einer Liste stehen und das nicht ganz zufällig

7th Heaven
(c) 7th Heaven, Carlotta Films

Im Fernsehen trauert gerade der schweißige Motivationscoach über seinen dahingeschiedenen Rancor, womit sich mein Lieblingsteil von Return of the Jedi dem Ende neigt. Unterstützt von dieser Pewpew- und Swooshswash-geschwängerten Begleitmusik will ich zum Jahresbeginn kurz auf einige der besten Erstsichtungen 2017 zurückblicken. Beim Wollmilchcast und bei moviepilot habe ich über manche Listenanwärter schon ausführlich gesprochen oder geschrieben, z.B. Nocturama und The Florida Project oder aber Thelma und Dawson City: Frozen Time. Um die Filmauswahl etwas abwechslungsreicher zu gestalten, zählen diesmal weder Produktionsjahre noch Kinostarts. Es könnten noch andere Filme in der Liste stehen. Sie tun es aber nicht.
Johnny Guitar (1954)
Warum überhaupt Western schauen, in denen die Frauen über ihren Trauerkleidern keine Revolvergurte tragen? Sterling Hayden schien mir im Vorfeld immer eine seltsame Wahl für den Titelhelden. Johnny Guitar, das klang nach einem schmaleren, sanfteren Darsteller, einem Alan Ladd zum Beispiel. Hayden frisst in meinem Kopf immer Spaghetti mit Fleischbällchen, während er in Uniform auf den atomaren Weltuntergang wartet. Im Kontrast zu Crawfords Vienna geht das Casting auf. Vielleicht sah Johnny mal aus wie ein junger Alan Ladd, eine verflossene Liebe zu Vienna und das Leben als Gunslinger haben indes die Wirkung eines direkten Blicks in den Atompilz – und einer Schüssel Fleischbällchen.
Nathan for You: Finding Frances (2017)
Das Staffelfinale von Nathan for You ist kein Film und trotzdem ist Finding Frances die zweitbeste Dokumentation, die ich dieses Jahr gesehen habe. „Serien-Nathan“ sucht mit einem Bill Gates-Imitator aus einer früheren Episode nach dessen verflossener Liebe Frances; eine vertane Lebenschance, ein Quell von verpassten Chancen und Urknall eines alternativen Zeitstrahls (der Bill Gates vielleicht nie gestreift hätte). Unterwegs gaukeln sie die Produktion von Mud 2: Never Clean vor (würde ich gucken) und „Nathan“ beginnt eine Beziehung zu einer Escort-Dame, die fulminante Krönung des Verwirrspiels, welches Nathan for You zugrunde liegt. Führt „Nathan“ diese Beziehung oder auch Nathan? Können wir es überhaupt Beziehung nennen, wenn sie für eine Docu- oder Mockumentary (ja, was denn eigentlich?) vor Kameras durchgespielt wird, einmal abgesehen davon, dass „Serien-Nathan“ sie bezahlt und Nathan-Nathan sicher ebenfalls. Nathan Fielder ringt seiner zutiefst awkwarden Serien-Persona eine Melancholie ab, die bei Dumb Starbucks noch nicht abzusehen war. Er ist der derzeit genialste Künstler in der US-Mainstream-Comedy und besitzt einen kanadischen Pass (natürlich).
Das Glas Wasser (1960)
Karena Niehoff beschrieb diesen Helmut-Käutner-Film 1960 im Tagesspiegel als „nicht überwältigend erheiternd“, der historische Musikfilm biete „mehr gemäßigte Kultur“ als „maßlose Einfälle“ und, was soll ich sagen? Manchmal wünsche ich mich in die maßlosen Endfünfziger zurück, in denen die Leute von der allgegenwärtigen lebensweltlichen Ekstase der Adenauer-Jahre derart ergriffen waren, dass sie eine musikalische Dogville-meets-The-Taming-of-the-Shrew-Satire über den britischen Adel des 18. Jahrhunderts mit einem singenden Gustav Gründgens und einer göttlich piepsenden Liselotte Pulver derart unterkühlt hinnehmen konnten. Dem Publikum in Bologna ging es vermutlich ähnlich.
Atomic Blonde (2017)
Die ersten Minuten von Atomic Blonde machten mir Angst. Da steckte viel Gepose drin, viel 80er-Konserven-Mucke, viele Hinweise, warum Regisseur David Leitch für Deadpool 2 engagiert wurde. Und wenig Hundebaby-Rache.  Nach mehreren Sichtungen habe ich mich mit dem Mangel an warmer Wick-ness in diesem Film versöhnt, es brauchte eine Weile, bis ich das kalte Herz in seiner Mitte akzeptieren konnte. Mehr noch als bei dem eleganten Gun-Fu von John Wick wird die Action in Atomic Blonde am Körper von Lorraine Broughton (Charlize Theron) durchexerziert. Der Kalte Krieg spielt sich in ihren Feilchen, aufgesprungenen Lippen und Blutergüssen ab. Der Schmerz kommt mir im amerikanischen Mainstream-Kino seit einer Weile zu kurz. Man vergleiche die brennende Kälte und und verzerrten Gesichter in Das Imperium schlägt zurück mit Reys Gekeuche im ansonsten fantastischen Die letzten Jedi. Im Actionfilm findet er sich gelegentlich. Das geradezu post-ritchie-eske Gepose in Atomic Blonde ist Überlebensstrategie in mitten dieses Schmerzes. Lorraine meistert ihn mit einer eisigen Methodik. Zum Kaltblüter macht sie das nicht, im Gegenteil.
The Story of G.I. Joe (1945)
Robert Mitchum war dieses Jahr posthumer Ehrengast beim Filmfestival Il Cinema Ritrovato in Bologna. Da lief eine unfertige Mitchum-Doku, in der der leidenschaftliche Sänger und sensible Melancholiker zu Wort kam, der in Cape Fear im Trailer bleiben muss. William A. Wellmans Kriegstagebuch kommt diesem wohl auch nicht nahe, aber immerhin näher, als viele der Rollen, mit denen wir Mitchum heute assoziieren. Sie erinnert zudem an John Wayne in The Big Trail, nicht weil die Rollen notwendigerweise etwas gemeinsam haben, sondern weil sie gespielt wurden, bevor die Welt zu wissen glaubte, was eine Mitchum- oder Wayne-Figur ausmacht. Es kam dem Film im übrigen entgegen, dass ich über den Namen Burgess Meredith im Vorspann, der den Erzähler spielt, nicht weiter nachgedacht habe. So stellte ich mir ihn nicht 108 Minuten mit Zylinder und Zigarettenspitze vor.
Bright Sunshine In (2017)
Alles was Bastards in viriler Überspanntheit sich ansammelt, dreht in Bright Sunshine In frei. Eine Verzweiflung liegt beiden zugrunde, wenn auch der neue Film von Claire Denis dies unerwarteterweise in einer Komödie einfängt. Man stelle sich eine Rom-Com als verzehrendes Warten auf Godot vor, nur kommt Godot am Ende tatsächlich und er sieht aus wie Gerard Depardieu, verspricht alle Lösungen für die Verzweifelte und quacksalvert stattdessen seine Binsenweisheiten über den Abspann. Sie saugt alles auf. Es bleibt ihr ja nichts anderes übrig. Der Kampf geht weiter.
Until They Get Me
Until They Get Me (1917)
Die Filmwelt wäre um einiges besser dran, wenn sich Regisseure jede Filmminute über Nummer 90 mit einem weiteren Film erarbeiten müssten. Frankieboy Frank Borzage brauchte 1917 nur eine knappe Stunde, dazu einen Mann, eine Schuld, ein Pferd und ein Mädchen. Das feurige Leuchten in den Augen der Borzage-Figuren birgt auch diese Abwandlung von Die Elenden, hätte Victor Hugo die komplette Story auf die bare essentials heruntergekocht – und Javert durch einen Mountie ersetzt.
The Trial of Vivienne Ware (1932)
Die William K. Howard-Retro in Bologna hat mich nun nicht überwältigend erheitert (anders als Wellman, Walsh oder Sternberg bei früheren Jahrgängen). Dave Kehrs Begeisterung für Howard lässt sich am besten in The Trial of Vivienne Ware von 1932 nachvollziehen, dem fraglos schnellsten Film, den ich dieses Jahr gesehen habe. Auch der CNN-Sendezentrale zu Zeiten des O.J.-Simpson-Verfahrens würde dieser in jedem Frame reißerische Film den kalten Schweiß auf die mit Dollarscheinen zu trocknende Stirn treiben. Das Gerichtsdrama befindet sich offenbar seit 1932 in kontinuierlicher Regression.
Trouble in Paradise (1932)
Die Müll-Gondel in Venedig setzt den Ton dieser ruchlosen Pre-Code-Komödie von Ernst Lubitsch und da sich mir bei der Wiedergabe des diebischen Liebes-Plots voller Hochstaplerei das Gehirn verknotet, belasse ich es mal dabei, dass es im Januar im Arsenal in Berlin eine Lubitsch-Retro gibt, die man unbedingt besuchen sollte.
7th Heaven (1927)
Borzage zum zweiten, diesmal aus einer französischen DVD-Box, ausgehend von dem Vorhaben, nur einen der Filme pro Jahr zu schauen. Die herrisch misshandelnde Schwester von Janet Gaynor wird durch einen leidlich größeren Widersacher abgelöst: den Ersten Weltkrieg. Zwischendrin zwei, die sich in einer Scheinehe finden, kurz bevor nichts weniger als die Weltgeschichte sie auseinanderreist. Was einen Borzage-Helden noch lange nicht unterkriegt, erst recht nicht auf dem irren bis irrealen Heimweg, der alle Regeln des Films, dieser Zeit und vor allem des Krieges aus den Angeln hebt, wofür Borzage angemessen schwindelerregende Bilder findet.
The Beguiled (1971)
Die Liebe für Don Siegels Remake von The Killers konnte ich bisher nicht nachvollziehen, zu erhaben scheint mir die Siodmak-Version sowohl formal (eine Plansequenz verwurschtete ich zudem in meiner Magisterarbeit) als auch dank des gehetzten Schweden Burt Lancaster. Nun erfolgt die ausgleichende Gerechtigkeit in Form von Siegels Verfilmung von The Beguiled, die in ihrer konsequenten Zersetzung des guten Anstands in den majestätischen Südstaaten-Villen eindeutig den Vorzug über den verwunschenen Märchenwald von Sofia Coppola erhält.
Undisputed III: Redemption (2010)
Der Schmerz mag im amerikanischen Kino fehlen, in den DVD-Regalen trägt er den Namen Scott Adkins bzw. Yuri Boyka. Die Inszenierung der ungeheuer athletischen MMA-Fights in der Undisputed-Reihe tendiert zum langweilig Klaren, womöglich geschult an den weiten Aufnahmen einer Sportsendung, Sie kristallisiert unterdessen die Fähigkeiten der Teilnehmer heraus. Allen voran Adkins, dessen Boyka im zweiten Film als Schurke eingeführt wurde und der in Teil 3 die Rolle des Antihelden übernimmt, ein Geniestreich, der in genau einem Film richtig gut funktioniert (der vierte ist leider im Autopilot). Boyka und sein angebrochenes Knie sind Hitchcocks Bombe unter dem Tisch. Sie allein sorgen bereits für einen brennenden Body Horror im Kopf jedes Mal, wenn jemand Boykas Schienbein zu nahe kommt.
Gerald’s Game (2017)
Keiner geht dem Trauma im Horrorfilm derzeit so besessen nach wie Mike Flanagan, ob in Ouija 2, Before I Wake oder nun der Stephen King-Verfilmung Gerald’s Game, die Jessie (Carla Gugino) gefesselt auf ihrem Bett zurücklässt, dem Mondlicht, hungrigen Hunden, Erinnerungen und noch ganz anderem Grausen hilflos ausgesetzt. Für die Auflösung sucht Flanagan einmal mehr eine dezidiert naive Offensichtlichkeit, was den Symbolgehalt angeht (das Finale von Before I Wake wird in dieser Hinsicht nicht getoppt). Damit bleibt er King treu, aber auch dem Primat der Story, der sich nicht in der aufsehenerregenden Peeling-Aktion erschöpft, sondern Jessies Ausbruchsversuch aus dem Zyklus des Missbrauchs folgt, der lange vor diesem fehlgeschlagenen Sexspielchen im Ferienhaus seinen Anfang nahm.
Survival Family (2016)
Andere würden aus dem Stromausfall, der die japanische Gesellschaft zurück in vormoderne Zeiten befördert, einen Horrorfilm machen. Survival Family von Shinobu Yaguchi gibt im Filmtitel die muntere Grundstimmung vor. In den ersten Tagen müssen die Überlebenskünstler ohne Schnellzug auf Arbeit radeln, dann auf immer kreativeren Wegen nach Trinkwasser suchen, schließlich die Stadt verlassen, um zur Verwandtschaft am Meer zu gelangen. Heftig gebeutelt wird die Durchschnittsfamilie, ob im reißenden Fluss oder bei der Jagd nach einem entlaufenen Schweinchen. Dem ausschweifenden postapokalyptischen Pessimismus solcher Stories wird sich dabei verweigert, vielmehr das Funktionieren des Familienmoleküls während des Zusammenbruchs des Alltags unters Mikroskop gelegt.
Ghost in the Shell
(c) Paramount

Home From The Hill (1960)
Das Bild des Jahres: Robert Mitchum sitzt erwartungsvoll auf einem blutroten Sessel, umringt von ausgestopften Tierschädeln, Jagdgewehren und Whisky-Flaschen. Davon kann sich Snoke eine innenarchitektonische Scheibe abschneiden.
The Battleship Island (2017)
Stahl, Stein und Gischt nagen an den Gefangenen auf der Battleship Island, einem japanischen Arbeitslager und filmische Enzyklopädie der Kriegsverbrechen gegenüber den Koreanern. Sozusagen die Absage an das verzwickte Spionage-Spiel zwischen Widerstand und Kollaborateuren in The Age of Shadows von Kim Jee-woon, lässt sich The Battleship Island als nationalistische Propaganda abwatschen und hat diesen Vorwurf verdient. Wie der wachsende Widerstand gegenüber den infernalischen Besatzern sich hier entfaltet, sich durch Beton und Stahl frisst, von den Wellen davongespült wird, wieder zurückkämpft in die Ritzen und Höhlen, bis es zum offenen Kampf kommt, entwickelt jedoch eine solche filmische Wucht, wie ich sie dieses Jahr im Kino nur selten erlebt habe. Vielleicht sonst nur bei Dunkirk, der seine Mythenbildung ebenfalls zwischen Stahlwänden und erdrückenden Salzwasser-Massen betreibt.
Tennessee’s Partner (1955)
Zwar kein Revolvergürtel über dem Trauerkleid, dafür eine Männerfreundschaft zwischen einem beinahe charismatisch-vitalen Ronald Reagan und Südstaaten-Gentleman-Spieler John Payne, die an Strahlkraft den CinemaScope-Landschaften der Konkurrenz in nichts nachsteht.
Claire’s Camera (2017)
Von den drei Hong-Sang-soo-Filmen des Jahres der leichtfüßigste, findet sich Kim Min-hee auch diesmal in einer semi-autobiografisch-unglücklichen Beziehung wieder, allerdings eingefangen von der Sofortbildkamera Isabelle Hupperts. Während sich On the Beach at Night Alone und The Day After mit den Nachwirkungen zerbrochener Beziehungen beschäftigen, der eine in der Einsamkeit, der andere im Beisammensein, springt die Flüchtigkeit der Alltagsbeobachtungen von Hupperts Touristin in Cannes auf ihre koreanische Zufallsbekanntschaft über. Einmal schütteln, die Beziehungsepisode en detail betrachten und dann auf zum nächsten Foto.
Twin Peaks: Fire Walk With Me (1992)
Wohl der erste David Lynch-Film, der mich vollends begeistert hat, treibt Fire Walk With Me den puren Horror im Leben der Laura Palmer weiter, als es der Serie mit ihrem großen Ensemble, dem Humor, dem Kirschkuchen und Agent Cooper möglich oder erstrebenswert erschien. Der gellende Schrei am Ende von The Return nimmt hier seinen Anfang, der Tod dazwischen erscheint gar als Erlösung, was Coopers Bemühungen über alle Twin Peaks-Staffeln hinweg in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Ghost in The Shell (2017)
Wenn es einem Film gelingt, das Betoncroissant namens Hong Kong Cultural Centre, seines Zeichens dystopische Architektur der Gegenwart, in einer Zukunftsvision noch kälter und unpersönlicher und grauer aussehen zu  lassen, dann hat er meine Aufmerksamkeit. Anders als beim Concept-Art-Kino Blade Runner 2049 wirkt die roboterhafte Zukunft in Ghost in the Shell gelebt, abgenutzt, praktikabel, schließlich streifen auch die Cyborgs durch die Rotlichtviertel und Szeneclubs. Damit bewegt sich der Film von Rupert Sanders näher an Ridley Scotts Original als die glatte Villeneuve-Fortsetzung und ja, ich bin wahnsinnig voreingenommen, weil Ghost in the Shell einmal mehr die Hongkonger Architektur als Ausgangspunkt nimmt. Über das genialische Versionen-Casting von Scarlett Johansson und Michael Pitt bin ich immer noch nicht hinweggekommen.

Das wiedergefundene Kino – Il Cinema Ritrovato – XXVI edizione 2012

Und nun … Trommelwirbel … das filmische Resümee. Ich habe letztes Jahr 17 Filme gesehen bis ich gehen musste. Diesmal waren es 26 und wieder musste ich vorzeitig die Zelte abbrechen. Und auch wenn vielleicht eine ultimative Offenbarung wie Am blausten aller Meere aus dem letztes Jahr fehlte, war dieses Jahr nochmal großartiger. „You have a beautiful town. And one of the best festivals in the world” sagte John Boorman dem Publikum auf der Piazza und hatte mehr als Recht. Was gab es also? Hier eine Top Eleven und der Rest:

11. Der Dieb von Bagdad (USA/1924)

Wie letztes Jahr wird die Top Liste vom Thief of Bagdad eröffnet. Und auch wenn gerade Powell das Remake von 1940 mit großartigen Bildern in mein Gehirn zu brennen wusste, so ist das Original von und mit Douglas Fairbanks vielleicht die bessere Version, wenn auch knapp. Gerade Fairbanks, der in den Jahren davor in den Rollen von Zorro, D‘Artagnan und Robin Hood zu Hollywoods bedeutendsten Abenteuerhelden aufstieg, macht riesig Spaß. Der zum Entstehungszeitpunkt des Filmes schon 40-41-jährige Schlingel brennt förmlich. Mit jugendlichem Übermut springt er akrobatisch durch den Film und macht ca. 435 Zwischentitel überflüssig, weil er den Begriff overacting ad absurdem führt. Das geklaute Essen schmeckt ihm, also reibt er sich mit der Hand in riesigen Kreisen über den Bauch und grinst genussvoll. In einer besseren Welt würden wir alle so reden. Aber auch Regisseur Raoul Walsh, der ziemlich spät zu diesem Projekt stieß, lässt sein Talent an allen Ecken aufblitzen. Naives Abenteuer at its best.

10. Der merkwürdige Monsieur Victor (F 1937)

Gerade Langs Noir Filme (Fury und mit Abstrichen Mabuse und M) dienen oft als Referenz für diesen Krimi von Jean Grémillon über Schuld und die Abgründe hinter einer ehrenwerten Fassade. Doch für mich (und vll. auch die Chefin) wird er auf ewig eine Vorwegnahme von Citizen Kane sein. Donald Richie hat mal erzählt, dass er, als er Letzteren zum ersten Mal sah, dachte, der Vorführer sei betrunken und würde die Rollen in komplett falscher Reinfolge abspielen. Ich weiß nicht ob der Vorführer in Bologna betrunken war, tatsächlich spielte er aber die vierte vor der dritten Rolle. Dadurch, dass die Geschehnisse vor dem 7 jährigen Zeitsprung in der Geschichte fehlten, entwickelte L’étrange monsieur Victor zusätzlich Spannung. Eine aufregende Ellipse entstand, die erst aufgelöst wurde, als der Zuschauer schon ahnte, was passiert war. Ein äußerst gelungener Fehler.

9. Leuchtturmwärter (F 1929)

Leider habe ich viel davon verschlafen. Vielleicht ein Drittel des Films. Gardiens de phare (so der Originaltitel) basiert auf einem Theaterstück, aber Drehbuchautor Jacques Feyder übersetzte das ganze Stück in Film. Für ihn bedeutete das, fast alle Dialoge rauszuschmeißen und alles in die Hände der Bilder zu legen. Der letzte Stummfilm von Jean Grémillon ist deshalb visuell beindruckend, aber auch reduziert und karg. Ich habe aber auch große Teile der Traumsequenz in der Mitte verpasst, die alles andere als karg erschien. Was ich sah, lies aber auf Großes schließen … auch außerhalb dieser Szene. Ein Leuchtturm, ein Sturm, die Abgeschlossenheit, zwei Wärter, die ausbrechende Tollwut bei einem der beiden und Liebe sind die Elemente dieses Films, den ich hoffentlich nochmal ganz sehen werde.

8. Der große Treck (USA 1930)

Mehr oder weniger der Eröffnungsfilm für Jenny und mich, der nach der bitteren Enttäuschung am Tag vorher auf der Piazza (Once Upon a Time in America), für vieles entschädigte. Raoul Walsh wurde von Fox engagiert um diesen Western zu drehen, wodurch er die neue 70mm Technik des Studios ausprobieren durfte. Es ist beeindruckend wie er instinktiv weniger schneidet und mit der neuen Schärfe innerhalb der Bilder die Aufmerksamkeit verschiebt. Er macht all das, was erst Jahrzehnte später im großen Stil möglich und verfeinert wurde. Aber The Big Trail hat noch viel mehr zu bieten. Allein die Szene mit den unzähligen Kutschen, die real an Seilen und Holzgerüsten einen steilen Hang herabgelassen werden, hat eine existenzielle Stärke, die dem Schiffswahnsinn von Fitzcarraldo nur in wenig nachsteht. Neben all der rohen Kraft, mit der der Treck durch ein entbehrungsreiches Land zieht, ist The Big Trail aber auch ein riesiger Spaß. Comic-relief ohne Ende. Leichtfüßig tänzelt er dahin und nirgendwo ist zu merken, dass Walsh gleichzeitig die Schirmherrschaft über die französische, spanische und deutsche Versionen hatte, die gleichzeitig gedreht wurden. Zu guter Letzt gab Walsh dem unbekannten Marion Morrison die Hauptrolle und gleich einen Künstlernamen dazu: John Wayne. Unfassbar, dass dieser Film floppte.

7. Preis der Schönheit (F 1930)

Filme mit Louise Brooks können per Definition nicht schlecht sein. Wenn das Drehbuch dann auch noch von Georg Wilhelm Pabst und René Clair stammt, dann kann eigentlich aber auch nichts schief gehen. Lulu (wer anderes als Brooks) nimmt trotz der Vorbehalte ihres eifersüchtigen Freundes an einem Schönheitswettbewerb teil. Prompt gewinnt sie und wird zu Miss Europe gewählt. Nun muss sie sich zwischen ihrer Liebe zu ihrem Freund und einer Karriere entscheiden. Und genau so unsicher wie sie ist, so unsicher torkelt die Dramaturgie des Films. Prix de beauté hat schweren Seegang. Immer wieder entscheiden sich Lulu und die Geschichte um, ohne dass sie etwas Greifbares finden würden. Überall findet sich Schönheit und Ernüchterung. Der Moment indem sie sich entscheidet, indem die Widersprüche aufhören, in dem endet auch ihr Leben. Wie aus dem Nichts endet alles in Raserei und Verblendung.

6. Lola (F 1961)

Wer Nouvelle Vague hört, der denkt meist an künstlerisch anspruchsvolle, anstrengende Filme. Das mag zum einen an Godards Sperrigkeit und lächerlicher politischer Sphinxhaftigkeit liegen, die er nach „One plus One“ vollends kultivierte, sowie an der Assoziation von Resnais mit dieser neuen Welle. Auch Truffauts Entwicklung zum biederen Langweiler mag dazu beigetragen haben. Aber was die Nouvelle Vague zu Beginn ausmachte, war die Frische und lockere Lebenslust in den Filmen. Das hattne sie alle gemeinsam … selbst Chabrol. Und genau dieses lockere Tänzeln ist es auch, was Lola zu einem solchen Vergnügen macht. Jacques Demy, der ja im Grunde nicht zum Kern der Nouvelle Vague gehörte, schafft es einen Film aus den Ärmel zu schütteln, der dem Frühwerk von Truffaut und Godard in nichts nachsteht. Leichtfüßig, ohne Schwere bewegt sich Lola durch die Geschichte über unerwiderter Liebe, Sex, Striptease, Würde, Suchen nach einem Lebensinhalt und die Verstrickung des Roland in eine Schmuggelgeschichte. Ein erhebender Genuss.

5. Me and My Gal (USA 1932)

Bei vielen Thrillern, Krimis und Actionfilmen ist es so, dass Witz und eine Liebesgeschichte benutzt werden, um die Stimmung aufzulockern. Bei Me and My Gal ist es genau umgedreht. Es ist eine Liebeskomödie, in die sich immer wieder Gangster verirren. Komplett unausgeglichen steht beides nebeneinander. Drehbuchautor Arthur Kober und Regisseur Raoul Walsh wollen sich nicht entscheiden und tun dem Film einen riesen Gefallen. Perfektion ist ihnen total egal, sie wollen unterhalten. Dabei sind sie aber zu keiner Zeit dümmlich. Sie erhalten sich so eine rotzige Kraft, die bei jedem Sehen nicht langweilig sein wird. Spencer Tracy und Joan Bennett tun den Rest. Sie sind eines der großartigsten Paare der Filmgeschichte. Sie zicken sich in bester Screwballmanier an und lassen Cary Grant und Katherine Hepburn recht alt aussehen … und das sage ich als Fan der letzten beiden. Leider aber einer der wenigen Filme von Walsh in Bologna, in dem es keinen Tiergeräuschimitator gab. (Von den Gesehenen musste nur noch The Thief of Bagdad auf einen solchen verzichten. Aber wenn er Ton gehabt hätte, hätte Fairbanks sein fliegendes Pferd auch mit Wiehern anlocken müssen. Ich bin mir sicher.)

4. Point Blank (USA 1967)

Als er auf der Piazza lief, wurde der Ton voll aufgedreht. Ich habe keine Ahnung, was die Anwohner dachten, aber die Schreie, das Ankeifen und die Schüsse müssen durch die ganze Stadt geschallt sein. Walkers (Lee Marvin) ewig wiederkehrenden Erinnerungsfetzen, die ihn nicht schlafen lassen, die seine Realitätswahrnehmung zerreißen und sie gleichzeitig konstituieren, fetzten über die Leinwand. Bevor der Film begann, erzählte John Boorman wiedermal seine klassischen Geschichten zum Film. Cutterin Magaret Booth, bekannt dafür, Filme nach den Vorstellungen der Bosse in Hollywood umzuschneiden, sagte, dass nur über ihren toten Körper ein Bild aus dem Film genommen werden würde. Lee Marvin habe gesagt, dass er den Film nur unter einer Voraussetzung machen würde, worauf er das Drehbuch aus dem Fenster warf. All diese Geschichten aus dem Mund des Regisseurs machten nochmal Lust und unterstrichen die altbekannte Wildheit und Kompromisslosigkeit eines Films, der keine Gefangenen nimmt.

3. Die Teufelsbrigade (USA 1951)

Distant Drums ist ein wenig wie die kunterbunte Version von Apocalypse Now in den Everglades der 1840er Jahre. Gary Cooper spielt Captain Quincy Wyatt, die brave Version von Colonel Kurtz: „soldier, swamp man, gentleman, savage“. Von Seminolen, die aussehen wie kurzberockte, psychedelische Pakistanis, also im Film und in Wirklichkeit, wird er mit seiner Kompanie und befreiten Gefangenen durch einen riesigen, menschenfeindlichen Sumpf gejagt. Doch er reist nicht in das Herz der Finsternis, sondern in das Herz von edler Männlichkeit à la Hollywood. Die Szene, in der sich Cooper mit einem riesigen Messer (kurz vor Machete) trocken rasiert, in der der Ton aus ohrenbetäubenden Geräuschen eines Messers besteht, das über Sandpapier gezogen wird, und in der alle nur ungläubig auf Wyatt gucken, ist eine der größten Szenen aller Zeiten. Sie ist zum Tränenlachen witzig, bewundernswert und entlarvend. Der Ich-Erzähler des Films starrt ungläubig, weil er nicht glauben kann, dass das wirklich passiert, und weil er so sein möchte wie Cooper. Die befreite Judy guckt und ihre Welt bricht zusammen, denn das ist alles lächerlich, beeindruckend und erotisch. Diese ganze Szene ist irreal bis zum geht nicht mehr, niemand kann so sein, und doch ist Captain Wyatt darin das Vorbild und Begehren aller, die ihm zuschauen. Distant Drums ist ein naiver Abenteuerfilm, ein witziger Western und zeigt Raoul Walsh auf einem seiner Höhepunkte.

2. Ein Schloß in New York (USA 1933)

Hervé Dumont, ehemaliger Direktor der Cinémathèque suisse und Autor von „Frank Borzage: Life and Films of a Hollywood Romantic“, gab eine wundervolle Einleitung. In ihr erzählte er, dass vor Drehbeginn schon 23 Szenen aus dem Drehbuch von Man’s Castle entfernt wurden, weil sie zu heikel waren. Bei der Premiere verursachte Borzages Film einen riesen Skandal und wurde der erste in den USA verbotene Film. 23 Szenen wurden abermals entfernt, worauf er in die Kinos kam und total floppte. Mit kindlicher Freude las Dumont eine Liste vor, gegen welche „Bestimmungen“ des gerade sich im Entstehen befindlichen Hays-Codes Man’s Castle verstieß: Fluchen, Nacktszenen, vorehelicher Sex, Verhöhnung von Geistlichkeit und Kirche, ungeahndete Straftaten, versuchte Vergewaltigung und und und. Dumonts Kopf wurde dabei ganz rot vor diebischer Freude und Scham. Selbst als Spencer Tracy den Oscar für sein Lebenswerk erhielt, wurde der Film gezeigt und umgeschnitten. Die Eheschließung wurde vor den Sex gepackt, damit dieser gerechtfertigt sei. Kurz, Frank Borzage hatte einen Film gegen den guten Geschmack gemacht. Da war es den Offiziellen egal, mit wie viel zauberhafter Romantik der Film das Leben zweier ungewöhnlicher Menschen am Rande der Gesellschaft darstellte. Sicherlich ist er auch düster, wodurch die Romantik nicht zu süßlich wird, aber vor allem war er eine wunderbare Liebeserklärung an das unangepasste Leben. Und das war es vielleicht, was so schockierte. Spencer Tracy legte zudem im Vergleich zu My and My Gal auch noch mal eine Schippe Schnoddrigkeit drauf. Naiv, herzlich und rotzfrech macht er aus diesem Film, der für mich im Grunde nur ein Lückenfüller im Programm war, eine große Surprise.

1. Das Schiff der verlorenen Frauen (I 1954)

Raffaello Matarazzos Schmuckstück lief im Rahmen der jährlich wiederkehrenden Reihe „Die Farben des Tonfilms“ und außerdem anlässlich des 60sten Geburtstags von Positif. Die Kritiker des großen Widersachers der cahiers du cinema hatten La nave delle donne maledette immer verteidigt und gelobt. Gerade als die cahiers in den Siebzigern antibourgeoise Kunstfilme verlangte, wurde bei Postif auf das Recht und die Schönheit eines Films gepocht, der so gar nicht dem guten Geschmack entsprach und statt auf avantgardistische Kunst, auf exploitative Räusche im Gewand einer Groschenheftsgeschichte setzte. Es beginnt als campy Kostümdrama, in dem eine unschuldige Frau zu 10 Jahren Strafarbeit in den Kolonien verurteilt wird. Sie hielt, durch falsche Versprechungen verleitet, ihren Kopf als Sündenbock hin, um einen Skandal von ihrer Familie abzuhalten. Doch die Schiffsreise über den Atlantik eskaliert. Die Sadismusschraube an Bord zieht ständig an, bis die Frauen, die unter Deck in einem Käfig festgehalten werden, sich befreien und alle Spannungen sich in etwas entladen, was wohl am ehesten als eine Mischung aus Kampf, Orgie und Abwerfen der zivilisatorischen Ketten beschrieben werden kann. Sessel und Kino waren ziemlich schnell vergessen. Zurück blieb ein ungläubiger, gebannter Blick. Welch ein Fest.

Und zu guter Letzt für Komplettisten, der ganze Rest, der mir vor die Augen kam, in chronologischer Folge der Sichtung:

Es war einmal in Amerika (USA/I 1984) – Riesen Dreck. Den mochte ich mal. Scham. Wer mehr wissen möchte, auf moviepilot.de habe ich mich ausgelassen.

Gosudarstvennyj ?inovnik [The civil servant] (UdSSR 1931) – Pyrjew wurde als wilder Chaot, der sich was traut angekündigt, fand ich aber nur nett. Zuviel Propaganda. Auch wenn der offene Umgang mit den Säuberungen schon interessant war.

After the Verdict (GB/D 1929) – Warum nur wurde alles unfassbar Tolle für die letzten Sekunden aufgehoben.

Chushingura (J 1910-12) – Die Geschichte der 40 Ronin aus Sicht des sehr frühen japanischen Kinos. … hm … naja auch mal interessant sowas zu sehen.

Why Worry? (USA 1923) – Nicht einfach nur der Harold Lloyd Klassiker, sondern mit japanischen voice over. Es waren nur 29 Minuten erhalten, aber die Erklärungen für das japanische Publikum, damit sie diesen seltsamen westlichen Kram auch verstehen, waren sehr witzig.

Dai Chushingura (J 1932) – Kurz nach der Version von 1912 kam diese Version. Verständlicher und nachvollziehbarer, aber da sind einfach nur Dinge passiert, die scheinbar zu den 40 Ronin gehören, aber dramaturgisch nicht verbunden waren.

David Golder (F 1931) – Verfilmung des Romans von Irène Némirovsky. Nett.

Il richiamo [The Call from the Past] (I 1921) – Sicherlich sehr vorhersehbar. Aber verdrängter Inzestdrang ist immer ein tolles Thema.

Mein Name ist Spiesecke (D 1914) – Mein Name ist Ichlach Michtot. Komplett absurd und bescheuert. Auf die schlechte Weise.

Fujiwara Yoshie no furusato [Hometown] (J 1930)- Die Comic-relief-Momente sind toll. Sonst hat Mizoguchi deutlichst Besseres gemacht.

Komedi om Geld (NL 1936) – Max Ophüls übt ein klein wenig für Lola Montez. Ganz nett, aber auch er hat Besseres gemacht.

Gueule d’amour [Ladykiller] (D/F 1937) – Der Uninteressanteste der Grémillions, vor allem weil ich amour fous nicht mehr sehen kann.

Mary (D/GB 1930) – Deutsche Version von Murder. Ebenfalls von Hitchcock gedreht. Da hatte ich nach der Ankündigung im Katalog mehr Frauenkleidungsfetischismus des Mörders erwartet und war enttäuscht. Sicherlich auch keines von Hitchcocks Meisterwerken.

Tess (F/GB 1979) – Wie schon erwähnt: bewegte Postkarte. Hat seine Momente, aber ist nicht meins.

Wild Girl (USA 1932) – Der einzige Raoul Walsh, der es nicht in die Liste geschafft hat. Ein Luxus bei der Qualität des Films.