20 Filme, die zusammen in einer Liste stehen und das nicht ganz zufällig

7th Heaven
(c) 7th Heaven, Carlotta Films

Im Fernsehen trauert gerade der schweißige Motivationscoach über seinen dahingeschiedenen Rancor, womit sich mein Lieblingsteil von Return of the Jedi dem Ende neigt. Unterstützt von dieser Pewpew- und Swooshswash-geschwängerten Begleitmusik will ich zum Jahresbeginn kurz auf einige der besten Erstsichtungen 2017 zurückblicken. Beim Wollmilchcast und bei moviepilot habe ich über manche Listenanwärter schon ausführlich gesprochen oder geschrieben, z.B. Nocturama und The Florida Project oder aber Thelma und Dawson City: Frozen Time. Um die Filmauswahl etwas abwechslungsreicher zu gestalten, zählen diesmal weder Produktionsjahre noch Kinostarts. Es könnten noch andere Filme in der Liste stehen. Sie tun es aber nicht.
Johnny Guitar (1954)
Warum überhaupt Western schauen, in denen die Frauen über ihren Trauerkleidern keine Revolvergurte tragen? Sterling Hayden schien mir im Vorfeld immer eine seltsame Wahl für den Titelhelden. Johnny Guitar, das klang nach einem schmaleren, sanfteren Darsteller, einem Alan Ladd zum Beispiel. Hayden frisst in meinem Kopf immer Spaghetti mit Fleischbällchen, während er in Uniform auf den atomaren Weltuntergang wartet. Im Kontrast zu Crawfords Vienna geht das Casting auf. Vielleicht sah Johnny mal aus wie ein junger Alan Ladd, eine verflossene Liebe zu Vienna und das Leben als Gunslinger haben indes die Wirkung eines direkten Blicks in den Atompilz – und einer Schüssel Fleischbällchen.
Nathan for You: Finding Frances (2017)
Das Staffelfinale von Nathan for You ist kein Film und trotzdem ist Finding Frances die zweitbeste Dokumentation, die ich dieses Jahr gesehen habe. „Serien-Nathan“ sucht mit einem Bill Gates-Imitator aus einer früheren Episode nach dessen verflossener Liebe Frances; eine vertane Lebenschance, ein Quell von verpassten Chancen und Urknall eines alternativen Zeitstrahls (der Bill Gates vielleicht nie gestreift hätte). Unterwegs gaukeln sie die Produktion von Mud 2: Never Clean vor (würde ich gucken) und „Nathan“ beginnt eine Beziehung zu einer Escort-Dame, die fulminante Krönung des Verwirrspiels, welches Nathan for You zugrunde liegt. Führt „Nathan“ diese Beziehung oder auch Nathan? Können wir es überhaupt Beziehung nennen, wenn sie für eine Docu- oder Mockumentary (ja, was denn eigentlich?) vor Kameras durchgespielt wird, einmal abgesehen davon, dass „Serien-Nathan“ sie bezahlt und Nathan-Nathan sicher ebenfalls. Nathan Fielder ringt seiner zutiefst awkwarden Serien-Persona eine Melancholie ab, die bei Dumb Starbucks noch nicht abzusehen war. Er ist der derzeit genialste Künstler in der US-Mainstream-Comedy und besitzt einen kanadischen Pass (natürlich).
Das Glas Wasser (1960)
Karena Niehoff beschrieb diesen Helmut-Käutner-Film 1960 im Tagesspiegel als „nicht überwältigend erheiternd“, der historische Musikfilm biete „mehr gemäßigte Kultur“ als „maßlose Einfälle“ und, was soll ich sagen? Manchmal wünsche ich mich in die maßlosen Endfünfziger zurück, in denen die Leute von der allgegenwärtigen lebensweltlichen Ekstase der Adenauer-Jahre derart ergriffen waren, dass sie eine musikalische Dogville-meets-The-Taming-of-the-Shrew-Satire über den britischen Adel des 18. Jahrhunderts mit einem singenden Gustav Gründgens und einer göttlich piepsenden Liselotte Pulver derart unterkühlt hinnehmen konnten. Dem Publikum in Bologna ging es vermutlich ähnlich.
Atomic Blonde (2017)
Die ersten Minuten von Atomic Blonde machten mir Angst. Da steckte viel Gepose drin, viel 80er-Konserven-Mucke, viele Hinweise, warum Regisseur David Leitch für Deadpool 2 engagiert wurde. Und wenig Hundebaby-Rache.  Nach mehreren Sichtungen habe ich mich mit dem Mangel an warmer Wick-ness in diesem Film versöhnt, es brauchte eine Weile, bis ich das kalte Herz in seiner Mitte akzeptieren konnte. Mehr noch als bei dem eleganten Gun-Fu von John Wick wird die Action in Atomic Blonde am Körper von Lorraine Broughton (Charlize Theron) durchexerziert. Der Kalte Krieg spielt sich in ihren Feilchen, aufgesprungenen Lippen und Blutergüssen ab. Der Schmerz kommt mir im amerikanischen Mainstream-Kino seit einer Weile zu kurz. Man vergleiche die brennende Kälte und und verzerrten Gesichter in Das Imperium schlägt zurück mit Reys Gekeuche im ansonsten fantastischen Die letzten Jedi. Im Actionfilm findet er sich gelegentlich. Das geradezu post-ritchie-eske Gepose in Atomic Blonde ist Überlebensstrategie in mitten dieses Schmerzes. Lorraine meistert ihn mit einer eisigen Methodik. Zum Kaltblüter macht sie das nicht, im Gegenteil.
The Story of G.I. Joe (1945)
Robert Mitchum war dieses Jahr posthumer Ehrengast beim Filmfestival Il Cinema Ritrovato in Bologna. Da lief eine unfertige Mitchum-Doku, in der der leidenschaftliche Sänger und sensible Melancholiker zu Wort kam, der in Cape Fear im Trailer bleiben muss. William A. Wellmans Kriegstagebuch kommt diesem wohl auch nicht nahe, aber immerhin näher, als viele der Rollen, mit denen wir Mitchum heute assoziieren. Sie erinnert zudem an John Wayne in The Big Trail, nicht weil die Rollen notwendigerweise etwas gemeinsam haben, sondern weil sie gespielt wurden, bevor die Welt zu wissen glaubte, was eine Mitchum- oder Wayne-Figur ausmacht. Es kam dem Film im übrigen entgegen, dass ich über den Namen Burgess Meredith im Vorspann, der den Erzähler spielt, nicht weiter nachgedacht habe. So stellte ich mir ihn nicht 108 Minuten mit Zylinder und Zigarettenspitze vor.
Bright Sunshine In (2017)
Alles was Bastards in viriler Überspanntheit sich ansammelt, dreht in Bright Sunshine In frei. Eine Verzweiflung liegt beiden zugrunde, wenn auch der neue Film von Claire Denis dies unerwarteterweise in einer Komödie einfängt. Man stelle sich eine Rom-Com als verzehrendes Warten auf Godot vor, nur kommt Godot am Ende tatsächlich und er sieht aus wie Gerard Depardieu, verspricht alle Lösungen für die Verzweifelte und quacksalvert stattdessen seine Binsenweisheiten über den Abspann. Sie saugt alles auf. Es bleibt ihr ja nichts anderes übrig. Der Kampf geht weiter.
Until They Get Me
Until They Get Me (1917)
Die Filmwelt wäre um einiges besser dran, wenn sich Regisseure jede Filmminute über Nummer 90 mit einem weiteren Film erarbeiten müssten. Frankieboy Frank Borzage brauchte 1917 nur eine knappe Stunde, dazu einen Mann, eine Schuld, ein Pferd und ein Mädchen. Das feurige Leuchten in den Augen der Borzage-Figuren birgt auch diese Abwandlung von Die Elenden, hätte Victor Hugo die komplette Story auf die bare essentials heruntergekocht – und Javert durch einen Mountie ersetzt.
The Trial of Vivienne Ware (1932)
Die William K. Howard-Retro in Bologna hat mich nun nicht überwältigend erheitert (anders als Wellman, Walsh oder Sternberg bei früheren Jahrgängen). Dave Kehrs Begeisterung für Howard lässt sich am besten in The Trial of Vivienne Ware von 1932 nachvollziehen, dem fraglos schnellsten Film, den ich dieses Jahr gesehen habe. Auch der CNN-Sendezentrale zu Zeiten des O.J.-Simpson-Verfahrens würde dieser in jedem Frame reißerische Film den kalten Schweiß auf die mit Dollarscheinen zu trocknende Stirn treiben. Das Gerichtsdrama befindet sich offenbar seit 1932 in kontinuierlicher Regression.
Trouble in Paradise (1932)
Die Müll-Gondel in Venedig setzt den Ton dieser ruchlosen Pre-Code-Komödie von Ernst Lubitsch und da sich mir bei der Wiedergabe des diebischen Liebes-Plots voller Hochstaplerei das Gehirn verknotet, belasse ich es mal dabei, dass es im Januar im Arsenal in Berlin eine Lubitsch-Retro gibt, die man unbedingt besuchen sollte.
7th Heaven (1927)
Borzage zum zweiten, diesmal aus einer französischen DVD-Box, ausgehend von dem Vorhaben, nur einen der Filme pro Jahr zu schauen. Die herrisch misshandelnde Schwester von Janet Gaynor wird durch einen leidlich größeren Widersacher abgelöst: den Ersten Weltkrieg. Zwischendrin zwei, die sich in einer Scheinehe finden, kurz bevor nichts weniger als die Weltgeschichte sie auseinanderreist. Was einen Borzage-Helden noch lange nicht unterkriegt, erst recht nicht auf dem irren bis irrealen Heimweg, der alle Regeln des Films, dieser Zeit und vor allem des Krieges aus den Angeln hebt, wofür Borzage angemessen schwindelerregende Bilder findet.
The Beguiled (1971)
Die Liebe für Don Siegels Remake von The Killers konnte ich bisher nicht nachvollziehen, zu erhaben scheint mir die Siodmak-Version sowohl formal (eine Plansequenz verwurschtete ich zudem in meiner Magisterarbeit) als auch dank des gehetzten Schweden Burt Lancaster. Nun erfolgt die ausgleichende Gerechtigkeit in Form von Siegels Verfilmung von The Beguiled, die in ihrer konsequenten Zersetzung des guten Anstands in den majestätischen Südstaaten-Villen eindeutig den Vorzug über den verwunschenen Märchenwald von Sofia Coppola erhält.
Undisputed III: Redemption (2010)
Der Schmerz mag im amerikanischen Kino fehlen, in den DVD-Regalen trägt er den Namen Scott Adkins bzw. Yuri Boyka. Die Inszenierung der ungeheuer athletischen MMA-Fights in der Undisputed-Reihe tendiert zum langweilig Klaren, womöglich geschult an den weiten Aufnahmen einer Sportsendung, Sie kristallisiert unterdessen die Fähigkeiten der Teilnehmer heraus. Allen voran Adkins, dessen Boyka im zweiten Film als Schurke eingeführt wurde und der in Teil 3 die Rolle des Antihelden übernimmt, ein Geniestreich, der in genau einem Film richtig gut funktioniert (der vierte ist leider im Autopilot). Boyka und sein angebrochenes Knie sind Hitchcocks Bombe unter dem Tisch. Sie allein sorgen bereits für einen brennenden Body Horror im Kopf jedes Mal, wenn jemand Boykas Schienbein zu nahe kommt.
Gerald’s Game (2017)
Keiner geht dem Trauma im Horrorfilm derzeit so besessen nach wie Mike Flanagan, ob in Ouija 2, Before I Wake oder nun der Stephen King-Verfilmung Gerald’s Game, die Jessie (Carla Gugino) gefesselt auf ihrem Bett zurücklässt, dem Mondlicht, hungrigen Hunden, Erinnerungen und noch ganz anderem Grausen hilflos ausgesetzt. Für die Auflösung sucht Flanagan einmal mehr eine dezidiert naive Offensichtlichkeit, was den Symbolgehalt angeht (das Finale von Before I Wake wird in dieser Hinsicht nicht getoppt). Damit bleibt er King treu, aber auch dem Primat der Story, der sich nicht in der aufsehenerregenden Peeling-Aktion erschöpft, sondern Jessies Ausbruchsversuch aus dem Zyklus des Missbrauchs folgt, der lange vor diesem fehlgeschlagenen Sexspielchen im Ferienhaus seinen Anfang nahm.
Survival Family (2016)
Andere würden aus dem Stromausfall, der die japanische Gesellschaft zurück in vormoderne Zeiten befördert, einen Horrorfilm machen. Survival Family von Shinobu Yaguchi gibt im Filmtitel die muntere Grundstimmung vor. In den ersten Tagen müssen die Überlebenskünstler ohne Schnellzug auf Arbeit radeln, dann auf immer kreativeren Wegen nach Trinkwasser suchen, schließlich die Stadt verlassen, um zur Verwandtschaft am Meer zu gelangen. Heftig gebeutelt wird die Durchschnittsfamilie, ob im reißenden Fluss oder bei der Jagd nach einem entlaufenen Schweinchen. Dem ausschweifenden postapokalyptischen Pessimismus solcher Stories wird sich dabei verweigert, vielmehr das Funktionieren des Familienmoleküls während des Zusammenbruchs des Alltags unters Mikroskop gelegt.
Ghost in the Shell
(c) Paramount

Home From The Hill (1960)
Das Bild des Jahres: Robert Mitchum sitzt erwartungsvoll auf einem blutroten Sessel, umringt von ausgestopften Tierschädeln, Jagdgewehren und Whisky-Flaschen. Davon kann sich Snoke eine innenarchitektonische Scheibe abschneiden.
The Battleship Island (2017)
Stahl, Stein und Gischt nagen an den Gefangenen auf der Battleship Island, einem japanischen Arbeitslager und filmische Enzyklopädie der Kriegsverbrechen gegenüber den Koreanern. Sozusagen die Absage an das verzwickte Spionage-Spiel zwischen Widerstand und Kollaborateuren in The Age of Shadows von Kim Jee-woon, lässt sich The Battleship Island als nationalistische Propaganda abwatschen und hat diesen Vorwurf verdient. Wie der wachsende Widerstand gegenüber den infernalischen Besatzern sich hier entfaltet, sich durch Beton und Stahl frisst, von den Wellen davongespült wird, wieder zurückkämpft in die Ritzen und Höhlen, bis es zum offenen Kampf kommt, entwickelt jedoch eine solche filmische Wucht, wie ich sie dieses Jahr im Kino nur selten erlebt habe. Vielleicht sonst nur bei Dunkirk, der seine Mythenbildung ebenfalls zwischen Stahlwänden und erdrückenden Salzwasser-Massen betreibt.
Tennessee’s Partner (1955)
Zwar kein Revolvergürtel über dem Trauerkleid, dafür eine Männerfreundschaft zwischen einem beinahe charismatisch-vitalen Ronald Reagan und Südstaaten-Gentleman-Spieler John Payne, die an Strahlkraft den CinemaScope-Landschaften der Konkurrenz in nichts nachsteht.
Claire’s Camera (2017)
Von den drei Hong-Sang-soo-Filmen des Jahres der leichtfüßigste, findet sich Kim Min-hee auch diesmal in einer semi-autobiografisch-unglücklichen Beziehung wieder, allerdings eingefangen von der Sofortbildkamera Isabelle Hupperts. Während sich On the Beach at Night Alone und The Day After mit den Nachwirkungen zerbrochener Beziehungen beschäftigen, der eine in der Einsamkeit, der andere im Beisammensein, springt die Flüchtigkeit der Alltagsbeobachtungen von Hupperts Touristin in Cannes auf ihre koreanische Zufallsbekanntschaft über. Einmal schütteln, die Beziehungsepisode en detail betrachten und dann auf zum nächsten Foto.
Twin Peaks: Fire Walk With Me (1992)
Wohl der erste David Lynch-Film, der mich vollends begeistert hat, treibt Fire Walk With Me den puren Horror im Leben der Laura Palmer weiter, als es der Serie mit ihrem großen Ensemble, dem Humor, dem Kirschkuchen und Agent Cooper möglich oder erstrebenswert erschien. Der gellende Schrei am Ende von The Return nimmt hier seinen Anfang, der Tod dazwischen erscheint gar als Erlösung, was Coopers Bemühungen über alle Twin Peaks-Staffeln hinweg in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Ghost in The Shell (2017)
Wenn es einem Film gelingt, das Betoncroissant namens Hong Kong Cultural Centre, seines Zeichens dystopische Architektur der Gegenwart, in einer Zukunftsvision noch kälter und unpersönlicher und grauer aussehen zu  lassen, dann hat er meine Aufmerksamkeit. Anders als beim Concept-Art-Kino Blade Runner 2049 wirkt die roboterhafte Zukunft in Ghost in the Shell gelebt, abgenutzt, praktikabel, schließlich streifen auch die Cyborgs durch die Rotlichtviertel und Szeneclubs. Damit bewegt sich der Film von Rupert Sanders näher an Ridley Scotts Original als die glatte Villeneuve-Fortsetzung und ja, ich bin wahnsinnig voreingenommen, weil Ghost in the Shell einmal mehr die Hongkonger Architektur als Ausgangspunkt nimmt. Über das genialische Versionen-Casting von Scarlett Johansson und Michael Pitt bin ich immer noch nicht hinweggekommen.

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