10 Jahre // 15 Favoriten (2)

Nachdem ich die ersten fünf meiner Lieblinge der letzten zehn Jahre vorgestellt habe, geht es an dieser Stelle weiter mit dem zweiten Teil. Wie immer gilt: Diese Liste erhebt keinen Anspruch darauf, die „besten“ Filme herauszupicken, hingegen versteht sie sich eher als persönlicher Rückblick auf das ausgehende Jahrzehnt. Diskussionen sind natürlich trotzdem erwünscht!


Hero (HK/VRC 2002)

Ich gebe zu, meine Haltung zu „Hero“ ist eine zwiespältige. Hätte Zhang Yimou einfach nur kommerziellen Kitsch über die Gründung Chinas abgeliefert, würde die Antwort ganz klar lauten: Die Speerspitze der Fünften Generation hat sich dem Kommerz ergeben usw. Das Martial Arts-Epos „Hero“ ist aber bei weitem nicht so einfach abzuwatschen, wie es in den Feuilletons gern gepflegt wird. „Hero“ ist, anders als der nichtssagende Nachfolger „House of Flying Daggers“, ein Werk, dessen Subtext die Kontroverse geradezu herausfordert. Es geht um nichts geringeres als das Verhältnis des Bürgers zur staatlichen Autorität, sein Widerstandsrecht und die Verrechnung des Wohles des Einzelnen mit dem der Allgemeinheit. „Hero“ ist jedoch gleichzeitig ein Wuxia-Film, der gewissermaßen auf der „Tiger & Dragon“-Welle mitreitet, diese aber in eine andere Richtung führt. Die u.a. von King Hu geprägte Wuxia-Ästhetik der schwebenden Kämpfer wird aufgenommen, doch radikalisiert Zhang sie im Gegensatz zu Ang Lee, der sich auf die Integration moderner Spezialeffekte beschränkt hatte. Visuell ist „Hero“ ein bewegtes Gemälde, ein Farbenrausch, der am ehesten mit Wong Kar-Wais „Ashes of Time“ verglichen werden kann. Doch statt sich auf die Schauwerte zu beschränken, variiert Zhang die dem Wuxia-Genre innewohnende subversive Kraft auf diskussionswürdige Weise, indem er die staatliche Autorität in Gestalt des ersten Kaisers Qin Shihuangdi die Oberhand behalten lässt. Doch nicht nur das. Zhang lässt die Widerstandskämpfer, die wandernden Schwertkämpfer, im Grunde vor ihm niederknien, was angesichts des geschichtlichen Hintergrundes nicht nur der Einigung Chinas wegen getan wird, sondern auch noch einen autoritären Herrscher in seinem Amt und seinen Methoden bestätigt. In die Geschichte eingegangen ist der erste Kaiser schließlich nicht nur wegen der Reichseinigung, sondern  auch „legendärer“ Gräueltaten.

Elephant (USA 2003)

„Elephant“ ist ein Film, den ich wohl niemals vergessen werde. Es ist ein Film, den ich nur im Abstand von Jahren sehen kann und will. So geht es natürlich nicht jedem. Es gibt sicher genügend Menschen, die mit halbwegs objektivem Blick auf die Fehler und Vorzüge verweisen können, die ihn einordnen können in das Werk Gus van Sants, die sagen können, dass „Elephant“ das Mittelstück seiner Todestrilogie ist, mit der er sich selbst aus dem künstlerischen Niemandsland gezogen hat. Das alles ist schön und gut. Doch für mich ist „Elephant“ zuallererst eine Sammlung von Gefühlen und Reaktionen, die sich eingebrannt haben, deren Narben aber nicht verschwinden. Es sind Narben, die sich in den letzten Jahren verwoben haben mit Erinnerungen an den 26. April 2002 und die Tage danach. Als  an einem Freitag Nachmittag die Nachrichten aus Erfurt im Radio liefen und es am Montag darauf wieder in die Schule ging; man Leute traf, die jemanden kannten, der jemanden kannte, der auch das Gutenberg-Gymnasium besucht. Thüringen ist klein. Als die Lehrer wie erstarrt die Klassenräume betraten und im Grunde genauso ratlos waren wie wir, die wir da auf den Latein-, Mathe-, Deutschunterricht warteten und doch nur eine Antwort auf die Frage wollten: Was sollen wir jetzt tun?

Im ersten Semester an der Uni habe ich „Elephant“ zum ersten Mal gesehen. Allein zu Hause. Davor lag er von Staub benetzt mehrere Monate im Regal. Natürlich nicht, weil ich keine Zeit hatte. Und da waren sie wieder, diese Gefühle, denn „Elephant“ ist keine dokumentarische Wiedergabe eines Amoklaufs, sondern eine Film gewordene Verstörung.

Memories of Murder (ROK 2003)

Nachdem der Serienkillerfilm in den 90er Jahren durch „Das Schweigen der Lämmer“ und „Sieben“ in neue Höhen getrieben wurde, sah die Zukunft des Genres im neuen Jahrtausend eigentlich recht mau aus. Schließlich konnte einem manchmal schon das Gefühl beschleichen, dass es sich in einer langweilenden Endlosschleife nicht abbrechender Kopiervorgänge befindet. Dass „Memories of Murder“ nun als einer der wegweisenden Beiträge auf der Bühne erschien, liegt nicht daran, dass Bong Joon-ho („The Host“) etwas völlig neues, bisher ungesehenes erschaffen hat. Bong nimmt stattdessen etablierte Topoi der Vorgänger auf und formt daraus ein spezifisch koreanisches Endprodukt, welches sich letztendlich um die südkoreanische Militärdiktatur der 80er Jahre dreht, dieses Thema aber nie ins Rampenlicht stellt. Während die genannten wegweisenden Beiträge zum Genre ihre  am Anfang geradezu unschuldig wirkenden Inspektoren mit der Devise „Schaust du zu lange in den Abgrund…“ konfrontieren, ist den zwei Ermittlern (u.a. Song Kang-ho) in „Memories of Murder“ von Anfang an jedes Mittel recht, um zu einem Ergebnis zu kommen. Folter eingeschlossen. Erst als ein junger Kollege aus Seoul „moderne“ Methoden einbringt, kommt die Untersuchung langsam in Gang. Oder doch nicht?

Auf den kräftigen Schultern von Song Kang-ho ruht der Film, handelt es sich bei Song doch um einen Schauspieler, der wie kaum ein anderer das Gewöhnliche an seinen Figuren mit dem unzweifelhaft vorhandenen Charisma eines Stars verbinden kann. Ganz auf dessen Gesicht vertraut Bong Joon-ho in den letzten Minuten des Films und beweist damit auch, dass weniger manchmal mehr ist. Ein Film, den sich Park Chan-wook des öfteren anschauen sollte.

Throw Down (HK/VRC 2004)

„Throw Down“, Johnnie Tos persönliche Hommage an Akira Kurosawa („The greatest filmmaker“, wie es in den credits heißt), ist ein Film über Judo und wie in vielen anderen Sportfilmen auch stehen Träume und deren Verwirklichung im Mittelpunkt. Doch nicht irgendeinen Wettkampf muss Szeto (Louis Koo) gewinnen, sondern – und da gleicht er David Dunn in „Unbreakable“ – eigentlich sich selbst. Auf kaum einen Film trifft der Ausdruck „Der Weg ist das Ziel“ deshalb so gut zu, wie auf „Throw Down“, Tos,  neben „Sparrow“, verspieltesten und bisher wohl optimistischsten Film. In dessen Universum gibt es keine Waffen und auch keine (richtig) Bösen. Alle Konflikte werden durch ein paar Judo-Griffe gelöst. Im Verlauf von Szetos symbolischer Wiedergeburt verbeugt sich das farbenfrohe Märchen vor der Freundschaft und preist das existenzielle Bedürfnis, einen Traum zu haben, an. Ein Bedürfnis, das ist die Lehre des Films, welches selbst vom Scheitern nicht ausgelöscht werden darf. Es ist der rote Ballon in den Baumwipfeln, der verlorene Schuh auf der Straße und das vom Adrenalin hervorgerufene, breite Lächeln auf den Gesichtern der Kämpfer, als sie erschöpft auf der Matte liegen. Es sind unzählige solcher Momente, welche To hier aneinanderreiht, die „Throw Down“ zu nichts weniger als seinen schönsten und gleichzeitig erhabensten Film machen.

München (USA/CDN/F 2005)

Das war sicher nicht Steven Spielbergs Jahrzehnt! Große Filme hat er ja gedreht, deren Mängel aber kaum zu verbergen sind. „A.I.“ wird ungeachtet einiger Qualitäten immer die Frage anhängen, wie Stanley Kubricks Version ausgesehen hätte. „Minority Report“ hat trotz einiger netter Ideen den Science Fiction-Film auch nicht gerade neu erfunden und „Krieg der Welten“, so gut mir der auch gefallen mag, leidet an seinem fluffigen und typisch Spielberg’schen Ende. Von „Terminal“ und „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ gar nicht zu reden! Sonderlich aussagekräftig ist das Argument, „München“ sei Spielbergs bester Film der Dekade, also nicht. Im Rahmen des (Agenten-) Thrillers bewegt sich die Geschichte über die israelischen Vergeltungsaktionen nach der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972. Ohne (damals) große Stars gedreht, schreit „München“ weder als Blockbuster nach Aufmerksamkeit, noch ist der Film Spielbergs „Schindler’s Liste“ des neuen Jahrtausends. Doch Spielbergs unauffälligster Film der letzten zehn Jahre greift über seine Genrebarrieren hinaus, wird Kommentar zum Nahost-Konflikt, den er unmittelbar behandelt, und auch der amerikanischen Außenpolitik nach dem 11. September. Subtil ist das zu keiner Zeit, aber notwendig und auch noch hochspannend. Belehrt werden wir von „München“ nicht, denn eigentlich ist Spielbergs Thriller keine didaktische Abhandlung, sondern ein Blick der Trauer und Resignation auf die Vergangenheit und die Gegenwart, der von dem großen Filmemacher in dieser Form nicht zu erwarten gewesen war.

Sly, Stath und alle, die wir kennen

Aus Gründen, die für das Fortbestehen der Menschheit unerheblich sind, konnte ich die dreiminütige Promo für Sylvester Stallones The Expendables zwar noch nicht mit Ton sehen. Aber an der Vorfreude auf den Allstar-B-Movie-Action-Reisser ändert das wenig. Am 2. September 2010 werden wir neben Stallone Jason Statham, Jet Li, Dolph Lundgren, Eric Roberts, Mickey Rourke, Bruce Willis und viele andere im Kino bewundern dürfen, sofern die Leinwände dieser Welt im Stande sind, soviel Testosteron ertragen zu können, ohne vor Scham in sich zusammen zu fallen. Die Promo gibt’s unten zu sehen oder aber bei The Playlist und Twitch.

Bis zum Kinostart kann man sich die Zeit ja damit vertreiben, Tipps für den höchstwahrscheinlich depperten deutschen Titel des Films abzugeben.

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=W5P0zCrYNIk]

The Warlords (VRC/HK 2007)

[Die folgende Kritik bezieht sich auf die internationale Version von „The Warlords“, die derzeit in den deutschen Kinos läuft und knapp 16min kürzer ist als die chinesische.]

Eine Crew, die mehrere Hongkong Film Awards und sogar einen Silbernen Bären für sich zu verbuchen hat, ein Regisseur, der große Gefühle auf Hollywood-Niveau verpacken kann. Man addiere vier Hauptdarsteller, deren Bekanntheitsgrad chinesische Produzenten freizügig Schecks unterschreiben lässt in Erwartung der Zuschauermassen. Das hier ist wider aller Erwartungen keine Review zu „Red Cliff 2“, sondern zu The Warlords. John Woo geht nur nach einem Prinzip vor, das chinesische Blockbuster seit Jahren auszunutzen wissen. Die berühmteren Beispiele dafür sind wohl „Hero“, „Wuji“ und „Infernal Affairs“.

The Warlords ist weder eine Special Effects-Orgie, noch ein moderner Großstadtthriller und auch wuxia– Elemente sucht man vergebens. Vielmehr reiht sich der Film von Peter Chan („Comrades – Almost a Love Story“) ein in eine Welle von Historienepen aus Fernost  zu denen eben auch der bereits erwähnte Red Cliff- Zweiteiler gehört. Was „The Warlords“ von diesem oder „Three Kingdoms: Resurrection of the Dragon“ abhebt, ist die relative Modernität der Geschichte. Peter Chans Epos basiert nicht auf Geschehnissen, wie sie z.B. in den vier klassischen chinesischen Romanen geschildert werden. Ganz im Gegenteil:

Zu Zeiten des Taiping-Aufstandes – Mitte des 19. Jahrhunderts – kreuzen sich die Wege des kaiserlichen Generals Pang Qin-Yun (Jet Li) und der Banditen Zhao Er-Hu (Andy Lau) und Jiang Wu-Yan (Takeshi Kaneshiro). Pang, der soeben seine ganze Truppe bei einer verheerenden Schlacht verloren hat, überredet die beiden, welche eine Schar von kampfbereiten Männern hinter sich versammelt haben, dem drohenden Hunger zu entgehen indem sie sich für die kaiserliche Armee im Kampf gegen die Taiping freiwillig melden. Die drei Männer schwören die Blutsbrüderschaft und ziehen gemeinsam gegen übermächtige Armeen und behindert durch intrigierende Hofbeamte zu Felde, nichts ahnend, dass von Anfang an jemand zwischen ihnen stehen wird: Mi Lan (Xu Jinglei), Ehefrau von Andy Laus Räuber Zhao Er-Hu, in die sich Pang verliebt hat.

Dass aus diesen inhaltlichen Zugaben wohl keine Schmonzette wird, erahnt man schon angesichts des Castings von Jet Li. Der hat in seiner Martial Arts- Filmkarriere zwar immer mal wieder hübsche Damen an seine Seite gestellt bekommen, doch selbst beziehungsbedrohenden Konflikten, wie etwa der aufwallende Rassismus gegen seine japanische Geliebte in Fist of Legend, steht der Jet Li- Held normalerweise recht stoisch gegenüber. Die emotionale Zurückhaltung lässt sich auch etwas weniger elegant mit Li’s schauspielerischen Defiziten erklären. Ihm in „The Warlords“ ein in seinen Grundzügen melodramatisches Figurengeflecht aufzuhalsen, mag als wagemutiger Schritt bezeichnet werden. Nachdem Li das Biopic Fearless (2006) als sein letztes Martial Arts- Epos bezeichnet hatte, war aber davon auszugehen gewesen, dass früher oder später ein Versuch im dramatischen Fach folgen würde. Nicht zuletzt das Alter zwang wenig später auch seinen Kollegen Jackie Chan dazu, diesen gewagten Schritt mit Derek Yees The Shinjuku Incident (2009) zu vollziehen.

Die Co-Stars Kaneshiro und Lau, die sich in diesem Genre wesentlich wohler fühlen dürften, bilden nur eine vordergründige Entlastung. „The Warlords“ ist nämlich ganz und gar Jet Li’s Film. Beginnend bei dem grandios gewählten Auftakt des erschöpften Generals, der sich durch die Leichen seiner Soldaten auf dem Schlachtfeld ans Sonnenlicht zurückkämpft, vereinigt sich in der Folge das Gros der Gewissenskonflikte, aber auch der Figurenentwicklung  auf Pangs breiten Schultern. Der talentierte General, der durch einen Konkurrenten am Hof seine Armee verloren hat und nun nach Wiedergutmachung und letztendlich auch der Befriedigung seines Ehrgeizes drängt. Das Opfer der Ideale zugunsten der Politik ist vorhersehbar. Ebenso die zwangsläufige Konfrontation mit dem Blutsbruder Zhao Er-Hu.

Andy Lau spielt seinen Räuber höchst bodenständig als einfachen Mann, der von den harten Umständen der Zeit zum Verbrechen gezwungen wird und dem doch nur ganz im Sinne Robin Hoods das Wohl des armen Fußvolks am Herzen liegt, das sich in jedem Krieg zuerst unterm Rad wieder findet. Die jugendlich naive Liebe für ihn hat seine schneller erwachsen gewordene Frau im Laufe des Banditendaseins abgelegt. Ihre Zuneigung schenkt sie dem anfangs gebrochenen Pang. Die Beziehung der Liebenden entfaltet der Film höchst sensibel, was wohl Peter Chan zu verdanken ist. Den assoziiert man schließlich eher mit Romanzen als mit Schlachtenenepen.

Fans von Massenaufmärschen chinesischer Armeen und entsprechender Kampfszenen kommen in The Warlords keinesfalls zu kurz. Kameraveteran Arthur Wong („Once Upon a Time in China“) versah den Film mit einer handfesten realistischen Atmosphäre, getragen von erdigen Tönen, die den sowieso schon dreckigen Look der Hauptfiguren passend ergänzen. Auf Realitätsnähe setzen auch die unzähligen Gemetzel der Soldaten. Hat man allerdings einen Actionchoreograph namens Ching Siu-Tung („A Chinese Ghost Story“) zur Hand, wäre fehlende Übersichtlichkeit die pure Geldverschwendung. „The Warlords“ beweist einmal mehr, dass chaotische Kämpfe durch eine gekonnte Kombination von Schnitt- und Kameraleistungen ihren realistischen, d.h. dynamischen, Charakter nicht verlieren müssen und dennoch für den Zuschauer einigermaßen übersichtlich wirken können. Die erwartungsgemäß brutale Action ist immer noch körperbetont, spür- und hörbar – ein Verdienst auch des Sounddesigns – ohne aber mit einer überfordernden, weil dilettantisch eingesetzten Wackelkamera nach einer Packung Aspirin zu schreien.

All die technischen Vorzüge –  und Chan ist generell Spielereien nicht abgeneigt (Andy Laus betrunkener Point of View?) – wären nicht vielmehr als dürftige Pluspunkte eines pathetischen Soldatendramas, wäre da nicht das Experiment Jet Li. Ein, was die Figure Pangs angeht, starkes Drehbuch, das den anderen beiden Hauptdarstellern eigentlich erst viel zu spät im Film markige Momente schenkt, stellt dem Dramaneuling mehrere Szenen seelischer Implosion zur Verfügung. Die große Überraschung bleibt im nachhinein, dass Li diese ohne in dunkle Overacting-Gewässer zu geraten, zu seinen Gunsten auszuspielen weiß und auch in langen Großaufnahmen, deren Spannung  mit seiner Mimik steht und fällt, auf plattes Ausdrucksspiel verzichtet. Den Kämpfer nimmt man ihm ja immer ab. Aber den von Skrupeln geplagten  liebeskranken Idealisten hätte zumindest ich ihm nicht zugetraut.

Oscarmaterial ist The Warlords deswegen noch nicht. Die sentimentale Brüderlichkeit ist aus klassischen Hongkongzeiten  altbekannt, funktioniert aber auf Grund der erwähnten Bedeutungsgewichtung nur bedingt. Sehenswert auch für den Konsumenten, der normalerweise asiatische Produkte tunlichst umgeht, ist der Film trotzdem. Von einem abgeklärten Verhältnis zur Politik der Hintermänner getragen, überzeugt Peter Chans Epos v.a. durch seine Vermeidung jeglicher Glorifizierung des Krieges. Und Jet Li gibt hier soetwas wie sein Schaupieldebüt. Da muss Jackie erstmal nachlegen.

Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers (USA/D/CDN 2008)

Eine Filmindustrie, deren Ertrag von ehemals 200 auf 50 Filme im Jahr geschrumpft ist, befindet sich wahrscheinlich in einer Krise. Das Kino der ehemaligen Kronkolonie Hongkong hat also ein Problem. Das Gros der eigenen Werke wird vom heimischen Publikum nicht beachtet, oft auch zurecht, schließlich sind viele dieser Low Budget-Filme einfach schlecht. Gegen die Millionen Dollar schweren amerikanischen Großproduktionen, welche nach der Übergabe Hongkongs an China zum Niedergang dieser einstmals blühenden Industrie beitrugen, kommen heutzutage nur noch Neujahrskomödien und Starvehikel an.

Bestes Beispiel dafür ist die „Infernal Affairs“-Trilogie, deren Ansammlung an HK-Stars fast schon einem verzweifelten Betteln um Aufmerksamkeit gleich kommt. Gleiches gilt für die unzähligen Historienepen, meist koproduziert mit dem Festland, wie „The Warlords“, in dem Jet Li, Takeshi Kaneshiro und Andy Lau um die Gunst des Zuschauers werben. Das Kino der Sonderverwaltungszone hat seit dem Schicksalstag im Juli 1997 vieles von dem verloren, was es einst einzigartig im internationalen Wettbewerb gemacht hat. Wer körperbetonte Kampfsportfilme sehen will, wendet sich an Tony Jaa. Ist man auf gewagte Genremixe aus, sucht man sie ebenfalls in Thailand. Ungewöhnliche Storys jenseits der bekannten Hollywoodformeln findet man seit einigen Jahren auch in Korea, nur eben professioneller produziert auf gleicher Augenhöhe mit der amerikanischen Konkurrenz.

Sind diejenigen, welche Hongkongs Filmwunder in den 80er Jahren mitverantwortet und von diesem am meisten profitiert haben, nach dem Handover nicht nach Hollywood verschwunden (Tsui Hark, John Woo, Chow Yun-Fat), erfreuen sie sich an den Vorstufen der Frührente (Brigitte Lin, Maggie Cheung) oder haben diese Welt ganz verlassen (Leslie Cheung, Anita Mui). Seltsam nur, dass auf der internationalen Bühne kaum ein Hongkonger Star dauerhaftes Glück fand. Während Jackie Chan immerhin mit Buddy Movies einen Fuß in die Tür bekam, litten besonders die Filme der Martial Arts-Legende Jet Li unter der Unfähigkeit amerikanischer Regisseure, seine Talente zu nutzen. Wurde deren zerstückelnde Actioninszenierung doch an Hollywoodstars geprobt, die vom Kämpfen im wahren Leben nicht mal den Hauch einer Ahnung haben. Noch dazu geht „Romeo Must Die“, „Cradle 2 the Grave“ und wie sie alle heißen der Einfallsreichtum eines Tsui Hark oder Ronny Yu ab.

Kein Wunder, dass der Erfolg ausblieb. Statt asiatische Stars mit gewagten Projekten dem amerikanischen Publikum zu verkaufen, geht man auf der anderen Seite des großen Teiches nun dazu über, gezielt den lukrativen Absatzmarkt in Fernost anzusprechen. So kommt es, dass der dritte Teil der Mumie-Reihe am Startwochenende in den USA den Dunklen Ritter nicht vom Sockel stürzen kann, sich dafür aber in Hongkong und Korea als Box Office-Gold erweist.

Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers beherbergt schließlich die chinesischen Superstars Jet Li, Michelle Yeoh und Isabella Leong. Die drei werden also letztendlich nach Hollywood gekarrt, um mit ihrer Besetzung in Nebenrollen ihr eigenes, längst erobertes Publikum in die Kinos zu locken. Am Ende verlassen die Stars des HK-Kinos ihre Heimat, um in teuren US-Blockbustern zu ihr zurück zu kehren, die Hongkongs Eigenproduktionen von den Leinwänden vertreiben. Verfolgen die großen Studios diese sich jetzt schon bewährende Taktik weiter, so bleibt nur die Hoffnung, dass die zukünftigen, international besetzten Filme qualitativ mehr aufzuweisen haben, als Rob Cohens Ausflug nach China. Dabei ist die Grundidee, die Abenteuer von Rick und Evey ins Reich der Mitte zu verlegen, noch das beste, was der Reihe passieren konnte. Schon in Die Mumie kehrt zurück erwies sich nämlich der ägyptische Hintergrund als reichlich verbraucht. Nicht zuletzt deshalb versank der Film in einem Meer schlechter Effekte, deren peinlichste Ausgeburt der Skorpionkönig war.

Problem nur, dass der bereits in diesem Teil nervige Sohn des Abenteurerpaares O’Connell nicht über Bord geworfen wurde, sondern im Grabmal noch mehr Platz einnimmt. Gespielt vom 27jährigen Australier Luke Ford, wird Alex O’Connell als überflüssiger zweiter männlicher Actionheld neben Brendan Fraser an den Start gebracht. Dass die beiden als Brüder wesentlich glaubhafter wären, sei mal dahingestellt.

Dieser Alex gräbt im China der späten Vierziger den in Terrakotta versteinerten Drachenkaiser (Jet Li) aus, der dummerweise vom fiesen General Yang (Anthony Wong) zum Leben erweckt wird, um die Herrschaft über China zu erringen. Rick (Fraser) und Evey (Maria Bello) kommen zu Hilfe, John Hannah als Jonathan ist natürlich mit von der Partie. Gemeinsam geht’s nach Shangri-La, um zu verhindern, dass Kaiser Han, der eigentlich dem ersten Kaiser Qin Shi Huang nachempfunden ist, also demjenigen Herrscher, den Jet Li in „Hero“ umbringen will – aber das nur am Rande – dass also dieser Tyrann ewiges Leben und was sonst so dazu gehört, erringt.

Der grobe Plot entspricht also dem des ersten Teils. Es gibt einen mörderischen Untoten samt Helfer, zwielichtige Museumsmitarbeiter, geheimnisvolle Wächter des Grabes (Isabella Leong und Michelle Yeoh), sogar einen alten Kumpel, der die O’Connells irgendwo hin fliegt. Da muss man sich unweigerlich fragen, wie Rob Cohen es geschafft hat, seine Mumie sprichwörtlich dermaßen gegen die Wand zu fahren.

Vielleicht kann man den alles durchdringenden Mangel dieses Films an Hand eines Beispiels erklären: Die Helden landen beim sagenumwobenen Tor nach Shangri-La und rüsten sich mit allerhand Maschinenpistolen für den Kampf gegen die Soldaten Yangs. Ganz vielversprechend geht es auch los mit handfesten Schießereien, die Indiana Jones und seine Kristallschädel vor Neid erblassen lassen. Irgendwann kommt Isabella Leongs Figur Lin auf die Idee, in den Bergen des Himalayas nach Hilfe zu rufen. Und was kommt? Yetis! Nicht einer, nicht zwei, sondern drei (!) zottelige Yetis zermalmen die bösen Soldaten.

Die Action hat ein Ende, das C.G.I.-Fest beginnt, denn Cohen versteht es ganz offensichtlich nicht, zwischen Unterhaltung und Maßlosigkeit zu unterscheiden. Dass er das sagenumwobene Shangri-La, das Paradies auf Erden, in genau einer Einstellung zeigt, bestätigt seine Unfähigkeit. Jeder andere Abenteuerfilm würde sich diesen legendären Ort wohl für das Finale aufsparen, für Cohen ist er nur ein Effekt unter vielen.

Natürlich kann man nicht alle Schuld auf den Regisseur abladen, denn die Schwächen des Films sind in all seinen Bereichen zu finden. Das Drehbuch von Alfred Gough und Miles Millar muss als erstes an den Pranger gestellt werden. Schon der Prolog, der erzählt, wie die Hexe Zi Juan (Yeoh) den Kaiser einst verfluchte, vertreibt durch seine platte Schwerfälligkeit jedes Mysterium. Alles, was gezeigt wird, muss aus dem Off noch mal erklärt werden, als handle es sich hier um die Hörfilmfassung. So ergeht es den ganzen 112 Minuten.

Werden die Dialoge nicht gerade durch einen einfallslosen, schon in Dutzenden anderen Filmen gehörten, Oneliner aufgelockert, muss irgendeine (meist chinesische) Figur die Rolle des Basil Exposition übernehmen und uns alle Hintergründe erklären. Selbst wenn die Yetis auftauchen, muss Maria Bello wie eine Führerin im Naturkundemuseum erklären, dass die Viecher in Tibet als Yetis bezeichnet werden.

Dabei hat Bello als Nachfolgerin von Rachel Weisz in der Rolle der Evey schon genug mit der eigenen Fehlbesetzung zu kämpfen. Ein Großteil der Chemie zwischen Fraser und Weisz entstand aus deren Gegensätzen, aus der Kombination des rauen Abenteurers Rick mit dem rehäugigen, naiven Bücherwurm Evey. Bello, beileibe keine schlechte Schauspielerin, verliert im Kampf mit dem britischen Dialekt jede Natürlichkeit und wirkt mit ihrer kühlen, erotischen Ausstrahlung wie eine dem Film Noir entsprungene Femme fatale, die sich unversehens als Mutter eines erwachsenen Sohnes in einem Abenteuerfilm wiederfindet; mit einem Wort: deplatziert.

Ein Glück, dass der Film Jet Li und Michelle Yeoh zusammenbringt, könnte man meinen. Doch Cohen, der es, man weiß nicht wie, geschafft hat, sich als Actionregisseur einen Namen zu machen, versagt selbst, wenn es darum geht, den lang erwarteten Kampf zweier Martial Arts-Haudegen entsprechend mit der Kamera einzufangen. Sicher, der Kampf zwischen Li und Yeoh ist einer der wenigen Höhepunkte des enttäuschenden Films, doch Cohen verwässert die eigenen Schauwerte durch den hastigen Schnitt und die Wackelkamera, die für den Genuss eines Martial Arts-Setpieces nicht geeignet sind. Damit krankt auch dieser Film am bereits oben erwähnten falschen Einsatz der Ikone Jet Li.

Dieser ist als Bösewicht allemal sehenswert, taucht aber im Vergleich zu Arnold Vosloo viel zu selten auf, um ähnlich bedrohlich zu wirken. Meist sehen wir vom Gestaltwandler Han nur sein Terrakotta-C.G.I.-Alter Ego, einen dreiköpfigen Drachen (ein Kopf reicht mal wieder nicht) oder irgendein behaartes Viech, dass den Film auch nicht gerade besser macht.

Yeoh, deren Rolle insgesamt mehr hergibt, besticht durch ihre gewohnte Erhabenheit, der auch schreckliche Dialoge nichts anhaben können. Ohne mit der Wimper zu zucken, spielt sie ihre Filmtochter Isabella Leong an die Wand, deren Hollywood-Debüt im großen und ganzen blass bleibt. Hongkong-Veteran Anthony Wong hat auch schon in besseren (und vielen noch schlechteren) Filmen mitgespielt. Da sich seine erstaunlich große Rolle auf das Schreien von Befehlen, die Darlegung des Plots und eine erinnerungswürdige Todesszene beschränkt, die einem durch Mark und Bein geht, kann auch er seinen bereits in unzähligen Variationen gespielten Bösewichten keine neue Facette hinzufügen.

So bleibt einem am Ende anscheinend nur die Aufzählung von Mängeln, denen Cohen kaum etwas positives entgegen zu setzen hat. Immerhin erreicht der Film einen mäßigen Unterhaltungswert, der immer dann zum Halten kommt, wenn Rick und Co. irgendwie anfangen zu reden und man nur noch mit einem gepflegten Zusammenzucken reagieren kann.

Als großer Sommerblockbuster wird Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers sicher auch in Deutschland seine Zuschauer finden und das nötige Geld für einen vierten Teil einspielen. Wer dagegen Jet Li und Michelle Yeoh kämpfen sehen will, sollte sich „The Tai-Chi Master“ besorgen. Um den von der dritten Mumie verursachten Augenkrebs zu kurieren, nehme man des Weiteren eine Dosis Li zu sich (vielleicht „Once Upon a Time in China“ oder „Fist of Legend“) gepaart mit etwas Yeoh („Tiger and Dragon“ oder sogar „The Heroic Trio“) und einem gut aufgelegten bösen Wong („Big Bullet“ und für Hartgesottene: „Love to Kill“).

Mit anderen Worten: So ziemlich alles ist ansehnlicher als diese eklatante Verschwendung asiatischer Talente durch einen miserablen amerikanischen Film. Die genannten Empfehlungen vereinigen in sich genau das, was das Hongkong-Kino einmal ausgemacht hat. Und dieses wusste immerhin, wie man das Actionpotenzial eines Jet Li ertragreich nutzt. Ist man unbedingt auf einen Trip amerikanischer Produzenten ins chinesische Milieu aus, so ist Kung Fu Panda garantiert die lohnendere Wahl. Der ist übrigens auch ein Hit in China.

(Erstmals veröffentlicht in der Online-Filmdatenbank am 07.08.2008 )


Zum Weiterlesen:
Kritiken ausgewählter Filme aus der Sonderverwaltungszone Hongkong.
Ein lesenswerter Artikel des Time Magazine über den Zustand der Hongkonger Filmindustrie.
Was ist eigentlich Shangri-La?
Wiki hat die Antwort
– und die BBC auch.

Here we go again: Die Mumie 3 Trailer

Jet Li in Die Mumie 3Wie der Titel schon andeutet, gibt es den ersten langen Trailer für Rob Cohens Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers nun im Netz zu sehen.

Im zweiten Sequel der Reihe schlägt sich Brendan Fraser alias Rick O’Connel neben einem Yeti mit dem wiederbelebten chinesischen Kaiser Jet Li herum. Ihm zur Seite stehen John Hannah, Michelle Yeoh und Maria Bello.

Am 07. August wird das Abenteuer in den deutschen Kinos starten.

Auf Rob Cohens Blog kann man den zweieinhalb Minuten langen Trailer in guter Qualität oder im HD-Format bestaunen.

Etwas zu freimütig geht er mit den Schauwerten des Films um, besonders den Monstern. Dafür sehen die Effekte schon jetzt wesentlich besser aus, als in Die Mumie kehrt zurück. Da bleibt nur zu hoffen, dass keine Aliens oder Raumschiffe das Finale zieren…

[youtube=http://de.youtube.com/watch?v=StWJZlZkktU]


Zum Weiterlesen:
Der erste Teaser für Die Mumie: Das Grabmahl des Drachenkaisers.
Zwei aktuelle Poster des Films bei My Sassy Girl.
Einige Stills des Films.
Eine erste Review nach einem Testscreening, die mit ein paar Spoilern daher kommt.