Red Cliff II (VRC 2009)

Über weite Strecken kommt Red Cliff II wie ein Selbstläufer von einem Film daher. Routiniert navigiert Action-Auteur John Woo seinen Historienfilm mal an das Schlachten-, mal an das komödiantische Ufer, stets auf die Massentauglichkeit bedacht. Souverän, fast schon im Autopilot, werden die strategischen Vorbereitungen der Schlacht heruntergekurbelt, die Finten und Tricks, welche Zhuge Liang (Takeshi Kaneshiro) und Zhou Yu (Tony Leung Chiu-Wai) sich ausdenken, um den übermächtigen Kanzler Cao Cao (Zhang Fengyi) in der zu erwartenden Auseinandersetzung auf See und Land zu besiegen. Woo hat offensichtlich einiges in Hollywood gelernt, was die Konstruktion glaubwürdiger Drehbücher angeht, auch wenn man das zuvor weder „Paycheck“, noch „Mission: Impossible II“ oder gar „Face/Off“ anmerken konnte. Es ist daher schwer vorstellbar, dass die „Red Cliff“-Filme und insbesondere der zweite Teil irgendjemanden nicht unterhalten. Das filmische Äquivalent zu einem süßen Hundebaby sozusagen, mit etwas mehr Blut und Gedärm.

So perfekt ist das Blockbustergerüst zusammengebaut, die Figuren durchgängig hochkarätig besetzt, der Kriegsstoff zu einem unterhaltsamen Abenteuerfilm abgekocht, dass es niemanden vorzuwerfen wäre, wenn das Geschehen auf der Leinwand nach Sichtung dem Vergessen anheim fällt. Das klingt natürlich ziemlich undankbar. Endlich wird für glänzende Unterhaltung gesorgt – fehlerlos inszeniert und noch dazu sympathisch – und trotzdem wird noch ein weit hergeholtes Haar in der Suppe gefunden. Hat John Woo das verdient? Wahrscheinlich nicht, denn es gibt wesentlich schlimmere Machwerke aus aller Herren Länder, welche ebenso nur auf Profit aus sind, diesen aber bewerkstelligen, in dem sie ihre eigenen Kunden beleidigen. Red Cliff kann sogar als Musterbeispiel eines Kinozweiteilers gelten, welcher zunächst Appetit auf mehr macht und eine Steigerung in der Fortsetzung erfährt, ohne sich zu wiederholen oder das homogene Gesamtbild zu stören.

Bei all den positiven Eigenschaften ist aber nicht zu übersehen, dass „Red Cliff II“ vom Schein regiert wird. Es ist  der Schein des großen Dramas, der im ersten Teil noch verbergen konnte, dass Woo überhaupt nicht gewillt ist,  mehr als ein vierstündiges Strategiespiel mit anschließender Schlacht abzuliefern. Mal abgesehen vom Drang Cao Caos, das Land durch den Kriegszug zu vereinen, geht es diesem primär um die Eroberung einer Frau. Zhou Yus, um genau zu sein. Cao Cao ist besessen von dieser wandelnden Vase (fragwürdig blass und zerbrechlich gespielt von Lin Chi-Ling), weshalb die Andeutungen im ersten Teil diesen charismatischen Feldherrn nicht nur zu einem offenbar vielschichtigen Antagonisten werden ließen, sondern auch den Glauben schürten, dass hier in Sachen Charakterisierung mehr lauert, als in einem Woo-Film generell zu erwarten ist. Da Woo sich im Nachfolger auf Oberflächlichkeit beschränkt und dies sich auf alle Figuren auswirkt, kommt der „Red Cliff“-Zweiteiler in Sachen psychologischer Tiefe nicht einmal an Peter Chans The Warlords heran. Diesem etwas pathetischeren Film, sowie seinen Protagonisten war zumindest anzumerken gewesen, dass das Phänomen Krieg von mehr als nur Diskussionen vor der Landkarte und anschließenden heldenhaften Opfern ausgemacht wird.

Gibt das Drehbuch nicht genug her, müssen die Schauspieler diese Schwäche wettmachen und an diesem Punkt zeichnen sich besonders auffällig die Vor- und Nachzüge des Films ab. Tony Leung ist normalerweise ein verlässlicher Mime, doch entweder ist Ang Lees „Gefahr und Begierde“ daran Schuld oder sein kurzfristiges Einspringen bei „Red Cliff“ oder er hatte einfach keinen Bock; sein Auftritt ist – wenn auch kein Totalausfall – gelangweilt, müde und v.a. enttäuschend. Takeshi Kaneshiro guckt in erster Linie verschmitzt und schlägt sich besser als sein platonischer Kompagnon. Der Männerfreundschaft der beiden Protagonisten geht jegliches Konfliktpotenzial ab. Ihre Figuren sind, würden sie nicht von den beiden Stars gespielt werden, vollkommen uninteressant. Dabei zählten männliche Helden bisher immer zu den wenigen soliden Pluspunkten, welche Woo bei der Schauspielerführung für sich verbuchen konnte. Stattdessen wirken Woos Männer hier nur noch wie leere Hülsen. Ihr Dasein wurde vollständig der  hyperemotionalen Tragik beraubt, welche das Schicksal der Armani-Ritter seiner Heroic Bloodshed-Filme abseits der Action so ansprechend hatte erscheinen lassen. Angesichts von „Red Cliff II“ ist es schwer zu glauben, wozu der Mann noch in „Bullet in the Head“ oder „A Better Tomorrow“ im Stande gewesen war. Kein Wunder also, dass Zhang Fengyi wie schon im Vorgänger durch ein paar minimale Anstrengungen seine Kollegen in den Schatten stellt, ohne der Versuchung zu erliegen, einen  stereotypen Bösewicht vom Stapel zu lassen. An der weiblichen Front schlägt sich hingegen die noch immer bezaubernde  Zhao Wei als Spionin im gegnerischen Lager wacker, die zumindest eine Lanze für unabhängige Frauenfiguren in Blockbuster-Schlachtenepen bricht.

Doch „Epos“ ist eigentlich schon zuviel des Guten, denn auch wenn Woo unterhalten kann und seine nicht gerade zu Begeisterungsausbrüchen anhaltendenen Actionszenen Laune machen, kann der Film den Eindruck nicht abschütteln, dass es sich in Wirklichkeit nur um eine „Risiko“-Verfilmung handelt. Eben jenes einzugehen, haben die Macher leider vermieden. Unzählige Figuren, ihr ursprünglich dramatisches Leben und Sterben im Kampf, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schlacht am Roten Felsen nicht vielmehr war als ein Spaß, den sich ein paar clevere Typen 208/9 v. Chr. erlaubt haben. Für einen Abenteuerfilm mag das genügen, trägt der Regisseur den Namen John Woo, ist das leider „nur“ befriedigend.

 

Kontrapunkt: Auf Messers Schneide, Harte Ziele & Vampirfilme

Und mal wieder – nach einer fast 2-wöchigen Pause – Neues in Sachen „Das habe ich zuletzt gesehen“ von mir. Dieses Mal auch wieder ein breiteres Spektrum, das ich mit den ausgewählten Filmen abdecke: Abenteuerfilm, Actionthriller und zwei Horrordramen, wobei letztere am meisten zu überzeugen vermochten und ich jedermann, der auch nur halbwegs dem Grusel-Genre zugeneigt ist, diese Filme uneingeschränkt empfehlen kann. Den Anfang macht jedoch der zweite Hollywood-Film vom neuseeländischen Filmemacher Lee Tamahori:

Auf Messers Schneide – Rivalen am Abgrund (USA 1997)

… oder: Ein Relikt aus jener längst vergangener Zeit, als Alec Baldwin noch Hauptrollen in größeren Kinoproduktionen spielen durfte.
Hier gibt er den Modefotograf Robert Green, der mit dem betagten Milliardär Charles Morse (dargestellt von Anthony Hopkins) und seiner hübschen jungen Frau (schauspielerisch eher dürftig: Ex-Top-Model Elle MacPherson) in die kanadische Wildnis reist, um dort Fotos zu machen und sich vom Großstadtstress zu erholen. Doch der Urlaub gerät zum Horrortrip, als Robert und Charles während eines Ausflugs mit dem Segelflieger irgendwo in der Wildnis abstürzen und sich von der Außenwelt abgeschnitten mit allerlei hilfreichen Survivaltricks (man siehe und lerne!) wieder in die Zivilisation zurückfinden müssen.

Neben der rauen Natur im Spätherbst mit ihren eisigen Temperaturen und einem Bären, der sie zu verfolgen scheint, sind sie selbst dabei ihre härtesten Gegner im Kampf ums Überleben. Das Beeindruckende: Im Psychoduell mit finaler Botschaft agieren Hopkins und Baldwin durchaus auf schauspielerischer Augenhöhe und der überaus spannende Film lebt von der gleichsam pittoresken wie bedrohlichen Winterlandschaft Kanadas mit all ihren Gefahren. Gutes altmodisches Abenteuerkino mit großem Realismus-Anstrich, wenn auch einige wenige Male etwas konstruiert.

Harte Ziele – Hard Target (USA 1993)

John Woos erster Hollywood-Film beeindruckt mit einem mit Stilmitteln vollgestopften, atemberaubenden Showdown, der unverkennbar seine Handschrift trägt und von seinen späteren Hollywood-Produktionen (Gut und Böse durch eine Wand getrennt Rücken an Rücken kennt man ja auch aus „Face/Off“) wieder aufgegriffen wird. Ein durch die Gegend kämpfender Jean-Claude Van Damme, ein paar fliegende Tauben und noch mehr fliegende Kugeln sind die Hauptbestandteile dieses hin und wieder in logischen Untiefen watenden Action-Spektakels, das in seiner ersten Hälfte leider öfter zum Gähnen anregt.

Es geht um einen Millionär (Lance Henriksen), der gegen Bezahlung Menschenjagden auf Obdachlose organisiert, was irgendwie an die Grundidee von „Hostel“ erinnert. Doch dann kommt Van Damme und macht mit gewagten Stunts und einigen Brutalitäten alles platt. Das ist zwar nicht klug, aber zum Teil sehr kurzweilig und gemessen an dem Müll, in dem der Belgier sonst mitwirkte, schon irgendwie ein kleines Karrierehighlight.

So finster die Nacht (S 2008)

Unkonventioneller Vampirfilm, Nummer 1: Eine ebenso subtil wie unaufgeregt erzählte Romanze zwischen einer 12-jährigen Vampirin namens Eli und dem gleichaltrigen Oskar, der in der Schule von seinen Mitschülern drangsaliert wird. Mit So finster die Nacht gelingt dem bisher eher unbekannten schwedischen Regisseur Tomas Alfredson die außergewöhnliche Leistung, dem buchstäblich ausgebluteten Sub-Genre des Horrorfilms neue Aspekte hinzuzufügen, indem ein wenig mythischer, dafür umso realistischerer Rahmen für diese Geschichte gefunden wird.

Oskar muss sich mit ganz realen Problemen in der Schule herumschlagen und Elis Durst nach Blut wird bisweilen von ihrem Helfer gestillt, wenn der in der eisig-kargen Winterlandschaft Schwedens ahnungslose Mitbürger betäubt und – mit dem Kopf nach unten fixiert – ausbluten lässt. Lange Einstellungen und die allgegenwärtige Kälte erzeugen eine beklemmende Grusel-Stimmung, die frösteln lässt, obwohl oder gerade weil harte Schockeffekte bis zum Finale ausgespart werden und sich die Dramaturgie aufs Nötigste beschränkt. Was jedoch aus diesem unprätentiösen Gruselfilm ein großartiges Horrordrama macht, sind die beiden formidablen jungen Hauptakteure, die den Film souverän tragen.

Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis (USA 1987)

Unkonventioneller Vampirfilm und Lance Henriksen, Nummer 2: Bei einem Anmach-Versuch wird Arzt-Sohn Caleb (Adrian Pasdar) von Vampirin Mae (Jenny Wright) gebissen und verwandelt sich in einen Vampir, der sich seiner neuen „Familie“ (einer Gruppe von Vampiren) unter Führung von Jesse Hooker (Lance Henriksen) anschließen und im Wohnwagen marodierend durchs Land ziehen muss stets auf der Suche nach neuen Opfern.

Zwar gibt die Story des zweiten Films von Kathryn Bigelow („Strange Days“) nicht viel her, dafür gelingt es ihr, dem Genre durch die Romantisierung der Nacht (woran die schweifende Musik von „Tangerine Dream“ nicht unbeteiligt ist), einige Western-Motive sowie einem staubig-dreckigen Look, den man wohl als realistischen Anstrich verstehen kann, neue Facetten abzugewinnen. Irgendwie karg, aber actionreich, dramatisch und wirkungsvoll.

Trailer: Red Cliff 2

Erstmal wünsche auch ich allen Lesern ein frohes neues Jahr mit möglichst wenigen Flops im Kinosaal und vor der Mattscheibe, sowie einen gigantischen Haufen erinnerungswürdiger Filmerlebnisse!

Eigentlicher Sinn dieses Posts ist aber ein kurzer Hinweis auf mehrere aktuelle Trailer für den zweiten Teil von John Woos Red Cliff-Megaschlachteneposcomeback. Es geht doch nichts über endlose Wortaneinanderreihungen…

Bei Twitch kann man drei asiatische Trailer anschauen und sich ein Bild vom Finale machen. Der folgende koreanische Trailer sähe gar nicht so schlecht aus, wäre da nicht der amerikanische Sprecher (!?) in der zweiten Hälfte, den man wohl schon aus hundert anderen Trailern kennt.

Red Cliff II: The Decisive Battle (Die Entscheidungsschlacht) feiert zu Zeit in China Premiere.

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Eine Kritik zum ersten Teil und ein paar Infos zur Veröffentlichung des Zweiteilers gibt es hier.

Red Cliff I (VRC 2008)

Um die wichtigste Frage gleich vorweg zu beantworten: Ja, in John Woos neuem Film Red Cliff tauchen strahlend weiße Tauben auf. Es sind mindestens vier oder fünf, um genau zu sein. Die Entwicklung von Woos Filmografie könnte man glatt mit der hochinteressanten Evolution seines Taubeneinsatzes gleichsetzen. Aus dem spirituellen (christlichen) Symbol  (etwa in The Killer) wurde noch zu Hongkonger Zeiten das Markenzeichen des Regisseurs; gleichberechtigt neben dem Mexican Standoff und Chow Yun-Fat, der in Zeitlupe mit zwei Knarren über den Boden schlittert oder durch die Luft fliegt. Schießend natürlich.

In Hollywood schließlich wandelte sich das von Woo in Interviews so oft verteidigte Symbol zum rein ästhetischen Beiwerk. So mögen in Face/Off, seinem einzigen US-„Klassiker“, die umher flatternden Tauben in einer (katholischen) Kirche auftauchen, doch letztendlich wird ihre Funktion darauf reduziert, Nicolas Cage zum Sterben cool aussehen zu lassen. Anders als noch Chow Yun-Fat darf Cage in diesem Film aber nicht das Zeitliche segnen. Er ist der (amerikanische) Held, auch wenn er das falsche Gesicht trägt. Die Emotionalität, der Fatalismus und die damit verbundene latente Homoerotik, die in beträchtlichem Maße zum Kultstatus seiner Hongkonger Filme beigetragen hatten, mussten in einem anderen kulturellen Kontext zwangsläufig reduziert werden. Woos stilbildende Symbolwelt litt darunter, wurde ausgehöhlt und bedeutungslos.

Was in „Face/Off“ noch den Coolness-Faktor wie ein explodierendes Motorboot in die Höhe schießen lässt, verdeutlicht  wenig später die Traurigkeit der Selbstparodie, die sich Mission: Impossible II nennt. Als hätte Tom Cruise als der auf dieser Erdkugel am wenigsten für eine Woo-Zeitlupe geeignete Schauspieler nicht gereicht. Die Fans wandten sich gepeinigt ab. Und recht bald auch das amerikanische Publikum.

Woo war anders als seine Regiekollegen, die sich ebenfalls auf amerikanischem Parkett versucht haben, dort zumindest zeitweise künstlerisch und kommerziell erfolgreich. Tsui Hark („Once upon a Time in China“) dagegen gab nur ein kurzes Gastspiel für zwei Van Damme-Filme (u.a. „Knock Off“), hat seitdem allerdings selbst in seiner Heimat nicht mehr zu alter Form oder auch nur Kohärenz zurück gefunden. Ringo Lam („City on Fire“) entkam der Van Damme-Falle nicht so schnell und vergeudete sein Talent in diversen Direct-To-Video-Produktionen.

Anno 2008 befand sich die Hongkonger Actiontrias der glorreichen 80er Jahre offensichtlich in einem erbärmlichen Zustand. Fünf Jahre nach seinem letzten Spielfilm packte Woo entweder diese Erkenntnis oder die pure Nostalgie. Den wirtschaftlichen Bedingungen der Gegenwart entsprechend, zog es ihn in die Volksrepublik China, um sein gigantisches  zweiteiliges Epos Red Cliff zu drehen. Mit Chow Yun-Fat wollte er wieder arbeiten und mit Tony Leung Chiu-Wai; das Hard-Boiled-Dream Team wieder vereint. Ersterer sagte kurz vor Drehbeginn ab. Leung wollte zunächst nicht, übernahm in letzter Minute jedoch die für seinen Kollegen vorgesehene Rolle.

Um v.a. das ostasiatische Publikum endgültig für das teuerste chinesische Filmprojekt aller Zeiten zu gewinnen, wurden außerdem Kassenmagneten wie Takeshi Kaneshiro („Chungking Express“), Chang Chen („Tiger and Dragon“) und Vicki Zhao Wei („Shaolin Soccer“) verpflichtet. Red Cliff ist allein dank der Besetzung der feuchte Traum aller Asia-Film-Fans. Schöne Gesichter in schönen Kostümen dabei zu beobachten, wie sie sich durch tragische historische Stoffe quälen – das kommt zur Zeit auch sehr gut an in den stetig zunehmenden Kinos der Volksrepublik.

Wie andere chinesische Historienepen der letzten Jahre dreht sich Woos Ausflug in die Geschichte um ein in der Bevölkerung höchst populäres, reichlich sagenumwobenes Ereignis: Der Schlacht am Roten Felsen. Im Jahr 208 (das riecht nach einem Jubiläum) hatte diese stattgefunden und für allerhand Wirbel in der chinesischen Geschichtsschreibung gesorgt. Für den in fernöstlicher Historiographie unbewanderten Cineasten genügt eine kurze Zusammenfassung:

Der mächtige Premierminister der Han, Cao Cao (Zhang Fengyi), überredet den schwächlichen Kaiser zu einem Kriegszug gegen zwei Kriegsherren im Süden, um China zu vereinigen. Davon Nachricht erhaltend verbünden sich die beiden Widerständler Liu Bei und Sun Quan dank der Vermittlungversuche von Liu Beis taktischem Berater (Takeshi Kaneshiro) und Sun Quans General (Tony Leung). Mit mehreren hunderttausend Mann bestückt, segelt Cao Caos Flotte auf dem Jangtse südwärts, um die zahlenmäßig unterlegenen Kriegsherren zu zermalmen.

Da ein Film nicht nur aus einer Schlacht bestehen sollte (siehe „300“), aber die vielen in die Vorgeschichte verstrickten Figuren den Zuschauer innerhalb der Laufzeit von zwei Stunden womöglich überfordern würden, entschied sich Woo für eine Zweiteilung des Films. Vielleicht wollte er auch nur sicher gehen, dass die Produktionskosten unabhängig von der Vermarktung im Westen wieder eingespielt werden. Wie dem auch sei, den Figuren – eigentlich nicht gerade die Stärke des Regisseurs – konnte es nur zu Gute kommen.

Im hier besprochenen ersten Teil wird die Vorgeschichte der berühmten Schlacht erzählt. Von der Kriegserklärung Cao Caos über die Verhandlungen zwischen den Verbündeten und einer ersten Schlacht zu Lande. Die große Dramatik ist also noch nicht zu erwarten. Dennoch ist der Film mehr als nur ein fader Prolog.

Wie bei Woo nicht anders zu erwarten, ist der Auftakt von „Red Cliff“ eine Schlacht, die hier sozusagen den Shootout ersetzt. Eine handfeste sogar mit reichlich Dreck und fetten Blutspritzern. Sofort fühlt man sich an seine ganz und gar nicht zahmen Heroic Bloodshed-Filme erinnert, die ihrer Genrebezeichnung ja in jeder Hinsicht gerecht werden. Wenn Hu Jun („Infernal Affairs II“) zuerst mit einer Lanze dutzende gegnerische Kämpfer durchbohrt, während sein ehemals weißer, nun blutbespritzter Mantel in Zeitlupe durch das Bild flattert und er wenig später selbst mit einem Baby im Arm die Body Count in die Höhe treibt, ist das John Woo-Action in ihrer Reinform.

In den Achtzigern wurden die Kung Fu-Helden der Shaw-Filme durch Regisseure wie Woo mitsamt ihrer Ehrenkodizes in moderne Großstädte verfrachtet, um fortan ihre blutigen Tänze mit Schusswaffen und Armani-Anzügen auszuüben. Nun, nachdem die heimische Zuschauergunst für das Gangstergenre geschwunden ist, katapultiert Woo seine heroischen Kämpfer in die frühe chinesische Geschichte. Und sich selbst zurück in die erste Riege internationaler Actionregisseure.

In dem hierzulande eher unbekannten Hu Jun, der nicht einmal zu den Protagonisten gehört, hat Woo gleich noch einen hochkarätigen Ersatz für Chow Yun-Fat gefunden. Nach dieser ersten Schlacht keimt schon die Hoffnung auf, dass Hu, dem Chows Bodenständigkeit und physische Präsenz zu eigen sind, eine größere Rolle im Film spielen wird. Sehr bald wendet sich Woo allerdings den eigentlichen Stars des Films zu: Tony Leung und Takeshi Kaneshiro. Dass ausgerechnet diese beiden im Vergleich zum Rest der Schauspielergarde etwas enttäuschen, bleibt ein unbedeutender Wermutstropfen, da ihre „Chemie“ durchaus genügt, wenn auch ihr Auftritt nicht gerade nach Preisen schreit.

Woos Vorliebe für die komplizierte Freundschaft zweier ehrenvoller Männer findet in der Beziehung Leungs und Kaneshiros ihren Ausdruck. Teil 1 von Red Cliff erzählt daher vom Entstehen ihrer Freundschaft mit Hilfe einer ausgedehnten „Musiziersequenz“, in der beide einander die Meisterschaft in ihrem Hobby beweisen (das sieht genauso homoerotisch aus, wie es klingt). Einigermaßen selbstverliebt ist das alles und der Charakterisierung der Figuren fügt  das Duell an der Zither nichts neues hinzu. Es ist aber auch typisch für den Regisseur, das Anbändeln der beiden Helden dermaßen offensichtlich auszubreiten, weshalb es ihm an dieser Stelle nachgesehen wird. Was tut man nicht alles, um einen 100%igen John Woo-Film zu bewundern?

„Red Cliff“ ist genau das und noch vielmehr. Auch wenn die Freundschaft noch durch eine extrem kitschige Pferdegeburt (!) gefestigt werden muss, Tony Leung erschöpft und gelangweilt daher kommt und Takeshi Kaneshiro zweieinhalb Stunden lang nur amüsiert lächelt oder konzentriert nachdenkt. Vielmehr drücken seine hübschen Gesichtszüge in diesem Film leider nicht aus.

Über das Zitat seiner eigenen Markenzeichen in der Figureneinführung hinaus, fesselt Woo den Zuschauer durch das, was er am besten kann: Die extrem abwechslungsreiche Inszenierung komplizierter Actionsequenzen. Ein Film, der mit einer Schlacht beginnt, mit einer Schlacht endet und nur die Vorgeschichte eines Filmes erzählt, der sich um eine Schlacht drehen wird, könnte auf Dauer langweilig sein. Was Woo in „Red Cliff“ abzieht ist glücklicherweise alles andere als das.

Vorbereitet durch eine brillante Parallelmontage der taktischen Diskussionen auf beiden Seiten, welche die Spannungsschraube noch einmal anzieht, schafft der Film es durch die Betonung einzelner Elemente der Taktik, einer fast zwanzigminütigen Schlachtensequenz die drohende Routine zu nehmen. Schon die Idee, drei große Krieger (einer davon Hu Jun) nacheinander allein auf die feindliche Armee loszulassen, um ihre Kampfkraft unter Beweis zu stellen macht Spaß. Ein wenig erinnert es an den Wettkampf des Zwergen Gimli mit dem Elben Legolas in Der Herr der Ringe: Die Zwei Türme. Eine humoristische Auflockerung des Geschehens ist es in jedem Fall.

Dass die geschilderte Schlacht den Handlungsverlauf nicht weiter beeinflusst und eher wie ein erzwungener Klimax wirkt, ist völlig egal. Schließlich reißt Tony Leung mit einem Pfeil einen gegnerischen Soldat vom Pferd. Mit einem Pfeil, den er sich gerade aus der Schulter gezogen hat. Ohne Bogen! Das Bild sollte man sich nochmal auf der Zunge zergehen lassen (sofern das physisch möglich ist).

Wie diese nicht enden wollende Kritik schon andeutet, hat Woo in Red Cliff auf bekanntem Terrain zu alter Stärke zurück gefunden. Die Selbstsicherheit merkt man ihm auch in den unblutigen Handlungsabschnitten an, etwa bei der Einführung von Tony Leungs Figur. Ganze drei Minuten lang neckt Woo den Zuschauer mit Leungs Hinterkopf, seiner Hand, seinen Augen, bevor er endlich das Gesicht seines Stars präsentiert und alle weiblichen Fans verzückt aufseufzen.

Überraschend ist Woos Sicherheit bei der Inszenierung des wichtigsten Elementes der Vorgeschichte: der Figurencharakterisierung. Das ist zum einen darauf zurückzuführen, dass er sich auf die hochkarätige Riege der Nebendarsteller verlassen kann. Andererseits ist die vielleicht beste Szene des Films gerade nicht blutgetränkt. Der durchaus charismatische „Bösewicht“ Cao Cao lässt sich Tee servieren. Das war es auch schon. Trotzdem genügen die wenigen Minuten, um dem Geisteszustand und den damit verbundenen Motiven der von Zhang Fengyi porträtierten Figur habhaft zu werden. Zhang („Der Kaiser und sein Attentäter“) sticht deutlich, aber auf eine erfreulich subtile Weise aus dem an Konkurrenz nicht armen Ensemble heraus.

Bei all den positiven Worten, bleibt abzuwarten, ob Woo seiner gereiften Herangehensweise auch im zweiten „Red Cliff“-Teil treu bleibt. Ob seine Rückkehr nach China auch eine Rückkehr zur Hyperemotionalität seiner Hongkonger Tage bedeutet, die Filme wie „The Killer“ unfreiwillig komisch wirken ließ. Ob Takeshi Kaneshiro seinen verlorenen dritten Gesichtsausdruck wiederentdeckt. Ob eine weiße Taube das zu erwartende Flammenmeer zieren wird. Nach Sichtung der ersten Hälfte von Red Cliff darf äußerst befriedigt festgestellt werden: Willkommen zurück, Herr Woo!


Weitere Infos:

Red Cliff, der gewaltigen Schlacht erster Teil, ist in Hongkong als 2-Disc Edition im Mandarin-Original mit englischen Untertiteln erschienen. U.a. bei YesAsia.com kann man diese All Region-DVD bestellen.

Ob „Red Cliff“ als Zweiteiler oder in einer zusammengeschnittenen, kürzeren Version in Deutschland anlaufen wird, scheint bisher nicht klar zu sein. Ich prophezeie schon mal letzteres. Laut Constantin wird der Film im ersten Quartal 2009 hierzulande die Kinos erobern.

In China startet der zweite Teil im Januar.

Red Cliff – Der neue Film von John Woo

Der Brain Drain, der Mitte der Neunziger Jahre einen nicht geringen Teil des künstlerischen Talents der Hongkonger Filmindustrie ausgesaugt und gen Hollywood transportiert hat, erfährt ja glücklicherweise in den letzten Jahren seine Umkehr.

Ringo Lam (Full Contact, City on Fire) dreht zwar immer noch Filme mit Jean-Claude Van Damme, wechselt diese in letzter Zeit aber wieder mit Filmen in seiner Heimat ab (Triangle). Tsui Hark (Once upon a Time in China, A Chinese Ghost Story) ist auch wieder da – nach dem seine Van Damme-Filme in den USA floppten.

Zeitlupenliebhaber John Woo (The Killer, Hard Boiled, Face/Off), der von allen migrierten HK-Regisseuren noch am kommerziell erfolgreichsten in den USA abschnitt (trotz einer Zusammenarbeit mit Jean-Claude), hat auch endlich den Weg zurück nach China gefunden. Sicher nicht unbeeinflusst von der erfolgreichen Welle chinesischer Historienepen liefert Woo mit Red Cliff sein erstes eigenes Schlachtenepos mit Starbesetzung ab.

Hier eine kurze Inhaltsangabe von Filmstarts.de:

Basierend auf dem im 14. Jahrhundert entstandenen Abenteuer-Epos „Geschichte der drei Reiche“ von Luo Guanzhong erzählt John Woo von einem großen Krieg im 3. Jahrhundert. Das Land Wu wird angegriffen vom mächtigen Kriegsfürsten Cao Cao und dessen millionenstarker Truppe. In seiner Verzweiflung bittet Sun Quan, König von Wu, den Erzfeind Liu Bei um Hilfe. Der gewährt sie ihm, wohlwissend, dass er nächste Opfer von Cao Cao wäre. Doch auch zu zweit sind ihre Armeen in der Zahl den Gegnern deutlich unterlegen. Da hat der Stratege Zhou Yu eine Idee…

Tony Leung (Infernal Affairs, Hero) und Takeshi Kaneshiro (House of Flying Daggers, Chungking Express) sind unter den Stars des Historienschinkens, der angeblich der teuerste asiatisch finanzierte Film aller Zeiten sein soll.

Der erste Trailer ist zwar in Chinesisch, aber geredet wird nur am Anfang. Man sollte ihn allerdings bis zum Schluss anschauen, da er ein Markenzeichen von John Woo präsentiert, auf das man als Kenner bei diesem Regisseur einfach wartet – ob man will oder nicht.

UPDATE: Zur Kritik folgt man bitte diesem Link.

[youtube=http://de.youtube.com/watch?v=VgOD04m8qDM]
Bei Twitch.com gibts auch noch einen japanischen Teaser in – man glaubt es kaum – Japanisch.
Ein deutscher Starttermin für Red Cliff scheint noch nicht festzustehen.