Videoessay: Jim Emerson seziert The Dark Knight

Als nützliche Ergänzung zu jenem Post über den Niedergang des Actionkinos gibt es hier einen neuen Videoessay von Jim Emerson, der für PressPlay eine Actionsequenz aus The Dark Knight auseinander genommen hat. Man könnte anführen, dass Emerson etwas zu genau vorgeht und unnötig kleinlich ist, aber ich finde den Clip schon allein deswegen sehr reizvoll, weil er detailliert aufzeigt, wie die Action aufgebaut ist, welche Regeln aus dem Handbuch der Filmemacherei gebrochen werden und wie sie funktioniert bzw. nicht funktioniert. Das Zitat von Scorsese erscheint in diesem Kontext jedoch wie ein Schuss in den eigenen Fuß. Sehenswert ist das Video aber allemal.

Bei Emersons empfehlenswertem Blog Scanners ist die Diskussion derweil im vollen Gange. Dort hat sich Jim Emerson in den vergangenen Jahren immer wieder über die Filme von Christopher Nolan geäußert. Zusammengefasst hat er seine Meinung vor einer Weile bei msn.

Der vorliegende Videoessay ist übrigens nur der erste Teil einer geplanten Reihe namens „In the Cut“, die bei PressPlay in regelmäßigen Abständen gepostet werden soll.


 

And the Academy Award might go to…

Die Oscarnominierungen sind raus. Nennenswerte Unterschiede zu den Golden Globes sind nicht auszumachen. Außer für Kate Winslet, die sich mit nur einer Nominierung für „Der Vorleser“ zufriedengeben muss und Angelina Jolie, welche für „Der fremde Sohn“ mit einer solchen bedacht wurde. Am 22. Februar findet die Preisverleihung statt. Hugh Jackman, möge die Macht mit dir sein…

Die Mathematik der Nominierungen:

Der Seltsame Fall des Benjamin Button – 13

Slumdog Millionär – 10

The Dark Knight – 8

Milk – 8

Heath Ledger – 1

Robert Downey Jr. – 1

Die Quelle: Empire

Die Nominierungen:

Best Film
The Curious Case of Benjamin Button
Frost/Nixon
Milk
The Reader
Slumdog Millionaire

Best Director

The Curious Case of Benjamin Button – David Fincher
Frost/Nixon – Ron Howard
Milk – Gus Van Sant
The Reader – Stephen Daldry
Slumdog Millionaire – Danny Boyle
Best Actor In A Leading Role
The Visitor – Richard Jenkins
Frost/Nixon – Frank Langella
Milk – Sean Penn
The Curious Case of Benjamin Button – Brad Pitt
The Wrestler – Mickey Rourke
Best Actress In A Leading Role
Rachel Getting Married – Anne Hathaway
Changeling – Angelina Jolie
Frozen River – Melissa Leo
Doubt – Meryl Streep
The Reader – Kate Winslet
Best Actor In A Supporting Role
Milk – Josh Brolin
Tropic Thunder – Robert Downey Jr.
Doubt – Philip Seymour Hoffman
The Dark Knight – Heath Ledger
Revolutionary Road – Michael Shannon
Best Actress In A Supporting Role
Doubt – Amy Adams
Vicky Cristina Barcelona – Penélope Cruz
Doubt – Viola Davis
The Curious Case of Benjamin Button – Taraji P. Henson
The Wrestler – Marisa Tomei
Best Adapted Screenplay
The Curious Case of Benjamin Button – Eric Roth, Robin Swicord
Doubt – John Patrick Shanley
Frost/Nixon – Peter Morgan
The Reader – David Hare
Slumdog Millionaire – Simon Beaufoy
Best Original Screenplay
Frozen River – Courtney Hunt
Happy-Go-Lucky – Mike Leigh
In Bruges – Martin McDonagh
Milk – Dustin Lance Black
WALL-E – Andrew Stanton, Jim Reardon, Pete Docter
Animated Feature
Bolt
Kung Fu Panda
WALL-E
Art Direction
Changeling
The Curious Case of Benjamin Button
The Dark Knight
The Duchess
Revolutionary Road
Cinematography
Changeling
The Curious Case of Benjamin Button
The Dark Knight
The Reader
Slumdog Millionaire

Costume Design

Australia
The Curious Case of Benjamin Button
The Duchess
Milk
Revolutionary Road
Documentary Feature
The Betrayal (Nerakhoon)
Encounters at the End of the World
The Garden
Man on Wire
Trouble the Water
Documentary Short
The Conscience of Nhem En
The Final Inch
Smile Pinki
The Witness – From the Balcony of Room 306
Editing
The Curious Case of Benjamin Button
The Dark Knight
Frost/Nixon
Milk
Slumdog Millionaire
Best Foreign Language Film
The Baader Meinhof Complex
The Class
Departures
Austria
Waltz with Bashir

Makeup

The Curious Case of Benjamin Button
The Dark Knightw
Hellboy II: The Golden Army
Original Score
The Curious Case of Benjamin Button – Alexandre Desplat
Defiance – James Newton Howard
Milk – Danny Elfman
Slumdog Millionaire – A.R. Rahman
WALL-E – Thomas Newman

Original Song
WALL-E – „Down to Earth“
Slumdog Millionaire – „Jai Ho“
Slumdog Millionaire – „O Saya“
Sound Editing
The Dark Knight
Iron Man
Slumdog Millionaire
WALL-E
Wanted
Sound Mixing
The Curious Case of Benjamin Button
The Dark Knight
Slumdog Millionaire
WALL-E
Wanted

Visual Effects

The Curious Case of Benjamin Button
The Dark Knight
Iron Man

Animated Short

La Maison de Petits Cubes
Lavatory – Lovestory
Oktapodi
Presto
This Way Up

Live Action Short

Auf der Strecke (On the Line)
Manon on the Asphalt
New Boy
The Pig
Spielzeugland (Toyland)

2008: Das Jahr, indem wir Top Ten-Listen erstellten

…wie in jedem anderen Jahr auch.

Wie auch schon bei der Top Ten 2007 werden hier nur Filme berücksichtigt, die a) ihren deutschen Starttermin oder b) ihre (deutsche) DVD-Premiere im Jahre 2008 gefeiert haben. Die Einschränkungen sind recht wirr und dienen allein als seriös wirkende Ausrede dafür, dass ich die vielleicht wichtigsten amerikanischen Filme des Jahres – potenzielle Oscar-Anwärter z.B. – noch gar nicht gesehen habe, da deren deutscher Starttermin meist im Januar oder Februar 2009 liegt.

Noch dazu sei hinzuzufügen, dass ich aus verständlichen Gründen nicht alle 2008 produzierten Filme sehen konnte, da sonst mein Kopf platzen würde. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Mit anderen Worten: Diese Liste ist ein persönliches Resümee des Filmjahres 2008. Intersubjektive Nachvollziehbarkeit wird nicht garantiert:

10. Tödliche Entscheidung (USA/GB 2007)

Kaum zu glauben, dass Sidney Lumet „Die Zwölf Geschworenen“ vor 51 Jahren gedreht hat. Before The Devil Knows You’re Dead ist modern in seiner Form und unbarmherzig in seiner Schilderung menschlicher und familiärer Abgründe. Lumet hat wie schon vor einem halben Jahrhundert das beste aus seinem Ensemble herausgeholt, hier bestehend aus Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Marisa Tomei und Albert Finney.

09. WALL-E (USA 2008)

Letztes Jahr war es Ratatouille, dieses Jahr nimmt WALL-E den für Pixar reservierten Platz in meiner Top Ten ein. Die erste Hälfte des Films hätte ihn sogar auf Platz 1 katapultieren können. Da ist „WALL-E“ der beste Animationsfilm, den Charlie Chaplin nie gedreht hat. Mit der recht konventionellen zweiten Hälfte landet der liebenswerte Roboter immerhin auf Rang 9. Mal sehen, wie Up abschneiden wird. Immerhin trägt der nächste Pixar den Namen des besten Albums von Peter Gabriel. [Soviel zu unnützen Trivia-Infos]

08. Sweeney Todd – Der teufliche Barbier aus der Fleet Street (USA/GB 2008)

Ein düsteres Gothic-Musical ist Sweeney Todd, dass dank der Vorlage von Stephen Sondheim die für Tim Burton typische Oberflächlichkeit vermissen lässt. Wer hätte gedacht, dass Kannibalismus zu dermaßen eingängigen Liedern inspirieren kann? Auch für Nicht-Musical-Fans ist der Film mit Burtons Stammpersonal Johnny Depp und Helena Bonham Carter ein Muss.

07. Der Mongole (RUS/KZ/MGL/D 2007)

Dschingis Khan hat einen großen Film schon lange verdient. Sergei Bodrovs Der Mongole will das sein und wird dem Mythos der Steppe gerecht, ohne auf billiges Pathos oder auch nur eine klassische Erzählweise zu verfallen. Tadanobu Asano („Ichi the Killer“) gibt Temudjin auf seinem steinigen Weg zum Titel des Khan ein erhabenes Gesicht, während Sun Honglei („Die Sieben Schwerter“) als sein Freund und späterer Widersacher Jamukha wiedereinmal zeigt, warum er einer der besten Schauspieler Chinas ist. Um von den wuchtigen Landschaftsaufnahmen gar nicht erst zu reden…

06. The Dark Knight (USA 2008)

Vielleicht ist es DER Film des Jahres, wenn auch nicht der beste, den Christopher Nolan mit The Dark Knight gedreht hat. Ein Denkmal für Heath Ledger, sicher eine der besten Comicverfilmungen aller Zeiten und v.a. ein spannender, aber nicht dummer Actionthriller, der beträchtliche Lust auf eine Fortsetzung macht. Die Comic-Konkurrenz war dieses Jahr nicht zu unterschätzen (u.a. „Hellboy II“ und „Iron Man“), doch der Dunkle Ritter segelt souverän in die Top Ten.

05. There Will Be Blood (USA 2007)

Auch wenn „There Will Be Blood“ gegen Ende Gefahr läuft, von seiner Hauptfigur erschlagen zu werden und Paul Thomas Anderson sich das Einfühlungsvermögen, welches er seinen geplagten Figuren in „Magnolia“ noch in Hülle und Fülle hat zukommen lassen, in seinem aktuellen Film leider versagt, verdient die Geschichte um Daniel Plainview einen Platz in der Top Ten. Filme, die sich mit dem Klassischen Hollywoodkino messen können, gibt es eben viel zu selten. Die eigentliche Überraschung in There Will Be Blood heißt aber nicht Daniel Day-Lewis, sondern Paul Dano.

04. Brügge sehen… und sterben? (GB/USA 2008)

Politisch inkorrekt, brutal, komisch, traurig und gesegnet mit einer Ansammlung menschlicher Matschepampe. All das trifft auf Brügge sehen.. und sterben? zu. Es deutet möglicherweise auch darauf hin, dass das Debüt von Martin McDonagh nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Wer Genrefilmen nicht abgeneigt ist, wird freilich schnell erkennen, dass McDonagh den (britischen) Gangsterfilm zu neuen Höhen geführt hat. Noch dazu ist ihm aufgegangen, dass Colin Farrell kleine besoffene Loser viel besser spielen kann als große makedonische Könige.

03. Michael Clayton (USA 2007)

Dass Anwaltsthrillern nach all den langweiligen John Grisham-Verfilmungen noch etwas neues abzugewinnen ist, das hatte zumindest ich kaum noch zu hoffen gewagt. Michael Clayton war daher ein leicht zu unterschätzender Oscaranwärter, dem das Label Epos dank des Mangels an weiten Landschaften, Pferden und Ölbaronen offensichtlich nicht zugeschrieben werden kann. Tony Gilroys Film verdient den dritten Platz, weil er mit einfachen Mitteln die dunklen Seiten großstädtischer Arbeitsexistenzen, die unschönen Seiten unserer Dienstleistungsgesellschaft aufdeckt.

02. No Country for Old Men (USA 2007)

Was „Michael Clayton“ an vordergründigen Eposqualitäten fehlt, findet sich in der Cormac McCarthy-Verfilmung der Coen Brüder. „Mitleidlos“ ist wohl das Wort, das am ehesten auf No Country for Old Men zutrifft. Verkörperung des kaltblütigen Zufalls ist Anton Chigurh (Javier Bardem), ein Killer, der in seiner soziopathischen Vorgehensweise einer Naturgewalt ähnelt. Tommy Lee Jones und Josh Brolin geben dem Film das dringend nötige menschliche Antlitz, was alles eigentlich noch unangenehmer macht.

01. Waltz With Bashir (IL/D/F/USA 2008)

Animierte Dokumentation, dokumentarischer Animationsfilm… Wie auch immer man Ari Folmans Film bezeichnen will, Waltz With Bashir landet hier auf Platz 1. Das verbildlichte Trauma des Regisseurs ist von allen hier genannten Filmen der innovativste. Innovation allein berechtigt aber noch nicht zur Spitzenposition. „Waltz With Bashir“ schafft genau das, was das sogenannte „Betroffenheitskino“ gerne sein möchte. Er greift Verdrängungsmechanismen auf, zehrt das Grauen aus einer subjektiven Sicht an die Oberfläche und zwingt zur Auseinandersetzung. Vergangenheitsbewältigung auf der großen Leinwand.


Im Verfolgerfeld:

„All the Boys love Mandy Lane“

„Hellboy II: Die Goldene Armee“

„Mamma Mia!“

„The King of Ping Pong“

„Tropic Thunder“

Der Beste Film, den ich dieses Jahr gesehen habe und auch nach der dritten Sichtung nicht kapiere:
The Sun Also Rises

Die größte Enttäuschung des Jahres:

„Ein Quantum Trost“.

Und Britney Spears, die immer noch „Musik“ macht.

Heißer Anwärter auf die Kategorie „Filme, die die Welt nicht braucht“:

„Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“

Der beste Trailer des Jahres mit überbordendem Zeitlupeneinsatz:

Watchmen – unterlegt mit „The End Is The Beginning Is The End“ von den Smashing Pumpkins.

Der beste Song, der sowohl im Trailer als auch im Film auftaucht:

Bedroom Walls – „In Anticipation of Your Suicide“ („All The Boys Love Mandy Lane“ O.S.T.)

Unglaubwürdigste Gesichtsbehaarung des Jahres:

Leonardo DiCaprio in „Der Mann, der niemals lebte“.

Preisverdächtigste Gesichtsbehaarung des Jahres:

Robert Downey Jr. in „Iron Man“ und „Tropic Thunder“.
Peinlichster Auftritt einer Gruppe Yetis in der Geschichte der Menschheit:
„Die Mumie – Das Grabmal des Drachenkaisers“
Bestes Festivalerlebnis des Jahres:
„Sparrow“ von Johnnie To in der Caligari-Filmbühne zu Wiesbaden zu genießen.
Ein Autogramm von David Bordwell in Bologna zu ergattern.

Die gehypten Filme, die wahrscheinlich einen Platz in der Top Ten verdienen, ihn aber nicht bekommen, weil ich sie noch nicht gesehen habe:

„Schmetterling und Taucherglocke“

„So finster die Nacht“

The Dark Knight (USA 2008)

Als Charles Lindbergh am 21. Mai 1927 nahe Paris seine Spirit of St. Louis sicher auf europäischem Boden landete, wurde der Mittzwanziger aus Detroit über Nacht ein amerikanischer Held. Noch rund 80 Jahre später wird er vom Time Magazine in der Liste der 100 wichtigsten Personen des 20. Jahrhunderts in der Kategorie „Heroes and Icons“ neben Mutter Theresa, Anne Frank und Rosa Parks geführt. Eine postume Ehrung, der auch Lindberghs latenter Antisemitismus nichts anhaben konnte. Lindbergh, der mit seinem Nonstop-Flug über den Atlantik als ein legendäres Beispiel für die Bezwingung natürlicher Hindernisse durch Erfindungsgeist und Abenteuerlust des Menschen in die Annalen der Geschichte einging, ist nur einer unter vielen heroischen Mythen der amerikanischen Nation. Angesichts der Entwicklungsgeschichte der USA ist es keine Überraschung, dass die amerikanische Gesellschaft zuweilen ein aus europäischer (und besonders deutscher) Sicht fast schon naives Verhältnis zum Heldentum hegt.

Vielleicht kann auch nur ein Land, dessen Sendungsbewusstsein tief geprägt vom Manifest Destiny ist, Herkunft des modernsten aller Heroen sein, des Superhelden. Dessen klassische Vorbildfunktion als selbstloser Verfechter von Recht und Ordnung liegt schließlich nicht allzu fern von der mit dem Schicksal verknüpften Vorstellung des „American Exceptionalism„. Kurz gefasst versteht man darunter die auf der ursprünglich moralischen Überlegenheit der jungen Demokratie gegenüber den tyrannischen Monarchien des Alten Europa basierende, quasi-religiösen Vorstellung, die Neue Welt sei der Boden einer außergewöhnlichen, weil guten, stabilen, egalitären Gesellschaft.

Ihr heutiger Status als Weltpolizei, die eine Achse des Bösen ausgemacht hat und ihr in einem Kreuzzug für Demokratie entgegen geschritten ist, trägt noch immer die Vorstellung puritanischer Siedler in sich, ein Modell, ein Vorbild für den Rest der potenziell verkommenen Welt zu sein. Ist man Verfechter der durchaus zweifelhaften Vorstellung, Filme spiegelten immer auch den Zeitgeist wieder, liegt die Argumentation daher nahe, dass der Boom amerikanischer Comicverfilmungen seit der Jahrtausendwende – nehme man Bryan Singers „X-Men“ als Ausgangspunkt – diesen seltsamen Ur-Instinkt, diesen anscheinend verstärkten Wunsch nach Vorbildern und Helden besonders gut zu befriedigen weiß. Anders gesagt: Fault das Selbstbewusstsein einer Gesellschaft vor sich hin, tun Superheldenfilme dem Verlangen nach heldenhafter Kompensation Genüge.

Dieser Logik widerspricht natürlich der unverkennbare Anachronismus einer Figur wie Superman in heutiger Zeit. Zumindest in der von (wieder einmal) Bryan Singer in „Superman Returns“ realisierten Form wirkt dieser ideale Mann aus Stahl, stellt man ihn neben moderne Modellen wie Wolverine oder Spiderman, doch leicht angerostet. Spätestens seit den Achtziger Jahren überwinden bevorzugt komplexe Normalos und Anti-Helden die Schwelle zum Superhelden, weil sie trotz ihrer diversen Schwächen und unzähliger Versuchungen den steinigen Weg zur Verbesserung der Gemeinschaft gehen, der ein Scheitern nicht ausschließt.

Auch Batman ist in diesem Sinne keine Lichtgestalt mehr, die allein durch ihre Tugenden und guten Taten zum idealen Fixpunkt einer sich nach einem Retter sehnenden Stadt wird. Einen ur-amerikanischen Helden wie Superman hätte Gotham City nämlich nicht verdient. Darauf läuft zumindest Christopher Nolans The Dark Knight hinaus. Akzeptiert man nun die Zeitgeist-Theorie oder nicht, der neue Batman kann leicht als eine Allegorie auf die USA nach dem 11. September gelesen werden. Der bereits angedeutete Glaube der Bush-Administration an die Rechtmäßigkeit der eigenen Mission wurde ausgehöhlt durch die eingesetzten Mittel, die dem Vorbildcharakter des amerikanischen Rechtsstaates widersprachen. Wenn Bruce Wayne alias Batman (Christian Bale) also den Bösewicht zusammenschlägt, um an für die Rettung Unschuldiger notwendige Informationen zu gelangen, geht dem Kritiker das Herz auf bei all den wunderbaren Parallelen, die sich zur weiteren Analyse anbieten.

Reduziert man jedoch den Film vorerst auf das wesentliche, ist „The Dark Knight“ ein äußerst spannender Thriller, der es in der zweiten Hälfte tatsächlich schafft, die immensen Erwartungen weitgehend zu erfüllen. In Zusammenarbeit mit dem Polizist Jim Gordon (Gary Oldman) zieht der Fledermausmann auch diesmal wieder gegen das organisierte Verbrechen zu Felde. Letzteres gerät jedoch in Unordnung durch einen mysteriösen Soziopathen, den Joker (Heath Ledger). Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart), der Gotham ganz vom verbrecherischem Unrat befreien will, gerät bald zu dessen Zielscheibe. Dumm nur, dass Dent ausgerechnet mit Rachel Dawes, der Ex-Freundin von Bruce Wayne, ausgeht.

Als Superheldenfilm besticht „The Dark Knight“ durch eine gewagte Interessenverlagerung, die Bruce Wayne mitsamt seiner moralischen Skrupel mehr oder weniger der Faszination rund um die Figur des von Ledger erschreckend intensiv porträtierten Jokers opfert. Christian Bale, dem es leider am sinisteren Charme eines Michael Keaton mangelt, wird vom Drehbuch anders als in „Batman Begins“ eine zutiefst undankbare Rolle maßgeschneidert. Den Millionär und Frauenheld Wayne schüttelt Bale locker aus dem Handgelenk, die sich hinter dem Image verbergenden inneren Konflikte werden dagegen zu selten ausgebreitet. Vielleicht war das nach dem in dieser Hinsicht zu ergiebigen Batman Begins eine bewusste Wahl Nolans. Bahnen sich vermeintlich emotionale Momente an, wählt der Regisseur lieber die bedeutungsschwere Pose Batmans, als den Blick ins Innenleben Waynes.

Als Fehlentscheidung stellt sich die Wahl nicht heraus, weil andere Figuren die nötige Persönlichkeit ins Spiel bringen, um „The Dark Knight“ zu mehr als nur einem kühlen Actionthriller zu machen. Herauszuheben sind hierbei zum einen Gary Oldman, einer der auffälligsten Casting Coups schon im letzten Film. Endlich mal dem Typecasting entgehend, ist Oldmans Jim Gordon der Inbegriff einer Anständigkeit, die einem auf der Straße begegnet, nicht im Latex-Kostüm.

Eckharts Harvey Dent ist ebenfalls ein Bild der Rechtschaffenheit, besitzt mit seinen leuchtend blonden Haaren, dem eckigen Kinn und dem unvermeidlichen Grübchen aber das Äußere eines All American Guy, der mit Leichtigkeit die Herzen von Gothams Bevölkerung erobert. Schon früh deutet eine gewisse Rücksichtslosigkeit gegenüber seiner eigenen Person glaubhaft Persönlichkeitsmuster an, die spätere Wandlungen schlüssig erklären helfen.

Über allem liegt der Schatten des Jokers und damit Heath Ledgers „Vermächtnis“ als Schauspieler, der zweite Casting Coup der Reihe. Schon in Tim Burtons „Batman“ verblasste neben der übermächtigen Performance Jack Nicholsons jedes andere Ensemblemitglied. „Scenery Chewing“ betreibt Ledger nicht in diesem Maße. Sein Joker ist zwar ein geschminktes Scheusal, wirkt aber realistischer als Nicholsons grinsender Cartoon-Bösewicht.

Dieser Joker ist auch nicht das Böse, sofern man an die Existenz desselben glaubt. Ledger spielt das nihilistische Chaos, das menschliche Gestalt angenommen hat. Der Joker hält Gotham vielleicht keinen Spiegel vor, verkörpert allerdings ein Element, das trotz aller Bemühungen aus dem Leben nicht auszuschließen ist. Er bedroht die Stabilität, drängt die Gemeinschaft in eine Extremsituation, die unliebsamer Entscheidungen bedarf.

Diese aus dem Nichts kommende Naturgewalt ist das genaue Gegenteil von all den ach so sympathischen Bösewichten des Marvel-Filmuniversums wie Magneto, Harry Osborne und Doc Octopus, deren Schritt zur ‚Dunklen Seite der Macht‘ ausführlich dokumentiert und mit einem nachvollziehbaren Motiv versehen wurde. Ledgers Joker ist eine willkommene Abwechslung, ein Schurke ohne Herkunft, ohne gewöhnliches Motiv, ohne Gewissenskonflikt. Es ist eine Interpretation, die so erfolgreich ist, dass jeder spätere Schauspieler um die Übernahme der Rolle nicht beneidet werden kann. Dabei bleibt ein Wermutstropfen, dass man von Ledger selbst hier absolut nichts sieht.

Wenn der Joker nun das sprichwörtliche Flugzeug ist, das in ein Hochhaus rast, die Bombe, die in einem vollbesetzten Bus hochgeht und all die schönen Bedeutungsebenen sich in der letzten dreiviertel Stunde zu einem festen Knoten verbinden, der den Film als etwas Großes im Bauchgefühl des Zuschauers zurücklässt, warum gehört er nicht in die Top Ten der IMDb? Gotham sieht eben ziemlich nett aus. Nachteilig für diesen Eindruck ist, dass man die Stadt oft aus Sicht von Penthouse-Apartments und Büros in sauberen Hochhäusern erblickt. Das soll hier kein Plädoyer für das Gothic-Ambiente eines Tim Burton sein, doch unverkennbar ist der Mangel an einer Atmosphäre, welche die verheerenden Wirkungen des organisierten Verbrechens und damit das Bedürfnis nach einer rettenden Lichtgestalt plausibel spürbar macht.

Natürlich, Batman hat aufgeräumt, Harvey Dent auch, doch bei einem Film, der soviel darüber diskutiert, welche Art von Held eine Stadt verdient, welches Vorbild sie braucht, fehlt „The Dark Knight“ schlicht der Standpunkt von Gotham selbst. Christopher Nolan schafft es wunderbar, die Aktionen und Reaktionen seiner Hauptfiguren, und deren persönliche Entwicklung in einem wasserdichten Plot unterzubringen. Der atmosphärischen Darstellung gesellschaftlicher Dynamik geht er zu Ungunsten des Films aber aus dem Weg.

Es fehlt das Gefühl einer allgegenwärtigen Bedrohung, die auch existieren sollte, wenn der Joker nicht im Bild ist. Es fehlen die Zersetzungserscheinungen, welche die von Nolan angestrebten zeitgeschichtlichen Referenzen und eben auch Allegorien auf das Amerika von heute mitsamt der Folgen des neokonservativen Kreuzzuges prägnanter auf den Punkt gebracht hätten. Ungeachtet der politischen Haltung des Filmemachers wäre Nolans Gotham ein bisschen mehr Vision gut bekommen.

Auch dieser Batman ist ein amerikanischer Held. Einer, der kaum zum Vorbild taugt, schließlich sind in der Nacht alle Katzen (und Fledermäuse) grau. Anscheinend spricht dieser Mann ohne Superkräfte, der die Hydra des organisierten Verbrechens aus dem Schatten heraus mit High Tech-Waffen bekämpft, den Post-9/11-Zeitgeist treffsicherer an, als ein Alien, das als Messias-Figur auf die Erde kommt und mit nur einer Schwäche belastet, die lächerlichen Pläne seiner von vornherein unterlegenen Gegner zermalmt. Vielleicht ist The Dark Knight aber einfach „nur“ ein guter Film.


Zum Weiterlesen:

Eine Auswahl an Kritiken zum Film von Kollegen aus der Blogosphäre:

Blockbuster Entertainment

Kino, TV und Co. (inkl. Kritikerspiegel! Fleißig, fleißig…)

Sneakcast.de

Es gibt auch Menschen, die dem Film nicht 9 oder 10 Pünktchen geben.

Einen wiedermal lesenswerten Artikel zur Frage, ob Comicverfilmungen etwas mit dem Zeitgeist zu tun haben und was denn dagegen spricht, hat David Bordwell auf seinem Blog veröffentlicht. Seinen auch für Hobby-Filmwissenschaftler unterhaltsamen Schreibstil gibt’s gratis dazu.

Zu guter Letzt wird die Frage beantwortet: Wer sind denn die 99 anderen „wichtigsten Personen des 20. Jahrhunderts„?

Erste Gedanken zum Dunklen Ritter

Fast zwei Tage hat es gebraucht, bis sich mir ein einigermaßen klares Bild von Christopher Nolans The Dark Knight präsentierte. Zu einer Kritik reichen die noch etwas ungeordneten Gedanken auch jetzt nicht, dazu ist eine zweite Sichtung nötig. Das war aber schon klar, als der Abspann lief und das Licht im Kinosaal unbarmherzig wieder aufgedreht wurde.

Das dominierende Gefühl: Ermüdete Sprachlosigkeit. Das Bewusstsein, gerade etwas großes gesehen zu haben, ging einher mit dem Eingeständnis, das Große nicht gänzlich erfassen zu können.  Dieses Ergebnis war in der Pause, nach der ersten Hälfte des Films, nicht unbedingt absehbar gewesen. Da hatte klar das Widerstreben gegen den Hype die Oberhand gewonnen.

Eine gute Comicverfilmung war „The Dark Knight“ zu diesem Zeitpunkt, aber doch nicht die Nummer Eins der IMDb Top 250, nicht der beste Film aller Zeiten vor den beiden Paten, vor „Citizen Kane“! Nach der 152. Minute hat er auch seinen dritten Platz, den er zur Zeit einnimmt, nicht verdient, doch die Erkenntnis ist schwer zu ignorieren, dass „The Dark Knight“ nicht nur eine „gute Comicverfilmung“ ist.

Es ist allein schon bewundernswert, was Nolan in der zweiten Hälfte an Bedeutungsebenen in seinen Haken schlagenden Plot einwebt, ohne auch nur im geringsten die Spannung zu mindern. Als Kommentar zur Situation der amerikanischen Gesellschaft wird der neue Batman interpretiert, darauf zielt Nolan recht offensichtlich auch ab. Abstrakter ist da noch der durch die Gestalt des Jokers erzwungene Diskurs um das (geplante) Chaos, das in eine unvorbereitete Gesellschaft Einzug hält und die Gefahr einer übersteigerten Reaktion der Ordnungsmacht.

All die intellektuellen Spielereien würden jedoch nicht funktionieren, hätte Nolan schwache Figuren gezeichnet. Über den Joker redet so gut wie jeder, das rechtfertigt Heath Ledgers Leistung. Besser als Jack Nicholsons Version ist er nicht, aber anders. Während Nicholson einen klassischen Cartoon-Bösewicht in die Realität der Leinwand transferierte, ohne im Verlauf dessen an Bedrohlichkeit zu verlieren, trägt Ledger bravurös die Last, letztendlich das personifizierte Unwesen zu verkörpern. Ähnlich Javier Bardems Anton Chigurh ist der Joker in „The Dark Knight“ weniger Mensch als abstrakte Größe; ohne Herkunft, ohne humane Züge.

Im Schatten Ledgers, aber auch im Schatten von Aaron Eckhart und Gary Oldman, steht eindeutig Christian Bale. Als Bruce Wayne kann er in der ersten Hälfte noch den Charme des millionenschweren Junggesellen ins Feld führen, doch damit hat sichs. Schließlich ist eine schwarze Maske dem Spiel nicht zuträglich und diese trägt er in den wichtigsten Szenen des Films. Angesichts der inneren Konflikte, die Wayne im Verlauf des Films zu bewältigen hat, ist das Ergebnis recht dürftig.

Besser schneiden, wie erwähnt, Aaron Eckhart als Harvey Dent und Gary Oldman als Polizist Jim Gordon ab. Die anfängliche Lichtgestalt Dent bleibt nach Ende des Abspanns sogar der faszinierendste „Mensch“ des Films. Weitere Ausführungen zu den Darstellern, der Inszenierung und den vom Film angerissenen „großen Themen“ wird es in einer längeren Kritik geben.

Alles in allem, das kann ich jetzt schon festhalten, hat Nolans Dunkler Ritter dem ungeheuren Hype überraschenderweise standgehalten. Es ist vielleicht nicht der beste Film aller Zeiten, aber selten hat ein Blockbuster sein immenses Einspielergebnis so verdient wie The Dark Knight.