Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt (F/CDN/I 2008)

Das Destillat der puren Aggression ist die Figur Jacques Mesrine und in Vincent Cassel hat sie ihre perfekte Verbildlichung gefunden. Das schmale, vom Alter nicht übergangene Gesicht. Die spitze, herausfordernde Nase. Ein bisschen die teuflische Version eines James Dean; eine, die jedoch weiß, was sie tut.

Mesrine ist in Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt keinesfalls das personifizierte Böse, dazu verpflichtet sich Regisseur Jean-François Richet viel zu stark den bereits in den Warner-Filmen der frühen dreißiger Jahre niedergelegten Erzählmythen. In seiner ziellosen Selbstzerstörung ähnelt er allerdings weniger Tom Powers („The Public Enemy“) oder Tony Camonte („Scarface“). Nein, diese Einwandererkinder sahen ihre Zukunft „on the top of the world“ und ihre Welt war die Unterwelt. Mesrine, der von Raubüberfall zu Raubüberfall, Erpressung zu Erpressung durch sein Leben sprintet, manchmal stolpert und sofort wieder das Tempo anzieht, mag zwar das schnelle Geld locken. Sein chaotischer Lebensstil ähnelt eher dem der realen Gangster der frühen Depressionszeit, John Dillinger etwa oder Bonny Parker und Clyde Barrow.

Ungeachtet der vergleichsweise modernen Inszenierung, hält sich Richet an die klassisch-chronologische Erzählung dieses wilden Lebens, das im zweiten Teil Todestrieb seine Fortsetzung erfahren wird. Anders als seine klassischen Vorgänger ist Mesrines Weg in den verbrecherischen Lebensunterhalt weniger seinem sozialen Hintergrund geschuldet. Ganz im Gegenteil: Das gesicherte gutbürgerliche Leben seiner Eltern scheint ihn anzuwidern, Einschränkungen jeder Art – ob durch Gesetze, Ehefrauen oder Arbeitszeiten – wider seiner Natur zu sein. Als ein entwurzelter Algerien-Veteran kehrt er zurück in das Frankreich der frühen Fünften Republik und gerät durch den gestandenen Gangsterboss Guido (Gérard Depardieu) in die Geschäfte der ‚Szene‘.

Den Auftakt bildet die Episode aus dem Algrienkrieg, sozusagen die Initiation Mesrines in das Geschäft mit dem Tod. Im Hintergrund des Gangsterlebens, das den von Cassel mit jeder Pore seines Körpers verinnerlichten Verbrecher bis nach Canada und in die USA führt, flimmern nicht zufällig immer wieder Fernsehbilder auf, hört man Radioausschnitte. Und immer wieder ist es de Gaulle, sind es die weiteren Entwicklungen der Algerienkrise und Guido hat auch noch Verbindungen zur OAS. Durchtränkt von Zeitgeschichte erhebt Richet seine mal faszinierende, mal abstoßende  Hauptfigur zum zutiefst französischen Helden der Krise, um ihm im gleichen Moment den Sockel unter den Füßen wegzureißen. An den Rand der plumpen Verherrlichung, der Versenkung im Gangster Lifestyle, gerät der Film schließlich eher selten, z.B. wenn er Mesrine und seine Freundin à la „Easy Rider“ von Rockmusik begleitet durch Amerikas Westen jagen lässt.

Dass der Film sich in der zweiten Hälfte auffällig auf Action-Schauwerte – Schießereien, Gefängnisein- und Ausbrüche – verlegt, gerät kaum zum Nachteil des angepeilten Psychogramms. Wie Mesrines zunehmend blinde Wut ungeachtet aller Konsequenzen besser ins Bild setzen, als durch den absurden Angriff eines PKWs auf ein Hochsicherheitsgefängnis? Da ist er, Tom Powers, der mit einem Revolver aus Rache ins Hauptquartier der gegnerischen Gang stürmt. Doch Powers, ein öffentlicher Feind aus einer anderen Zeit, war noch von Motiven getrieben. Was auch für Motive angeboten werden, bei Anblick des Himmelfahrtskommandos kristallisiert sich einzig Mesrine heraus. Ist da wieder nur Cassels Gesicht, das eigentlich schon alles sagt. Beweggründe ausfindig zu machen, ist in Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt letztendlich ein Spaß von zweifelhaftem Gewinn. Hinter diesen Augen verbirgt sich das Tier.


Zum Weiterlesen:

 

Public Enemy No. 1 – Todestrieb

Public Enemies No. 1, 2 and 3

Während die klassischen Gangsterfilme aus Hollywood zu Zeiten der Großen Depression ihren Zenit erlebten, wurden die amerikanischen Banken von echten Gangstern heimgesucht und einer davon hieß John Dillinger. Der ist Thema von Michael Manns neuem Film Public Enemies und wird gespielt von Johnny Depp. Seinen Verfolger mimt Christian Bale, was mir den Film fast schon wieder verleidet (und das hat nichts mit dem Bale Out zu tun). Ein Glück, dass Billy Crudup und Marion Cotillard auch mitspielen.

Am 06. August startet „Public Enemies“ in unseren Kinos.

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Ebenfalls auf einem wahren Fall basierend, erzählt Jean-François Richet in einem Zweiteiler vom französischen  Verbrecher Jascques Mesrine (Vincent Cassel), der in den 60ern und 70ern seine Zeit mit Raubüberfällen, Erpressung und Gefängnisaufenthalten zu vertreiben wusste.  Ein richtiger Gangster eben, für dessen Darstellung Cassel mit dem César ausgezeichnet wurde. Public Enemy No.1 – Mordinstinkt läuft am 23. April in Deutschland an, den Trailer gibt’s unten. Teil zwei „Todestrieb“ startet einen Monat später am 21. Mai bei uns.

Hier findet man den Trailer auch in guter Qualität.

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Zu guter letzt noch The Public Enemy of all Public Enemies: James Cagney. Mangels Trailer poste ich an dieser Stelle einfach mal ziemlich lame die wohl berühmteste Szene aus William Wellmans Klassiker.

Ganz klar breakfast for champions.

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Kontrapunkt: Dobermann, Das geheime Leben der Worte & Heartbreak Ridge

Vergangene Woche hatte ich wieder mal ein buntes Programm. Abgesehen von den hier vorgestellten Filmen sah ich auch „Operation Walküre“ mit Tom Cruise, der mich nach all den Bedenken vorher im Nachhinein insbesondere durch die starke Inszenierung des Finales positiv überrascht hat. Aber nun gut, jetzt zum eigentlichen Thema.

Dobermann (F 1997)

Der Niederländer Jan Kounen drehte 1997 diesen Gangsterfilm und abgesehen von „Blueberry und der Fluch der Dämonen“ hat man danach nichts mehr von ihm gehört. Und zwar vollkommen zu Recht. „Dobermann“ strotzt nur so vor visuellen Kapriolen, nervt mit hektischer Kameraführung und schnellen Schnitten und stilisiert sich selbst mehr oder weniger freiwillig mit einigen abgedrehten Gewaltexzessen sowie seinen enorm flachen, aber betont coolen Charakteren um einen ultrabrutalen Vincent Cassel („Die purpurnen Flüsse“) und einer stummen Monica Belucci zur überzogenen Gewalt-Groteske. Tchéky Karyo („Mathilde – Eine große Liebe“) kommt als harter Polizist ist dieser extrem lärmenden und irgendwie auch wirren Stilorgie um einen Banküberfall, einige Täuschungsmanöver und das Feiern danach noch am besten weg. Der Rest bleibt die extrem prätentiöse stilistische Ausgeburt eines Langfilm-Debütanten.

Das geheime Leben der Worte (E 2005)

Sehr subtiles Drama um die Aufarbeitung individueller Traumata von „Elegy“-Regisseurin Isabel Coixet. Tim Robbins in seiner Rolle als zeitweise erblindetes Brandopfer auf einer Bohrinsel und noch mehr Sarah Polley als Opfer des Balkankriegs, die Vertrauen zueinander aufbauen, tragen den Film souverän. „Das geheime Leben der Worte“ ist intensives Schauspielkino, das mit leisen Tönen und einer unaufgeregten Inszenierung glaubhaft eine im Alltag entstehende, zerbrechliche Liebesgeschichte erzählt. Auch mit dem Einsatz von Symbolen und Metaphern wie dem Meeresboden als stummen Ort und Symbol für die Isolation, des Alleinseins von Polleys Figur Hanna mit sich selbst und ihrer Vergangenheit, spart der Film nicht, was ihm eine zweite Bedeutungsebene verleiht und zum Nachdenken anregt. Weiteres dazu von mir hier.

Heartbreak Ridge (USA 1986)

Böse Zungen wie ich behaupten, dass Clint Eastwood immer wieder die gleiche Rolle spielt, wenn er selbst auch auf dem Regiestuhl sitzt. Der harte und brutale, aber gutherzige Kerl, der auf jüngere Frauen steht, aber Probleme mit ihnen/seinen Beziehungen hat und ab und an vielleicht knackige Oneliner vom Stapel lässt. Letztere gibt`s in „Heartbreak Ridge“ zuhauf. Mein Highlight (ich zitiere sinngemäß): „Sein Arsch ist so fest zugenäht, dass er aus dem Maul nach Scheiße stinkt.“. Und dies gibt die Marschroute dieses vor Pro-Militarismus strotzenden Films um Militärausbilder Highway (Clint Eastwood), der seine Truppe against Kriegs-Noobs von Vorgesetzten so lange schleift, bis das Gelbe aus den Eiern raussuppt, vor. Die letzten 25 Minuten geht`s dann auch heroisch nach vorherigen Drill, etlichen geilen Sprüchen und kurzweiligen Triezen in den Krieg und es gibt Einiges auf die Omme – wenn auch mit „Juchu, wir haben sie alle platt gemacht und sind ja so toll, weil wir Amis sind“- Botschaft, die ziemlich stark nach saurem Reagan schmeckt. Ideologisch fragwürdiger und etwa eine halbe Stunde zu lang geratener, aber größtenteils unterhaltsamer Militär-Werbefilm.