Sicko (USA 2007)

Das allwissende Sachlexikon des Films aus dem Hause Reclam hat folgendes zum Dokumentarfilm zu sagen:

Dokumentarfilmische Authentizität ist vor allem als ein Rezeptionseffekt, als ein spezifischer Wirklichkeitseindruck zu begreifen, der sich weniger der fotografischen Qualität des Filmbildes an sich als vielmehr konventionalisierten Präsentations- und Diskursstrukturen verdankt.“ [2002, S.124]

Michael Moore ist einer der erfolgreichsten Doku-Filmer der letzten Jahre. Er hat einen Oscar gewonnen und auf seinem Kamin steht sogar eine Goldene Palme.

Schaut man sich sein neuestes Werk Sicko an, dann wundert man sich, ob Herr Moore eigentlich eine Doku drehen wollte. Oder eine makabre Komödie. Oder ein menschelndes Drama. Oder einen Propagandafilm für Kuba.

Beginnend mit Bildern des allseits gehassten Präsidenten Bush bewegt sich Moore auf dem bekannten Terrain, dass er mit seinen vorherigen Filmen ähnlich schon beschritten hat.

Nach der rücksichtslosen Wirtschaft (Roger & Me), der rücksichtslosen Waffenindustrie (Bowling for Columbine) und der rücksichtslosen Bush-Administration (Fahrenheit 9/11) stürzt Moore sich nun auf die besonders rücksichtslosen privaten Krankenversicherungen.

Anhand von schockierenden Einzelfällen offenbart Moore die gewissenlose Gewinnmaximierung auf Kosten der Gesundheit der Patienten. So weit so gut (und unterhaltsam). Dass Moores Filme ihre Dramatik durch die Ansammlung makabrer Schocks gewinnen, ist nichts neues. Diese Methode wird er wohl nie ändern.

Dann überquert er die Grenze nach Kanada. Nichts neues? Stimmt, das hat er in Bowling for Columbine auch gemacht (offene Türen überall!). Dann geht er nach Großbritannien. Nach Frankreich. Überall glückliche Menschen mit perfekten Gesundheitssystemen.

Anstatt zu zeigen, WIE die Systeme funktionieren (und ich erwarte hier keine ppt-Präsi, er ist ja nicht Al Gore!), beschränkt er sich auf ein paar Interviews. Hier ein Arzt, dort ein Arzt, da ein Patient… Und so weiter.

Dann schippert er mit ein paar kranken 9/11 -Helfern, die vom Staat betrogen wurden, nach Kuba. Bis dahin ist der Film typisch Moore, vielleicht mit mehr Reisen, als in den Filmen zuvor. Wie immer weiß man nicht recht, ob die Fakten und Schicksale so alle stimmen. Nicht selten fehlt jeder Kontext zu den Bildern, die er zusammenschneidet. Es sollen ja die Affekte des Zuschauers gereizt werden. Das erinnert manchmal sogar an Eisensteins Montage der Attraktionen. Der „Authentizität“ ist das leider abträglich.

In Kuba geht Moore einen Schritt zu weit. Die Art und Weise, wie er Bilder von beständig lächelnden kubanischen Ärzten und vor Freude weinenden 9/11-Helfern kombiniert erinnert in seiner Machweise an billiges Werbematerial ominöser Privatkliniken. Was das Ganze so unerträglich macht ist nicht zuletzt, dass Moore unerwähnt lässt, wie er es geschafft hat, in diesem Krankenhaus zu filmen. Ein Behördengang, ein Gespräch mit dem Leiter war dazu garantiert nötig.

Doch nein, uns werden nur die Ergebnisse präsentiert, die wir automatisch in Frage stellen (naja, zumindest mir geht’s so). So bleibt der Film in der Erinnerung v.a. lustig (warum dreht Moore nicht mal eine knallharte Satire? Dann hätte er kein Problem mit der sogenannten Authentizität).

Als Doku scheitert Sicko aber, da seine „Präsentations- und Diskursstrukturen“ am Ende keinen zweifelsfreien „Wirklichkeitseindruck“ vermitteln.

Das folgende hat das Sachlexikon zum Propagandafilm zu sagen:

„Propaganda hat das Ziel, Einstellungen, Verhaltens- und Handlungsweisen zu verändern. Im Gegensatz zur wertneutralen Information oder Werbung, die eine Produktüberprüfung erlaubt, bedient sich die Propaganda irrationaler Gefühlsargumente.“ [S. 478]

2 Antworten auf „Sicko (USA 2007)“

  1. Hallo Jenny!

    Ich mal wieder. Also irgendwie fehlt mir nach der Definition zum Propagandafilm noch ein Verweis auf Michael Moore, weil so wie es jetzt dasteht, der Bezug nicht ganz klar wird. Dein Verweis auf Eisenstein ist nett ;-), allerdings würde ich „Sicko“ mal attestieren, dass er auf eine kontinuierliche Handlung auf ist, auch wenn – ja – Episode an Episode gereiht wird. „Makabre Schocks“ – wie du es im 7. Abschnitt schreibst – habe ich aber nicht ausgemacht. Es waren eher Extrembeispiele. Und ich würde Moore mal unterstellen, dass er ein eigenartiges Genre-Hybrid geschaffen hat: die Realsatire. Klar: das mit Kuba kann man so nicht stehen lassen. Insofern Zustimmung zu deiner kurzweiligen Kritik (ppt-Präsi – LOL). Man muss aber sagen: sein Ziel war die Unterhaltung – erst an zweiter Stelle folgt die Information…

  2. also, erstmal vielen dank für den kommentar.
    nun ans eingemachte ;):

    ein „makabrer schock“ ist es schon, wenn er genüsslich (und unvermittelt) zeigt, wie sich jemand eine wunde zunäht, oder wenn quasi beiläufig die geschichte mit den fingern (oder besser: fingerkuppen) erzählt wird.

    der eisenstein-kommentar bezog sich auf die kombination von weinenden frauen ohne kontext (gerade in der mitte des films) und später alten doku-aufnahmen mit der gerade erzählten geschichte. letztere wurden so schnell aneinander geschnitten, dass eine verortung ihrer herkunft irgendwann nicht mehr möglich war.

    es ging moore damit nur um die reizung der affekte des zuschauers. sie förderten in keiner weise die narration. und im kinosaal haben ja auch alle gelacht.

    warum die definition von propaganda?

    moore geht es nicht einfach um die wahrheit, sonst würde er sich mit seinen filmischen mitteln zurückhalten und die fakten sprechen lassen. er will den zuschauer was das thema betrifft emotionalisieren.
    es geht ihm weniger um die überzeugung durch eine intelligente argumentation, als um die überwältigung der gefühle. wir lachen, wir sind schockiert, wir schütteln den kopf etc.

    am ende wissen wir kaum etwas über die gesundheitssysteme und deren fehler oder über mögliche lösungsvorschläge.

    wir wissen aber, dass das us-system schockierend schlecht ist.
    gerade gegen ende in kuba arbeitet er nur noch mit besagten „gefühlsargumenten“, deswegen bewegt er sich an der grenze zur propaganda.
    das us-system ist böse, selbst kuba ist gut.

    vielleicht ist es etwas idealistisch, aber für mich waren dokus immer die letzten bastionen der (zumindest versuchten) darstellung von wahrheiten im film.

    wenn es ihm zuerst um die unterhaltung geht – und das glaube ich nicht, denn er verfolgt eine offensichtliche agenda, die durch ihre unterhaltsame darstellung die massen erreicht -, dann hätte er eine satirische mockumentary drehen sollen.

    vielleicht sollte er sich mal einen film von christopher guest ansehen…

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