Eagle Eye (USA/D 2008)

[Die folgende Kritik enthält Spoiler. Wer nicht wissen will, wer Shia LaBeouf in Eagle Eye die ominösen Anweisungen gibt, sollte nur die letzten Absätze lesen.]

Stehe ich gelegentlich mit ein paar Kinogängern herum und philosophiere über Gott und den Film, wird meine Vorliebe für asiatische Werke recht häufig mit einem verwirrten Stirnrunzeln beantwortet. „Mit Martial Arts-Filmen kann ich nichts anfangen“, heißt es dann oder „Die sehen doch alle gleich aus. Da kann ich die Figuren nicht auseinander halten“. Seitdem mir allerdings im Kino mal wieder ein Blockbuster aus Hollywood untergekommen ist, steht auf der langen Liste der Argumente für den asiatischen (Action-)Film ein weiterer Punkt: Eagle Eye. Besagter Film ist der aktuelle Hitchcock-Verschnitt von D.J. Caruso, der sich mit Disturbia zuvor an „Das Fenster zum Hof“ versucht hatte. Das Budget von Eagle Eye wird auf rund 80 Mio. Dollar geschätzt. Da man aufgrund der Besetzung davon ausgehen kann, dass dieses nicht allein für Shia LaBeouf und Billy Bob Thornton ausgegeben wurde, scheint das Geld naturgemäß v.a. in die Effekte geflossen zu sein. Einer der positiven Aspekte des Films ist seine handfeste Action. Ganz im Sinne der ersten Hälfte von „Stirb Langsam 4“, verzichtet Caruso weitgehend auf den prahlerischen Einsatz von C.G.I. und setzt stattdessen auf kollidierende Autos und vergleichbare, für den Zuschauer greifbare, Schauwerte. Mit Shia LaBeouf steht ihm ein akzeptabler Hauptdarsteller zu Verfügung. Der ist zwar nicht der geborene Actionstar, bringt aber das nötige Charisma mit, um einen leicht angetrunkenen Zuschauer 90 Minuten auch ohne glaubwürdige Dialoge, glaubwürdige Figuren oder eine glaubwürdige Geschichte bei Laune zu halten.

Eine allgegenwärtige Überwachung amerikanischer Bürger als zentrales Motiv spricht zudem die tief im Bewusstsein verankerte Angst des europäischen Zuschauers vor selbiger an. Caruso integriert sogar den unsichtbaren Großen Bruder in seine filmische Ästhetik und greift immer wieder auf Überwachungskameras als alternatives Auge auf die Handlung zurück. Während wir den Copy Shop-Angestellten Jerry (LaBeouf) dabei beobachten, wir er von einer emotionslosen Frauenstimme durch die Straßenschluchten gejagt wird, schaudert’s uns ein wenig. Zum Glück passiert uns das nicht, denken wir, während wir in der von Kameras überwachten Straßenbahn nach Hause fahren.

Jerrys freier Wille wird ihm durch diese Stimme entzogen, die Ampeln, Anzeigen, ganze Züge kontrollieren und die Bewegungen eines jeden Bürgers nachvollziehen kann. Ganz wie es Hitchcock in „Die 39 Stufen“ und „Der unsichtbare Dritte“ vorgemacht hat, wird der unschuldige Jerry irrtümlich vom FBI als Terrorist verfolgt. Dabei leistet er den u.a. über Handys gegebenen Anweisungen widerwillig Gehorsam. Unterstützt wird er durch die allein erziehende Mutter Rachel (Michelle Monaghan). Doch keiner von beiden weiß, wohin die Hetzjagd sie führen wird. Außer natürlich die Macher des Films. Caruso ließ sich jedenfalls beim Finale ein wenig von „Der Mann, der zuviel wusste“ inspirieren. Und er verwirft mal eben das ganze Potenzial des Films zur Kritik an Heimatschutzgesetzen oder CCTV.

Jeder, der schon mal vom ominösen ADVISE-Programm gehört oder selbst „2001: Odyssee im Weltraum“ und die „Futurama“-Parodie des Films gesehen hat, wird beim Anblick des „Hirns“ der Überwachung eine rötlich gefärbte Erleuchtung erfahren und das Ende voraussagen. Selbst wenn das nicht geschieht, verliert der Filmgenuss massiv an Spannung und – was ein bisschen schwerwiegender ausfällt – an politischer Brisanz. Indem Eagle Eye die Verantwortung für das totalitäre „Todesspiel“ und den damit zusammenhängenden Überwachungsapparat auf eine intelligente Maschine abwälzt, geht der Film den moralischen Fragen jeder kontroversen Heimatschutzpolitik aus dem Weg. Die Verantwortung des Menschen, ja der Regierung selbst, scheint minimal im Angesicht einer alles sehenden Maschine, deren eigener Wille für das ganze Chaos ausschlaggebend ist.

Damit bleibt der Film also anders als „Der Staatsfeind Nr. 1“ in der Ausnutzung des Bedrohungspotenzials hinter seinen Möglichkeiten zurück. Aber wer geht schon in der Erwartung, für seine sieben Euro einen kritischen Kommentar zur Rasterfahndung zu sehen, in einen Blockbuster? „Eagle Eye“ ist ein Actionfilm. Explodierende Autos, zerschrottete Autos und durch die Luft fliegende, brennende Autos sind ausschlaggebend für die Wahl eines solchen Films an der Kinokasse. Bedenkt man allerdings noch einmal das Budget – umgerechnet rund zwölf Millionen Kinobesuche oder 27 Millionen Jenaer Döner – wirkt „Eagle Eye“ nicht selten wie ein Paradebeispiel unsinniger Geldverbrennung.

Da hat man so viele Dollars zu Verfügung  – mindestens 50 Millionen mehr als John McTiernan vor zwanzig Jahren bei Stirb Langsam – und vergeigt dennoch einige bedeutende Actionszenen bis zur Unkenntlichkeit. Bisweilen dürfte sogar ein verzweifelter Schrei aus dem Zuschauerraum niemanden mehr irritieren, der daneben sitzt. Man möchte selbst der Leinwand zurufen: „Gebt dem Cutter seine verdammten Medikamente gegen ADS!“ Den Action-Set Pieces von „Eagle Eye“ entzieht der überdrehte Schnitt und die ebenso zittrige Kamera systematisch jeden Anlass zur Aufregung; eben zu dieser seltsamen Freude, der man nur bei zerstörten Karosserien und einstürzenden Gebäuden im Kino begegnet.

Einem Low Budget-Film kauft man die schreckliche Kameraführung noch ab, doch die Macher von „Eagle Eye“ können wohl kaum einen nachvollziehbaren Grund aufführen, warum sie ihr Budget zu kaschieren suchen. Wie viel mehr mit einem winzigen Budget zu erreichen ist, das zeigen nicht nur asiatische Actionfilme seit Jahren. Deren Storys sind nicht immer logisch und deren Spielzeit überdehnt wie „Eagle Eye“ mitunter das dünne Potenzial der Handlung. Doch wenigstens fühlt man sich als Zuschauer nicht um sein Geld betrogen, wenn in den Filmen aus Fernost tatsächlich mal ein paar Autos aufeinander prallen und kein nerviger Reißschwenk die sinnlose Zerstörungsorgie unscharf erscheinen lässt. Letzteres ist nämlich der Effekt, den Eagle Eye erzielt.


Zum Weiterlesen:

Was Kino, TV und Co und der Filmimperator über Eagle Eye denken.

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Jenny Jecke (31) hat Medienwissenschaften in Jena studiert. 2007 gründete sie das Blog „the gaffer“, um ihre Besserwisserei in Sachen Film auch im Internet auszuleben. Jenny ist bei Twitter zu finden und arbeitet als Redakteurin bei moviepilot.

7 Antworten auf „Eagle Eye (USA/D 2008)“

  1. Doch wenigstens fühlt man sich als Zuschauer nicht um sein Geld betrogen,

    Na so schlimm fand ich den Film jetzt wiederum auch nicht. Die Kameraführung hatte ich auch stellenweise zu bemänglen, wobei mich das jetzt weniger gestört hat. Viel negativer fand ich hingegen die ungeheure, ic h möchte fast sagen schamlose Redundanz die dem Film zu Eigen ist. Das zeigt ja auch deine Review sehr schön, die ja einen Film nach dem Anderen nennt und da hätte man noch mehr nennen können, um all die Anleihen aufzuzählen.

  2. Naja, nach den Bourne-Filmen, Transformers usw. musste ich mal meinen Frust bzgl. der schrecklichen Kameraführung in US-Actionfilmen rauslassen. Da war The Dark Knight wirklich mal eine Abwechslung.

  3. Also Jenny, ich muss dich doch etwas rügen: 7 Euro hat der Kinobesuch nicht gekostet (einzig zusammen mit deinem Bier, was du aber noch hättest erwähnen müssen), 90 Minuten ging der Film auch nicht (sondern länger) und deine Einleitung ist doch etwas bemüht auf die Legitimation deines Magisterarbeitsthemas aus ;-).

    Aber ansonsten kann ich dir nur beipflichten: Die kritischen Aspekte gehen unter in einem ol-school-actionliken, aber meist nervig geschnittenen Verfolgungsjagdmarathon. Auch die Vorhersehbarkeit sprichst du ebenso wie die doch arge Konstruiertheit (ich sag nur: Vibrationen und Kaffeetasse) richtig an, wenn ich aber nicht weiß, was „CCTV“ ist…

    Und: Jaja, beim nächsten Filmeabend schauen wir einen (kurzen) asiatischen Film von dir… – aber unserer Wahl! ;-)

  4. Ok, die Einführung ist mal wieder weeeeiiiiit hergeholt und gehe ich richtig in der Annahme, dass besagter asiatischer Film deine Aufmerksamkeit nur durch die Zurschaustellung des Geschlechtsorgans eines vierhufigen Tieres gereizt hat?

    Anyway, da es auch Menschen auf der Welt geben muss, die keinen Superkinodienstag haben, sondern den ganzen Preis zahlen, habe ich – sozusagen als künstlerische Freiheit – die 7€ genannt.
    Die 90 Minuten erwähne ich, weil LaBeof durchaus fähig ist, für diese Zeitspanne das Interesse des Zuschauers aufrecht zu erhalten. Leider ist Eagle Eye aber viiiieeeel zu lang geraten. Nix Interesse nach 90 Minuten.

    CCTV steht für Closed Circuit Television und ist ein großangelegtes System von Überwachungskameras im öffentlichen Raum, wie man es z.B. in Teilen Großbritanniens findet.

  5. Hm, da hast jetzt aber massiv gespoilert oder? Also wenn man nicht wusste (so wie ich) dass die Auflösung am Ende des Films scheinbar ein Computer ist und man den Film eventuell noch sehen wollte, ist jetzt son bisschen die Spannung raus (wie bei mir)…

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